DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
NEUES THEMA20.04.2022, 15:56 Uhr
Nutzer / in
arktika

• Vergessene Orte: "Zigeunerlager" Niederzwehren Gebaut als "Zigeunerlager", später dann Zwangsarbeiter (Innen?) + Kriegsgefangene, dann Jüdinnen u. Juden u. "Judenmischlinge" - das Lager Niederzwehren in Hessen:

„Vergessener Ort in Kassel“:
Internierungslager in Niederzwehren für Sinti und Roma


Wo heute ein dichter Wald steht, gab es bis in die Nachkriegszeit ein Internierungslager für Sinti und Roma. Wir blicken auf die Geschichte des Ortes in Kassel-Niederzwehren.

Kassel – Als Carsten Huhn vor einem Jahr auf ein Grundstück an der Wartekuppe in Kassel zog, wusste er nicht, dass an diesem Ort so viel Leid geschehen ist, und er gleichzeitig so viel mit seiner eigenen Lebensweise zu tun hat. Stück für Stück setzt der 50-Jährige nun ein Puzzle zu einem Internierungslager zusammen, das 1937 von den Nazis für Sinti und Roma eingerichtet wurde. Dabei bittet er um Hinweise von möglicherweise noch lebenden Zeitzeugen oder deren Nachkommen.

Huhn ist der Kopf der „Circuswagenwelt“. Sein Betrieb saniert und baut Zirkus- und Bauwagen – er selbst lebt seit 20 Jahren in einem solchen. Vor einem Jahr erwarb der Kasseler das Grundstück in Niederzwehren, um dort sein neues Domizil zu beziehen. Damals wusste er noch nicht, wie geschichtsträchtig der Ort ist. Erst auf seinem 50. Geburtstag erzählte ihm ein Freund von dem sogenannten „Zigeunerlager“, das sich neben seinem Grundstück erstreckte.

Kassel: Carsten Huhn will mehr über das Internierungslager für Sinti und Roma herausfinden

Der Zirkuswagenexperte wollte sofort mehr erfahren. Bis vor etwa 20 Jahren hatte er sich viel mit Konzentrationslagern befasst, etliche besucht – auch in Osteuropa – und mit Überlebenden sprechen können. Zudem sei ihm die Lebensweise der Sinti und Roma sehr nahe durch sein Leben im Wagen. „Auch wenn ich hier natürlich heute freiwillig stehe und es zum Glück keinen Stacheldraht außen herum mehr gibt.“

Bei seiner Recherche musste Huhn feststellen, dass die Geschichte des Lagers noch unterbelichtet ist. Anders als etwa das große Kriegsgefangenenlager am benachbarten Keilsberg, wo Tausende Soldaten eingesperrt waren, sei das Holzbarackenlager an der Wartekuppe weitestgehend unbekannt. Es gibt nur wenige Fotos und Karten im Stadtarchiv.

Kassel: Internierungslager für Sinti und Roma wurde 1937 von den Nationalsozialisten eingerichtet

Es war 1937 von den Nationalsozialisten eingerichtet worden und bereits im ersten Jahr hatten diese dort 200 Sinti und Roma in 39 Wohnwagen interniert. Diese durften das Lager, das ab 1938 von der Polizei bewacht wurde, nur zur Arbeit verlassen. Die Zustände waren schlecht. Schon bald beschwerte sich der damalige Kasseler Oberbürgermeister Gustav Lahmeyer (NSDAP) beim Regierungspräsidenten über die weiteren Zuweisungen von „Zigeunern“ aus dem Umland nach Kassel.

Die Zahl der Sinti und Roma im Lager sank in der Folge rasant. 1940 waren sie ganz verschwunden. „Wohin sie kamen, ist nicht in allen Fällen geklärt“, sagt Huhn. Kasseler Historiker, die sich mit der Geschichte befasst haben, fanden Belege zu Deportationen – unter anderem ins KZ Buchenwald. Damit war das Lager aber nicht aufgelöst. Ab 1940 wurden dort zunächst verschleppte Zwangsarbeiter – etwa für den Waggonbauer Credé – und Kriegsgefangene interniert. Für die mehr als 200 Russen, Italiener, Holländer und Griechen standen insgesamt sieben Holzbaracken zur Verfügung, die sich direkt hinter der dortigen Ziegelei erstreckten.

