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NEUES THEMA11.01.2021, 21:08 Uhr
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FPeregrin

• Günter Benser zum 90. Geburtstag jW morgen:

Kein bisschen leise

Dem marxistischen Historiker Günter Benser zum 90. Geburtstag

Von Holger Czitrich-Stahl

Günter Benser wurde am 12. Januar 1931 im sächsischen Heidenau geboren. Seine Eltern kamen aus der Arbeiterjugendbewegung und waren bei der Volksbühne Heidenau aktiv. Dem Arbeiterkind war eine wissenschaftliche Karriere nicht in die Wiege gelegt worden. Nach dem Besuch der Volks- und der Mittelschule in Heidenau von 1937 bis 1946 prägte das Bemühen um eine antifaschistisch-demokratische Umwälzung seinen Lebensweg. Von 1946 bis 1949 absolvierte Benser eine Ausbildung zum Industriekaufmann im benachbarten Elbtalwerk. Von 1949 bis 1951 besuchte er, vom Betrieb delegiert, die Arbeiter- und Bauern-Fakultät in Dresden, dann in Leipzig, und legte dort sein Abitur ab. Von 1951 bis 1955 studierte er Geschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig und bestand das Staatsexamen als Diplomhistoriker. So war der Weg eines jungen marxistischen Historikers beschritten, und zwar mit Wegmarken, die es nur in einem sozialistischen Umfeld geben konnte.

Nach dem Studium war er seit 1955 am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML) tätig. Von 1956 bis 1959 wirkte er als Leiter der Abteilung »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von den Anfängen bis 1917«. In diese Zeit fielen die Redaktionsleitung des jeweils ersten Bandes der Reihen II und III der »Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« sowie die Editionen zum Hochverratsprozess gegen Karl Liebknecht und der Spartakusbriefe. Von 1959 bis 1969 leitete er die Abteilung »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von 1945 bis zur Gegenwart«. Insbesondere die Geschichte der Antifaausschüsse unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ließ ihn nicht los.

Im Jahr 1969 wurde Benser zum ordentlichen Professor für Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung berufen und zum stellvertretenden Leiter der Abteilung Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung seit 1945 ernannt. Ebenso wurde er 1969 Mitglied des Rates für Geschichtswissenschaft der DDR und blieb es bis 1990. 1989 erschien Band neun der unvollendet gebliebenen Reihe »Deutsche Geschichte in zwölf Bänden«, Benser gehörte zum Autorenkollektiv. Zwischen 1969 und 1989 widmete er sich vorrangig der Geschichte der SED, speziell ihrer Entstehung, sowie der Geschichte der DDR, besonders der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung.

Diese Arbeit überdauerte die Zäsur von 1989 bis 1991. Das IML gründete sich am 4. Januar 1990 als »Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung« (IfGA) neu und nahm, mit Benser als frei gewähltem Direktor, die Arbeit wieder auf, musste sie jedoch am 31. März 1992 auf Geheiß der Treuhandanstalt einstellen. Benser hat den Überlebenskampf des IfGA in dem Buch »Aus per Treuhand-Bescheid« (2013) dokumentiert. Am 6. März 1991 nahm er mit prominenten Kolleginnen und Kollegen aus Ost und West an der Gründungsversammlung des »Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung« teil. Benser war von 1992 bis 2011 sein Vorsitzender und Herausgeber der halbjährlich erscheinenden »Mitteilungen«. Er ist seit 1993 Stellvertretendes Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO). Dass die SAPMO nach schwierigen Auseinandersetzungen nicht in einem Monstrum »Archivzentrum SED-Diktatur« untergehen wird, begrüßt er nachdrücklich.

Günter Benser ist nach wie vor ein aktiver Zeitgenosse. Vor allem widmet er sich den wenig zufriedenstellenden Entwicklungen im Beitrittsgebiet, der ehemaligen DDR. In den letzten Jahren wurde er zu einem gefragten Betrachter und Kommentator dieser Schattenseiten eines Beitritts, den er selbst häufig zuspitzend als »Anschluss« bezeichnete. Wer mehr erfahren möchte, lese seine Bücher »DDR – gedenkt ihrer mit Nachsicht« (2000) und »Die vertanen Chancen von Wende und Anschluss« (2018). Und bei so viel Aktivität mag man kaum glauben, dass er am 12. Januar 2021 seinen 90. Geburtstag begeht. Günter Benser ist kein bisschen leise, auch wenn er immer die feine Tonart bevorzugt. Möge das noch möglichst lange so bleiben!


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