EN
       
 
0
unofficial world wide web vanguard
posts in a different language!no entries for your choosen language (english) found. Please select a different system language to show this thread!
NEUES THEMA14.03.2021, 23:10 Uhr
Nutzer / in
arktika

• "Mythos" Kronstadt Wenige Jahre nach der Oktoberrevolution kam es zum "Matrosenaufstand" von Kronstadt. Mit dessen UmstĂ€nden befaßt sich der Artikel von Elisa Nowak auf der Themenseite der jW vom 9. MĂ€rz:

Mythos Kronstadt
Gezielt geschĂŒrte Unruhen, »Fake News« und rĂŒckwirkende VerklĂ€rung. Vor 100 Jahren fand der Aufstand in der Festung bei Petrograd statt


Als am 7. November 1917 die Bolschewiki mit der Oktoberrevolution (nach Julianischem Kalender am 25. Oktober 1917) in Russland die Macht eroberten, geriet das durch den Ersten Weltkrieg zerstörte Land in einen BĂŒrgerkrieg. Nachdem die verfassunggebende Versammlung von den Bolschewiki am 19. Januar 1918 aufgelöst worden war, stellten sich neben zaristischen und weißgardistischen KrĂ€ften auch die SozialrevolutionĂ€re und Anarchisten gegen die Sowjetmacht – und schreckten dabei nicht vor individuellen Terrorakten zurĂŒck: Am 30. August 1918 wurde beispielsweise Wladimir I. Lenin von der SozialrevolutionĂ€rin Fanny Kaplan mit zwei SchĂŒssen schwer verletzt. Der BĂŒrgerkrieg blieb kein nationales Ereignis, sondern entwickelte sich rasch zu einem Krieg zwischen Sowjetmacht und der internationalen Konterrevolution. Die »Weiße Armee«, eine aus ehemaligen MilitĂ€rs des Zarenreichs, rechten Menschewiki und anderen antibolschewistischen Strömungen formierte Kraft, fand dabei UnterstĂŒtzung von mehr als 14 Nationen. Neben dem russischen Erzfeind Japan halfen auch die USA, Großbritannien und Frankreich den »weißen« KrĂ€ften, die u. a. durch ihren antisemitischen Terror bekannt wurden.

Die Bolschewiki sahen sich jedoch nicht nur imperialistischen Feinden gegenĂŒber, sondern auch KrĂ€ften innerhalb des linken und sozialistischen Spektrums, darunter den SozialrevolutionĂ€ren und der anarchistischen Bewegung von Nestor Machno. Die von Kriegskommissar Leo Trotzki aufgebaute Rote Armee, die Hilfe von Kommunisten aus der Mongolei und China erhielt, konnte in den Jahren nach 1917 unter großen Verlusten die konterrevolutionĂ€ren KrĂ€fte nach und nach zurĂŒckschlagen. Angesichts der KriegsumstĂ€nde kamen die Bolschewiki nicht umhin, Lebensmittel zu rationieren – vor allem Brot, das ein knappes Gut war. Waren dies schon keine vorteilhaften Bedingungen fĂŒr die Arbeiter, kamen erschwerend »Fake News« hinzu, die von den bĂŒrgerlichen KrĂ€ften eifrig befeuert und verbreitet wurden.

Vor diesem Hintergrund stellte der Matrosenaufstand in der Festung Kronstadt auf der Kotlin-Insel vor Petrograd eine besondere Situation dar und gibt bis heute Anlass fĂŒr Mythenbildungen, VerfĂ€lschungen und Propaganda. BĂŒrgerliche erblicken in der Revolte, die vom 1. bis zum 18. MĂ€rz 1921 dauerte, einen »Freiheitskampf«, Anarchisten sehen in ihr eine »dritte Revolution«. Die Niederschlagung des Aufstands wird als angebliches Musterbeispiel des »Roten Terrors« auch heute noch herangezogen, um die kommunistische Idee zu diskreditieren. Dabei spielten in Kronstadt vor 100 Jahren mehrere Faktoren eine wichtige Rolle; eine monokausale ErklĂ€rung hilft da nicht weiter. Genauso bemerkenswert wie die seltene Einigkeit zwischen Anarchisten, antikommunistischen Linken und BĂŒrgerlichen in dieser Frage ist der Umstand, dass dieser Aufstand das einzige Ereignis ist, das beim fĂŒnf Jahre wĂ€hrenden Verteidigungskrieg der Bolschewiki im kollektiven GedĂ€chtnis der Widersacher geblieben ist.

