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unofficial world wide web avantgarde
NEUER BEITRAG28.04.2025, 15:13 Uhr
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FPeregrin

Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz heise heute:

Google DeepMind: Forscher rebellieren gegen Militärkooperation

Etwa 300 Mitarbeiter von Google DeepMind in London wollen einer Gewerkschaft beitreten – nicht wegen Gehaltsfragen, sondern aus ethischen Bedenken. Der Auslöser: Google hat im Februar sein Versprechen gebrochen, keine KI für Waffen oder Überwachung zu entwickeln. Das Unternehmen erlaubt nun ausdrücklich militärische Anwendungen seiner KI-Technologie. Google rechtfertigt diesen Kurswechsel mit dem globalen Wettbewerb: Demokratien müssten bei KI führend bleiben, um autoritären Staaten nicht das Feld zu überlassen.

Besonders kritisch sehen die DeepMind-Beschäftigten das Projekt Nimbus, eine Kooperation von Google und Amazon mit Israel, die im Gaza-Konflikt zum Einsatz kommen könnte. Fünf Mitarbeiter haben bereits gekündigt. Nach einem unbeantworteten Brief an die Führung setzen die Kritiker nun auf gewerkschaftliche Organisation – ein Novum in der bislang kaum organisierten KI-Branche, das zu Verhandlungen oder sogar Streiks führen könnte.


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Verlinkt ist auf einen the-decoder-Artikel vom 6. Februar:

Google ebnet den Weg für den Einsatz von KI zu militärischen Zwecken

Google hat seine ethischen KI-Richtlinien überarbeitet und erlaubt nun den Einsatz seiner KI-Technologie für Waffen und Überwachung. Der Konzern folgt damit einem Trend in der KI-Branche.

Google hat am Dienstag seine ethischen Richtlinien für künstliche Intelligenz grundlegend überarbeitet. Wie die Washington Post berichtet, entfernte der Konzern die bisherigen Beschränkungen für den Einsatz seiner KI-Technologie in Waffen und Überwachungssystemen.

Zuvor enthielten die Richtlinien eine Liste von vier Anwendungen, die Google ausdrücklich ausschloss: Waffen, Überwachung, Technologien, die "Schaden verursachen oder wahrscheinlich verursachen werden" sowie Anwendungen, die gegen internationales Recht und Menschenrechte verstoßen.

Der Tech-Gigant begründet diesen Schritt mit dem zunehmenden globalen Wettbewerb um die KI-Führungsrolle. "Demokratien sollten die KI-Entwicklung anführen, geleitet von Grundwerten wie Freiheit, Gleichheit und Respekt für Menschenrechte", erklärten Googles KI-Chef Demis Hassabis und Senior Vice President James Manyika in einem Blogbeitrag.

Die neuen Richtlinien sehen vor, dass die Technologie im Einklang mit "allgemein akzeptierten Prinzipien des internationalen Rechts und der Menschenrechte" eingesetzt werden soll. Google will dabei nach eigenen Angaben durch menschliche Aufsicht und Tests "unbeabsichtigte oder schädliche Folgen" minimieren.

KI-Labore im Dienst der nationalen Sicherheit

Google-Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren immer wieder gegen den militärischen Einsatz der von ihnen entwickelten KI-Systeme protestiert. Doch das wirkt mittlerweile wie aus einer anderen Zeit.

Auch andere KI-Labore haben ihre Haltung geändert: Kürzlich gab OpenAI eine Partnerschaft mit dem Rüstungskonzern Anduril bekannt, um KI-basierte Drohnenabwehrsysteme für das US-Militär zu entwickeln.

Meta hat seine Llama-KI-Modelle dem US-Militär zur Verfügung gestellt und Anthropic arbeitet mit dem Rüstungsunternehmen Palantir zusammen, um US-amerikanischen Geheimdiensten und Verteidigungsbehörden den Zugriff auf Versionen von Claude über Amazon Web Services zu ermöglichen.

Microsoft schlug dem US-Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr vor, den KI-Bildgenerator DALL-E von OpenAI für die Entwicklung von Software für militärische Operationen zu nutzen, wie aus internen Präsentationsunterlagen hervorgeht.


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NEUER BEITRAG01.11.2025, 22:56 Uhr
EDIT: FPeregrin
01.11.2025, 23:01 Uhr
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FPeregrin

"P.S.: Hinzuweisen ist m.E. auf die Inkompatibilität dieser Art der Kriegführung mit dem gleichzeitigen massiven Einsatz von Nuklearwaffen: [...]"
"... es sei denn, man knüpft an ihre mögliche Einsatzform als NEMP-Waffe an, um KI-Waffen auszuschalten: [...]"

Es bleibt dann aber so, daß ein solcher Nuklearwaffeneinsatz den eigenen KI-Waffeneinsatz mitbehindert, ... das will keiner von den Kommißköppen.

Ergo ist eine Entwicklung der Waffentechnik folgerichtig, die auf einen gezielten Gebrauch von EMPs abzielt. Angeblich haben die Yanks im Groben sowas schon 2003 im Kriegen den Iraq gemacht - Spiegel vom 27. März 2003: "Unterdessen setzte die US-Luftwaffe bei der Bombardierung von irakischen TV-Sendern erstmals eine experimentelle Waffe ein. Regierungsvertreter wollten keine Details nennen, sagten jedoch, dass sie in den vergangenen Monaten eine Bombe entwickelt hätten, die einen elektromagnetischen Puls (EMP) aussendet, um elektronische Anlagen des Gegners zu zerstören."
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Etwas eleganter sind nun die Versuche, die auf die Ausschaltung der für die klassische Luftabwehr so unangenehmen Drohen-Sättigungsangriffe mittels EMP hinauslaufen. Golem hat heute hierzu folgendes:

Mikrowellenwaffe gegen Drohnenschwärme getestet

Das US-Militär setzt auf Hightech statt Munition – ein neues Waffensystem legt Drohnen lahm, bevor sie zuschlagen können.


1. November 2025 um 15:45 Uhr / Andreas Donath

Leonidas könnte eine Antwort auf autonome Drohnenschwärme sein, die versuchen, die eigene Flugabwehr zu übersättigen. Das System entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen Epirus und General Dynamics Land Systems gehört ins Spektrum der elektronischen Gegenmaßnahmen. Allerdings stört das System die Drohnen nicht, es vernichtet ihre Schaltkreise, wie die Website BGR berichtet.

Das Waffensystem verbindet einen Mikrowellenstrahler mit einer gepanzerten Roboterplattform, konkret auf dem zehn Tonnen schweren Tracked Robot von General Dynamics. Die Waffe richtet konzentrierte Mikrowellenimpulse auf anfliegende unbemannte Fluggeräte. Diese Pulse zielen auf die elektronischen Systeme ab, die Drohnen steuern und betreiben – mit dem Ziel, sie innerhalb von Sekunden funktionsunfähig zu machen.

So funktioniert die Technologie

Ein Demonstrationsvideo von Epirus zeigt das Leonidas-System im Einsatz gegen unterschiedlich große unbemannte Fluggeräte. Es zerstört alle Drohnen in der Testsequenz innerhalb einer einzigen Sekunde.

Die zehn Tonnen schwere Kettenfahrzeug-Plattform bietet Mobilität im unwegsamen Gelände – ein wichtiger Faktor für den Einsatz in Kampfumgebungen. Die Plattform selbst ist autonom, kann also ohne direkte menschliche Kontrolle operieren, während Bediener bei Bedarf die Kommandogewalt übernehmen können. Das System ist mit einem 360-Grad-Radar für Bedrohungserkennung und Zielverfolgung ausgerüstet.

Im Gegensatz zu kinetischen Gegenmaßnahmen erzeugt das System selbst keine Splitter. Das gilt natürlich nicht für die davon zum Absturz gebrachten Drohnen. Sollten diese auch noch Sprengladungen mit Aufschlagszündern tragen, können am Boden dennoch Schäden entstehen. Wie viele Impulse mit dem System ohne Nachladen des Akkus möglich sind, ist nicht bekannt.

Noch ist nicht bekannt, ob das System von den US-Streitkräften in größeren Stückzahlen beschafft werden soll.


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Der erwähnte BGR-Artike ist hier:
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Rumbebastelt wird daran seit mindestens 2023 - Golem am 23. Mai 2023:
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Das ist alles sehr viel "zielführender" als noch die EMP-Bombe in 3. Golfkrieg und erst recht großflächige nukleare, Freund wie Feind beeinträchtigen Polarlichtaufführungen à la Starfish Prime.

Es bleibt dabei, die KI-Kriegsführung läuft in eine Richtung, die den entwickelten Nuklearkrieg eher unwahrscheinlicher macht. Das macht "die KI" deshalb nicht zu einer ungefährlichen, sondern zu einer sehr gefährlichen Waffe, denn im Gegensatz zum Doomsday-Szenario des nuklearen Niederschlagungskriegs ist der neue KI-Krieg u. U. nicht nur als Ermattungskrieg - wie fast alle Kriege seit 1945 - führbar, sondern möglicherweise (! - da lege ich mich noch nicht fest!) eben auch wieder als klassischer Niederschlagungskrieg. Das wäre für Hasardeure attraktiv, wie der dt. Imp. genetisch und notorisch einer ist!

FN: Zur Unterscheidung von ‘Niederwerfungsstrategie’ vs. ‘Ermattungsstrategie’ verweise ich mal auf das Referat von Pit Simons auf der HFK 2023:
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NEUER BEITRAG10.11.2025, 14:27 Uhr
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FPeregrin

"im Gegensatz zum Doomsday-Szenario des nuklearen Niederschlagungskriegs ist der neue KI-Krieg u. U. nicht nur als Ermattungskrieg - wie fast alle Kriege seit 1945 - führbar, sondern möglicherweise (! - da lege ich mich noch nicht fest!) eben auch wieder als klassischer Niederschlagungskrieg."

