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In den folgenden Jahren schritt die Industrialisierung stürmisch voran, und so feige und zaghaft die deutsche Bourgeoisie im politischen Kampf war, so flott und kühn war sie beim Ausbeuten und Profite Machen. Der bürgerliche Nationalstaat oder wenigsten so etwas Ähnliches wurde zu einer dringenden Notwendigkeit gegenüber der Zersplitterung Deutschlands, die Handel und Wandel behinderte. Natürlich nicht mit revolutionärem Kampf gegen die feudalen Kräfte wurde für diesen Nationalstaat gekämpft, sondern durch Blut und Eisen, durch Krieg und Annexionen unter der Führung Preußens, unter Führung der ostelbischen Junker.

Eine Kriegserklärung des unter reaktionärer Regierung stehenden Frankreich eröffnete 1870 der deutsche Bourgeoisie die historisch letzte Chance, durch einen gerechten und revolutionären Krieg den Anschluss an die Gegenwart zu finden und ihren Nationalstaat auf bürgerlich-revolutionärer Grundlage zu errichten. Denn noch ging es um die Entwicklung des Kapitalismus, noch war die Bourgeoisie eine potentiell revolutionäre Klasse. Aber unter der Fuchtel der junkerlich-großbourgeoisen und militaristischen Kräfte in Deutschland wurde dieser Krieg zu einem reaktionären Eroberungskrieg in dem Moment, als die Monarchie in Frankreich gestürzt und die französische Republik wieder errichtet war. Im März 1871, als die französische Bourgeoisie schon vor den deutschen Truppen kapituliert hatte, wurde von den Pariser Arbeitern erstmals in der Geschichte eine Diktatur des Proletariats errichtet – die Pariser Kommune. Zwei Monate konnte sie sich halten und den Arbeitern der Welt ein leuchtendes Beispiel geben, das bis heute nicht veraltet ist. Die deutschen Militaristen schafften es gemeinsam mit der französischen Reaktion, die Pariser Kommune blutig niederzuschlagen.

Auf dieser grauenerregenden Grundlage gelang nun endlich die Herstellung von so etwas wie einem deutschen Nationalstaat - das deutsche Reich wurde gegründet. Das war sicherlich ein gewisser für die Arbeiter nutzbarer Fortschritt, aber doch im Vergleich zu den anderen Nationalstaaten eine schauderhafte Missgeburt:
  • Nicht durch eine Volksrevolution wurde diese Einheit erkämpft, sondern durch den Krautjunker Bismarck als Ausdruck des reaktionären Bündnisses der deutschen Bourgeoisie mit den Kräften der feudalen Reaktion.
  • Dieses deutsche Reich wurde auf dem Rücken Frankreichs errichtet, begann seine Existenz mit Annexionen und der Mithilfe bei der Niederschlagung der revolutionären französischen Arbeiter, der Pariser Kommune.
  • Statt bürgerlicher Demokratie erlaubte das deutsche Reich nur Dreiklassenwahlrecht und – getreu der Lehre Martin Luthers – Gehorsam gegen die Obrigkeit.
  • Die zersplitterte, föderalistische Struktur wurde trotz der Reichsgründung aufrecht erhalten, so dass reaktionäre Kräfte leichtes Spiel hatten, konterrevolutionäre Eigenmächtigkeiten zu organisieren und die Vorherrschaft Preußens zu sichern.
  • Die Staatsbürgerschaft wurde nach der völkischen Zugehörigkeit und nicht nach dem Territorialprinzip geregelt wie in anderen Nationalstaaten (das ist bis heute im Grundgesetz der BRD so). Das war die Fortsetzung der pervertierten, völkischen Auffassung der Nation. Sie dient bis heute dazu, völkerrechtswidrige Gebietsansprüche zu erheben und durchzusetzen. Und diese Staatsbürgerregelung öffnete nun dem Antisemitismus, dem rassistisch weiter entwickelten Judenhass, Tor und Tür.

In den folgenden Jahrzehnten erhöhte sich in allen kapitalistischen Ländern die Konzentration des Kapitals. Der Kapitalismus war gegen Ende des 19. Jahrhunderts beherrschend auf dem Erdball, die Welt war unter den Großmächten aufgeteilt. Der Kapitalismus war in sein letztes und höchstes Stadium gelangt, den Imperialismus. So auch der Kapitalismus in Deutschland. Aber nun stellte sich heraus, dass die deutsche Bourgeoisie nicht nur zu spät, sondern auch zu kurz gekommen war: sie hatte kaum Kolonien abbekommen, und auf dem Erdball war so gut wie kein weißer Fleck mehr.
Um die Jahrhundertwende zwischen 19. und 20.Jahrhundert war der deutsche Imperialismus bestrebt (und musste es sein), das zunehmende Missverhältnis zwischen seiner wachsenden ökonomischen, politischen und militärischen Stärke einerseits und der Verteilung der Kolonien und Einflusssphären unter den imperialistischen Mächten andererseits mit Hilfe eines Krieges zu beseitigen.
Der Kampf gegen die imperialistischen Rivalen konnte nicht sofort aufgenommen werden. Zunächst wurde auf Kosten der werktätigen Bevölkerung eine Kriegsflotte aufgebaut. Und natürlich wurde ideologisch gerüstet, die Köpfe wurden verseucht.

