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NEUES THEMA10.04.2023, 17:57 Uhr
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arktika

• Südafrika: Vor 30 Jahren Mord an Chris Hani Vor 30 Jahren wurde in Südafrika Chris Hani, der "Mann im roten Trainingsanzug" ermordet. Der »südafrikanischer Che Guevara« war war Stabschef des bewaffneten Arms des African National Congress (ANC), Umkhonto we Sizwe, und Generalsekretär der mit dem ANC verbündeten South African Communist Party (SACP) und galt als als wahrscheinlichster Nachfolger Nelson Mandelas.

Dazu ein Text von Christian Selz in der jW von Ostersonnabend:

Der Mann im roten Trainingsanzug
Als den Anführern der südafrikanischen Befreiungsbewegung Regierungsposten winkten, blieb Chris Hani unkäuflich. Vor 30 Jahren wurde der Revolutionär erschossen


m Kampf gegen das rassistische Apartheidregime war Martin Thembisile »Chris« Hani für die unterdrückte schwarze Mehrheitsgesellschaft Südafrikas ein Held. Hani, oft als »südafrikanischer Che Guevara« bezeichnet, war Stabschef des bewaffneten Arms des African National Congress (ANC), Umkhonto we Sizwe, und Generalsekretär der mit dem ANC verbündeten South African Communist Party (SACP). Der wichtigste Politiker des linken Flügels innerhalb der Befreiungsallianz galt als gleichsam charismatisch wie prinzipienfest und wurde als wahrscheinlichster Nachfolger Nelson Mandelas an der Staatsspitze gehandelt. Doch der energische Mann aus der ländlichen Kleinstadt Cofimvaba in der heutigen Provinz Ostkap erlebte nicht einmal die ersten freien Wahlen 1994 und die Regierungsübernahme des ANC. Vor 30 Jahren, am 10. April 1993, wurde Hani, damals 50 Jahre alt, von einem weißen Rassisten vor seinem Wohnhaus in Boksburg bei Johannesburg aus nächster Nähe erschossen. Der Mord brachte Südafrika noch einen gefährlichen Schritt näher an die Grenze zum Bürgerkrieg. Dass es dazu nicht kam, verdankt das Land vor allem dem entschiedenen Eingreifen Nelson Mandelas. Noch vor Regimechef Frederik Willem de Klerk trat Mandela vor die Kameras des Staatsfernsehens, hob hervor, dass es eine weiße Frau gewesen war, die den Hinweis zur Ergreifung des Attentäters geliefert hatte, und warnte die ANC-Anhänger davor, sich von der Tat provozieren zu lassen. Das revolutionäre Lager Südafrikas wurde durch den Tod Hanis dennoch nachhaltig geschwächt.

Unverbrüchlicher Kämpfer

Hanis Kompromisslosigkeit machte ihn auch nach der Aufhebung des Verbots von SACP und ANC zu einem der gefürchtetsten Widersacher der Apartheidregierung. Noch im August 1990 drohte Hani in einer Rede an der Universität der Transkei in Mthatha, dass der ANC gezwungen sein könnte, »die Macht zu ergreifen«, wenn das weiße Regime keine Zugeständnisse mache. Praktisch setzte Hani sich für die Integration der Kämpfer des Umkhonto we Sizwe in die neuen demokratischen Streitkräfte ein, auf ideologischer Ebene stritt er für eine Verteidigung der revolutionären Ideale seiner Bewegung. Hani wusste um das Risiko, dass die Führung der Befreiungsbewegung einer Beibehaltung der ökonomischen Machtverhältnisse zustimmen könnte, wenn sie dafür politische Macht bekam. »Wovor ich Angst habe, ist, dass die Befreier zur Elite aufsteigen, die in Mercedes-Benz herumfährt und die Ressourcen des Landes nutzt, um in Palästen zu leben und Reichtümer anzuhäufen«, erklärte er in einem Interview mit der afrikaanssprachigen Tageszeitung Beeld im Oktober 1992. Hani, auch das äußerte er klar und deutlich, ging es nicht um Regierungsposten, sondern um die Fortführung des Kampfes zur Verbesserung der sozialen Lage der südafrikanischen Arbeiterklasse.