Tatsache ist allerdings, daß in taktischer und operativer Hinsicht die Entwicklungsrichtung auf noch stärkere Ausrichtung auf Ermattungsziele geht, Ob dies auf strategischer Ebene zu dialektischen Umschlageeffekten führen kann, werden wir früher oder später gewahr werden; je stärker strategisch gedacht und gehandelt wird, desto politischer wird es auch ...

Zur russischen Drohnenkriegsführung hatte tp am 7. November folgenden instruktiven Artikel:

Warum sterben 50 Prozent der Soldaten, bevor sie kämpfen können?

07. November 2025 Lars Lange

Etwa die Hälfte erreicht die Frontlinie nicht – Drohnen und totale Überwachung haben die Kriegsführung grundlegend verändert. Eine Analyse.

Die russischen Streitkräfte kontrollieren mittlerweile etwa 90 Prozent der ostukrainischen Stadt Pokrowsk. Die Stadt kann damit für die ukrainische Armee als verloren gelten.

Nach monatelangen Kämpfen ist die einstmals rund 60.000 Einwohner zählende Stadt im Donbass nahezu vollständig in russische Hand gefallen. Wie der Telegram-Kanal Suriyakmaps berichtet, führen russische Einheiten derzeit Säuberungsoperationen in den Bezirken 8 und Dinas durch, nachdem sie die meisten ukrainischen Widerstandsnester beseitigt haben. Gleichzeitig greifen russische Truppen die Druschba-Datschen an – den letzten Vorort von Pokrowsk unter ukrainischer Kontrolle.

Die Stadt war vor der russischen Belagerung ein wichtiges Logistikzentrum für die ukrainischen Truppen im Donbass. Sie liegt an einer Kreuzung mehrerer Hauptverkehrsrouten und verfügt über Eisenbahnverbindungen, die für den Transport von Truppen, Material und Nachschub entscheidend sind.

Aktuelle militärische Lage in Pokrowsk

In Myrnohrad, östlich von Pokrowsk, ist die Lage für die ukrainischen Streitkräfte besonders kritisch. Die Stadt ist faktisch eingeschlossen. Nur ein schmaler, etwa einen Kilometer breiter Korridor über offenes Feld steht noch zur Verfügung – unter vollständiger russischer Drohnenkontrolle. Jeder Evakuierungsversuch führt zu hohen Verlusten.

Russische Truppen greifen gleichzeitig geschwächte ukrainische Stellungen in Rodynske nördlich von Pokrowsk an. Die ukrainischen Verteidiger in der Region stehen vor einem zahlenmäßigen Nachteil von 1:8, wie die Washington Post berichtet.

Die neue Realität des Krieges: Konzeptioneller Rahmen

Der Konflikt in der Ukraine zeigt einen fundamentalen Wandel in der modernen Kriegsführung. Die klassische "Manöverkriegsführung" mit großen mechanisierten Verbänden, die auf Durchbrüche und schnelle Bewegungen setzen, wird zunehmend von einer "molekularen Kriegsführung" auf operativer Ebene abgelöst.

Wie der russische Militärtheoretiker und ehemalige Generalstabschef Yuri Baluyevsky in einem aktuellen Artikel im russischen geopolitischen Journal Global Affairs darlegt, erleben wir eine "Drohnenrevolution", die er im weiteren Sinne als "digitalen Krieg" bezeichnet.

Auf strategischer Ebene entwickelt sich parallel dazu eine "kybernetische Kriegsführung", bei der nicht mehr die Eroberung konkreter Geländeabschnitte im Vordergrund steht, sondern die systematische Abnutzung des Gegners in definierten und fluktuierenden Kampfräumen.

Ein zentrales Element dieser neuen Kriegsführung ist das Konzept der "Kriegsführung ohne direkten Kontakt". Wie der prorussische Blogger Simplicius ausführt, basiert dieses Konzept auf Ideen früherer sowjetischer Theoretiker, die eine Zukunft vorhersagten, in der selbst das Konzept der "Frontlinien" gänzlich verschwinden würde.

Der russische Militärtheoretiker Generalmajor Slipchenko, den Simplicius in seinem Artikel zitiert, betonte, dass fundamentale Konzepte wie "Front", "Hinterland" und "vordere Linie" zunehmend durch nur zwei Begriffe ersetzt werden: "Ziel" und "Nicht-Ziel" für präzise Fernschläge.

Die totale "Transparenz" des Schlachtfelds durch Drohnen und andere Aufklärungsmittel hat das traditionelle Konzept des "Nebels des Krieges" nahezu beseitigt und eine Ära kompletter Gefechtsfeld-Transparenz eingeläutet. Dies führt dazu, dass selbst das Konzept des taktischen Manövers für einen Sieg nicht mehr zwingend notwendig erscheint.

Die Realität an der Front: Der Weg in die "Todeszone"

Die praktische Realität für Soldaten an der Front in der Region Pokrowsk ist extrem gefährlich. Ein russischer Bericht, zitiert von Simplicius, beschreibt detailliert die Herausforderungen des Truppentransports zur Kontaktlinie.

Der Prozess beginnt 20–25 km von der Frontlinie entfernt, wo die Soldaten an einem Sammelpunkt zusammengezogen werden. Von dort erfolgt ein gestaffelter Transport: Zunächst werden sie an einem Punkt etwa zehn bis dreizehn Kilometer von der Kontaktlinie abgesetzt, wo sie für Stunden oder Tage verbleiben können. Dies ist ein nahegelegener Evakuierungspunkt, von dem aus eine Flucht noch relativ sicher möglich ist.

Der nächste Abladepunkt liegt fünf bis sieben Kilometer von der Kontaktlinie entfernt – weiter können Fahrzeuge nicht mehr vordringen. Alle weiteren Vorwärtsbewegungen durch Minenfelder und offenes Gelände werden von ortskundigen Führern geleitet. Von dort erreichen die Soldaten zu Fuß den Punkt, von dem aus der Angriff beginnen kann.

Etwa die Hälfte der Soldaten erreicht die vorgesehenen Positionen nicht – sie werden durch Drohnenangriffe verwundet oder getötet. Die Überlebenden, typischerweise in Zweiergruppen, verstecken sich in Ruinen und Kellern und vermeiden unnötige Bewegungen im Freien. Sie verbringen dort Wochen oder sogar Monate.

Diese Zersplitterung in isolierte, molekulare Kampfgruppen veranschaulicht exemplarisch den Übergang von der Manöver- zur kybernetischen Kriegsführung. Unter diesen Bedingungen ist davon auszugehen, dass an den eigentlichen Gefechten innerhalb der Stadt jeweils nur einige Hundert Soldaten aktiv beteiligt sind.


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NEUER BEITRAG10.11.2025, 14:29 Uhr
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FPeregrin

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Die Diskrepanz zwischen westlicher Berichterstattung und russischer Strategie

Diese Realität an der Front steht in krassem Gegensatz zur Darstellung in westlichen Medien. Ein bemerkenswertes Phänomen ist das wiederkehrende Narrativ einer "gescheiterten russischen Sommeroffensive", das in zahlreichen deutschen und internationalen Publikationen zu finden ist.

So behauptete Die Zeit am 20. Oktober 2025: "Die russische Sommeroffensive ist gescheitert, denn sie hat den Russen keinen operativen Durchbruch verschafft." Die Welt formulierte zwischen September und Oktober 2025 mehrfach als Fazit: "Russlands Sommeroffensive ist gescheitert – Was das für den Ukraine-Krieg bedeutet." Auch internationale Medien wie Reuters, The Economist und Financial Times verbreiteten ähnliche Narrative.

Recherchen zeigen jedoch, dass in offiziellen russischen Verlautbarungen von diesem Jahr keine konkreten Ziele mit festen Terminen wie etwa "Einnahme von Pokrowsk bis Datum X" kommuniziert wurden. Während westliche Medien von einer klar definierten "Sommeroffensive" mit spezifischen Zielen sprechen, verfolgt Russland offenbar eine andere Strategie.

Der fundamentale Unterschied liegt darin, dass Russland bewusst keinen klassischen "Durchbruch" anstrebt, sondern auf kybernetische Kriegsführung setzt – ein systematischer Ansatz, der auf kontinuierliche Abnutzung des Gegners in definierten Kampf- und Ermüdungsräumen abzielt. Diese Vorgehensweise wird von westlichen Beobachtern regelmäßig als "Schwäche" fehlinterpretiert, obwohl sie wahrscheinlich eine bewusste strategische Entscheidung darstellt, die den veränderten Bedingungen des modernen Schlachtfelds Rechnung trägt.

Der Vorwurf des "Scheiterns" offenbart daher ein tiefgreifendes Missverständnis westlicher Analysten bezüglich der russischen Militärstrategie. Während westliche Experten weiterhin in Kategorien von großen Offensiven, Durchbrüchen und schnellen territorialen Gewinnen denken, verfolgt Russland augenscheinlich eine Strategie der kontinuierlichen, stetigen Abnutzung, die langfristig angelegt ist und dem Gegner die eigene Geschwindigkeit aufzwingt.

Fazit und Ausblick

Der Fall von Pokrowsk markiert einen bedeutsamen strategischen Gewinn für Russland. Als wichtiger Logistik- und Verkehrsknotenpunkt wird die Stadt nun vermutlich zu einer vorgeschobenen Basis für russische Logistik und Drohnenoperationen ausgebaut. Dies verbessert die russische Position erheblich, während die ukrainischen Verteidigungsmöglichkeiten durch die hastig errichteten und qualitativ minderwertigen Auffangstellungen hinter Pokrowsk stark eingeschränkt sind.

Entgegen westlichen Erwartungen wird Russland allerdings wahrscheinlich keinen klassischen "Durchbruch" aus dem Erfolg in Pokrowsk anstreben, sondern seine Strategie der "kybernetischen Kriegsführung" fortsetzen.