Mediale Intervention

Nach drei Jahren des BĂŒrgerkriegs lag die Wirtschaft in Russland Anfang 1921 am Boden. Eine Missernte befeuerte die Krise zusĂ€tzlich. Im Zuge der Politik des Kriegskommunismus wurden Rohstoffe und Nahrungsmittel primĂ€r in den militĂ€rischen Sektor geleitet und der Roten Armee zur VerfĂŒgung gestellt. Die Bevölkerung, die faktisch seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 – mit einer Unterbrechung zwischen der Februar- und Oktoberrevolution 1917 – im Kriegszustand leben musste, war kampfesmĂŒde und litt Hunger.

Am 24. Februar 1921 zeichnete Lenin vor dem ParteiaktivÂč der Stadt Moskau ein dĂŒsteres Bild der wirtschaftlichen Situation, denn sowohl die Nahrungs- als auch die Brennstoffproduktion hatte sich stark verschlechtert.ÂČ Die Ursachen besonders der mangelhaften Versorgung mit Brennstoff konnten die Bolschewiki nicht gĂ€nzlich ausmachen, doch spĂ€ter schrieb der russisch-amerikanische Übersetzer und politische Aktivist der Socialist Workers Party John G. Wright in seinem im Februar 1938 veröffentlichten Artikel »The Truth about Kronstadt« (die Wahrheit ĂŒber Kronstadt) von einer sanktionierenden Wirtschaftspolitik seitens der Imperialisten.Âł Die gezielte ökonomische Abschottung Russlands verschlechterte die Lage der Bevölkerung inmitten des Krieges nochmals drastisch.

Begleitet wurde diese Blockadepolitik von einer »Fake News«-Kampagne, in der sich besonders die französische Presse hervortat. Bereits Anfang Februar wurde dort behauptet – flankiert von weißgardistischen Medien –, es gebe »Unruhen« in Petrograd, obgleich es dort vergleichsmĂ€ĂŸig ruhig zuging. Mit dieser Medienkampagne, die nach Russland hineinwirkte und wĂ€hrend des gesamten Aufstands in Kronstadt anhielt, wurde versucht, die Bevölkerung im Land gegen die Sowjets aufzuwiegeln, nachdem die militĂ€rischen Interventionen aus dem Ausland von der Roten Armee zurĂŒckgedrĂ€ngt worden waren. Davon angeheizt fanden Ende Februar dann in der Tat »Unruhen« und wilde Streiks in der Hauptstadt statt, wie sie die auslĂ€ndische Presse prophezeit und heraufbeschworen hatte. Das war zugleich der Startschuss fĂŒr die Bildung von Legenden vom »freiheitlichen« und »revolutionĂ€ren« Kronstadt. Dabei war unter den beteiligten Akteuren selbst unklar, was sie eigentlich fordern sollten. WĂ€hrend BĂŒrgerliche und Anarchisten von der Verabschiedung einer »Resolution« oder der Forderung, mit den regierenden Bolschewiki ins GesprĂ€ch zu kommen, sprachen, verstanden SozialrevolutionĂ€re den Beginn des Aufstandes am 1. MĂ€rz 1921 als einen Anlass, einen »freien Sowjet« zu wĂ€hlen. Diese Losung bestimmte letztlich den Mythos, hinter dem sich alle antibolschewistischen KrĂ€fte vereinen konnten.

