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Von secarts

Ich wohne in einer Studentenstadt. Und bin selbst Student. Was das heißt? Du kommst mit unheimlich vielen interessanten Menschen zusammen. Da gibt es die "Karohemd und Samenstau - ich studier' Maschinenbau"-Fraktion, die Yuppies von übermorgen, stilgerecht mit historischer Aktionkurs-Fieberkurve über dem Fernseher, und natürlich die Öko-Bewegten. Männliche Exemplare tragen bevorzugt selbstgestrickte Pullover zu Dreadlocks, haben ein Stotterproblem und einen dauerbetroffenen Blick. Stets eine Jutetasche mit Aufnäher "Atomkraft? Nein danke" oder auch "Attac" drauf dabei und meistens auf einem in Tigerenten-Farbe angemalten Fahrrad unterwegs sind sie schon von Weitem zu erkennen. Weibliche Exemplare sind im Übrigen genauso, nur eben weiblich.
Meistens sind sie in irgendeiner Basisgruppe engagiert, haben was gegen Intoleranz, kommen mit dem ganzen Elend nicht mehr klar und wollen am Liebsten ganz ohne Herrschaft leben. In der WG klappt es ja schließlich auch, warum dann nicht auf der ganzen Welt? Und um irgendwo anzufangen im Kampf um eine friedliche Gesellschaft muss man bei der Befreiung der Schwächsten beginnen, ist doch klar. Und die Schwächsten sind natürlich die Tiere, die von den Menschen aufgefressen werden. Also was tun gegen den Holocaust an den Tieren, und natürlich gleichzeitig auch die sexuelle Unterdrückung im Auge behalten. Denn schon bei Sprache fängt die Diskriminierung an. Also muss mensch erst mal sämtliche sexuellen Unterdrückungsfloskeln streichen, bevor an vollkommene Anarchie zu denken ist. Denn Befreiung fängt bei jedem Einzelnen - pardon, natürlich auch jedeR EinzelneR - ganz konkret an.
Also wird erst mal analysiert, wo sich Geschlechterdominanz manifestiert und was man dagegen tun kann. Sex ohne Penetration ist schon mal ein guter Anfang, ist doch der typische Koitus eindeutig erfunden worden, um die Frau zu demütigen und dem Manne ein Triumphgefühl zu bescheren. Daneben muss der Speiseplan natürlich auch umgestellt werden, denn viele Worte ohne Taten gibt es schon genug. Und außerdem - Tofu soll nach mehrjährigem ausschließlichen Verzehr irgendwann auch ganz gut schmecken. Natürlich sollte das Zeug schon aus fairem Handel sein, geht ja nicht, für den eigenen Genuß auch noch wen auszubeuten. Den dreifach über normal liegenden Preis kann man ja aus den Zinsen der Öko-Bank locker bestreiten - Hauptsache, man schläft Nachts noch gut.
Es ist gar nicht so schwer, ein guter Mensch zu sein. Man muss nur mal bei sich selbst anfangen, dann wird das schon. Und wenn man dann mal erwachsen ist, kann man ja die Grünen wählen und vielleicht noch einige Quadratmeter Regenwald kaufen, um für die nächste Generation etwas Gutes zu tun, denn atmen müssen wir ja schließlich alle mal.

Links zum Thema:

(und natürlich auch LinkInnen!): was tun gegen Sexismus!

 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Mittwoch, 18.08.2004 - 00:48

Für eine eingehende und fundierte Diskussion bin ich natürlich zu gewinnen smiley
Erst mal vorneweg: Meine Kritik richtet sich keineswegs gegen alle Menschen, die mit ihrer Umwelt so nicht einverstanden sind - denn dazu kann ich mich selbst auch zählen. Mir ging es hier um ganz was anderes, sozusagen um eine ganz bestimmte Spezies kleinbürgerlicher Prägung... Die von mir hier kritisierten Erscheinungen halte ich teilweise für schlimmer als an den wirklichen Problemen vorbeigehend: sie erfüllen, objektiv gesehen, den Tatbestand der VERSCHLEIERUNG.
Solange wir hier im saturierten Westen noch Energie und Zeit aufbringen, uns über Sex als Geschlechterdiskriminierung und Tierholocauste Gedanken zu machen, tun wir de facto nichts anderes, als die echten Probleme der Menschheit mit Missachtung zu strafen.