Am Ende des 19. Jahrhunderts war eine neue Ideologie entstanden, der Antisemitismus. Er basierte auf dem alten Judenhass, unterschied sich aber durch seinen rassistischen Charakter davon.
Der Antisemitismus ist Rassismus, aber eine besondere Art von Rassismus. Rassismus ist mit dem Imperialismus entstanden, also auch gegen Ende des 19. Jahrhundert. Die Welt war vollständig unter den imperialistischen Großmächten aufgeteilt. Die Völker in den Kolonien waren in das imperialistische System geprügelt, missioniert und niedergeschossen worden. Der Rassismus gegen Menschen nicht weißer Hautfarbe hat seine Ursache in diesem Kolonialismus, in der imperialistischen Arroganz gegenüber den unterdrückten Völkern. Dieser Rassismus ist im Großen und Ganzen nicht auf Vernichtung, sondern auf Unterwerfung und Versklavung von nach Meinung der Kolonialisten „minderwertigen“ Völkern aus. Der Antisemitismus ist Rassismus anderer Art: er ist der Aufstand der Mittelmäßigkeit gegen das weiter Entwickelte, das Erfolgreichere. Er ist die Ideologie und Politik der zu spät und zu kurz Gekommenen. Und weil die deutsche Bourgeoisie zu spät und zu kurz gekommen ist und daraus ihre besondere Aggressivität erwächst, ist der Antisemitismus eine ihr besonders entsprechende Ideologie.
In Ermangelung einer tatsächlichen deutschen Nationaltradition wurde dem bösen Judentum das gute Germanentum oder Deutschtum mystischen Inhalts gegenübergestellt.

Mit solchen Dingen konnte man allerdings die Arbeiterklasse nicht ruhig stellen, die schon die Sozialistengesetze gut überstanden hatte und ihre politischen und gewerkschaftlichen Organisationen trotz Verfolgung und Verboten gestärkt hatte. Da gab es aufgrund der imperialistischen Entwicklung andere Möglichkeiten für die Imperialisten:
Lenin schreibt dazu: „Es sind eben der Parasitismus und die Fäulnis des Kapitalismus, die seinem höchsten geschichtlichen Stadium, d.h. dem Imperialismus, eigen sind. … (So) hat der Kapitalismus jetzt eine Handvoll … besonders reicher und mächtiger Staaten hervorgebracht, die durch einfaches ‚Kuponschneiden’ die ganze Welt ausplündern. Der Kapitalexport ergibt Einkünfte von 8-10 Milliarden Francs jährlich, und zwar nach den Vorkriegspreisen und der bürgerlichen Vorkriegsstatistik. Gegenwärtig ist es natürlich viel mehr.
Es ist klar, dass man aus solchem gigantischen Extraprofit (denn diesen Profit streichen die Kapitalisten über den Profit hinaus ein, den sie aus den Arbeitern ihres ,eigenen’ Landes herauspressen) die Arbeiterführer und die Oberschicht der Arbeiteraristokratie bestechen kann. Sie wird denn auch von den Kapitalisten der ‚fortgeschrittenen’ Länder bestochen – durch tausenderlei Methoden, direkte und indirekte, offene und versteckte.
Diese Schicht der verbürgerten Arbeiter oder der ‚Arbeiteraristokratie’, in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der II. Internationale und in unseren Tagen die soziale (nicht militärische) Hauptstütze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung, Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse …, wirkliche Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus. Im Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie stellen sie sich in nicht geringer Zahl unweigerlich auf die Seite der Bourgeoisie, auf die Seite der ‚Versailler’ gegen die ‚Kommunarden’.
“ (Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe)