Am 2. MĂ€rz forderten die AufstĂ€ndischen neben der Wahl »freier Sowjets« auch den »freien Handel«, insbesondere fĂŒr die Kleinbauern und -besitzer. Lenin warnte vor dieser Forderung, die das »kleinbĂŒrgerliche Element«⁎ der Proteste offen zur Schau trug: Da Sowjetrussland mehrheitlich ein bĂ€uerliches Land und die Arbeiter in der Minderheit waren, hĂ€tten die immer noch vorhandenen kapitalistischen KrĂ€fte ein großes Interesse daran, den Klassenkonflikt zwischen Arbeitern und Bauern zu ihrem Nutzen zu verschĂ€rfen. Wenngleich die Bolschewiki in den folgenden Tagen auf dem X. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) die Neue Ökonomische Politik (NEP) verabschiedeten – die eine faktische, staatlich kontrollierte Marktöffnung bedeutete – wĂ€re die Umsetzung der Resolution der AufstĂ€ndischen gleichbedeutend mit einer Restauration unkontrollierter kapitalistischer ZustĂ€nde gewesen. Dass es letzteren nicht um eine sinnvolle Regelung freier Handelsbeziehungen ging, bewies ihr Widerstand gegen GesprĂ€che zur Normalisierung der Handelsbeziehungen zwischen Sowjetrussland und dem internationalen Kapital.


>>>>>
NEUER BEITRAG14.03.2021, 23:12 Uhr
Nutzer / in
arktika

>>>>>

Strategische Frage

Die Besetzung der Festung bedeutete fĂŒr die Bolschewiki einen strategischen Nachteil. Kronstadt bietet einen Zugang zur Ostsee und wĂ€re unter antibolschewistischer Kontrolle ein Einfallstor fĂŒr imperialistische KrĂ€fte geworden, die dadurch schnell auch auf Moskau hĂ€tten vorrĂŒcken können. Um den Aufstand unter Kontrolle zu bringen, hatten die Bolschewiki wenig Zeit, denn mit dem anbrechenden FrĂŒhling wĂŒrde das Eis schmelzen und damit nicht nur den Seeweg nach Petrograd öffnen, sondern auch eine RĂŒckeroberung der Inselfestung erschweren, da die AufstĂ€ndischen auch einen relevanten Teil der Flotte kontrollierten. Daher wurde den AufstĂ€ndischen ein Ultimatum gestellt. Nach dessen Ablauf und nachdem GesprĂ€chsangebote abgeblockt worden waren, befahl Trotzki, der sich seit dem 5. MĂ€rz in Petrograd befand, am 7. MĂ€rz die StĂŒrmung der Festung. Im ersten Angriff standen den 17.600 Rotarmisten unter dem Kommando des spĂ€teren Marschalls Michail Tuchatschewski etwa 25.000 AufstĂ€ndische gegenĂŒber. Am 10. MĂ€rz meldeten sich 300 Abgeordnete des X. Parteitags freiwillig, um mit weiteren 50.000 Rotarmisten den zweiten Angriff zu starten, der angesichts der schweren Artillerie und der Maschinengewehre, ĂŒber die die AufstĂ€ndischen verfĂŒgten, unter harten Bedingungen stattfand.

Begleitet wurden die folgenden Tage von der schrittweise sich radikalisierenden Kampagne der auslĂ€ndischen Medien, an der sich u. a. die britische London Times, der französische Le Matin und Reuters beteiligten. In seinem Schlusswort am 16. MĂ€rz wĂ€hrend der Tagung des X. Parteitags fĂŒhrte Lenin mehrere Falschmeldungen auf, die die auslĂ€ndische Presse verbreitete: Von AufstĂ€nden und Eroberungen in Petrograd und Moskau bis hin zur Meldung, wonach die bolschewistischen FĂŒhrer nach Oranienbaum (heute: Lomonosow) oder auf die Krim geflohen seien. All diese Meldungen entsprachen nicht der Wahrheit. Lenin sprach von einer »Orgie von LĂŒgen«, die es so noch nie gegeben habe.⁔ Am 15. MĂ€rz – drei Tage vor der endgĂŒltigen RĂŒckeroberung – startete der letzte Angriff. Die Rotarmisten konnten dabei ausnutzen, dass den AufstĂ€ndischen sowohl Nahrung als auch Munition ausgingen. Innerhalb von drei Tagen gelang es ihnen schließlich, den konterrevolutionĂ€ren Widerstand niederzuschlagen.

