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NEUES THEMA24.05.2008, 08:21 Uhr
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MW
GAST
• Wende-Schicksale Dieser Tage teilten die Kinder von Karl Kielhorn in der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland mit, dass ihr Vater, geboren 1919, am 24. M├Ąrz verstorben ist. Nun ist also auch Karl nicht mehr. Ich hatte seine Anrufe, seine ├╝berraschend jugendliche Stimme schon vermisst, denn es ist schon ein paar Monate her, dass er sich das letzte Mal meldete, aus purer Freude ├╝ber einen Beitrag aus Leipzig in der UZ. Man lese ja heute so selten die Wahrheit ├╝ber uns Ostdeutsche.

Der Ostberliner hatte beizeiten Bekanntschaft mit dem bundesdeutschen Rechtswesen machen m├╝ssen. Was damals Anlass f├╝r unsere Bekanntschaft war, auch wenn wir uns erst am 26. Juli 1993 pers├Ânlich kennenlernten, bei der Beerdigung seines Genossen Gerhard B├Âgelein aus der Anitfa-Lagerleitung des sowjetischen Kriegsgefangenenlagers Kleipeda.

Beide M├Ąnner waren, kaum dass die Unterschrift unter dem sogenannten Vereinigungsvertrag trocken war, regelrecht aus Berlin bzw. aus Leipzig nach Hamburg verschleppt und wegen "Mordes" angeklagt worden. Karl hatte eine intakte, verantwortungsvolle Familie, die sehr bald eine Kaution stellen und den Vater erst einmal wieder nach Haus holen konnte. Gerhard lebte allein, verlassen, sein Verschwinden wurde gar nicht wahrgenommen im Leipzig der Wendewirren. Karl, einst Vorsitzender des Anti-Lagerkomitees, hatte mit dieser Funktion wom├Âglich den neutraleren Part gegen├╝ber Gerhard. Denn der war als Offizier der Roten Armee (der Gestapo und dem bereits verk├╝ndeten Todesurteil nur "dank" eines Bombenangriffs entkommen) im Kriegsgefangenenlager verantwortlich, deutsche Kriegsverbrecher zu ├╝berf├╝hren. In dieser Funktion hatte er auch das Gest├Ąndnis eines Erich Kallmerten aus Friesland erwirkt und gegengezeichnet.

Um es kurz machen: Man hatte im Lager Kallmertens minuti├Âs gef├╝hrtes Tagebuch gefunden, darin verzeichnet 178 Todesurteile, die er als Oberster Milit├Ąrrichter der Kurland-Armee gegen deutsche Deserteure, russische Partisanen, auch gegen 30 Parlament├Ąre der Roten Armee, ausgesprochen hatte. Als im darob zornerf├╝llten Lager dann auch noch bekannt wurde, dass die Husumer B├╝rgerschaft ihrem "verdienstvollen Mitb├╝rger" per Postkarte das B├╝rgermeisteramt angetragen hatte, war der Lynchmord an diesem Naziverbrecher kaum mehr aufzuhalten - weder vom deutschen Lagerchef Karl Kielhorn noch von Gerhard B├Âgelein. Letzterer aber hatte, wie gesagt, das Verh├Âr gef├╝hrt - Grund genug f├╝r den bundesdeutschen Rechtsstaat, den herzkranken B├Âgelein (dem w├Ąhrend der Untersuchungshaft wichtige Medikamente verweigert wurden) wegen "heimt├╝ckischen Mordes" am 15. Mai 1992 zu einer lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen.

Schon in den F├╝nfzigerjahren, als sich die alten Kameraden in der BRD wieder formierten, hatte ein gewisser Steckel, vormals Staatsanwalt beim Sondergerichtshof in K├Ânigsberg und beim "Volksgerichtshof" in Potsdam, begonnen, intensiv gegen Karl Kielhorn und Gerhard B├Âgelein zu ermitteln. Allerdings, keiner der befragten ehemaligen gefangenen Offiziere hatte die Antifaschisten wirklich belasten k├Ânnen. Es fand sich partout kein Tatzeuge. Von seinerzeit ebenfalls geladenen Antifaschisten ist ├╝berliefert, sie seien sich bei Steckels Verh├Âren wieder wie bei Freisler vorgekommen. Dass die DDR einen Auslieferungsantrag verweigerte, muss nicht besonders erw├Ąhnt werden. Doch mit der Annektion der DDR schlug die gro├če Stunde. Steckels Erbe und Sch├╝ler, Staatsanwalt Harald Duhn nahm sich die beiden Kommunisten gen├╝sslich zur Brust, getreu der Weisung seines obersten Dienstherrn Kinkel, das "SED-Regime zu delegitimieren, das bis zum bitteren Ende seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung, angeblich h├Âheren Werten und behaupteter Humanit├Ąt hergeleitetet hat".

Karl Kielhorn musste trotz heftiger Bem├╝hungen freigesprochen werden. Doch der ├ťberl├Ąufer zur Roten Armee, der inzwischen sterbenskranke B├Âgelein, hatte keine Chance. Der Prozess war eine einzige Farce. Richter Friedhelm Erdmann, der genie├čerisch der staatsanwaltlichen Vorgabe folgte, schilderte phantasiereich und h├Âchst detailliert die Mordtat, auch wenn die kein einziger Zeuge jemals hatte wirklich beschreiben k├Ânnen. Aus dem Blutrichter Kallmerten, den B├Âgelein und auch Kielhorn der sowjetischen Gerichtsbarkeit hatten ├╝bergeben wollen, wurde das Opfer eines heimt├╝ckischen, also nicht verj├Ąhrenden Mordes, w├Ąhrend der aufrechte B├Âgelein ohne ein einziges Indiz zum M├Ârder gemacht wurde. Auch wenn Gerhard den Prozess um kaum mehr als ein Jahr ├╝berlebt hat, Karl, sein Gef├Ąhrte von einst, lie├č nicht locker, zusammen mit antifaschistischen Freunden um Gerhards Rehabilitierung zu k├Ąmpfen.
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