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Esther Bejarano gestorben
  [1 pic,1 file] begonnen von arktika am 10.07.2021  | 4 Antworten
NEUES THEMA10.07.2021, 17:58 Uhr
EDIT: arktika
10.07.2021, 18:01 Uhr
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arktika

• Esther Bejarano gestorben Heute morgen ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren gestorben.

Hier die Mitteilung der Familie Bejarano und des Auschwitz-Komitee

Mir lebn ejbig

Die Nacht war dunkel. Am frühen Morgen des 10. Juli 2021 ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit von uns gegangen.

Sie war nicht allein, ihre Familie und ihre Freundinnen und Freunde waren in den letzten schweren Tagen bei ihr.

Wir trauern gemeinsam mit ihrer Familie um diese großartige, mutige und unerschütterliche Frau, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, Antifaschistin, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes –Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Sängerin, Zeugin der Zeit.

Heute wollen wir innehalten. Und schweigen und trauern.

Um dann Esther Bejaranos Auftrag zu erfüllen:

„Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig!. Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“

Familie Bejarano und das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e. V.


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NEUER BEITRAG10.07.2021, 18:02 Uhr
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arktika

Nachrufe u. dergleichen werden in den nächsten Tagen garantiert massig erscheinen. Also immer her damit u. reinsetzen!
NEUER BEITRAG19.07.2021, 00:31 Uhr
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Dima

Esther Bejarano gestorben Bewegender Abschied

Esther Bejarano wurde am Sonntag in Hamburg beigesetzt. Bei Trauerfeier findet Rolf Becker klare Worte

Von Kristian Stemmler, Hamburg

Immer wieder brach Rolf Becker die Stimme. Vor allem bei den letzten Sätzen seiner Rede rang er um Fassung. »Du bist und bleibst anwesend, bleibst bei uns«, sagte der Schauspieler und Aktivist. Gerichtet an eine Frau, die ihn, wie Becker zuvor berichtet hatte, nicht nur als guten Freund, sondern als ihren »kleinen Bruder« gesehen und geliebt hatte. Es war wohl der berührendste Moment der Trauerfeier für Esther Bejarano am Sonntag mittag in der Kapelle des Jüdischen Friedhofs Ohlsdorf in Hamburg. Nach einem kurzen Moment kam – ungewöhnlich bei einer Trauerfeier – spontan Beifall auf, der auch draußen vor der Kapelle und weiter auf der Zufahrtsstraße zum Friedhof, wo viele hundert Menschen vor Lautsprechern die Veranstaltung verfolgten, zu hören war.

Im kleinen Andachtsraum der Kapelle hatten 30 Menschen Platz finden können, darunter Esther Bejaranos Tochter Edna und ihr Sohn Joram sowie als Repräsentanten der Politik Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit und die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (alle SPD). Es war Becker und den Besuchern draußen zu verdanken, dass aus der Trauerfeier nicht nur ein würdiges Abschiednehmen von Esther Bejarano wurde, die am 10. Juli im Alter von 96 Jahren gestorben war, sondern auch eine beeindruckende politische Manifestation. Anders als bei vielen Würdigungen nach ihrem Tod, kam an diesem Tag noch einmal all das zur Sprache, was für die Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, die aktive Antifaschistin, Musikerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Deutschland im Zentrum des Kampfes stand.

Schon eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier waren Menschen in kleinen Gruppen an der Westseite des Ohlsdorfer Friedhofs entlang zum Jüdischen Friedhof im Süden des riesigen Geländes geströmt. Fast durchweg schwarzgekleidet, darunter viele junge Menschen, manche mit dem Antifa-Logo auf dem T-Shirt. Auf den Friedhof durften nur geladene Gäste, die in der Kapelle oder direkt davor an der Feier teilnahmen. Viele hundert versammelten sich daher auf der Zufahrtsstraße. Nicht wenige hatten selbstgemachte Schilder mitgebracht. Auf denen stand: »In unseren Herzen lebst du weiter …« oder »Wir werden nicht schweigen, versprochen Esther!«

Bürgermeister Tschentscher bezeichnete es als ein »großes Geschenk für unsere Stadt«, dass Esther Bejarano sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland Ende der 1950er für Hamburg als neue Heimat entschieden hatte. Sie habe »wichtige Impulse« gesetzt für »Demokratie, Erinnerungskultur und Gleichberechtigung«. Die politischen Inhalte, für die Bejarano stand, kamen bei ­Tschentscher nicht vor – dafür aber um so mehr in Beckers Rede.

