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Als Ernst Busch am 21. Januar 1900 als Sohn eines Kieler Maurers das Licht der Welt erblickt, deutet nichts auf eine außergewöhnliche "Karriere" hin, die damals weder für ein Arbeiterkind absehbar war noch in den bürgerlichen Kulturbetrieb passen will: Ernst Busch, so alt wie das Jahrhundert und in all seine Umwälzungen nicht als Zuschauer oder Erduldender, sondern als Akteur involviert, sollte es zum bekanntesten Sänger der deutschen Arbeiterklasse, zur Stimme der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg, zum gefeierten Schauspieler und Vertoner der Stücke Bertolt Brechts und Gedichte und Lieder Kurt Tucholskys und zum Regisseur am "Berliner Ensemble" bringen...

[mp3]Doch zunächst tut der junge Busch das, was Arbeiterkinder tun: er wird Arbeiter. An der Kieler "Germania-Werft" des Krupp-Konzerns beginnt er eine Lehre als Maschinenschlosser; nur nebenbei kann er seinen wirklichen Interessen folgen - er nimmt Gesangs- und Schauspielunterricht. Von klein auf kennt Ernst Busch die Nöte und die Armut der Arbeiterschaft: wenn der Vater berufsbedingt in jedem Winter arbeitslos wird, lebt die Familie von den Näharbeiten der Mutter. Von den sozialistisch eingestellten Eltern lernt Ernst Busch die wichtigste Lektion seines Lebens: eine Verbesserung der sozialen Lage ist nicht von selbst, von Gott oder vom Kaiser zu erwarten, sondern kann nur erkämpft werden. Ernst Busch engagiert sich selbstverständlich schon früh in der sozialistischen Arbeiterbewegung: 1917 wird er Distriktleiter in der Kieler proletarischen Jugendbewegung.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges kommt es in den Hafenstädten Deutschlands zu revolutionären Unruhen: In Hamburg, Bremen und auch in Kiel meutern die Matrosen der kaiserlichen Marine gegen die selbstmörderischen Auslaufbefehle - die Novemberrevolution bricht aus. Ernst Busch, gerade 18, ist dabei. Unter den Eindrücken der von den Sozialdemokraten verratenen deutschen Revolution von 1918/19 wird Ernst Busch Mitglied der gerade entstehenden Kommunistischen Partei Deutschlands.

Nachdem Ernst Busch 1921 in die Arbeitslosigkeit gerät, kann er sich - unter großer ökonomischer Not - seinen schauspielerischen Interessen widmen: zunächst als Volontär am Kieler Stadttheater, bei dem er durch Zufall beim Blick hinter die Kulissen für eine Rolle engagiert wurde; später in der damaligen Reichshauptstadt Berlin, in der auch die deutsche Arbeiterbewegung am stärksten ist: das "rote Berlin" ist Magnet für politisch in der Arbeiterbewegung engagierte Literaten, Schauspieler, Sänger und Künstler. 1927, Piscator errichtet gerade seine revolutionäre Schauspielbühne, beginnt Ernst Buschs überregionale Bekanntheit: In Berlin tritt er zunächst in Kabaretts auf und vertont sozialkritische und politische Songs, später wird er von Erwin Piscator für dessen Bühnenstücke "gecastet".
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Filmplakat mit Ernst Busch: "Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt"
Dort lernt Busch den Komponisten Eisler kennen: aus dieser Zusammenkunft entsteht nicht nur eine lebenslange Freundschaft, sondern auch ein äußerst produktives Schaffen. Ernst Busch wird zum bekanntesten Interpreten von Arbeiterliedern: Ende der zwanziger und Anfang der dreissiger Jahre tritt Busch auf hunderten Massenveranstaltungen der KPD auf; seine rauhe, emphatische und beinahe metallerne Stimme wird zum Sprachrohr der revolutionären Arbeiterschaft.