Klassencharakter der AufstÀndischen

Doch der Blutzoll war gewaltig. WĂ€hrend die Zahlen der Toten und Verletzten auf seiten der AufstĂ€ndischen schwer zu verifizieren sind (einige Anarchisten sprechen von 6.000 Toten und 2.500 Gefangenen⁶), ließen knapp 10.000 Rotarmisten ihr Leben, viele von ihnen starben im eisigen Meer.⁷ Die Kampagne und die Verleumdungen gegen die Bolschewiki wurden daraufhin jedoch nicht eingestellt, sondern intensivierten sich. Behauptet wurde und wird, dass es sich bei den aufstĂ€ndischen Matrosen um dieselben gehandelt habe, die 1917 fĂŒr den Oktoberumsturz gekĂ€mpft hatten. Von der sozialen Zusammensetzung her mag man in ihnen RevolutionĂ€re sehen, die ihre Sowjets gegen die Bolschewiki verteidigten und eine RĂ€terepublik ohne Bolschewisten anstrebten. Doch waren die AufstĂ€ndischen von 1921 wirklich dieselben wie die RevolutionĂ€re von 1917? Und wie ist dann das Interesse der Imperialisten, diese zu unterstĂŒtzen, zu erklĂ€ren? Solche offenen Fragen hindern die Verteidiger des Aufstands jedenfalls nicht daran, den Mythos einer »dritten Revolution« am Leben zu erhalten. Als nach dem Niedergang der Sowjetunion in den 1990er Jahren die Archive geöffnet wurden, konnte man nun auch – aufrichtiges Interesse vorausgesetzt – der Sache nĂ€her auf den Grund gehen.

Wenn es um die Frage der Klassenzusammensetzung geht, stehen sich oftmals zwei Extrempositionen gegenĂŒber: Entweder habe es sich um RevolutionĂ€re gehandelt, die das Ideal der Sowjets verteidigten, oder um bĂŒrgerliche und weißgardistische KrĂ€fte ohne jeglichen Bezug zur Arbeiterklasse. Die Matrosen in Petrograd spielten 1917 eine bedeutsame Rolle fĂŒr die Bolschewiki und wurden von der Partei als »Zierde und Stolz der Revolution« bezeichnet. WĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs wurden die meisten der revolutionĂ€ren Matrosen an die Front geschickt, um den jungen Sowjetstaat zu verteidigen. Bereits 1919/1920 verlangte das Kriegskommissariat gezielt nach UnterstĂŒtzung aus Kronstadt. Ihm wurde jedoch mitgeteilt, dass es keinen »Nachschub« an Matrosen mehr gĂ€be, da alle bereits an verschiedenen Orten des Landes gegen die Imperialisten kĂ€mpften.⁞ WĂ€hrend viele von ihnen im Kampf fielen, ĂŒbernahmen andere dort, wo sie im Kampf eingesetzt worden waren, Posten in lokalen Sowjets. Am Aufstand 1921 beteiligten sich demnach grĂ¶ĂŸtenteils nicht dieselben Matrosen wie zur Zeit des Oktoberumsturzes. Dennoch ist auch die gegenteilige Behauptung, es habe sich um eine soziale Zusammensetzung ohne jeglichen proletarischen Anteil gehandelt, falsch.

Eine homogene Klassenzusammensetzung gab es dort letztlich nicht.âč Da Russland auch nach der Machtergreifung der Bolschewiki ein mehrheitlich bĂ€uerliches Land war, fanden sich in Kronstadt zahlreiche wohlhabende Bauern und KleinbĂŒrger ein. Doch auch enttĂ€uschte Arbeiter entwickelten aufgrund der schwierigen Bedingungen des Kriegskommunismus eine Skepsis gegenĂŒber den Bolschewiki. Die Wirtschaft lag am Boden, der Krieg zerstörte jeden Funken Hoffnung. In dieser Zeit fand in der Partei bereits die Debatte ĂŒber eine »Liberalisierung« der Wirtschaft statt, besonders, da die Revolution in Deutschland, auf der viele Hoffnungen ruhten, niedergeschlagen worden war. In Kronstadt kulminierten EnttĂ€uschung und Erschöpfung.