Er schilderte sie als eine Frau, die »aufgeschlossen, trotz allem und für alles« gewesen sei, »zornig über zunehmendes Unrecht«. Sie habe sich immer für »die Schwächsten« eingesetzt, die Menschen, die im Kapitalismus unter die Räder kämen, etwa für Obdachlose. Den Umgang des Senats mit den Geflüchteten der sogenannten Lampedusa-Gruppe habe sie mit den Worten kritisiert, man könne »nicht heute immer noch Menschen wie Tiere behandeln«. Der Rechtsruck in Europa habe Esther Bejarano mit tiefer Sorge erfüllt. Becker unterschlug auch nicht, dass sich die Verstorbene vehement gegen eine Diffamierung berechtigter Kritik an Israel als antisemitisch gewandt hat. Sie habe Israel die Ausgrenzung der Palästinenser vorgeworfen, von einem »brutalen Besatzungsregime« gesprochen. Esther Bejarano und ihr Mann Nissim seien Kommunisten gewesen, so Becker.

Neben ihrem schon 1999 verstorbenen Ehemann wurde Esther Bejarano nach der Trauerfeier beigesetzt. In Hamburg soll ein Platz, eine Straße oder Schule nach ihr benannt werden – eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die Stadt es versäumt hat, sie zur Ehrenbürgerin Hamburgs zu machen, als sie noch lebte.

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NEUER BEITRAG04.09.2021, 14:00 Uhr
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FPeregrin

Esther Bejarano gestorben Hier der Nachruf des Roten Zentrums (Göttingen):
• PDF-Datei RZ-Esther-Bejarano-Nachruf.pdf
265,7 KB | application/pdf
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NEUER BEITRAG25.01.2022, 21:30 Uhr
Nutzer / in
FPeregrin

Esther Bejarano gestorben Die Trauerrede von Rolf Becker auf der diesjährigen RLK:

Gedenken ohne Wenn und Aber

Im vergangenen Jahr starb die Antifaschistin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano

Von Rolf Becker

Esther Bejarano hat uns 96jährig am 10. Juli vergangenen Jahres für immer verlassen. Das Gedenken an sie und ihr Wirken ist uns ein Auftrag – Gedenken als Orientierung in den Konflikten dieser Zeit, um widerstandsfähig zu bleiben, »nie mehr zu schweigen, wenn Unrecht geschieht«, wie Esther sagte. Ich zitiere aus ihrer Ansprache vom 27. Januar 2020, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Faschismus:

»Plötzlich gab es keine Nazis mehr, damals, 1945, waren alle verschwunden. Uns aber hat Auschwitz nicht verlassen. Die Gesichter der Todgeweihten, die in die Gaskammern getrieben wurden, die Gerüche blieben, die Bilder, immer den Tod vor Augen, die Albträume in den Nächten.

Das große Schweigen

Wir haben das große Schweigen nach 1945 erlebt, erlebten, wie Naziverbrecher davonkommen konnten – als Richter, Lehrer, Beamte im Staatsapparat und in der Regierung Adenauer. Wir lernten schnell: Die Nazis waren gar nicht weg.

Die Menschen trauerten um Verlorenes: um geliebte Menschen, um geliebte Orte. Wer aber dachte über die Ursachen dieser Verluste nach, fragte, warum Häuser, Städte, ganze Landstriche verwüstet und zerstört waren, überall in Europa? Wen machten sie verantwortlich für Hunger, Not und Tod?

Dann brach die Eiszeit herein, der Kalte Krieg, der Antikommunismus. Es war ein langer Weg vom kollektiven Beschweigen bis zum Eichmann-Prozess in Jerusalem über die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt am Main zu den Studentenprotesten in den 1968ern hin zur Fernsehserie ›Holocaust‹ ab 1979. Nur zögerlich entwickelte sich die Wahrnehmung des NS-Unrechts.

Aber auch die Rechten, Alt- und Neonazis und Auschwitzleugner formierten sich. Sonntagsreden, die Betroffenheit zeigen, reichen da nicht. Betroffenheit muss zum Handeln führen für eine andere, bessere Gesellschaft ohne Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus, Antiziganismus, ohne Ausländerhass!

Nicht nur an Gedenktagen! Dass Auschwitz nie wieder sei – dass dieses Land sich ändern muss.«

Nicht zurückweichen – Esther hat es vorgelebt, täglich, beharrlich und unnachgiebig, trotz Wasserwerfern, Stiefeltritten und Denunziation. Immer wieder trat sie öffentlich auf, um vor allem uns und unsere Nachkommen aufzuklären über angeblich Vergangenes. Auftritte über Auftritte, singend und argumentierend, lächelnd, traurig und zornig, um darauf hinzuweisen, dass sich bei wachsendem gesellschaftlichen Druck erneut Unsagbares ereignen kann, auch ohne dass Rauch aus Verbrennungsöfen aufsteigt.