Kassel: Internierungslager Wartekuppe - auch Juden wurden hier eingesperrt

Ab 1942 änderte sich die Nutzung abermals. Nun wurden im Lager Wartekuppe auch Juden eingesperrt. Es gab eine „Judenbaracke“, die etwas abseits stand und die durch einen weiteren Zaun zusätzlich gesichert war. Dahinter wohnten Jüdinnen und Juden, die in „Mischehen“ lebten, oder einen jüdischen Elternteil hatten. Im Gedenkbuch „Namen und Schicksale der Juden Kassels 1933-1945“ werden 50 jüdische Häftlinge genannt, die später von der Wartekuppe deportiert wurden.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner wurde das Lager von diesen weitergenutzt. Von 1945 bis 1947 wurden dort 800 deutsche Soldaten untergebracht, die von Polen bewacht wurden. Für diesen Zweck wurde auch ein Wachturm neben dem Wohnhaus des damaligen Ziegeleibesitzers errichtet. Ab 1947 bis 1948 dienten die Baracken als politisches Internierungslager für NSDAP-Mitglieder.

Kassel: Nach dem Krieg wurden auf dem Grundstück Obdachlose einquartiert

„Man sollte ja meinen, dass es dann vorbei war, aber auch anschließend gab es eine Verwendung“, so Huhn. Nun wurden Obdachlose dort einquartiert. Wegen derer großen Zahl ließ die Stadt ein neues Barackenlager gleich nebenan errichten. Fünf Steinbaracken entstanden auf dem benachbarten Areal des heutigen Kinderzirkus Zirkutopia. Diese wurden bis in die 70er-Jahre genutzt.

Während die Holzbaracken verschwunden sind und das Areal von Wald überwachsen ist, wurde eine der Nachkriegsbaracken vom Zirkus umgenutzt. Huhn würde sich wünschen, dass eine Gedenktafel an die wechselvolle Lagergeschichte erinnert. (Bastian Ludwig)

Kontakt: Wer Informationen zu dem Lager hat, kann sich an Carsten Huhn wenden. Alle Kontakte finden sich auf der Internetseite circuswagenwelt.de oder 05543/585310 (wird auf das Mobiltelefon umgeleitet).


Von Bastian Ludwig in der HNA vom 10. Februar unter
Link ...jetzt anmelden!
• Hier gibt's was extra: mehr Debatten aus den www.secarts.org-Foren
Über Die Ukraine hinaus
55
Packen wir's mal hier hin - jW von morgen: Norwegische Gasarbeiter wollen streiken Oslo. Ein für diese Woche geplanter...mehr FPeregrin NEU vor 2 Tagen
FPeregrin NEU 01.07.2022
FPeregrin NEU 01.07.2022
Steine vs. Nuclear Staat
Letzte Mittwoch hat der israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen sich beschwert darüber, dass die Palästinenser ...mehr Dima 24.01.2022
Dt. Imp. an der inneren Nahost-Front
1
... eine weitere schlimme Weiterung ist, daß das Nakba-Gedenkverbot den Aufschlag machen könnte für weitere "präventive" ...mehr FPeregrin NEU 25.05.2022
Nachträgliches Urteil gegen Sklavenhandel!
1
Und auch die ZdA bringt einen Bericht am 8. Jan.: Freispruch für die „Colston 4“ In Juni 2020 wurde in Bristol bei...mehr arktika 16.01.2022
dt. Proto-Faschismus
3
>>> Auflösung Es gab durchaus Versuche, Untaten von Mitgliedern des Bundes juristisch zu belangen. Die meisten Verfahr...mehr FPeregrin 19.02.2022
FPeregrin 19.02.2022
FPeregrin 19.02.2022