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Anm.: Der 'Nebel des Krieges' (Clausewitz) mag sich erheblich anders darstellen als in den Zeiten der berittenen Meldern oder in Echtzeitstrategiespielen; weg ist er aber nie, schon allein deshalb, weil jede Partei ihn für den Gegner wiederherzustellen sucht. Gäbe es ihn nicht, wäre der Krieg in der Ukraine längst beendet! - Clausewitz drückte sich seinerzeit auch sehr allgemein aus: "Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit. Hier ist es also zuerst, wo ein feiner, durchdringender Verstand in Anspruch genommen wird, um mit dem Takte seines Urteils die Wahrheit herauszufühlen."
NEUER BEITRAG10.11.2025, 21:47 Uhr
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arktika

NEUER BEITRAG23.11.2025, 02:38 Uhr
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FPeregrin

Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz tp gestern:

Ukraine-Krieg: Wie totale Schlachtfeld-Transparenz die Militärdoktrin verändert

22. November 2025 Lars Lange

Nichts bleibt verborgen: Drohnen und Daten machen Bewegung riskant und Ziele angreifbar. Was bedeutet diese offene Kampfumgebung für schwere Verbände?

Der Panzer hat ausgedient – diese provokante These stammt von Jurij Balujewski, dem ehemaligen Generalstabschef der russischen Streitkräfte.

In einer detaillierten Analyse für das russische Magazin Globalaffairs diagnostiziert der Militärstratege einen fundamentalen Wandel:

"Die Kampagne in der Ukraine beendete die fast hundertjährige Herrschaft der Vorstellungen vom mechanisierten Krieg."

Diese Infragestellung eines Kernelements moderner Kriegsführung steht im Kontrast zu Analysen westlicher Militärexperten. Jack Watling vom renommierten Royal United Services Institute (RUSI) beschreibt in seinem Bericht "Neuere Ansätze zur Gefechtsführung mit verbundenen Waffen" ähnliche Phänomene auf dem ukrainischen Schlachtfeld, zieht jedoch andere Schlussfolgerungen für die Zukunft mechanisierter Verbände.

Beide Texte sind hochaktuell und nahezu zeitgleich erschienen.

Während Balujewski einen Paradigmenwechsel konstatiert, sieht Watling Fragen der Anpassungsnotwendigkeit innerhalb bestehender Konzepte.

Watling konzentriert sich auf die Weiterentwicklung der "Gefechtsführung mit verbundenen Waffen", dem Kern der Nato-Landkriegsdoktrin. Der russische General sieht die Panzerwaffe in ihrer bisherigen Form als überholt an, während der Rusi-Bericht auf Verbesserungen der Reparierbarkeit und Wartbarkeit westlicher Modelle setzt.

Die Transparenz des Schlachtfelds: Eine neue militärische Realität

Ein Kernpunkt in Balujewskis Analyse ist die fundamentale Veränderung des Gefechtsfeldes. "Ein wichtigstes Ergebnis der beschriebenen Revolution ist die Transparenz des Schlachtfelds, im Grunde die vollständige Auflösung des 'Kriegsnebels'", schreibt der ehemalige Generalstabschef. Diese Transparenz erreicht seiner Auffassung nach mittlerweile beunruhigende Dimensionen.

Die "Zone totaler Vernichtung" reicht demnach "viele Dutzend Kilometer" weit – ein Radius, in dem jede Bewegung auch in der operativen Tiefe zu einem tödlichen Risiko wird. Nicht nur die unmittelbare Frontlinie, sondern auch rückwärtige Gebiete, Versorgungslinien und Bereitstellungsräume bieten keinen Schutz mehr.

Wie entsteht diese neue Transparenz? Durch ein Zusammenspiel moderner Technologien: Aufklärungsdrohnen scannen permanent große Gebiete, moderne Kommunikationssysteme übertragen diese Daten in Echtzeit, und Angriffsdrohnen stehen ständig bereit. Balujewski betont die Rolle kommerzieller Mobilfunknetze für die Drohnensteuerung, die "die Anwendung auch kleiner unbemannter Systeme auf theoretisch unbegrenzter Reichweite" ermöglichen.

Der Rusi-Bericht kommt zu ähnlichen Beobachtungen, jedoch mit anderer Terminologie.

Beide Analysen erkennen die fundamentale Veränderung an, dass traditionelle Konzepte wie die Konzentration von Kräften oder überraschende Manöver durch die allgegenwärtige Aufklärung extrem erschwert werden. Doch während Balujewski daraus das Ende der mechanisierten Kriegsführung ableitet, versucht der Rusi-Bericht, neue Ansätze innerhalb des bestehenden Paradigmas zu finden.

Die Statistiken untermauern die Dramatik dieser Entwicklung: "Nach russischen Angaben entfielen Anfang 2025 auf Drohnen über 70 Prozent der Verluste an Personal", schreibt Balujewski. FPV-Drohnen, die in Schwärmen angreifen, sind zur Hauptwaffe gegen Personal und Technik geworden. Die monatlichen Beschaffungszahlen für diese Systeme erreichen laut dem russischen Experten "Hunderttausende Einheiten pro Monat für jede der Seiten".

"Zielscheibe Panzerwaffen": Eine ernüchternde Bilanz

Die Debatte über die Zukunft des Kampfpanzers wird besonders deutlich, wenn man die nüchternen Zahlen betrachtet. Aktuelle Verlustdaten aus dem Ukraine-Konflikt zeichnen ein erschütterndes Bild der Überlebensfähigkeit gepanzerter Fahrzeuge auf dem modernen Gefechtsfeld.

Nach Analysen des Open-Source-Portals Oryx, hier von Militärbeobachterin Patricia Marins zitiert, verlor die Ukraine bereits 1.267 Panzer – eine Zahl, die die westlichen Lieferungen von etwa 1.056 Fahrzeugen übersteigt. Ähnlich dramatisch sind die Zahlen bei Schützenpanzern: 1.442 verlorene Fahrzeuge bei einer gleichen Anzahl gelieferter Systeme. Bei Selbstfahrlafetten wurden 638 Verluste bei 794 gelieferten Einheiten registriert.

Diese Statistiken bestätigen Balujewskis Diagnose von der grundlegenden Veränderung des Gefechtsfeldes. "Im Ergebnis wird der Panzer zu einer leicht aufklärbaren und leicht bekämpfbaren Zielscheibe mit einem zunehmend ineffektiven Waffensystem für direkte Bekämpfung", resümiert er.

Der Rusi-Bericht bietet eine andere Perspektive. Watling stellt fest, dass der Einsatz von Panzern auf dem Schlachtfeld stark zurückgegangen ist:

"Zwischen 1. und 24. August 2025 stellte die ukrainische Aufklärung insgesamt nur 23 russische Panzer fest, die innerhalb von 70 km der Frontlinie operierten, verglichen mit 470 Panzern allein auf der südlichen Achse im Mai 2023."

Dennoch hält der britische Analyst am Konzept der Panzerwaffe fest. Er argumentiert, dass Panzer weiterhin in Angriffsoperationen "unentbehrlich" seien durch ihre Feuerkraft und die Fähigkeit, Feuer vom Infanteristen abzulenken. Mit "entsprechenden Modifikationen" könnten Panzer laut Watling "10-15 FPV-Treffer überstehen, während sie reparierbare Schäden erleiden".

Diese optimistische Einschätzung steht in auffälligem Kontrast zu den dokumentierten Verlusten gepanzerter Fahrzeuge. Selbst Watling räumt ein, dass westliche Panzer als "übermäßig schwer und schwer zu reparieren" wahrgenommen werden. Für Balujewski ist die Schlussfolgerung klar:

"Es ist unklar, welchen Nutzen auf dem Schlachtfeld ein verwundbares und in seinen Bewaffnungsmöglichkeiten begrenztes Fahrzeug bringt, das sich preislich einem Jagdflugzeug nähert."

Eine interessante Entwicklung, die beide Analysen erwähnen, sind die sogenannten "Zar-Mangal"-Panzer – umgebaute russische Panzer mit massiven Käfig- oder Stachelaufbauten. Diese Fahrzeuge folgen einem anderen Konzept als klassische Kampfpanzer: Sie maximieren den Schutz, während sie Mobilität und Feuerkraft unterordnen – eine Rückkehr zu Konzepten, die an die Panzer des Ersten Weltkriegs erinnern.

Die Rolle der Drohnen: Kontroverse Einschätzungen


Bei der Bewertung von Drohnen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Analysten. Der Rusi-Bericht betont vermeintliche Einschränkungen: "FPVs funktionieren nicht bei schlechtem Wetter, haben eine zu kleine Nutzlast und sind leicht abzuschießen." Watling begrenzt ihre effektive Reichweite auf etwa drei Kilometer.

Der deutsche Militäranalyst Waldemar Geiger argumentiert in einem Hartpunkt-Artikel ähnlich, dass "Wetter, Infrastruktur, Bewuchs und Tageszeit die begrenzenden Hauptfaktoren" seien. Er behauptet, ein "Großteil der Systeme verfügt über keine Nachtsichtfähigkeit".

Diese Einschätzungen stehen im Widerspruch zu den Kampferfahrungen aus der Ukraine. Moderne Drohnensysteme operieren zunehmend bei Nacht und unter verschiedenen Wetterbedingungen, während Glasfasertechnologie und Repeater ihre Reichweite auf 30 bis 50 km erweitern.

Besonders kontrovers ist die Haltung zur Automatisierung von Drohnensystemen. Während Watling und Geiger skeptisch gegenüber KI-gesteuerten Systemen bleiben, prognostiziert Balujewski einen "Übergang zu Gruppen- und Schwarmtaktiken“.