BĂŒrgerliche KrĂ€fte wussten geschickt diese Stimmungen auszunutzen. Besonders die anarchistischen Ideen von Machno fielen dabei auf fruchtbaren Boden: Die Kritik am »Staat« wurde mit dem Kampf gegen die Bolschewiki gleichgesetzt – eine politische Positionierung, die auch vor der Hinrichtung von Kommunisten nicht halt machte.Âč⁰ Die realen Nöte, Ängste und die Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung in Kronstadt wurde von einem antibolschewistischen ZweckbĂŒndnis instrumentalisiert, in der die Forderung nach »Sowjets ohne Bolschewiki« aufkam. Der Aufstand selbst wurde zu Beginn zwar von divergierenden KrĂ€ften mitgetragen, jedoch bereits am 2. MĂ€rz von weißgardistischen MilitĂ€rs faktisch ĂŒbernommen. Der ehemalige General der zaristischen Armee A. N. Koslowski und andere MilitĂ€rs wurden damit beauftragt, die Festung zu verteidigen. Dieser Schulterschluss linker und zaristischer KrĂ€fte, flankiert von der auslĂ€ndischen Presse, bedeutete eine existentielle Bedrohung fĂŒr die junge Sowjetmacht.

Die Rolle der Bauern spielte dabei eine entscheidende Rolle. Als Klasse, die zwischen dem BĂŒrgertum und den Arbeitern stand, schwankten die Bauern immer zur einen oder anderen Seite: WĂ€hrend die arme Bauernschaft in der sozialen Revolution sich der Arbeiterklasse anschloss, tendierten die wohlhabenderen – die Kulaken – zum BĂŒrgertum. Dieser Konflikt wurde ĂŒberlagert von dem zwischen Land und Stadt. Die Arbeiter, die in den StĂ€dten Russlands Sowjets bildeten, befanden sich gegenĂŒber der auf dem Lande lebenden Bevölkerung in der Minderheit.

Den Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen, war dabei keine willkĂŒrliche Entscheidung der Bolschewiki. Den objektiven Bedingungen des Krieges und der Nahrungsmittelknappheit unterworfen, blieb ihnen nichts anderes ĂŒbrig. Retrospektiv schrieb Trotzki, dass »der BĂŒrgerkrieg keine Schule des Humanismus« sei.ÂčÂč Unter anderen Bedingungen – in Friedenszeiten und bei ausreichend vorhandenen Nahrungsmitteln – wĂ€re es zu diesem Aufstand vermutlich nicht gekommen.


>>>>>
NEUER BEITRAG14.03.2021, 23:16 Uhr
EDIT: arktika
14.03.2021, 23:17 Uhr
Nutzer / in
arktika