1929 werden die ersten Schellackplatten von Ernst Busch produziert, mit Texten von Robert Gilbert ( "Lied der Arbeitslosen", "Stempel-Lied") , Bertolt Brecht ("Solidaritätslied"), Tucholsky ("Bürgerliche Wohltätigkeit"), jeweils zu den Kompositionen Hanns Eislers.Die Vertonungen von Bertolt Brechts und Kurt Tucholskys Texten durch Eisler und ihre Interpretation durch Busch werden zum Symbol der deutschen kommunistischen Arbeiterbewegung. Nebenbei spielt Busch Theater und findet auch Zeit, im damals völlig neuen Genre des Tonfilms als Schauspieler zu reüssieren: in Bertolt Brechts Film "Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt" spielt Busch eine Hauptrolle; auch in anderen, zu den bedeutensten Filmen der Weimarer Republik zählenden Streifen wie "Niemandsland" und der "Dreigroschenoper", spielt Busch mit. Ernst Busch ist zu einem bekannten und gefragten, weit über die Arbeiterbewegung hinaus bekannten Sänger und Schauspieler geworden.

Sein kompromißloser antifaschistischer Einsatz gegen die erstarkende Nazibewegung (Lieder wie "Kampflied gegen den Faschismus") bringt ihm den Hass der Faschisten ein. Gegen Künstler wie Busch, der als Sohn seiner Klasse Kunst für seine Klasse macht und dabei mit charismatischem und natürlichem Auftreten Massenerfolge vor hunderttausenden feiert, sehen die muffigen Barden und Politclowns der Nazis alt aus. Es ist also nur logisch, dass Ernst Busch als einer der ersten und prominentesten Einträge auf den Mordlisten der Nazis steht: Mit der Machtübergabe 1933 wird der Aufenthalt Buschs in Deutschland lebensgefährlich.
Busch, der seit 1929 in der Berliner "Künstlerkolonie" am Laubenheimer Platz (Bonner Straße 11) lebte, sollte Anfang März von der SA verhaftet werden - er entging nur durch großes Glück dem Todesschwadron, indem er die Verhaftung schlicht verschlief. Die SA-Bande nahm an, er hätte das Land längst verlassen, und verzichtete auf eine Wohnungsdurchsuchung. Noch am selben Tag verließ Ernst Busch Deutschland.
"Busch geht bei der Gestaltung des revolutionären Arbeiters sparsam mit Gefühlen um. Es ist die Sparsamkeit des Mannes mit großen Ausgaben. Diese Menschlichkeit hat Klugheit, Mut und Zähigkeit zur Verfügung. Das Eminente an Buschs Kunst ist, daß er eine künstlerische Werkzeichnung abliefert. Die neuen Elemente, aus denen er die Figur baut, machen die Leistung unvergeßlich, aber sie bewirken auch, daß nur wenige Zuschauer sogleich gewahr werden, welche Bedeutung diese Leistung hat. Nicht ohne weiteres nennt ihn jeder einen großen Schauspieler - wie ja auch das Mittelalter, gewohnt an die Alchemisten, die Chemiker nicht ohne weiteres große Gelehrte nannten."

Bertolt Brecht über Ernst Busch
Für Busch folgte eine Odyssee durch die verschiedensten Länder wie Holland, Belgien, die Schweiz, Frankreich und Österreich, bis er in die UdSSR gelangte. Dort konnte er wieder schauspielerisch und künstlerisch tätig werden, arbeitete für den Rundfunk und nahm neue Lieder gegen den Faschismus auf ("Lied der Moorsoldaten") und beteiligte sich an den antifaschistischen Aktivitäten der in Moskau ansässigen Exil-KPD. Mit dem Beginn der spanischen Bürgerkrieges gegen die faschistischen Putschisten um Franco, der insbesondere von Sozialisten und Kommunisten, aber auch von hunderttausendenden bürgerlichen Demokraten der ganzen Welt unterstützt wurde, brach auch für Ernst Busch ein neues Engagement an: ein militärisches, in den Internationalen Brigaden auf Seiten der spanischen Republik.