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NEUER BEITRAG23.11.2025, 02:53 Uhr
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FPeregrin

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Konzeptioneller Streit: Neues Paradigma vs. Anpassung

Die gegensätzlichen Analysen von Balujewski und Watling werfen eine grundlegende Frage auf: Erleben wir eine fundamentale Transformation der Kriegsführung oder nur deren graduelle Weiterentwicklung?

Balujewski plädiert für einen radikalen Neuansatz. Er argumentiert für eine "einheitliche multifunktionale Streitmacht", die nicht mehr starr in Waffengattungen unterteilt ist. Diese Vision kann als Weiterentwicklung des russischen BTG-Konzepts (Bataillonskampfgruppe) verstanden werden. BTGs waren eine russische Innovation: kleinere, flexiblere Kampfverbände mit integrierter Artillerie, Luftabwehr und anderen Unterstützungselementen, die selbstständiger operieren konnten als traditionelle Strukturen.

Doch Balujewskis Konzept geht noch weiter in Richtung einer "molekularisierten" Form: kleine, verteilte Gruppen von nur zwei bis vier Soldaten, die flexibel operieren. Dies markiert eine fundamentale Abkehr von der bisherigen Kriegsführung großer Verbände.

Der Rusi-Bericht versucht stattdessen, Drohnen und andere neue Technologien in die bestehende Doktrin der "Gefechtsführung mit verbundenen Waffen" einzugliedern. Anstatt ein grundlegend neues Paradigma zu akzeptieren, bemüht sich Watling, die neuen Realitäten in traditionellere Frameworks zu integrieren und Drohnen primär als Unterstützungssysteme für traditionelle Gefechtsformen einzugliedern.

Einschätzung: Die letzte, unbequeme Konsequenz


Der Ukraine-Krieg liefert seit 2022 ein Laboratorium für die Wirklichkeit moderner Gefechtsführung. Dennoch bleibt ein großer Teil westlicher Kommentatoren und militärischer Führungsebenen erstaunlich zurückhaltend, diese Realität vollständig anzuerkennen.

Die neue Kriegsform wird zwar beschrieben, aber gedanklich immer wieder in die vertrauten Raster des mechanisierten Manövers zurückgeführt. Während Russland, China oder der Iran ihre Doktrinen und Produktionslinien radikal anpassen, hält der Westen an Konzepten fest, deren Voraussetzungen – Überraschung, Masse, Bewegung, relative Unsichtbarkeit – sich sehr stark verändert haben und in der alten Form schlicht nicht mehr existieren.

Europa befindet sich seit Beginn des Ukraine-Kriegs in einer Phase des politischen Bedeutungsverlusts. Es kompensiert diese Schwäche durch militärische Rhetorik und gigantische Aufrüstungsprogramme – das ist eine Kraftmeier-Logik. Nach Auffassung des Autors dieses Beitrags läuft dies auf eine strategische Selbsttäuschung von historischem Ausmaß hinaus.

Europa hat rhetorisch und finanziell massiv aufgerüstet, gleichzeitig aber versäumt, die Schlachtfeld-Realität analytisch nachzuvollziehen. Enorme Mittel fließen so in Technologien und Doktrinen, deren operative Halbwertszeit bereits abläuft.

Dieses Missverhältnis erzeugt eine paradoxe Lage: Ein Kontinent, dessen Ländergemeinschaft gegen ihren dramatischen politischen Bedeutungsverlust ankämpft – deutlich daran abzulesen, welche Rolle den Europäern bei den Bedingungen zu Friedensverhandlungen zugemessen wird und gegenüber den Interessen der US-amerikanischen Rüstungsindustrie –und daher militärische Stärke demonstrieren will, investiert ausgerechnet in jene Strukturen, die im modernen Gefechtsfeld am wenigsten tragen.

Diese Mischung aus politischer Schwäche und technischer Fehleinschätzung ist brandgefährlich.


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Anm.: Trotzdem bleibt es so, wie bereits Clausewitz konstatiert: "Von den neueren Erscheinungen im Gebiet der Kriegskunst ist das allerwenigste neuen Erfindungen oder neuen Ideenrichtungen zuzuschreiben und das meiste den neuen gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen." Er tut dies zur Zeit des Untergangs des Absolutismus und dem Beginn der Epoche der bürgerlichen Nationalstaaten und dem damit verbundenen Wechsel vom Kabinetts- zum Massenkrieg und dem Umspringen von Ermattungs- auf Niederschlagungsstrategien. - Rückgeschlossen: Wir haben aktuell in den "den neueren Erscheinungen im Gebiet der Kriegskunst" - so diese manifest sind (ich meine, ja) - nicht einfach eine Folge waffentechnischer Innovationen zu sehen, sondern die Folgen der "neuen gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen." Und wir können sie bereits schwach benennen:

#ImperialistischerHegemonieverlust
NEUER BEITRAG24.11.2025, 20:58 Uhr
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arktika

2 sehr interessante Analysen, die von Lars Lange hier vorgestellt und in Kontrast zueinander gesetzt werden. Gute Arbeit.

Nur 2 kurze Anmerkungen von mir:

"Aufklärungsdrohnen scannen permanent große Gebiete, moderne Kommunikationssysteme übertragen diese Daten in Echtzeit, und Angriffsdrohnen stehen ständig bereit."
Damit wären diese Drohneneinsätze so aber nicht mehr möglich, wenn es gelingen würde, die Kommunikation effektiv zu stören. Und es gibt vermutlich keine modernen Systeme, die in dieser Hinsicht nicht "zu knacken" wären. Das wäre dann der nächste Schritt ... oder ist es vermutlich schon.

"Der Ukraine-Krieg liefert seit 2022 ein Laboratorium für die Wirklichkeit moderner Gefechtsführung. Dennoch bleibt ein großer Teil westlicher Kommentatoren und militärischer Führungsebenen erstaunlich zurückhaltend, diese Realität vollständig anzuerkennen."
Why this??? Schließlich hat Selensky (+ Umfeld) doch von Anfang an damit geworben, nicht nur das Menschenmaterial der Ukraine "bis zum letzten Ukrainer" der NATO zur Verfügung zu stellen, sondern auch die Ukraine als ein großartiges Testfeld für neue Waffen + Kriegseinsätze angepriesen - unter realen Kampfbedingungen ...
(s. dazu auch den Thread Ukraine: "Dummy" für die NATO? im Forum 'Imperialismus')

Insgesamt halte auch ich die Analyse Balujewskis für die überzeugendere. Aber: man wird am Ende sehen ... Denn die "Innovationen" in Sachen Kriegsmaterialien und Taktiken sind ja noch in vollem Gange, da werden sicher noch einige Gimmicks kommen.
NEUER BEITRAG24.11.2025, 22:02 Uhr
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FPeregrin

"Damit wären diese Drohneneinsätze so aber nicht mehr möglich, wenn es gelingen würde, die Kommunikation effektiv zu stören. [...] Das wäre dann der nächste Schritt ... oder ist es vermutlich schon."

Naja, zumindest die Yanks sitzen an was ähnlichem (vgl. Post vom 1. November). Es ist nicht verwunderlich, daß das bei einer Partei stattfindet, die gerade waffentechnisch ins Hintertreffen geraten ist. Apropos Hintertreffen: Dies wird der Grund für die geringe öffentliche Wahrnehmung der aktuellen Änderungen der Kriegführung sein. Wer führen will und muß, darf nicht vorführen, wie sehr er technisch am Arsch ist ...
NEUER BEITRAG08.02.2026, 13:27 Uhr
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FPeregrin

Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz Ein Artikel von Lars Lange in der jW schon am 25. Oktober 2025:

Tod auf vier Beinen

Kriegsverbrechen und Kollateralschäden programmiert. Roboter und ähnliche KI-gestützte Systeme werden in zukünftigen Kriegen die Infanterie ersetzen


Von Lars Lange

Donbass, Frühjahr 2025: Ein ukrainischer Soldat liegt verwundet in einem Graben, russische Drohnen patrouillieren permanent über der Position. Niemand kann ihn bergen – zu groß die Gefahr. Doch dann nähert sich ein »Gereon«-Roboter, lautlos im Elektromodus. Der Verwundete zieht sich auf die Pritsche der Maschine, die durch Artilleriebeschuss zurückfährt. Aus sicherer Distanz steuert ein Operator das Fahrzeug per Joystick.

Zur gleichen Zeit, wenige Kilometer weiter östlich: Russische Soldaten verschanzen sich in einem Unterstand. Eine bodengebundene Kamikazedrohne mit Minen rollt heran. Die Soldaten hissen ein weißes Tuch mit der Aufschrift »Wir ergeben uns«. Eine Luftdrohne führt sie über offenes Feld zu ukrainischen Linien – ohne einen einzigen eigenen Soldaten vor Ort. Ein Novum in der Kriegsgeschichte: Angriff und Gefangennahme vollständig durch Roboter. Das ist die Zukunft der Kriegführung – eine Zukunft, die bereits begonnen hat.

Bis 2035 könnte die klassische menschliche Infanterie verschwunden sein. Der Mensch wird nicht mehr als Kämpfer am Boden agieren, sondern nur noch operative Aufträge formulieren – die taktische Ausführung übernehmen autonome Systeme. Technik, Kosten und Geopolitik treiben diesen Wandel: KI-Systeme erreichen Reifegrade, die vor wenigen Jahren utopisch schienen; die ökonomische Rechnung eines Maschinen- gegenüber eines Soldatenlebens kippt zunehmend in Richtung des Roboters; und Staaten wie China sprechen offen davon, Bodentruppen durch robotische Systeme zu ersetzen.