Wieder und wieder hat sie darauf hingewiesen, dass unsere Aussagen nur glaubhaft werden, wenn wir für sie eintreten, uns beteiligen an Konflikten, im Lande oder außerhalb: bei Streiks, beim Wohnungsproblem, bei Obdachlosigkeit, sozialer und medizinischer Versorgung (für jeden Menschen, ob mit oder ohne Papiere, ohne Ansehen der Person oder des Versichertenstatus), bei rassistischen und antisemitischen Vorfällen in den Sicherheitsbehörden, Polizeiwillkür (den Morden an Oury Jalloh und Burak Bektaş), beim Umgang mit Roma und Sinti, in der Flüchtlingsfrage (die Toten im Mittelmeer), dem Protest gegen den mehr als 60jährigen Boykott der USA gegen Kuba, beim Widerstand gegen fortschreitende Aufrüstung, Rüstungsexporte und Kriegsvorbereitungen, gegen jeden Ansatz von Nationalismus, Rassismus und Faschismus.

Esther sagte: »Wir müssen mehr erinnern, nicht weniger. Verschiedene Erfahrungen sichtbar machen. Ich appelliere an alle Menschen: Bitte, bitte schweigt nicht, wenn ihr Unrecht seht. Streitet für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus und Rassismus. Bleibt erschütterbar – und widersteht, wie der Hamburger Dichter Peter Rühmkorf schrieb – seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch!«

Es war Esther zuwider, wenn Teile ihres Anliegens unbeachtet, ausgespart, unausgesprochen blieben und damit unterschlagen oder verfälscht wurde, woran ihr gelegen war. Ich zitiere aus ihrem offenen Brief vom 25. November 2019 zum Entzug des steuerrechtlichen Status der Gemeinnützigkeit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten an Olaf Scholz, damals noch Bundesfinanzminister: »Für uns Überlebende ist es unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt, wenn jüdische Menschen und Synagogen angegriffen werden, wenn Menschen durch die Straßen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren und extreme Rechte nicht mal mehr vor Angriffen gegen Vertreter des Staates zurückschrecken. Wohin steuert die Bundesrepublik? Das Haus brennt – und Sie sperren die Feuerwehr aus!

Wir Überlebende der Schoah sind die unbequemen Mahner, aber wir haben unsere Hoffnung auf eine bessere und friedliche Welt nicht verloren.

In den vergangenen Jahrzehnten habe ich viele Auszeichnungen und Ehrungen erhalten – mein zweites Bundesverdienstkreuz, das Große, haben Sie mir 2012 persönlich überreicht. Wer aber Medaillen an Schoah-Überlebende vergibt, übernimmt auch eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung für das gemeinsame ›Nie wieder‹.

Wir Überlebenden haben einen Auftrag zu erfüllen, der uns von den Millionen in den Konzentrationslagern und NS-Gefängnissen Ermordeten und Gequälten erteilt wurde.«

Frieden und Ausgleich

Esther Bejarano engagierte sich aber nicht nur als Antifaschistin in Deutschland, sondern stritt auch für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina:

»Was Adolf Hitler und die Nationalsozialisten dem jüdischen Volk angetan haben – Vernichtung von sechs Millionen Juden, Holocaust – darf nicht die Rechtfertigung Israels für die Diskriminierung des palästinensischen Volkes sein. Es ist ganz besonders wichtig, dass Menschen in Deutschland, in denen ein menschliches Herz pocht, endlich erkennen, dass Kritik an der Politik Israels kein Antisemitismus ist. Ich habe nicht das Vernichtungslager Auschwitz, das KZ Ravensbrück und den Todesmarsch überlebt, um von sogenannten Antideutschen und Konsorten als Antisemitin beschimpft zu werden.«

Esther Bejarano, meine große Schwester, deren kleiner Bruder ich bleibe – man mag uns vorwerfen, sie auf ihr politisches Engagement zu reduzieren. Das fällt uns aber gar nicht ein. Unvergesslich der offene, zugleich kritische Blick ihrer liebevoll wachsamen Augen – ihr offenherziger Umgang mit uns, vor allem mit Jugendlichen, in die sie ihre Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft in einer lebenswerten und friedlichen Welt setzte, ihre Lieder, ihre wunderbare Stimme: Um zu bewahren, was sie uns war, sollten wir aber jenen entgegentreten, die ihr menschliches Engagement von ihrem politischen abzutrennen versuchen.

Presente – Esther, du bleibst bei uns.


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