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NEUES THEMA24.09.2007, 15:56 Uhr
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secarts

• Buddhismus-Tourismus Lhasa ist, wie ich bereits schrieb, eine touristisch geprägte Stadt. Das hat einerseits seinen besonderen Flair - man fällt als "Langnase" nicht allzu sehr auf; im Gegensatz zu vielen anderen, abgelegeneren chinesischen Städten wird man nicht sofort zur Zielscheibe des öffentlichen Interesses. Die meisten Touristen hier sind Chinesen, aus allen möglichen Teilen des riesigen Landes. Aber auch viele Westler sind hier anzutreffen: nur einen Tag in Lhasa, und man trifft so viele Deutsche wie sonst in zwei Monaten in ganz China, Beijing eingeschlossen (ich spreche aus Erfahrung)...

[dsc03161.jpg]Die besondere Affinität deutscher Weltenbummler zum "Dach der Welt" läßt sich nicht einfach so mit der Faszination der hohen Berge oder dem Reiz gesunder Höhenluft erklären. Jahrzehntelange Tibet-Propaganda (mehr dazu hier index.php?show=article&id=444), multimedial inszenierter Dalai-Lama-Hype und ein idealisiertes Bild vom tibetischen Buddhismus trugen ihren Teil dazu bei, Tibet zum Zielgebiet Nummer Eins fuer deutsche China-Touristen zu machen. Deutsch ist, nach Tibetisch, Hochchinesisch und Englisch, die meistgehörte Sprache hier. Und die der religiösen Faszination verfallene deutsche Touristin, die kurzerhand ihre Haarpracht ablegt, ihre Kleidung gegen buddhistisches Mönchsgewand eintauscht und mit einer Gebetsmühle in der Hand entrückt durch die Straßen Lhasas wandelt, ist kein Klischee für einen ironischen Comic, sondern tatsächlich anzutreffen...
Ich weiss nicht, ob es möglich ist, ein Land zu bereisen, und trotzdem rein gar nichts von den Realitäten dort wahrzunehmen - im Gespräch mit manchem deutschen Touristen beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass dies durchaus geht. Es gibt Tempel, Klöster, Dagobas und Stupas genug, die man besichtigen kann, um bloss keinen Blick auf die Wohnhäuser der einfachen Menschen werfen zu müssen. Klingt das hart? Vielleicht. Im "Museum der tibetischen Kultur" jedenfalls, das nicht in den Kanon der unkritisch-idealistischen Buddhismus-Rezeption a la Bild-"Zeitung" und Dalai Lama einstimmt, sah ich keinen einzigen westlichen Touristen. Das ist schade, denn dort sind auch die düsteren Seiten der tibetischen Geschichte zu betrachten, wie zum Beispiel der unglaublich prasserische Reichtum der - heute abgesetzten - Mönchstheokratie, die das Land bis 1950 im Würgegriff hielt, im Kontrast zu den erbärmlichen Lebensbedingungen, unter denen die einfache Bevölkerung zu leben hatte. Dort sind Trompeten aus den Oberschenkeln sechzehnjähriger Mädchen zu sehen, die für bestimmte Rituale des tantrischen Buddhismus tibetischer Färbung benötigt wurden, und extrem frauenfeindliche Kultgegenstände, die im tantrischen Buddhismus der Unterwerfung der Frau, zwecks Aneignung der "weiblichen Energie" durch hohe Gelbmützen-Mönche, dienten. All das passt natürlich wenig zu dem, was man in Deutschland gemeinhin über das unberührte Märchenland im Himalaja zu wissen glaubt. Doch auch das gehört, neben den schönen, ästhetischen und unglaublich reichen Facetten der alten und tiefen tibetischen Kultur, dazu. Dies auszublenden heisst selektiv zu sehen.

Der tibetische Buddhismus unterscheidet sich von anderen Buddhismusvarianten. Einerseits gibt es in Tibet die reichste und unverfälschteste buddhistische Literatur einzusehen, die von Mönchen über Jahrtausende konserviert wurde - viele der indischen Originaltexte existieren im Ursprungsland längst nicht mehr; die Abschriften in Tibet sind hingegen noch verfügbar. Andererseits hat der tibetische Buddhismus viel aus den älteren Kulturen und Religionen, die früher in Tibet gebräuchlich waren, adaptiert - so zum Beispel ein ganzes Sammelsurium von Schutzheiligen und Götzen aus dem atavistischen "Bön"-Glauben der Urbevölkerung. Ein "reiner" Buddhismus wird und wurde hier also nie praktiziert; die tibetische Variante des Glaubens ist vielmehr höchst eklektisch. Und sie hat, stärker als andere Buddhismus-Varianten, ihre düsteren, nekrophilen und brutalen Seiten. Dazu gehörten die barbarischen Bestrafungsrituale, die im Leibeigenschafts-System bis zur Befreiung 1950 praktiziert wurden (und in dem das Abschneiden von Nasen und Ohren oder das Einnähen in nasse Yakhaut bei lebendigem Leibe, was zu einem grauenhaften und langsamen Tod führte, noch zu den milderen Strafen zählten) ebenso wie gewalttätige und ganz und gar intolerante Rituale, wie zum Beispiel das Kalachakra-Tantra (ein Ritual, dass der derzeitige Dalai Lama immer noch jedes Jahr öffentlich aufführt und dass das Armageddon, also einen apokalyptischen Endkrieg - zwischen Buddhismus und Islam! - beschwört). Gewalttätige Elemente sind natürlich nicht nur oder prioritär der tibetischen Kultur eigen. Doch sie wegzuleugnen und durch ein idealistisches Wunschbild vom Paradies über den Wolken, in dem nur Tolerenz und Gutmütigkeit regieren zu ersetzen, heisst eben - selektiv wahrzunehmen. Mit der echten Geschichte Tibets, die - wie jede menschliche Zivilisation - ihre lichten und ihre dunklen Seiten hat, hat dies wenig zu tun.