Neue Truppengattung

Die Ukraine hat einen Bedarf von über 10.000 Robotern identifiziert. China präsentierte im September 2025 bei seiner Militärparade anlässlich des Endes des Zweiten Weltkriegs erstmals öffentlich robotische Bodentruppen mit Kampfrobotern, Roboterhunden und autonomen Transportern. Russland geht noch weiter: Ende 2025 soll die Bildung einer völlig neuen, eigenständigen Truppengattung abgeschlossen sein – die »Truppen für unbemannte Systeme«. Diese stehen organisatorisch gleichrangig neben Heer, Luftwaffe und Marine, mit eigener Kommandostruktur, eigenem Budget und eigener Doktrin. Es ist vermutlich weltweit die erste »Robotertruppengattung« auf höchster militärischer Organisationsebene – ein institutioneller Paradigmenwechsel, der die Gleichwertigkeit von bemannten und unbemannten Systemen manifestiert.

Seit mehr als 2.000 Jahren bildet die Infanterie das Rückgrat aller Armeen. Vom griechischen Hopliten über den napoleonischen Linienkämpfer bis zum modernen Schützen im digitalen Verbund blieb sie der Inbegriff physischer Präsenz auf dem Gefechtsfeld. Der Infanterist ist kein Spezialist, sondern ein universelles Werkzeug – ein menschliches Mehrzwecksystem, das kämpfen, beobachten, sichern, bergen und bauen kann. In ihm verschmelzen die Rollen des Schützen, Sanitäters und Pioniers. Diese Vielseitigkeit machte die Infanterie zur unentbehrlichen Komponente jeder Landoperation: Erst wenn sie den Boden betritt, gilt ein Gelände als wirklich erobert.

Dabei ist die Infanterie ein Kompromisssystem: Sie kann vieles, aber nichts perfekt. In früheren Jahrhunderten war das alternativlos: Es gab keine Maschinen, die militärische Aufgaben anstelle eines Menschen erledigen konnten. Heute jedoch operiert die Infanterie in einem Umfeld, das nahezu vollständig rationalisiert, überwacht und digitalisiert ist.

Und der Mensch ist auf diesem »gläsernen Gefechtsfeld« die verwundbarste Komponente. Drohnen, Wärmebildsensoren und Radarerfassung lassen kaum noch Bewegung zu, ohne dass diese sofort entdeckt wird. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass klassische Infanterietrupps in offenen Stellungen kaum länger als Minuten überleben, bevor sie von Präzisionsmunition oder FPV-Drohnen getroffen werden. Während Panzer durch zusätzliche Schutzsysteme und elektronische Abwehrmittel bedingt überlebensfähig bleiben, ist der Soldat dem Himmel schutzlos ausgeliefert.

Wenn heute schon angesichts der neuen Bedrohungen für die Infanterie Aufklärung, Feuerunterstützung, Logistik und Bergung schrittweise an autonome Systeme übergehen, stellt sich eine Frage, die bis vor kurzem undenkbar schien: Was, wenn jede dieser Funktionen von einer eigenen Maschine übernommen wird – nicht von einem humanoiden Ersatz, sondern von einer Vielzahl spezialisierter, sich ergänzender Roboter?

Ein Soldat vereint verschiedenste Funktionen in einer Person. Er ist Kämpfer und Sanitäter, Aufklärer und Lastträger, Pionier und Funker. Doch diese Multifunktionalität allein erklärt nicht, warum Infanterie im modernen Kriegsgeschehen unersetzbar blieb. Der wahre Grund liegt tiefer, in einer Fähigkeit, die so selbstverständlich erscheint, dass sie selten explizit benannt wird: Infanterie kann pulsieren. Sie verändert ihren Zustand zwischen Schutz und Exposition, zieht sich zusammen und dehnt sich wieder aus, verschwindet und kehrt zurück. Bei Gefahr – wenn Drohnen den Himmel abtasten, wenn Artillerie das Gelände umpflügt, wenn feindliches Feuer jede Bewegung bestraft – verschwindet sie in geschützte Hohlräume: Bunker, Keller, unterirdische Anlagen, dichte Gebäudekomplexe, Tunnelsysteme. Dort ist sie unsichtbar für Sensoren, zumeist unerreichbar für Präzisionswaffen. Keine Thermalkamera findet sie in tiefen Kellern, keine Drohne kann ihr in verwinkelte Gänge folgen, keine Artillerie dringt durch meterdicken Beton.

Nur eine neue Waffenklasse durchbricht diese Sicherheit: die schweren, satellitengesteuerten Gleitbomben der FAB/KAB-Serie, mit mehreren hundert Kilogramm Sprengstoff. Sie pulverisieren ganze Gebäudekomplexe und treffen selbst tief eingegrabene Stellungen. Doch diese Ausnahme bestätigt nur die Regel – die klassische Infanterie überlebt heute fast nur noch unter der Erde.

Sobald die Bedrohung nachlässt, wenn der Drohnenschwarm weiterzieht, wenn der Beschuss pausiert, wenn der Gegner sich zurückzieht, strömt die Infanterie wieder heraus. Sie besetzt Stellungen, kontrolliert Kreuzungen, durchkämmt Gebäude, sichert Gelände. Dann kommt die nächste Welle, und sie zieht sich erneut zurück. Diese elastische Präsenz unterscheidet Infanterie fundamental von allen anderen Waffengattungen.

Panzer und Artillerie verfügen zwar über gedeckte Stellungen, Unterstände und Tarnsysteme, doch im Drohnenkrieg verlieren diese Schutzräume zunehmend ihre Wirkung. Der berüchtigte »Todesstreifen« aus Aufklärungs- und Angriffs-FPVs reicht heute bis zu fünfzig Kilometer hinter die Front. Was sich bewegt, wird erfasst; was sichtbar ist, wird getroffen. Für schwere Systeme bleibt kaum noch Raum zur Unsichtbarkeit – nur Infanterie kann sich vollständig in den Boden zurückziehen.


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Immer kleiner

Und genau hier liegt der Wendepunkt. Solange Maschinen dieses Pulsieren nicht beherrschen, solange sie nicht in Hohlräume kriechen, solange sie nicht in die Tiefe abtauchen, dort warten und bei Gelegenheit wieder hervorkommen können, bleibt die menschliche Infanterie unersetzbar. Doch sobald Roboter diese Fähigkeit erlernen, sobald sie durch Trümmer klettern, Treppen erklimmen, in Kellern verschwinden und bei Bedarf wieder ausschwärmen, wird die Infanterie überflüssig. Sie wird ersetzt durch etwas völlig Neues: ein Mosaik spezialisierter Systeme – nicht die Nachbildung des Menschen in Metall, sondern die Zergliederung seiner Aufgaben in kleine, standardisierte Module, jedes optimiert für eine einzige Rolle. So wie die Dampfmaschine das Pferd nicht kopierte, sondern die Ökonomie des Transports veränderte, wird die Robotisierung die Logik des Bodenkampfes umformen.

Die technologischen Bausteine für diese pulsierende Roboterinfanterie existieren bereits heute – zumindest in ihrer physischen Form. Der entscheidende Durchbruch liegt in der Miniaturisierung und der Entwicklung hochmobiler Plattformen, die dorthin gelangen, wo bisher nur Menschen hinkamen.

Vierbeinige Maschinen, die sich wie Hunde oder große Insekten bewegen, sind keine Science-Fiction mehr, sondern Serienprodukte. Das chinesische Unternehmen Unitree Robotics produziert Modelle, die für unter 10.000 US-Dollar erhältlich sind und Treppen steigen, über Geröll klettern und sich durch enge Korridore bewegen können. Russische und chinesische Streitkräfte haben bereits bewaffnete Varianten präsentiert: Roboterhunde mit aufmontierten Gewehren, die autonom patrouillieren oder ferngesteuert Ziele bekämpfen. Das US-amerikanische Unternehmen Ghost Robotics liefert ähnliche Systeme an militärische Abnehmer.

Doch die Entwicklung bleibt nicht bei vier Beinen stehen. Sechsbeinige Plattformen bieten noch mehr Stabilität auf unebenem Grund und können einzelne Beine verlieren, ohne bewegungsunfähig zu werden – ein Vorteil in Trümmerlandschaften. Selbst zweibeinige Systeme, kleiner als ein Mensch, werden erprobt: Sie könnten überall dorthin gelangen, wo auch ein Soldat sich aufhalten kann, wären aber schneller, ermüdungsfrei und ohne Überlebenstrieb. Die genaue Größe ist dabei zweitrangig – entscheidend ist das Prinzip der radikalen Miniaturisierung. Die Größe einer Ratte ist denkbar, vielleicht sogar kleiner. Was heute wie ein Hund aussieht, könnte in zehn Jahren die Größe eines Insekts haben – klein genug, um durch Lüftungsschächte zu kriechen, in Kabelkanäle einzudringen, unter Türen hindurchzuschlüpfen.

Diese Miniaturisierung ist kein isoliertes Phänomen. Sie vollzieht sich beim gesamten militärischen Gerät: Panzer werden kleiner, unbemannt, modular; Drohnen schrumpfen von Flugzeug- auf Libellengröße; Sensoren, die einst raumfüllende Anlagen waren, passen heute auf Briefmarken. Wir erleben einen Prozess, bei dem nicht der perfekte Einheitsroboter entsteht, sondern eine Vielzahl spezialisierter Formfaktoren – vier-, sechs-, achtbeinig, fliegend, kriechend, rollend. Der Krieg der Zukunft wird vielleicht nicht von humanoiden Androiden geführt, sondern von einem System mechanischer Insekten und Raubtiere.

Noch Softwareprobleme

Doch die Hardware allein macht noch keine pulsierende Infanterie. Die physischen Plattformen existieren bereits jetzt weitgehend, aber die Software hinkt hinterher – und mit ihr die entscheidenden Fähigkeiten, die ein autonomes System in Hohlräumen überlebensfähig machen.