1937 geht Ernst Busch mit Gleichgesinnten nach Spanien. Er kämpft in den Internationalen Brigaden, vertont die Lieder des Bürgerkriegs und arbeitet für den Rundfunk der Stadt Madrid. 1939 kann die spanische Republik, die nur von der Sowjetunion militärisch unterstützt wird, dem Terror der Franco-Putschisten, die von großen Kontingenten der italienischen Armee und der faschistischen deutschen Luftwaffe unterstützt wird, nicht länger standhalten: mit dem Sieg Francos muss Busch das Land verlassen; er geht wieder nach Belgien. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird er interniert, nach einem Fluchtversuch gefangen genommen und der deutschen Gestapo ausgeliefert: Busch droht das Todesurteil.

Durch die Intervention namhafter Künstler, unter anderem Gustaf Gründgens, erhält Busch "nur" eine vierjährige Haftstrafe, die er im Zuchthaus Moabit absitzen muss. Mittlerweile körperlich stark angeschlagen wird Busch 1945 von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit - dass er ohne die siegreiche Rote Armee den letzten Terrorfeldzug der Nazis gegen Funktionäre und Köpfe der Arbeiterbewegung nicht überlebt hätte, ist wohl sicher.
Im zerstörten Berlin geht Busch zurück zu seiner alten Wohnung in der Künstlerkolonie. Nun beginnt der nächste Abschnitt seines Lebens, im Nachkriegsdeutschland und der DDR.

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Ernst Busch
Ab 1946 wird Busch wieder schauspielerisch tätig, an der Bühne Erwin Piscators. Er verlegt seinen Wohnsitz nach Ost-Berlin, wird Mitglied der SED und arbeitet an Brechts "Berliner Ensemble": er schauspielert, führt Regie und erreicht mit seiner Rolle als Gelileo in "das Leben des Galilei" 1957 wohl seinen künstlerischen Höhepunkt. Ab 1960 ist Busch aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme gezwungen, der Bühne den Rücken zu kehren. Dazu kamen Auseinandersetzungen mit der damaligen SED-Führung: Busch hatte sich erlaubt, auf einer ZK-Sitzung Erich Honecker anzugreifen - dies beendete seine politische Karriere.

In seinen letzten Jahren konnte Ernst Busch seinen Traum, das Gesamtwerk revolutionären politischen Liedguts zu vertonen, noch weitgehend verwirklichen: von den Bauernkriegen über die Oktoberrevolution, des spanischen Bürgerkrieges und der Großen Vaterländischen Krieges bis zum antifaschistischen Kampf der 20er und 30er Jahre umfasst Buschs Werk thematisch geordnete Platten. In der von Ernst Busch herausgegebenen "Aurora"-Reihe beim VEB Deutsche Schallplatte sind 28 EP- und 2 LP-Platten erschienen, als Ernst Busch am 08.06.1980 stirbt. Sein Gesamtwerk umfasst weit mehr als tausend Aufnahmen.

Achtzig Jahre alt wurde Ernst Busch; ein ungewöhnliches, kompromißloses, erfülltes und kämpferisches Leben fand sein Ende. Ernst Busch, einer der außergewöhnlichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, ist tot, aber immer noch aktuell. Er hat viel mehr geleistet als zu vertonen oder zu schauspielern: er hat Mahnungen, Aufforderungen und Positionierungen gegeben. Auch heute werden auf antifaschistischen Demonstrationen die Lieder Buschs gespielt - was bedarf es mehr als Beweis, dass Ernst Busch keineswegs antiquiert ist, als wiederum marschierende Faschisten auf deutschen Straßen. Was Ernst Busch dazu zu sagen hätte, wissen wir - wir müssen nur seine Lieder hören.