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Der Buddhismus ist in Tibet auch heute noch aktuell. Die Mönche, Lamas und Gläubigen gehören wie selbstverständlich zum Alltagsbild; und das Leben in Tibet hat nach wie vor einen starken jenseitigen Einschlag. Die Form, in der dieser Glauben praktiziert wird, hat seine sympathischen und seine befremdlichen Seiten. Die Erdverbundenheit mancher Lamas, die, mit dem Handy spielend, Musik über den MP3-Player hörend oder in Videotheken stöbernd ganz und gar nicht weltentrückt wirken, zeigt die Kombinierbarkeit eines modernen Lebens mit religiösen Vorstellungen. Das monoton-mitleiderweckende Verhalten vieler Gläubiger, die - freiwillig - in Lumpen gehüllt über den Boden robben, sich hundertemale vor Tempeln in den Strassenstaub werfen oder, Mantras murmelnd, stundenlang (und manchmal lebenslang!) Gebetsmühlen und Trommeln drehen, reizt hingegen zu psychologischen Spekulationen: das zwanghafte vielhundertfache Wiederholen der gleichen Handlungen fiele wohl unter den Begriff Neurose, wenn der klinische Arzt das Phänomen untersuchen würde. Demut, Abbitte und Vergebung sind zentrale Elemente dieses buddhistischen Glaubens. Manch ein Pilger legt Strecken von hunderten Kilometern zurück, indem er sich nach jedem gegangenen Schritt auf den Boden wirft, ein Gebet murmelt und das Ganze wiederholt, bis das Ziel - irgendein Tempel oder Kloster - nach einigen Jahren (!) erreicht ist. Die bei Touristen so beliebten Gebetsmühlen und -trommeln, die zu monotonem Gemurmel gedreht werden, sind nur eine Vereinfachung dieser Form der Glaubenspraktizierung: die Drehung der Gebetsmühle ersetzt ein gesprochenes Gebet. Und alte Frauen und Männer, die mit diesen Gegenständen durch die Strassen gehen, geben ein schönes Fotomotiv ab - doch die Kritik alle Umstände, das ist zumindest Materialisten klar, beginnt mit der Kritik der Religion...

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Davon wollen viele westliche Touristen nichts wissen. Tibet wirkt geheimnisvoll, fern und so ganz anders, wenn Lamas und Nonnen ihre geheimnisvollen Rituale aufführen - und alles, was an Zuhause erinnert (westlicher Lebensstandard, Internet, moderne Häuser, Autos, etc...) ist auf den "verwerflichen" Einfluss der Chinesen zurückzuführen, die so die "authentische" tibetische Kultur sukzessive zerstören würden. Den Einfluss der Han-Chinesen auf das tägliche Leben hier kann man nicht wegleugnen. Die Frage ist nur, ob man dies denn sollte: die Eisenbahn, das Flugzeug oder die Autobahn, die die Touristen hierher gebracht haben, gäbe es ohne die VR China ebensowenig wie das moderne Hotel mit fliessend Wasser und Toilette oder die Drogerie, die dann doch gerne aufgesucht wird, wenn einen Reisezipperlein plagen... Nicht einmal eine Einreisegenehmigung war zu Zeiten der unumschränkten Herrschaft der Buddhokraten zu bekommen. Dies wissen die meisten Touristen sicherlich nicht einmal.

Nein, ich finde es gar nicht schlimm, hier Deutsche zu treffen, gelegentlich die Muttersprache zu hören und nicht immer in Englisch radebrechen zu müssen. Ein bisschen mehr Einfühlungsvermoegen, ein wenig mehr Abstand vom soliden Halbwissen, das deutsche Medien vermitteln, und etwas mehr Respekt vor den realen Lebensbedingungen, die kaum nach Fotoalbumstauglichkeit gemacht sind, das wünscht man sich gelegentlich als Mit-Deutscher. In meiner Jugendherberge, in der sich Generationen von Rucksacktouristen mit mehr oder weniger geistreichen Sprüchen an der Wand im Eingangsbereich verewigt haben, fand ich auch Folgendes (auf englisch) geschrieben : "Ein typisch chinesischer Platz... wir wurden hier, wie alle Ausländer, nur unfreundlich behandelt. Ihr müsst noch viel lernen vor der Olympiade 2008! Gez. Tim und Struppi, Germany". Ist das typisch deutsch? Genau zu wissen, was wer zu lernen hat? Wahrscheinlich, in den Augen des Schreiberlings, zuerst mal die deutsche Sprache, um wie auf Mallorca im 17. Bundesland behandelt zu werden... Hoffentlich ist das nicht typisch deutsch. Oder sollte Kurt Tucholsky doch Recht gehabt haben, als er schrieb: " Als Deutscher im Ausland steht man zuerst vor der Frage, ob bereits Deutsche da waren oder ob man sich benehmen muss..."?



Anmerkung: ich bediene mich sowohl auf der Karte als auch in den Artikeln der offiziellen chinesischen Pinyin-Umschrift, die vielfach von der hierzulande bekannten, allerdings überholten Umschrift abweicht. "Guangzhou" ist gleichbedeutend mit "Canton", "Beijing" mit "Peking" und so weiter. Wenn einmal ein Wort nicht verständlich ist, bitte gleich in den Kommentaren nachfragen!

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