Das erste Problem ist die Navigation ohne Sichtkontakt. Im offenen Gelände funktionieren GPS, Kameras und Radar zuverlässig. Doch in engen Kellern, verrauchten Gebäuden oder staubigen Trümmerlandschaften versagen diese Systeme. SLAM – Simultaneous Localization and Mapping, also die Fähigkeit eines Roboters, sich gleichzeitig zu orientieren und seine Umgebung zu kartieren – ist die zentrale Technologie, um ohne GPS zu navigieren. Doch SLAM bricht unter extremen Bedingungen zusammen: Staub reflektiert Lasersensoren (Lidar), Rauch verwirrt Kameras, enge Gänge erzeugen Echos, die Radarsysteme stören. Bis Roboter so sicher wie Menschen durch Keller navigieren, sind noch einige Entwicklungsschritte zu bewältigen.

Noch kritischer ist die Freund-Feind-Erkennung. Ein Soldat kann intuitiv unterscheiden: bewaffneter Gegner, unbewaffneter Zivilist, verwundeter Kamerad. KI-Systeme tun sich damit schwer, besonders in chaotischen Innenräumen, wo Uniformen verschmutzt, Waffen versteckt und Bewegungen unklar sind. Bilderkennung kann Gesichter, Kleidung, Waffen identifizieren – aber bei schlechtem Licht, in hektischen Situationen steigt die Fehlerquote. Realistischerweise wird in Zukunft »Friendly Fire« durch Maschinen einkalkuliert werden, so wie heute schon »Kollateralschäden« durch Präzisionswaffen einkalkuliert werden.

Die Lösung könnte in der Sensorfusion liegen: Wenn Lidar versagt, übernimmt Radar. Wenn Kameras blind werden, nutzt der Roboter Thermalsensoren. Wenn alle optischen Systeme ausfallen, tastet er sich taktil voran – wie ein Blinder, der Wände abtastet. Mehrere Sensortypen redundant kombinieren, ihre Daten fusionieren, Ausfälle kompensieren. Diese Technologie existiert konzeptionell, wird in Forschungslaboren erprobt, ist aber noch nicht robust genug für den Masseneinsatz unter Extrembedingungen.

Das dritte Problem ist die Vernetzung unter Störbedingungen. Funkverbindungen können gestört werden, Glasfaserkabel reichen nur wenige Kilometer weit. Ein Roboterschwarm, der in feindlich kontrollierten Gebäudekomplexen operiert, muss dezentral funktionieren – jede Einheit muss eigenständig entscheiden können, ohne ständigen Kontakt zur Zentrale. Diese »Schwarmintelligenz« existiert konzeptionell, aber ihre Zuverlässigkeit unter Kampfbedingungen ist noch nicht bewiesen.

All diese Probleme sind jedoch keine prinzipiellen Hürden. Es sind Ingenieursprobleme, keine durch physikalische Grenzen gesetzten. Die Sensorfusion – die Kombination mehrerer Sensortypen, um Ausfälle zu kompensieren – macht Fortschritte. KI-Modelle zur Bilderkennung verbessern sich exponentiell. Dezentrale Algorithmen werden robuster. Die Frage ist nicht, ob diese Lücken geschlossen werden, sondern wann. Und die Antwort lautet: wahrscheinlich innerhalb eines Jahrzehnts.

Die Roboter existieren – was fehlt, ist der Verstand. Noch vor zehn Jahren waren sie ferngesteuerte Maschinen, vollständig abhängig von menschlichen Operatoren. Zwischen 2020 und 2025 hat sich das bereits geändert: Künstliche Intelligenz lernt zu sehen, zu entscheiden, zu handeln.


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NEUER BEITRAG08.02.2026, 13:37 Uhr
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Push durch künstliche Intelligenz

Der Durchbruch kam mit den großen Sprachmodellen. Systeme wie Chat-GPT zeigen, dass KI Muster erkennen, Sprache verstehen und Entscheidungen treffen kann. Inzwischen laufen multimodale Modelle auf Chips, die in eine Hand passen – sie verarbeiten Bilder, Videos und Sensordaten in Echtzeit, ohne Verbindung zu Rechenzentren.

Damit erhalten Roboter die Fähigkeiten, die sie für den Bodenkampf brauchen: autonome Navigation ohne GPS, Zielerkennung und Freund-Feind-Unterscheidung, dezentrale Schwarmkoordination und adaptive Taktik. Sie lernen aus Gefechten, passen Strategien an, operieren auch bei gestörtem Funk.

Offiziell gilt meist Human-in-the-Loop, das heißt, Menschen entscheiden und leiten an. Doch viele Systeme operieren längst im Modus Human-on-the-Loop – sie entscheiden eigenständig, der Mensch überwacht lediglich noch. Der nächste Schritt wäre Human-out-of-the-Loop: Systeme agieren völlig autonom und werden nur noch strategisch beauftragt. Am Ende steht der vollautonome Modus: Schwärme führen Operationen selbständig aus, der Mensch formuliert nur noch Ziele.

Bis 2035 dürfte diese Software reif sein. Dann könnten Roboter pulsieren wie Infanterie – sich zurückziehen, hervorkommen, Terrain halten. Die Technik wäre bereit. Die menschliche Infanterie obsolet.

Die Technologie mag existieren, die KI mag reifen – doch was die Robotisierung der Infanterie unausweichlich macht, ist schlicht: Geld. Ein Soldat kostet pro Jahr etwa 100.000 Euro. Die Ausbildung verschlingt sechs bis 24 Monate, der Sold läuft über Jahrzehnte, Renten und Gesundheitsversorgung belasten Staatshaushalte viele Jahre lang. Ein Kampfroboter – etwa ein bewaffneter Vierbeiner oder eine Loitering-Munition – kostet in der Produktion dagegen deutlich unter 100.000 Euro, bei Massenproduktion sinken die Preise weiter. Die Wartungskosten sind minimal, die Betriebskosten gering, Pensionen entfallen. Ein Staat könnte für das Budget eines einzigen Soldaten ein Vielfaches an Robotern aufstellen.

Diese ökonomische Logik erzwingt ein Wettrüsten. Wer nicht robotisiert, wird von Gegnern überrollt, die das Zehnfache an Kampfkraft zu gleichen Kosten mobilisieren können. Selbst wenn alle Staaten Robotisierung als problematisch erkennen, kann kein Staat darauf verzichten, ohne strategische Unterlegenheit zu riskieren. Wer zuerst eine vollrobotisierte Armee aufbaut, gewinnt jeden Konflikt durch schiere Überlegenheit. Der ökonomische Zwang überrollt so alle ethischen Bedenken.

Die Robotisierung verändert nicht nur, wer überhaupt noch kämpft, sondern auch, wie gekämpft wird. Die bisherige Doktrin – wenige teure Präzisionssysteme, jeder Einsatz politisch abgewogen – weicht der Übersättigungskriegsführung: Tausende billige Wegwerfplattformen überfluten den Gegner. Statt einer Lenkwaffe für 100.000 Euro kommen hundert billige Loitering-Drohnen zum Einsatz. Ein Verteidigungssystem kann nicht alles abfangen. Masse schlägt Präzision. Schwarmtaktiken verstärken das: Hundert Roboter greifen gleichzeitig aus allen Richtungen an, koordiniert durch KI, dezentral organisiert. Kein Anführer, den man ausschalten kann. Kein zentraler Störsender hilft. Selbst wenn die Hälfte zerstört wird, erreicht die andere wahrscheinlich ihr Ziel.

Horrorszenario

Der Ukraine-Krieg zeigt die Konsequenzen der Robotisierung bereits heute: 70 Prozent aller Verluste gehen auf Drohnen zurück. Die menschliche Infanterie überlebt kaum noch in offenen Stellungen. Systeme wie FPV-Drohnen oder Lancet kreisen über dem Zielgebiet, suchen teilweise schon selbständig nach Gegnern und stürzen sich mit hoher Präzision auf sie. Was früher ein Soldat mit Granatwerfer tat – Last tragen, Ziel erfassen, feuern –, übernimmt heute eine Drohne, die selbst zur Waffe wird. Der Granatwerfersoldat ist weitestgehend Geschichte. Auch Logistik und Evakuierung werden automatisiert. Roboter wie »Gereon« oder »Themis« transportieren Munition, Ausrüstung oder Verwundete – bei Nacht, unter Beschuss, ohne Pause und ohne Angst. Die gefährlichsten Aufgaben der Front – Nachschub und Rettung – gehen an Maschinen über. Kein Sanitäter muss mehr sterben, um einen verwundeten Soldaten zu bergen.

Der unaufhaltsam erscheinende Trend zur Automatisierung schafft ein ethisches Vakuum. Die entscheidende Frage ist und bleibt die der Verantwortung, auch wenn die Entscheidung über Leben und Tod entmenschlicht ist: Was geschieht, wenn rattengroße Roboter, programmiert mit einer Zielliste, eine Stadt durchkämmen?

Die israelischen Pager-Anschläge im Libanon vom September 2024 zeigen an, wohin die Reise geht: Tausende Geräte, gleichzeitig aktiviert – unter den Opfern: Kinder, Ärzte, Unbeteiligte. Ein KI-System hat kein Mitgefühl, es kennt nur Trefferquote und Erfolgswahrscheinlichkeit. Fehler in der Freund-Feind-Erkennung, manipulierte Zieldatenbanken oder einfach der Befehl, »die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zu brechen«, könnten zu Massakern unvorstellbaren Ausmaßes führen. Damit steht die ultimative Bedrohung im Raum: systematische, großangelegte Tötungen, delegiert an einen Schwarm unbeteiligter Maschinen. Die Technologie für diesen Alptraum wird gerade, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, einsatzbereit gemacht.