"Mythos" Kronstadt >>>>>

Spekulation der FinanzmÀrkte

Dass es sich bei den Zielen der AufstĂ€ndischen jedoch nicht nur um vereinzelte politische Forderungen handelte, zeigt ein Blick auf das Börsengeschehen. Die französische Wirtschaftszeitung L'Information begleitete die Ereignisse aufmerksam und dokumentierte das Interesse des internationalen Kapitals. Die Parolen der AufstĂ€ndischen spielten dabei keine Rolle, es ging schlicht um eine »vernĂŒnftige wirtschaftliche Ordnung«. Russlands Wertpapiere, die auf den FinanzmĂ€rkten gehandelt wurden, spiegelten die damalige Stimmung der AktionĂ€re wider: Kam die Rede auf »Unruhen« und »AufstĂ€nde«, die der Sowjetmacht gefĂ€hrlich werden konnten, stiegen die Aktien. In diesen Tagen wurde in der L'Information den Wertpapieren ein besonderes Interesse beigemessen – den Finanzmarktakteuren war also die eigentliche Tragweite und Bedeutung des Aufstands bewusst. Ein Erfolg der KronstĂ€dter hĂ€tte nicht in eine bessere, befreite Welt gefĂŒhrt, sondern ein den Kapitalisten genehmes System restauriert. Die Umsetzung der besonders von SozialrevolutionĂ€ren postulierten Forderung nach »Sowjets ohne Bolschewiki« hĂ€tte letztlich die alte Ordnung wiederhergestellt. TatsĂ€chliche Nöte und Interessen der Bevölkerung spielten dabei bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Auch 100 Jahre spĂ€ter hĂ€lt der Kampf um die Deutungshoheit an. Die Niederschlagung war – in ihrer dialektischen Vielschichtigkeit betrachtet – notwendig, um eine kapitalistische Restauration zu verhindern. Auch wenn Anarchisten des 21. Jahrhunderts den Aufstand in Kronstadt zum zentralen Moment eines »antiautoritĂ€ren Sozialismus« stilisieren, so war dies damals keineswegs Konsens. So vermutete etwa der mit dem Anarchismus sympathisierende Schriftsteller Victor Serge, ein Sieg der AufstĂ€ndischen ĂŒber die Bolschewiki hĂ€tte zu einer »antiproletarischen Diktatur« und einem »Massaker an Kommunisten« gefĂŒhrt.ÂčÂČ

FĂŒr die historische und politische Einordnung der Russischen Revolution bleibt die Aufarbeitung des Aufstands relevant. Revolutionen und gesellschaftliche UmwĂ€lzungen folgen nicht den Regeln einer humanistischen Moral, auch wenn die Niederschlagung der Rebellion alles andere als ein ruhmreiches Kapitel war. Andererseits bewiesen die Ereignisse in Kronstadt eine Zuspitzung des Klassenkonflikts, die eine friedliche MachtĂŒbergabe nahezu unmöglich machte.

Dabei sollte daran erinnert werden, dass die eigentliche Revolution in Russland nahezu gewaltlos vonstatten ging. Erst der Gegenschlag weißgardistischer und anarchistischer Armeen sowie die Intervention der imperialistischen KrĂ€fte erzwangen einen Krieg, der dann auch zum Aufstand in Kronstadt fĂŒhrte. Dass die Verteidigung der Revolution »das autoritĂ€rste Ding« ist, wusste schon Friedrich Engels, der in Hinblick auf die Niederschlagung der Pariser Kommune 1873 schrieb: »[D]ie siegreiche Partei muss, wenn sie nicht umsonst gekĂ€mpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den ReaktionĂ€ren einflĂ¶ĂŸen.«ÂčÂł


Anmerkungen

1 Ein Parteiaktiv ist eine Arbeitsgruppe innerhalb der Partei.
2 Wladimir I. Lenin: Rede in der Versammlung des Parteiaktivs der Stadt Moskau, 1921. In: Wladimir I. Lenin: Werke (LW). ErgÀnzungsband 2. Berlin: Karl-Dietz-Verlag, Berlin 1971, S. 274
3 John G. Wright: The truth about Kronstadt. In: The New International, Nr. 2, Februar 1938
4 Lenin: Schlusswort zum Bericht des ZK der KPR (B) am 9. MĂ€rz 1921. In: LW 32, S. 206
5 Lenin: Rede bei der Schließung des Parteitags am 16. MĂ€rz 1921. In: LW 32, S. 274
6 Vgl. den Artikel »Wie kam es zum Aufstand von Kronstadt 1921«. In: Graswurzelrevolution, Dezember 2017
7 Vgl. Lutz-Dieter Behrendt: KronstĂ€dter Aufstand. In: Wolfgang Fritz Haug/Frigga Haug/Peter Jehle/Wolfgang KĂŒttler (Hrsg): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 8/I. Berlin 2012, S. 231
8 Vgl. Leo Trotzki: Die Notwendigkeit einer Streitschrift ĂŒber Kronstadt. 1937
9 Vgl. Behrendt: KronstÀdter Aufstand. a. a. O., S. 229 f.
10 Vgl. Leo Trotzki: Hue And Cry Over Kronstadt. In: The New International, Nr. 4, April 1938
11 Leo Trotzki: More on the Suppression of Kronstadt. In: The New International, Nr. 8, August 1938
12 Victor Serge: Erinnerungen eines RevolutionÀrs. Verlag Association, Hamburg 1977, S. 147 f .
13 Friedrich Engels: Von der AutoritÀt. In: Karl Marx/Friedrich Engels (1962): Werke. Band 18. Karl-Dietz-Verlag, Berlin 1873, S. 308

