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NEUES THEMA10.11.2008, 14:38 Uhr
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Panos Kanakaris/Udo Paulus
GAST
• Mönche weltlich, allzu weltlich unterwegs Vatopedi ist nur die Spitze des Eisberges. Dieses "altehrwürdige" Kloster des Heiligen Berges (Athos) in Nordgriechenland nimmt in der Hierarchie der Athos-Klöster den zweiten Rang ein und beherbergte in jüngster Zeit bis zu 80 Mönche.

Dass Efraim, der Abt von Vatopedi, sich in irdischen Besitzverhältnissen professionell bewegt, hat in den vergangenen Wochen die bürgerliche Öffentlichkeit in Griechenland und darüber hinaus aufgeschreckt. Mit dem zweifelhaften Geschäftsgebaren des Abtes kamen weitere skandalöse Machenschaften anderer Klöster ans Licht der Öffentlichkeit.

Vatopedi betrachtet den Vistonida-See und das umliegende Gebiet, eine Fläche von 800 Hektar im thrakischen Nordgriechenland als Klostereigentum. Durch das goldene Siegel des byzantinischen Kaisers und das Bleisiegel des Sultans sei der Besitzanspruch abgesichert. Seit 1923, dem Vertrag von Lausanne, steht der griechische Staat in der Pflicht, den griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien Land zur Bewirtschaftung bereit zu stellen. Das ist bis heute nicht abschließend geschehen. Nun hat die Regierung vom Kloster einen Teil des Seegebietes durch Tausch erworben. Im Gegenzug überschrieb sie dem Abt Teile des olympischen Dorfes von 2004 und teuren Baugrund in Athen. Abt Efraim, zypriotischer Herkunft, hat nun den Baugrund und Anteile des olympischen Dorfes an "Baulöwen" verkauft, die restlichen Wohneinheiten an Interessenten vermietet.

Im exklusiven Athener Vorort Marousi gründete Abt Efraim verdeckt eine Immobiliengesellschaft, um illegal errichtete Bürokomplexe von Vovos - einem großen Bauunternehmer in Athen - für vier Milliarden Euro zu erwerben. Am Geschäft beteiligt war der Minister für Koordination, Rousopoulos, darüber hinaus ganze Behörden und nicht wenige politische Repräsentanten. Die lukrativen Immobilien sollten weiter verkauft oder vermietet werden. Das Verfahren wurde gestoppt, das extra für die Transaktionen des Abtes eingerichtete Immobilienkonto gesperrt. Neoliberalen Profitbotschaften wohl eher verpflichtet als dem urchristlichen Armutsgebot "Verkaufe, was du hast und gib´s den Armen" (Matth. 19,21), beteiligte sich Abt Efraim bedenkenlos am Handel mit exklusivem Baugrund.

Das Athos-Kloster Megisti Lavra hat die Gesellschaft "Aioliki AE" mit 97 Prozent Aktienanteil gegründet, um das größte Windkraftwerk Europas auf der Insel Skyros bauen zu lassen. Mit 3700 ha sieht das Kloster etwa ein Fünftel der Insel als sein Eigentum an.

Das arkadische Kloster Jorgoepikou in Nestani unterhalb des mythologisch bekannten Bergmassivs des Artemision gründete ebenfalls eine ökonomische Gesellschaft, die "Holy Ventures Artemision SA", um das Quellwasser der Bergregion als Mineralwasser zu verkaufen. Quellwasser, das die Bauern der Region im extrem regenarmen Ostpeloponnes dringend benötigen. Das Kloster erklärt, die Quelle sei eine Schenkung des türkischen Pascha anno 1229 nach islamischer Zeitrechnung (1815/16).

Kotychi-Strofilia, eine Schwemmlandebene mit üppigem Waldbestand im Nordwestpeloponnes, gilt wegen seiner Artenvielfalt als besonders schützenswertes Gebiet. Der Abt von Mega Spilaio behauptet, etwa 60 ha der Strandzone gehöre dem Kloster, das im nordpeloponnesischen Achaia nahe Kalavrita liegt. Nun will das Kloster die Sandstrandzone touristisch erschließen. Nicht nur die Naturschützer/innen der nahe gelegenen Uni Patras laufen Sturm gegen die Begehrlichkeiten der Mönche.

Warum verfügen die orthodoxe Kirche und Klöster in Griechenland über derartig viel Eigentum und Reichtum? Zum Verständnis bedarf es eines historischen Rückblicks, der durchaus Querverbindungen zu den Reichtümern der katholischen Kirche bietet.

Zwei Hauptquellen sind zu nennen:
Alle Athos-Klöster haben ihre Besitztümer durch Schenkungen der byzantinischen Kaiser (400-1453) erhalten, um ihre ökonomische Unabhängigkeit zu sichern;Alle Besitzansprüche der Kirche an Wald, Seen, Dorf- und Stadtflächen beruhen auf zweifelhaften Belegen von Besatzern oder Schenkungen von in Not geratenen Bevölkerungsteilen. Professor Jorgos Kumandos schrieb am 4. 5. 1981 in der griechischen Zeitung To Vima, warum das so ist: Die Ottomanen als Besatzer Griechenlands (türkische Herrschaft ab 1453) ließen keinen sicheren privaten Besitz für Griechen zu, außer für die Kirche. Jederzeit konnte privates Landeigentum von den Besatzern entwendet werden, was freilich mehr die einfachen griechischen Bauern, weniger die kollaborierenden Großgrundbesitzer betraf. Also überschrieben sehr viele Gläubige ihren privaten Landbesitz an die Kirche im guten Glauben, sie würden es nach der Befreiung zurück bekommen.