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NEUER BEITRAG08.02.2026, 13:42 Uhr
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Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz jW gestern:

Der Algorithmus des Krieges

Moskau ist in der Ukraine nicht auf Entscheidungsschlachten aus, sondern sieht Frontverläufe als Messgrößen eines Abnutzungsprozesses. Über Russlands kybernetische Kriegführung

Von Lars Lange

Westliche Analysten messen den Ukraine-Krieg in Metern pro Tag. Nach neuen Berechnungen des Center for Strategic and International Studies bewegen sich russische Streitkräfte seit Anfang 2024 mit durchschnittlich 15 bis 70 Metern täglich vorwärts.¹ Das sei langsamer als die Schlacht an der Somme 1916, heißt es in der Analyse. Der britische Telegraph sekundiert: »Russlands Streitkräfte rücken langsamer vor als jede andere Armee im letzten Jahrhundert.« (30.1.2026) Die Washingtoner Denkfabrik schließt daraus: Russland zahle einen außerordentlichen Preis für minimale Geländegewinne und entwickle sich daher zu einer Macht zweiten oder dritten Ranges. Diese Resultate verfehlten Moskaus Ziel, die Ukraine militärisch zu erobern, in entscheidender Weise.

Doch dieser Befund beruht auf einem kategorialen Fehler. Seit dem Frühjahr 2023 lässt sich an keiner Stelle der Front ein dokumentierter russischer Versuch erkennen, einen klassischen Durchbruch in die Tiefe des gegnerischen Raumes zu erzielen. Weder massierte Panzerbewegungen noch eine operative Phase der Erfolgsausnutzung sind zu beobachten. Das System ist offenbar nicht auf Offensive im westlichen Sinne ausgerichtet, sondern auf Kontrolle über das Kräfteverhältnis und das Schaffen von Ermüdungsräumen.

Was westliche Beobachter als fehlende Offensive interpretieren, ist möglicherweise ein anderes Verständnis von Effizienz: Es gibt keine »Winteroffensive«, sondern eine fortlaufende Regulierung der eigenen Wirkung. Russland betrachtet Frontverläufe nicht als Zielgrößen, sondern als Messgrößen eines Abnutzungsprozesses. Der Krieg wird als kontinuierlicher, kybernetischer Regelkreis geführt, in dem Verlust- und Wirkungskurven wichtiger sind als Raumgewinn.

Sollte diese Lesart zutreffen, ist der Krieg nicht auf Sieg durch Eroberung angelegt, sondern auf Sieg durch Systemresilienz: Es geht nicht darum, Territorium zu nehmen, sondern darum, welches System länger durchhält. Russland hält den eigenen Druck unterhalb jenes Kippunktes, an dem das eigene System instabil würde, während es versucht, das gegnerische System systematisch zu überlasten – bis dessen Logistik, Rekrutierung, Wirtschaft oder Kommandostruktur kollabieren. Der Krieg endet nicht durch Durchbruch, sondern durch Systemversagen der einen Seite.

Der Nebel lichtet sich

Diese Form der Kriegführung lässt sich als kybernetische Kriegführung bezeichnen: ein selbstregulierendes System, das durch Rückkopplung lernt und sich anpasst. Die konzeptionelle Grundlage dieser Kriegführung lässt sich auf den sowjetischen Militärtheoretiker Aleksandr Swetschin zurückführen. Für Swetschin war Strategie kein Plan, sondern ein dauerndes Reagieren auf die Veränderung der Gesamtlage. Wo Clausewitz die Entscheidungsschlacht ins Zentrum stellte, entwickelte Swetschin das Konzept eines Adaptionssystems. Krieg als kontinuierlicher Prozess strategischer Anpassung. In diesem Sinn ist die russische Kriegführung heute eher Swetschinisch als Clausewitzisch – Swetschin plus Digitalisierung.

Die theoretische Brücke dazu bildet Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik. Wiener definierte Kybernetik als Wissenschaft von Steuerung und Regelung durch Rückkopplung: Ein System beobachtet seine Umwelt, wertet Daten aus, passt sein Verhalten an. Kybernetische Kriegführung bedeutet: Der Krieg wird regelkreisbasiert geführt, um mit minimalem eigenem Einsatz maximale gegnerische Systemschäden zu erzeugen.

Der Unterschied zu früheren Versuchen, Krieg zu rationalisieren, ist fundamental. Während der damalige US-Kriegsminister Robert McNamara im Vietnamkrieg versuchte, militärischen Erfolg nachträglich zu mathematisieren – etwa durch Bodycount-Statistiken –, hat Russland den Krieg operativ algorithmisiert. Vom statistischen Bodycount zum Echtzeit-Datenfeedback. Man kann diese Kriegführung als digitalisierten, industriellen Destruktionsprozess beschreiben: Russland betreibt Krieg wie eine Fabrik – standardisiert, datengetrieben, seriell. Das Ziel ist nicht primär Territorium, sondern die planbare Erschöpfung gegnerischer Systeme. Diese Form der Kriegführung ist abstrakt und prozessual, deshalb oft unverständlich für westliche Beobachter, die Erfolg in Kilometern messen. Die russische Kriegführung operiert auf einer anderen Abstraktionsebene: Der Westen konzentriert sich auf Bestandsgrößen – etwa die Konkretion von Gebietskontrolle –, Russland hingegen auf Flussgrößen, das heißt auf das Verhältnis von Einsatz zu Wirkung über Zeit.

Das technische Rückgrat bildet ESU-TZ, ein russisches netzwerkbasiertes Führungssystem, das Einheiten, Aufklärungsmittel und Feuerwirkung in einem gemeinsamen Informationsfeld zusammenführt – vergleichbar westlichen C2-Systemen, aber auf Rückkopplung und Echtzeitanpassung optimiert. Sensoren füttern ein einheitliches Informationsfeld, Algorithmen und Modelle unterstützen die Priorisierung von Zielen, Feuerkräfte wirken mit deutlich verkürzter Latenz. Es bildet das computerbasierte Herz der kybernetischen Kriegführung.

Eine der präzisesten Selbstbeschreibungen dieser neuen Kriegsform stammt aus Russland selbst. Juri Balujewski, ehemaliger Generalstabschef der russischen Streitkräfte (2004–2008), und Ruslan Puchow, Direktor des Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien, veröffentlichten im Dezember 2025 einen Aufsatz mit dem Titel »Digitaler Krieg – neue Realität«. Darin beschreiben sie, was sich in der Ukraine vollzieht.²

Die wichtigste Veränderung sei die vollständige Transparenz des Gefechtsfelds. Der »Nebel des Krieges« habe sich aufgelöst. Durch allgegenwärtige Drohnen, Satellitenkommunikation und vernetzte Sensoren entstehe eine einheitliche Informationsumgebung, die taktische, operative und strategische Ebenen funktional miteinander verschmelze. Die Grenzen zwischen diesen Ebenen würden verschwimmen. Die zweite fundamentale Veränderung: Das taktische Gefechtsfeld und die Tiefen des Raums bis zu vielen Dutzend Kilometern verwandeln sich in »Zonen totaler Vernichtung«. In diesen Zonen sei jede Bewegung, jede Konzentration von Kräften sofort sichtbar und angreifbar. Die Folge: extreme Zerstreuung und sehr niedrige Dichte der Kampfverbände.

Als Katalysator dieser Entwicklung nennt Balujewski die Einführung global verfügbarer Satellitennetze wie »Starlink«. Erstmals existiert damit eine durchgängige, skalierbare Informationsinfrastruktur, die eine Rückkopplung bis auf die unterste taktische Ebene ermöglicht. Die kybernetische Logik dieser Kriegführung ist kein theoretisches Konstrukt, sondern lässt sich empirisch beobachten. Beispielhaft seien hier drei Elemente genannt: die massenhafte Nutzung der »Geran«-Drohnen, der industrialisierte Einsatz von Gleitbomben und die Organisationsform der russischen Drohneneinheit Rubicon.


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NEUER BEITRAG08.02.2026, 13:47 Uhr
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Neuer Typus Drohne

Die organisatorische Verkörperung kybernetischer Kriegführung ist die Drohneneinheit »Rubicon«. Sie wurde im August 2024 auf Anweisung von Verteidigungsminister Andrej Beloussow gegründet und ihm – anders als bei den für herkömmliche Drohnen zuständigen Verbänden – direkt unterstellt. »Rubicon« kombiniert Kampfführung, Entwicklung, Produktion und Erprobung in einem integrierten Modell mit Rückkopplungsschleifen. Das Zentrum der Einheit verfügt über eine eigene Entwicklungsabteilung, ein Trainingszentrum, eine Analytikabteilung und eigenständige Kampfeinheiten. Ein wesentlicher Teil der technologischen Entwicklungen stammt aus der sogenannten Volksverteidigungsindustrie – Einzelpersonen oder kleine Firmen, die auf eigene Initiative Technologie für die russische Armee entwickeln. »Rubicon« gibt diesen Entwicklern direktes Feedback zu aktuellen Bedürfnissen und Problemen. Bewährte Lösungen werden skaliert und in Massenproduktion überführt.

Das markanteste Beispiel sind Glasfaserdrohnen, die gegen elektronische Störmaßnahmen immun sind. Diese Systeme wurden zunächst in Kursk getestet und innerhalb weniger Wochen zum frontweiten Einsatz gebracht. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Militärstrukturen: »Rubicon« experimentiert wie ein Startup – schnelle Tests, direkte Feedbackschleifen von der Front zur Entwicklung – kann aber erfolgreiche Lösungen mit staatlicher Autorität sofort über das gesamte Militär skalieren. Während die Ukraine innovativ von unten nach oben arbeitet, aber anscheinend Schwierigkeiten hat, Innovationen zu systematisieren, kann Russland bewährte Lösungen schnell über das gesamte Militär und die Rüstungsindustrie ausdehnen. »Rubicon« schlägt die Brücke zwischen beiden Ansätzen.

