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Am 13. Januar, dem Tag der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung, wollen Neonazis in Berlin-Lichtenberg, im Weitling-Kiez (nur einige hundert Meter von der Gedenkst√§tte der Sozialisten entfernt) aufmarschieren - unter der Parole "Gegen das Vergessen - Freikorps, Soldaten f√ľr Deutschland". Auftakt dieser bisher frechsten Naziprovokation war es, dass die neofaschistische NPD am 13. Dezember in der Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung den Antrag einbrachte, den nach dem bekannten Kommunisten und antifaschistischen Widerstandsk√§mpfer benannten Anton-Saefkow-Platz in "Waldemar-Pabst-Platz" umzubenennen. Diese Provokation wurde von den Bezirksverordneten - gest√§rkt durch das demonstrative Auftreten antifaschistischer B√ľrger - einstimmig, gegen die zwei Nazistimmen, ohne Enthaltungen zur√ľckgewiesen.

Freikorps: Die Henker der Revolution

Am 10. November 1918 schloss Ebert einen Pakt mit Groener, dem politischen Kopf der Oberste Heeresleitung. Bald wurden die ersten konterrevolution√§ren Freikorps gebildet. Sie waren mit Karabinern bewaffnet, jedoch verf√ľgten man auch √ľber zahlreiche schwere Maschinengewehre und Minenwerfer.
Die Garde-Kavallerie-Sch√ľtzen-Division geh√∂rte mit bis zu 40 000 Mann zu den gr√∂√üten Freikorps. Im Auftrag und gedeckt durch die Regierung Ebert-Scheidemann waren Freikorps unter anderem wesentlich an der Niederschlagung der Revolution in Berlin, der Bremer sowie der Bayrischen R√§terepublik beteiligt und f√ľr die Ermordung Tausender Arbeiter verantwortlich.
Sie k√§mpften 1919 im Baltikum gegen die Sowjetmacht und beteiligten sich im M√§rz 1920 am Kapp-Putsch. Die Freikorpsverb√§nde mussten gem√§√ü den Bestimmungen des Versailler Vertrags im Fr√ľhjahr 1920 offiziell aufgel√∂st werden. Mitglieder der Marinebrigade Ehrhardt, die im M√§rz 1920 mit L√ľttwitz in Berlin einmarschiert waren und ein Hakenkreuz auf dem Stahlhelm trugen, wurden in geringer Zahl von der Reichswehr √ľbernommen. Andere wurden Mitglieder in der geheimen "schwarzen Reichswehr", in der Organisation Consul, des Stahlhelms, der SA usw.
Hauptmann W. Pabst war 1918/19 Erster Generalstabsoffizier (d. h. Stabschef) der Garde-Kavallerie-Sch√ľtzen-Division, der Elitetruppe der sozialdemokratischen Regierung Ebert-Noske. Er f√ľhrte Regie bei der - ihm vom Mitglied des Rates der Volksbeauftragten und "Oberbefehlshaber in den Marken" Noske (SPD) erst geradezu soufflierten und danach gebilligten - Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch ihm unterstellte Offiziere, die er so deckte, dass sie mit Bagatellstrafen oder g√§nzlich straffrei davonkamen, so wie Noske und dessen Regierungskollegen ihn selbst vor einer Vernehmung sch√ľtzten. In ihre Fu√ütapfen trat die BRD, die auch, als er sich 1962 im "Spiegel" √∂ffentlich zu seiner Verantwortung f√ľr die Mordtat bekannte, nicht einmal ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitete.

Den gr√∂√üten Beitrag zur Aufhellung der politisch bedeutsamen Biographie Pabsts, eines Individuums, in dem sich die Komplexit√§t von Milit√§r, Politik und Wirtschaft, Innen- und Au√üenpolitik, Geheimdiplomatie, Geheimdienstarbeit und Medienmanipulation verk√∂rpert, leistete die Bremer Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Doris Kachulle, Kommunistin von der Gr√ľndung der DKP bis zu ihrem Tode 2005. Ausgehend von den relativ bekannten Phasen seines Agierens in der Garde-Kavallerie-Sch√ľtzen-Division und dem aus ihr hervorgegangenen Armeekorps 1918/19, als milit√§rischer Verschw√∂rer und Kapp-Putschist 1919/20 sowie als ein Inspirator und Organisator des √∂sterreichischen Heimwehr-Faschismus, hat Doris Kachulle durch langj√§hrige ausgedehnte Quellenstudien und minuti√∂se (mitunter nicht ungef√§hrliche) Recherchen gerade die vielgestaltige Komplexit√§t im Wirken dieser einflussreichen und h√∂chst umtriebigen Figur hinter den Kulissen aufgedeckt.

Großbildansicht s4raeterepublik-strassentruppen.jpg (38.6 KB)
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"Halt! Wer weitergeht, wird erschossen."
Aus der F√ľlle ihrer Erkenntnisse hervorzuheben sind zum einen seine der √Ėffentlichkeit verborgenen engen und st√§ndigen Verbindungen zu deutschen Regierungsstellen, namentlich zu Stresemann, w√§hrend seines Aufenthalts in √Ėsterreich. Zum anderen seine nicht weniger lichtscheue T√§tigkeit in der neutralen Schweiz w√§hrend des Zweiten Weltkrieges, als er - in Verbindung mit Schweizer Regierungsstellen - f√ľr die deutsche R√ľstung wirkte und zugleich in Kontakt zu ultrareaktion√§ren, faschistischen Schweizer Kreisen stand.

Pabst war Generalst√§bler und Industriemanager, R√ľstungslobbyist und Regisseur geheimer R√ľstungsvorhaben und illegaler Waffengesch√§fte, eine Schl√ľsselfigur in der geheimen Aufr√ľstung und Kriegsvorbereitung und vieles andere mehr. Immer aber war er ein initiativreicher Akteur der b√ľrgerlichen Reaktion, gleicherma√üen f√ľr raffiniertes Taktieren und brutalsten, blutigen Terror zu gebrauchen, ein Repr√§sentant der Interessen- und Handlungseinheit von Milit√§rclique, R√ľstungskapital und Faschismus.

Doris Kachulle, die im Juni 2005 einem Krebsleiden erlag, konnte ihre weitgespannte Untersuchung nicht selbst vollenden. Dem Bremer Historiker Karl Heinz Roth geb√ľhrt gro√üer Dank, dass er aus ihrem reichen Nachlass eine hochinteressante, immer wieder geradezu spannende, sowohl wissenschaftlich relevante als auch politisch wichtige Auswahl vorgelegt hat.


Doris Kachulle: Waldemar Pabst und die Gegenrevolution. Vorträge, Aufsätze. Aus dem Nachlass. Hrsg. von Karl Heinz Roth. EDITION ORGANON. Berlin 2007


 
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