In den Verhandlungen zum Übergang zur Demokratie in Südafrika stand er damit jedoch relativ allein auf weiter Flur. Die Gespräche zwischen Staatsmacht und ANC-Führung hatten bereits Mitte der 1980er Jahre auf Vermittlung internationaler Bergbaukonzerne begonnen, die einerseits durch Streiks und Aufstände ihre Profite geschmälert und andererseits ihren Besitz durch eine etwaige Revolution gefährdet sahen. Auch in den Reihen des ANC, für den der spätere Präsident Thabo Mbeki die ersten Gespräche auf einem englischen Landsitz führte und der heutige Staatschef Cyril Ramaphosa federführend an der Ausarbeitung der neuen liberalen Verfassung beteiligt war, schaffte Hani sich mit seiner Position einflussreiche Gegner.

Widerstände hatte Hani nie gescheut. Schon Ende der 1960er Jahre zog er den Zorn von Teilen der ANC-Führung auf sich, der er vorwarf, ein sicheres und relativ luxuriöses Leben im Exil über einen entschiedenen Einsatz für den bewaffneten Befreiungskampf zu stellen. In einem Memorandum forderte Hani, der stets bei den Truppen in den Untergrundlagern lebte, aktive Kampfhandlungen zum Sturz des Apartheidregimes. Kurze Zeit später ging der in der Sowjetunion und der DDR militärisch ausgebildete Guerillaanführer nach Lesotho, wo er die Rekrutierung neuer Widerstandskämpfer aus Südafrika koordinierte. Mit manchen seiner Prinzipien trieb er dort sogar die eigenen Leibwächter beinahe in den Wahnsinn. Wie Janet Smith und Beauregard Tromp in ihrer 2009 erschienenen Biographie »Hani – A Life Too Short« schrieben, bestand Hani trotz der Gefahr von Attacken des Apartheidgeheimdienstes auf seinen morgendlichen Joggingrunden, bei denen ihm zwei zu seinem Schutz abgestellte Kämpfer in übergroßen Pullovern folgten, in denen sie ihre Pistolen versteckt hielten. Hani selbst trug dabei, »vielleicht als Spott gegen seine Möchtegernkiller oder vielleicht aus persönlicher Vorliebe«, wie es im Buch heißt, »oft einen roten Trainingsanzug«. Trotz zweier Versuche, ihn zu erschießen, verfehlten die Schergen des Regimes Hani stets.

Mörder auf freiem Fuß

Ermordet hat ihn schließlich, ein gutes Jahr nach der Niederlegung der Waffen durch den Umkhonto we Sizwe, der aus Polen nach Apartheid-Südafrika ausgewanderte Rassist Janusz Walus, im Auftrag des rechtskonservativen Politikers Clive Derby-Lewis. Beide wurden dafür 1993 zum Tode verurteilt, profitierten aber von der neuen Verfassung Südafrikas, mit der die Todesstrafe abgeschafft wurde. Derby-Lewis wurde 2015, ein Jahr vor seinem Tod, aufgrund einer Krebsdiagnose aus der Haft entlassen. Walus erreichte Ende 2022 durch ein Urteil des Verfassungsgerichts gegen den Widerstand der Regierung seine Freilassung auf Bewährung. Einer Rückkehr nach Polen, wo er von der extremen Rechten als Held verehrt wird, steht bislang allerdings noch eine Verfügung des südafrikanischen Justizministeriums entgegen, wonach der Hani-Mörder während seiner zweijährigen Bewährungszeit Südafrika nicht verlassen darf.

Hanis Familie und die SACP kritisierten die Freilassung Walus’ auch deshalb, weil dieser ihrer Ansicht nach nie die vollständigen Hintergründe der Tat offengelegt habe. In Südafrika kommen immer wieder Gerüchte auf, wonach hochrangige Widersacher Hanis innerhalb des ANC in das Mordkomplott verstrickt gewesen sein sollen. Die Vorwürfe kamen dabei aber nie wirklich über die Ebene der Frage nach dem Nutzen von Hanis Tod hinaus, handfeste Beweise für die Involvierung weiterer Mittäter gibt es bis heute keine. Hanis Alptraum ist derweil im Wesentlichen wahr geworden: Die Regierungselite lässt sich in Luxuslimousinen deutscher Bauart chauffieren, an den Besitzverhältnissen im Land hat sich wenig geändert.


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