Mit Versailler sind hier die französische Bourgeoisie und die ganze französische Reaktion gegen die Arbeiter, die die Pariser Kommune gegründet haben, gemeint.
Die hier genannten opportunistischen Arbeiterführer sind nirgends so reaktionär, so auf Gedeih und Verderb mit dem Imperialismus verbunden wie in Deutschland. Aufgrund der allgemein reaktionären deutschen Entwicklung gab es aber schon am Vorabend des Imperialismus bei Marx und Engels große Sorgen über die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie. So wendete sich Engels im „Anti-Dühring“ gegen die Predigten der „Gewaltlosigkeit“:
„Und das in Deutschland, wo ein gewaltsamer Zusammenstoß, der dem Volk ja aufgenötigt werden kann, wenigstens den Vorteil hätte, die aus der Erniedrigung des Dreißigjährigen Kriegs in das nationale Bewusstsein gedrungne Bedientenhaftigkeit auszutilgen. Und diese matte, satt- und kraftlose Predigerdenkweise macht den Anspruch, sich der revolutionärsten Partei aufzudrängen, die die Geschichte kennt?“
Eine der großen Auseinandersetzungen in der deutschen Sozialdemokratie Anfang des 20.Jahrhunderts war die Massenstreik-Debatte, die unter dem Eindruck der revolutionären Kämpfe in Russland 1905 geführt wurde.
Die opportunistischen Gewerkschaftsführer fielen über die Forderung nach Generalstreik her. Auf dem Kölner Kongress der Gewerkschaften im Mai 1905 setzten sie eine Resolution durch, in der es hieß: „Der Kongress hält daher auch alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen, für verwerflich; er empfiehlt der organisierten Arbeiterschaft, solchen Versuchen energisch entgegenzutreten.”
Es war systematische Entwaffnung der Arbeiterklasse, die von den rechten Partei- und Gewerkschaftsführern betrieben wurde, und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als der deutsche Imperialismus sich anschickte, durch einen Eroberungskrieg aufzuholen, was ihm durch seine eigene Rückständigkeit versagt geblieben war. Es ging um Rohstoffquellen und Einflusssphären, um ein Europa unter deutscher Vorherrschaft, stark genug, um den Kampf gegen die USA aufnehmen zu können.

Nicht nur die militärische Aufrüstung war 1914 so weit vorangetrieben, dass man glaubte das wagen zu können. Auch die politische Partei der Arbeiterklasse, die Sozialdemokratie, war inzwischen so korrumpiert, dass sie bedenkenlos die Arbeiter in den Krieg schickte – unter dem Vorwand, den reaktionären Zarismus zu bekämpfen. In Wirklichkeit hatte die deutsche Bourgeoisie 1870/71 die letzte Chance vertan, einen gerechten, demokratischen Krieg zu führen. Es ging von Anfang an nur um das Ziel, die Welt neu aufzuteilen, woran eben der zu spät und zu kurz gekommene deutsche Imperialismus ein besonderes Interesse hatte, um seinen „Platz an der Sonne“ zu bekommen, wie es der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Bülow 1897 formuliert hatte.
„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, äußerte Kaiser Wilhelm II beifällig zum Verrat der Sozialdemokratie – und das in einem Land, dass seinen Nationalstaat nur mühsam durch Blut und Eisen, durch Konterrevolution und Verrat zustand bekommen hatte und sich auf Germanentum und Blutsbande berief statt auf revolutionäre Traditionen.
Es gab aber auch die Kräfte in der Arbeiterbewegung, die nach wie vor an den Beschlüssen der II. Internationale festhielten, die daran festhielten, dass der drohende imperialistische Krieg, wenn er nicht verhindert werden kann, in einen Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie umgewandelt werden muss. Das waren vor allem die im Spartakus-Bund mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg organisierten Genossen. 1915 schrieb Karl Liebknecht ein Flugblatt, dessen Inhalt uns bis heute und gerade hier in unsere Konferenz begleitet. Es trug die Überschrift: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ Darin heißt es:
„Wir haben erlebt, dass beim Kriegsausbruch die Massen von den herrschenden Klassen mit lockenden Melodien für den kapitalistischen Kriegszweck eingefangen wurden. Wir haben erlebt, wie die schillernden Seifenblasen der Demagogie zerplatzten, die Narrenträume des August verflogen, wie statt des Glücks Elend und Jammer über das Volk kamen; wie die Tränen der Kriegswitwen und Kriegswaisen zu Strömen anschwollen; wie die Erhaltung der Dreiklassenschmach, die verstockte Heiligsprechung der Viereinigkeit: Halbabsolutismus – Junkerherrschaft – Militarismus – Polizeiwillkür zur bitteren Wahrheit wurde.
…
Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt es für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.
Wir wissen uns eins mit dem deutschen Volk – nichts gemein haben wir mit den deutschen Tirpitzen und Falkenhayns, mit der deutschen Regierung der politischen Unterdrückung, der sozialen Knechtung. Nichts für diese, alles für das deutsche Volk. Alles für das internationale Proletariat, um des deutschen Proletariats, um der getretenen Menschheit willen!
“
Streiks und Demonstrationen, Widerstand aller Art gab es gegen den Krieg im Sinne Karl Liebknechts. Aber die Kraft reichte nicht aus, um die Kriegstreiber zu stürzen und aus dem imperialistischen Krieg auszuscheiden – im Gegensatz zu Russland, wo die Arbeiter 1917 ihre Diktatur errichteten – zum ersten Mal seit der Niederlage der Pariser Kommune. Der deutsche Imperialismus nutzte den unbedingten Willen zum Frieden des jungen Sowjetrussland für den Schandfrieden von Brest-Litowsk, der dem proletarischen Staat einiges an Gebietsverlusten, aber wenigstens einen Zeitgewinn zu seiner Konsolidierung brachte.


 
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