Zwar sind die schier grenzenlosen Besitzansprüche und Reichtümer der Kirche nicht neu, gleichwohl bewegt sie sich rechtsstaatlich auf dünnem Eis.

Schließlich kann sich die Kirche ausschließlich auf bis zu tausend, zum Teil sogar mehr als tausend Jahre alte Gold- und Bleisiegel der byzantinischen und türkischen Besatzer griechischen Bodens berufen.

Jedes Mal, wenn Zivilpersonen vor Gericht ihre rechtmäßigen Besitzansprüche erstreiten wollen, erscheint ein Priester, der stereotyp das kirchliche Besitzrecht u. a. mit einem Siegel des Kaisers Johannes V. von 1365 begründet. Der habe mit einem goldenen Siegel bestätigt, dass alle Klöster die beanspruchten Ländereien rechtmäßig besäßen.

Ob Technische Universität oder die Akademie in Athen, ob diverse nationale und internationale Schulen, ganze Stadtteile sollen der Kirche gehören, wie z.B. Kaissariani, die heroische Stadt im Widerstand gegen die faschistischen deutschen Besatzer. Große Teile der Hauptstadt seien Eigentum der Kirche. Selbst der Rote Platz in Moskau wird von einem Athos-Kloster sein eigen genannt. Da nimmt es sich geradezu bescheiden aus, wenn verschiedene kirchliche Institutionen und Klöster die Berge rund um Athen als ihr Eigentum betrachten. Das Penteli-Kloster auf einem dieser drei Berge sieht sich als Besitzer umfangreichen Baugrundes im schon genannten vornehmen Marousi. Dort erstreckte sich vormals ein für Athen zunehmend seltener werdendes, gleichwohl umso lebenswichtigeres Waldgebiet. Erheben mehrere Klöster gleichzeitig Besitzansprüche auf dasselbe Objekt der Begierde, einigt man sich selbstverständlich "brüderlich". Von zivilrechtlichen Streitigkeiten zwischen Klöstern ist bisher nichts bekannt.

Vor einer rechtsstaatlichen Klärung aller Besitzansprüche schrecken die politisch Verantwortlichen in der sozialdemokratischen PASOK und der bürgerlichen Nea Demokratia (ND) zurück. Stattdessen beschränken sie sich auf Schuldzuweisungen für die nicht mehr vor der Öffentlichkeit zu verbergenden Auswüchse der mafiotischen, kirchlichen Aktivitäten. Selbst SYRIZA - die griechische Linkspartei - agiert doppelzüngig. Geißelt ihr ehemaliger Vorsitzender Alavanos die neoliberalen Geschäftspraktiken der Klöster wortradikal, findet der kretische Parteivertreter Anipsitakis nichts Verwerfliches am Plan des Klosters Toplou, in einer zum Naturschutzgebiet erklärten Zone auf einer Fläche von annähernd 2 600 ha einen riesigen Hotelkomplex mit 7 000 Betten, einer Golfanlage und einem Kongresszentrum errichten zu lassen. Im Interesse der regionalen Entwicklung sei das Projekt zu begrüßen.

Einzig die KKE besteht auf der uneingeschränkten rechtsstaatlichen Trennung von Staat und Kirche. Bereits Kapodistrias habe als erster Regent nach der Befreiung von der türkischen Besatzung 1829 erklärt: Der griechische Staat ist aus der Revolution entstanden. Er hat weder Schulden beim türkischen Adel, den griechischen Großgrundbesitzern noch der Kirche. Griechenland gehört allein dem griechischen Volk.

Ein oberstes Gericht hat endlich eine rechtsstaatliche Prüfung eingeleitet mit der Tendenz, dass kein Siegel, ob aus Gold oder Blei, ein formelles Recht auf griechischen Landbesitz begründen könne.

Zudem betont die KKE die volksfeindliche Rolle der Klöster in der Geschichte. Stets hätten Vatopedi und die anderen Klöster mit der Macht kollaboriert:

Die Athos-Klöster haben während des Befreiungskampfes des griechischen Volkes gegen die türkischen Besatzer den Sultan um Schutz gebeten gegen die aufständischen Griechen. Der Sultan schickte Armeeeinheiten, die bis 1830 von den Mönchen versorgt wurden. Im besagten Jahr wurde der Vertrag des neuen griechischen Staates mit den europäischen Großmächten (Londoner Protokoll) geschlossen, den auch der türkische Sultan akzeptierte. Darin war vertraglich geregelt, dass der nördliche Teil Griechenlands weiterhin unter türkischer Herrschaft blieb, was die Mönche auf Athos begrüßten.

Im April 1941, als die Wehrmacht nach Athen marschierte, schrieb die Synode von Athos einen Brief an Hitler, "an seine Exzellenz, den Kanzler des ruhmreichen Deutschen Reiches", und bat um Schutz für den Heiligen Berg.

In der Juntazeit (1967 bis 1974) forcierten die griechischen Klöster die Enteignung einfacher Bauern, um deren Land selbst in Besitz zu nehmen, auf das sie zweifelhaften Anspruch erhoben.

Folglich verlangt die KKE, das scheinheilige Geschrei über die Auswüchse der kirchlichen Aktivitäten zu beenden, und endlich die Trennung von Staat und Kirche herbeizuführen, um so grundsätzlich den verfassungswidrigen Aktivitäten der Klöster einen Riegel vorzuschieben. Wald, Seen, Strandregionen und die riesigen Ländereien, die von den Klöstern und darüber hinaus von Großgrundbesitzern beansprucht werden, seien originäres Eigentum des griechischen Volkes und nicht der Kirche.

Ein Ende der Skandalgeschichte ist noch nicht geschrieben.
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