Ernst Buschs Werk

Filmographie:
  • Katharina Knie - die Tochter des Seiltänzers 1929
  • Die Dreigroschenoper 1931 (Busch singt „Zweites Dreigroschenfinale“, „Ballade von Mackie Messer“, „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“)

  • Gassenhauer 1931 (Es singen die Comedian Harmonists, Busch hat eine kurze Soloeinlage)

  • Das Lied vom Leben 1931 (Busch singt „Kessel-Song“, „Über das Seefahren“, „Anrede an ein neugeborenes Kind“, „Baby, wo ist mein Baby?“, m.d. Comedian Harmonists)

  • Kameradschaft 1931

  • Die Koffer des Herrn O.F. 1931 (Busch singt „Meine Damen, meine Herren“, „Hausse-Song“)

  • Niemandsland 1931 (Busch singt: „Für das bißchen täglich Brot“, „Im Wald, wo's Echo schallt“, „Kriegs-Song“; das Schlusslied „Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre zur Hand“ wurde von der Zensur verboten.)

  • Razzia in St.Pauli 1932 (Busch singt „Lied vom Heer der Hafenarbeiter“)

  • Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt 1932 (Busch singt „Solidaritätslied“, „Lied für Sportkämpfer“)

  • Strafsache van Geldern 1932

  • Die Zwei vom Südexpress 1932

  • Eine von uns 1932 (Busch singt „Nur auf die Minute kommt es immer an“, „Der erste Schritt vom rechten Weg“)

  • Das Meer ruft 1933 (Busch singt „Der brave Peter - als wir von Carravals kamen“)

  • Dood Water 1934 (Goldener Löwe, Biennale Venedig) (Busch singt den Prolog zum Film)

  • Kämpfer 1936 (Busch singt „Die Moorsoldaten“)

  • Lied der Ströme (Busch und Paul Robeson singen „Lied der Ströme“/„Song of the Rivers“)

  • Fünf Patronenhülsen 1960 (Busch singt „Die Jarama-Front“)

  • Mutter Courage und ihre Kinder 1961 (Busch und Helene Weigel singen „Bettellied der großen Geister“, „Mutter Courages Lied“; „Der Pfeifenpieter“ wurde nicht übernommen)

  • Die Ermittlung - Oratorium in 11 Gesängen 1966 (Fernsehfilm)

  • Ich war neunzehn 1968 (Busch singt „Am Rio Jarama“)

  • Goya – oder Der arge Weg der Erkenntnis 1971

  • L'età della pace (dt. Zeit des Friedens) 1974 (Ernst Busch singt „Bandiera Rossa“)


Diskografie (ausgewählt nach lieferbaren CDs):
  • Chronik in Liedern, Kantaten und Balladen
    1. Streit und Kampf
    2. Roter Oktober
    3. Die goldenen Zwanziger
    4. Echo von links
    5. Hoppla, wir leben
    6. Es brennt
    7. Spanien 1936-1939
    8. An die Nachgeborenen
    9. Ist das von gestern
    10. Zu guter Letzt

  • Lied der Zeit - Originalaufnahmen 1946-1953
    1. Wie könnten wir je vergessen
    2. Fort mit den Trümmern
    3. Fragen eines lesenden Arbeiters
    4. Du mußt die Führung übernehmen
    5. Eure Träume gehen durch mein Lied

  • Originalaufnahmen aus den 1930er Jahren
    1. Der rote Orpheus
    2. Der Barrikaden-Tauber

  • Songs, Lieder, Gedichte - Ernst Busch singt Brecht

  • Merkt ihr nischt! - Ernst Busch singt Tucholsky/Eisler

  • Eines alten Seebären Schwanensang - Ernst Busch singt Seemannslieder

  • Ernst Busch - verehrt und angespien - Busch spricht Texte von Villon, Lenz und Goethe

  • Lieder der Arbeiterklasse & Lieder des spanischen Bürgerkriegs

  • Tucholsky, Eisler, Wedekind

  • Ernst Busch singt und spricht Erich Kästner

viele CDs Ernst Buschs sind auch heute noch/wieder lieferbar.

 
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