Link ...jetzt anmelden!

#Kronstadt
NEUER BEITRAG21.03.2021, 16:24 Uhr
Nutzer / in
FPeregrin

"Mythos" Kronstadt Wie zu erwarten waren, gab es auf diesen jW-Artikel eine Reihe von Leserbriefantworten - der ausfĂŒhrlichste von Meas Tintenwolf:
Link ...jetzt anmelden!
~https://www.jungewelt.de/aktuell/rubrik/leserbriefe.php?let-
terId=49687~
- in denen eine abwĂ€gendere Sicht angemahnt wurde: "Um Kronstadt als Wunde in der Geschichte zwischen verschiedenen linken Traditionen gerecht zu werden, hĂ€tte Nowak der Mythenbildung auf beiden Seiten nachgehen mĂŒssen, statt einseitig Partei zu ergreifen. In der gewĂ€hlten Form stimmt sie lediglich in das Zetergeschrei um Kronstadt ein, auch wenn sie hierbei auf der anderen Seite steht als jene, die von Trotzki adressiert wurden. Die Gleichsetzung anarchistischer und weißgardistischer Armeen ist ebenso ahistorisch wie Ă€hnliche Behauptungen von anarchistischer Seite gegen die Bolschewiki." (M. T.)

Es ist legitim, die historischen Möglichkeiten zu betrauern, die sich evtl. aus einer stĂ€rkeren bolschwistisch-anarchistischen Kooperation in der jungen Sowjetunion hĂ€tten ergeben können; Bei dem nachtrĂ€glichen intellektuellen Dazwischenstehen wird aber die entscheidende konkrete situationale militĂ€rische Frage schlicht ignoriert: "Konnten die KronstĂ€dter AufstĂ€ndischen die strategische Bedeutung der Festung fĂŒr den BĂŒrgerkrieg gegen die Weißen erkennen?" Die Antwort ist so eindeutig, daß man die Frage besser in ihrer einfachen Negation formuliert: "Konnten die KronstĂ€dter AufstĂ€ndischen die strategische Bedeutung der Festung fĂŒr den BĂŒrgerkrieg gegen die Weißen nicht erkennen?" "Nein!" - Damit liegt die Verantwortung fĂŒr die Verschwendung historischer Möglichkeiten allein auf der Seite der KronstĂ€dter und nicht der Roten Armee! Punkt!
• Hier gibt's was extra: mehr Debatten aus den www.secarts.org-Foren
Erika
Konferenz "Der Hauptfeind steht im eigenen Land"
NEU
Mitteilung des Organisationskollektivs der Konferenzen „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ zur Fortsetzung der XII. K...more Erika 11.05.2021
Schweden: Asylrecht mit Ablaufdatum?
3
Ich verweise mal auf das in DĂ€nemark geplante Outsourcing der Asylverfahren: ~https://www.secarts.org/index.php?site=forum...more FPeregrin NEW 06.06.2021
arktika NEW 06.06.2021
FPeregrin 11.04.2021
Zum Tod von JesĂșs Santrich
NEU
jW morgen: Stimme des Widerstands Zum Tod des kolumbianischen FARC-Comandante JesĂșs Santrich Von Julieta Daza, Cara...more FPeregrin 21.05.2021