Erstens: Der von dir herbeizitierte Dritte-Welt-Mensch lebt keinen Funken besser, wenn hier Schattengefechte über Fleischverzehr oder Political Correctness vom Zaun gebrochen werden. Im Gegenteil: Wir absorbieren unsere potentielle revolutionäre Kraft in - in der Tat: LÄCHERLICHEN - Nebenschauplätzen. Oder, mal ganz anders formuliert: Solange noch ein Mensch auf der Welt leidet, ist mir das Viehzeug eben erst mal egal. Praktische Solidarität mit hungernden Menschen wäre die Beseitigung eines der Hauptprofiteure des Elends auf der Welt: der deutschen imperialistischen Wirtschaft. Im Übrigen halte ich die von mir erwähnten Dinge wie "fairer Handel" oder "Geld bei der Öko-Bank in sozial verträgliche Projekte investieren" für äußerst gefährlich, denn sie suggerieren, dass sich ohne Ausbeutung im Kapitalismus Geld machen läßt. Ich sehe das, mal frei nach Marx, so: Gewinn hat was mit Mehrwerterwirtschaftung zu tun. Und Mehrwert ist eben nur durch Ausbeutung zu erwirtschaften. Insofern ist derjenige, der darauf hofft, mal eben fair 'ne Dividende rauszuhauen, ohne sich die Finger schmutzig zu machen, entweder völlig naiv - oder ein gefährlicher Blender. Nackte, direkte, brutale Ausbeutung läßt wenigstens keinen Zweifel am System aufkommen; sozial verbrämte, auf fair getrimmte Ausbeutung hingegen ölt die Maschine geradezu und verlängert ihre Lebensdauer.

Zweiter Punkt: Die globale Verknappungstheorie ist erstmal nur eine Theorie. Tatsächlich reichen die heutigen Vorräte an erwirtschafteter Nahrung für durchschnittlich 10 Milliarden Menschen aus - rein zahlenmäßig gesehen. Korrekt, es ist natürlich ein Problem der Verteilung. Die ändert sich allerdings nicht durch Austauschen des Speiseplans - Überschüsse aus dem Westen werden solange ins Meer geschüttet oder verbrannt, wie es Kapitalismus gibt. Insofern bringt persönlich sicherlich gut gemeinter Verzicht gar nix - das Individuum revolutioniert eben nicht mal einfach so im Einzelkampf die Gesellschaft. Es ist vielmehr eine Frage von gemeinsam durchgeführtem Kampf - und der ist eben, und da wären wir bei Drittens, mit gutmenschelnden Kleinbürgern so eine Sache...

Die von mir hier karikierten Personen sind - sicherlich polemisch zugespitzt, gebe ich ja zu - sozial Abgesicherte mit einer typisch kleinbürgerlichen Attitüde. Eben Wohlstandsgehabe: Wer sich um das grundsätzliche Überleben keine Gedanken machen muss, kann getrost auf sein Steak verzichten - genau da liegt die Arroganz und Ignoranz dieser Haltung versteckt.
In der Ausbeutungsfrage gebe ich dir Recht - nur jetzt such mir mal einen Bandarbeiter, der aus Gerechtigkeit den Tieren gegenüber aufs Fleisch verzichtet und Sex wegen Frauenunterdrückung ablehnt - wird schwer (damit will ich natürlich nicht sagen, dass Arbeiter ihren Interessen gemäß handeln. Das ist eine ganz andere Geschichte. Die verballern ihre Energie eher in Fußballstadien smiley
Im typisch studentisch-kleinbürgerlichen Millieu finden sich solche oder ähnliche Charaktere wie von mir karikiert allerdings zu Hauf - und später dann bei den Grünen. Und ob die die Welt nun auch nur ein kleines Stück weit verbessert haben, wäre eine eigene Website wert, finde ich...


  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Mittwoch, 18.08.2004 - 00:21

Das klingt jetzt aber ganz nach persönlicher Frustbewältigung. Nein, Secarts, iß Dein Fleisch und laß Dir das nicht vermiesen!
Aber, so ganz unkommentiert will ich das nicht lassen:

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Bourgeoisie die Proletarier ausbeutet. Hier und in der 3. Welt (ich laß den Ausdruck mal stehen, obwohl gewisse Müslis damit Probleme haben, soll sie halt rund sein - oder 1. Welt wir, 2. Welt im Kofferraum für nachher und dritte Welt da unten). Mit dem billigen Kaffee als deutlichstes Element, aber auch mit Fleisch von drittweltsojagemästeten Viechern, Teppichen von Kinderhand, Müllentsorgung weit ab von den Inis, bis zum Urlaubsvergnügen mit der Verhütungsmethode "Dutroux" beutet Europa dir Länder Afrikas aus. Dabei wird der Proletarier mit den billigen Lebensmitteln zum Komplizen der Ausbeutung gemacht, die Spaltung der internationalen Arbeiterklasse ist perfekt. Es ermöglicht dem Bourgeois, die Löhne so gering zu halten, daß schlußendlich der gemanische Prolet darauf angewiesen ist, die Kollegen in den weniger privilegierten Ländern auszunutzen und somit die Verhältnisse zementiert werden.

Und das hat gar nichts mit selbstgestrickten Wollsocken zu tun!

Setze statt Neger Blume und wir sind in der Öko-Debatte. Ist es schlimm, darauf hinzuweisen, daß man derzeit mehr verbraucht, als man wieder gewinnt? Quasi immer wieder etwas abhebt vom Konto? Ich habe Dir gegenüber den großen Vorteil, eher zu sterben, trotzdem sollten wir mal eingehend und fundiert darüber diskutieren.

Um es klarzustellen: Daß Du lächerliche Personen dazu nutzt, ernste Sachen gleichfalls lächerlich zu machen, heißt nicht im Umkehrschluß, daß, wenn die lächerlich gemachten Sachen doch ernsterer Natur sind, dies auch für die zuhilfe genommenen Personen gilt.