Alte Technik weiterentwickelt

Diese organisatorische Innovation entfaltet ihre Wirkung jedoch erst durch konkrete Waffensysteme, die in die kybernetische Logik eingebettet sind. So ist der massenhafte Einsatz russischer Gleitbomben eine funktionale Weiterentwicklung einer alten Waffe. Denn im Kern handelt es sich weiterhin um klassische Fliegerbomben sowjetischer Bauart, die mit vergleichsweise einfachen Gleit- und Steuerungssätzen versehen werden. Ihre industrielle Herstellung ist unkompliziert, die Produktionslinien existieren seit Jahrzehnten, die Stückkosten liegen deutlich unter jenen moderner Marschflugkörper. Entscheidend ist jedoch: Die Präzision dieser Waffen hat sich in den letzten Monaten deutlich erhöht. Anhand der Einschlagsmuster lässt sich erkennen, dass die Gleitbomben gezielt entlang definierter Verteidigungsstrukturen eingesetzt werden. Einschläge folgen Grabenverläufen, Unterständen, bekannten Sammelpunkten und rückwärtigen Verbindungsachsen. Ganze Frontabschnitte werden systematisch abgearbeitet – nicht flächig, sondern strukturiert.

Diese Präzision entsteht nicht allein aus der Technik der Bombe, sondern aus ihrer Einbettung in ein sensorisches Gesamtsystem. Drohnenaufklärung, Gefechtsfeldüberwachung und Rückmeldung aus vorherigen Einschlägen ermöglichen eine fortlaufende Anpassung der Zielparameter.

Die funktionale Rolle der Gleitbomben ist dabei klar umrissen. Sie dienen der gezielten Ausschaltung tief gestaffelter, befestigter Verteidigungsstellungen. Die ukrainische Verteidigung ist vielerorts jahrelang ausgebaut worden – mit Grabensystemen, Betonunterständen, gedeckten Wegen und rückwärtigen Stützpunkten. Genau diese Strukturen werden durch präzise Serien von Gleitbomben systematisch zerstört oder funktionslos gemacht.

Das Ergebnis ist eine Entwertung der Stellung, nicht zwingend ihre sofortige Aufgabe. Deckung verschwindet, Unterstände werden unbrauchbar, Logistikwege brechen zusammen. Die angreifende Infanterie wird dadurch mit einem qualitativ veränderten Gefechtsraum konfrontiert: Vorstöße erfolgen in eine bereits entkernte Verteidigung, mit deutlich reduzierten eigenen Verlusten.

In der Logik der kybernetischen Kriegführung ist die Gleitbombe damit kein grobes Instrument, sondern ein präzises Regelglied. Sie verbindet niedrige Kosten, hohe Einsatzfrequenz und zunehmende Treffgenauigkeit mit schneller Rückmeldung aus dem Gefecht. Wirkung wird nicht einmalig erzielt, sondern schrittweise optimiert. Die Gleitbombe steht exemplarisch für den Charakter dieses Krieges: alt in ihrer Grundform, hochpräzise in der Anwendung, eingebettet in einen kontinuierlichen, datengetriebenen Abnutzungsprozess. Sie ist kein Zeichen technologischer Rückständigkeit, sondern Ausdruck einer Kriegführung, die Effizienz über technische Perfektion stellt.


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NEUER BEITRAG08.02.2026, 13:50 Uhr
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Kollaps als Ziel

Während die Gleitbombe gegen befestigte Strukturen wirkt, zielt ein zweites System auf die Infrastruktur dahinter. Die »Geran«-Drohne – die russische Variante der iranischen »Shahed-136« – verkörpert das Prinzip industrieller Kriegführung. Nach ukrainischen Angaben wurden seit 2022 bis zu 120.000 dieser Systeme eingesetzt. Im Laufe des Jahres 2025 durchlief die »Geran« mehrere technologische Evolutionsstufen. Seit dem Sommer stattet Russland die Drohnen serienmäßig mit chinesischen Mesh-Netzwerk-Modems und Frontkameras aus. Diese Technologie ermöglicht erstmals Angriffe auf bewegliche Ziele – etwa Lokomotiven und Eisenbahnzüge. Was ursprünglich als strategische Waffe für statische Ziele konzipiert war, entwickelt sich zur vielseitigen Waffenplattform.

Noch aufschlussreicher ist die taktische Verwendung. Im Juni 2025 änderte Russland seine Angriffsstrategie fundamental. Statt unregelmäßiger Wellen etablierte Moskau ein kontinuierliches Grundrauschen von 50 bis 100 »Geran«-Drohnenflügen pro Tag, ergänzt durch wöchentliche Massenwellen von über 500, teilweise über 800 kombinierten Angriffen aus Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern. Diese Kombination aus ständiger Belastung und periodischen Übersättigungsangriffen ist keine improvisierte Taktik, sondern kontrollierte Systemsteuerung.

Die drastische Wirkung dieser seriellen Destruktion zeigte sich besonders Anfang Februar 2026. Nach monatelangen systematischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur erlebte die Ukraine einen landesweiten Stromausfall, der sogar Teile des benachbarten Moldau lahmlegte. Selbst die Kiewer Metro stand still. Die Situation wurde als »apokalyptisch« beschrieben.

Der Kollaps ist kein Zufall, sondern das vorhersehbare Resultat industrieller Kriegführung. Die Ukraine verfügt nur noch über elf Gigawatt Stromkapazität, benötigt im Winter aber 16 bis 18 Gigawatt. 70 bis 90 Prozent der verbleibenden Energie stammen aus Atomkraftwerken, die bei dem Blackout teilweise heruntergefahren werden mussten.

Die »Geran« ist also keine Raumwaffe. Sie dient nicht der Eroberung von Territorium, sondern der serienmäßigen, skalierbaren Erzeugung von Wirkung gegen gegnerische Systeme bis zu deren Kollaps. Das ist kybernetische Kriegführung in ihrer klarsten Form: permanenter Druck, kontrollierte Intensität, messbare Zermürbung, systemisches Versagen. Doch die »Geran« operiert primär im strategischen Raum – gegen Industrieanlagen, Kraftwerke und Stromnetze, städtische Infrastruktur. Zwischen dem unmittelbaren Gefechtsfeld und dieser strategischen Tiefe blieb lange eine Lücke. Diese will Moskau nun schließen.

»Zonen totaler Vernichtung«

Denn mit der Einführung einer neuen Drohnenkategorie mittlerer Reichweite verschiebt sich die Geometrie des Gefechtsfelds fundamental. Die russische »Shahed-107« mit 300 Kilometer Reichweite füllt die Lücke zwischen taktischen FPV-Drohnen (FPV steht für First Person View, Drohnen mit Kameras, die aus einer Ich-Perspektive gesteuert werden, jW) und strategischen Langstreckenwaffen. Sie ist extrem einfach gebaut, kostet vermutlich deutlich unter 10.000 Euro und zielt auf Versorgungsdepots, Kommandoposten und bewegliche Ziele in einer Tiefe von 100 bis 300 Kilometern hinter der Front.

Damit können Balujewskis »Zonen totaler Vernichtung« weit in das ehemalige Hinterland verschoben werden. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man zwischen zwei Formen militärischer Gewaltanwendung unterscheiden: Stoßwelle und Druckwelle. Eine Stoßwelle ist ein kurzzeitiger, konzentrierter Gewaltimpuls. Hoher Einsatz von Feuerkraft in kurzer Zeit, Fokus auf lokalem Durchbruch, deutlich erhöhte Eigenexposition. Ziele sind dabei die schnelle Änderung der Lage, Raumgewinn und Exploitation. Das ist klassischer Manöverkrieg. Eine Druckwelle dagegen wirkt über längere Zeit und große Fläche. Statt konzentrierter Explosion entsteht ein permanenter, steuerbarer Druck. Die Angriffe verteilen sich über einen weiten Raum, jeder einzelne Schlag bleibt dosiert, wird wiederholt und moduliert. Große Verbände exponieren sich nicht. Das Ziel ist nicht Durchbruch, sondern Zermürbung: Die gegnerischen Ressourcen werden Schritt für Schritt aufgezehrt, seine Reaktionsfähigkeit getestet und erschöpft.

Die »Zonen totaler Vernichtung« entstehen nicht durch Stoßwellen, sondern Druckwellen.

Das Gefechtsfeld lässt sich mittlerweile in konzentrische Ringe permanenten Drucks unterteilen. Der innerste Ring, null bis 30 Kilometer von der Frontlinie, ist zur absoluten Todeszone geworden. In diesem Bereich ist Fahrzeugbewegung kaum noch möglich. Der mittlere Ring, 30 bis 300 Kilometer tief, wird durch Systeme wie »Shahed-107«, »Molnija« oder »Italmas« beherrscht. Diese Zone galt bisher als sicherer rückwärtiger Raum für Kommandoposten, Logistikzentren und Truppensammlungen. Der äußere Ring wird durch strategische Waffen wie die »Geran-2« abgedeckt, die Ziele in weit über 1.000 Kilometern Entfernung erreichen.

Das Entscheidende: Diese Zonen erzeugen keinen Raumgewinn. Sie erzeugen Systemdruck. Der klassische Grundsatz, dass Führung durch räumliche Distanz geschützt werden kann, funktioniert nicht mehr. Das Konzept des rückwärtigen Raums löst sich auf. Damit wird der gesamte Raum bis 300 Kilometer hinter der Front zu einer kontinuierlichen Druckzone – sie wird nicht erobert, aber durch permanente Bedrohung funktional kontrolliert.


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FPeregrin 03.11.2025
Wasser als Waffe
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Was man in den nördlicheren Ländern oft nicht so auf dem Schirm hat: Vielerorts ist Wasser - bes. solches in trinkbarer Qualität - schlechter verfügbar und damit auch als Erpressungsmittel oder auch als Waffe nu...mehr arktika 07.09.2025
arktika 07.09.2025
arktika 07.09.2025
Thomas Sankara 1987 ermordet - nun endlich Prozeß
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Am 15. Oktober 1987 wurde in Burkina Faso der Revolutionär und damalige Präsident Thomas Sankara ermordet. Jetzt, nach 34 Jahren, gibt es tatsächlich - endlich! - einen Strafprozeß um seine Ermordung. Die junge...mehr arktika 14.10.2021