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unofficial world wide web avantgarde
NEUES THEMA30.01.2014, 01:06 Uhr
EDIT: joe123
30.01.2014, 01:38 Uhr
Nutzer / in
joe123

• Zu Domenico Losurdos falschen Freundschaftsbezeigungen Gestattet
1.-4. einige kritische Bemerkungen zu neueren Umtrieben des Genossen Losurdo,
5. etwas Material von Hacks und Gossweiler vs. Losurdo sowie
6. in aller gebührenden Bescheidenheit eine Losurdo-Pathologie und einen "solidarischen Verfahrensvorschlag" (nämlich seitens des bescheidenen kommunistischen Weltgeists).

________________

1. Das 20.Jhd als schlecht-unendliches 19.Jhd "begreifen"

"Das 20. Jahrhundert begreifen" ist bei Papyrossa so ein neuer "Geheimtipp", eine kompakte Broschüre, und sehr gut geeignet – um das 20.Jhd auf den Hund eines auch noch dürftigen 19.Jhd zu bringen.

Der ganze Faschismus ist nämlich nur besonders bestialischer Imperialismus, und der nur besonders bestialischer Kolonialismus, daher Faschismus = auch nur ein Kolonialismus und um nix besser als die verlogene Liberalisten- und Freihändlermasche der Angloamerikaner.

Von auch nur kleinen Unterschieden in den Kampfbedingungen der Arbeiter und Kleinbürger/-bauern und auch im Selbstverständnis der Bourgeoisie brauchts in solch großzügigem Rückblick aufs Jahrhundert nicht zu reden.

Man muss den Bourgeois nicht ihre Demokratenmelodie vorspielen und sie dran entlarven. Man muss keinen leninistischen Demokratismus betreiben. Denn das ist alles out und verlogen und "WeißHerrenDemokratie". Da fehlt bald nicht mehr viel zum "privilegierten weißen mittelständischen männlichen heteronormativen Subjekt" der postmodernen Kleinbürgerkritizisten.

Die Methoden-Agenda des Losurdo ist aber eine andere. Eins der Meisterargumente für das Potpourri gesellschaftlicher Phänomene wie Faschismus/ Imperialismus/ Kolonialismus/ Stalinismus sind positivistisch umgepflügte Leichenberge. Indianer + Inder = Juden + Bolschewiken – voila die neue kritische Komparatistik!

Das Kolonialismuselement des Imperialismus und des Faschismus wird nicht nur gegenüber den bekanntlich vielerorts unterschätzten innerimperialistischen Widersprüchen aufgewertet, sondern auch gegenüber dem Hauptwiderspruch Arbeit-Kapital. Wenn die Debatten über Imperialismustheorie in und um die DKP vielleicht und vielleicht in der BRD mit gutem Grund dazu tendierten, den Antikolonialismus Lenins zugunsten seiner "Großmacht- und Kapitalanalyse" etwas zu vernachlässigen, wird Lenin jetzt zum Hauptsache-Antikolonialisten aufgebauscht, wobei dessen klassenanalytische Unterscheidungen und Warnungen vor reaktionären Nationalkräften ("Mullahs" etc.) nicht länger wichtig scheinen.

Das ungefähre Ziel ist klar: Die Kämpfe in den imperialistisch verrotteten "Zentren" sind relativ für die Katz, Empowerment für die 3. Welt angesagt. Statt der Einheit der Unterschiedlichen "Proletariat und unterdrückte Völker" gibts einseitige Sehnsucht nach der Befreiung von außen, gerechte Verachtung der ganzen bürgerlichen Demokratiescheiße und Bagatellisierung namentlich des deutschen Faschismus zu einer einfach-unterschiedslosen Spielart des Kolonialismus. Kein Revanchismus, kein innerimperialistischer Widerspruch, kein Antisemitismus als besondere Kriegswaffe, kein Dimitroff, kein Thälmann – inwiefern diese Schieflage von den italienischen Verhältnissen bedingt sein mag, entzieht sich meiner ja nur oberflächlichen Wahrnehmung dessen, was Losurdo in wirklich exzellentem, publizistisch wirkungsvollem Deutsch ausstreut.

Es ist auch so attraktiv, das 20. Jahrhundert auf 80 Seitchen für die Westentasche parat zu haben und mit einem flachen "Äätsch, ihr Kapitalisten alle, ihr liberal-tuenden Amis seid ja nicht besser als die Faschisten, und ihr Faschisten nicht schlimmer als diese Bürgerdemokraten, und alles scheiße und alles so kolonial" die Analyseaufgaben der Zeit bequem zu umschiffen. Bin jedenfalls von mehreren Ecken auf diese "famose Broschüre" hingewiesen worden – "endlich wurds mal gesagt" …



2. Sonntags-Eintopf zur Überwindung der "unglückseligen Spaltung" "westlicher/östlicher Marxismus"
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Wer eine angebrachte gehörige Ideologiekritik etwa der Verzapfungen des gut rumgereichten Ingo Elbe (Rote Ruhr Uni) erwartet hat, der sich nicht einkriegt über die avantgardistische Brillanz der westdeutschen Lukács-Verdreher und Marxversteher und der den "östlichen Marxismus" nur darauf röntgen kann, ob er auch dissidierende Beiträge zur "marxistischen" Verklärung der westdeutschen Gegenwart liefert oder dem stalinschen Baal und Babylon frönt –

wird hier tiefschürfend darüber aufgeklärt, was für ein arroganter Irrtum "des Westens" es sei, den "Ost-Marxismus" zu verdammen. Dieser "Ostmarxismus" war und ist nämlich eine notwendige antikoloniale Entwicklungsideologie, während der "Westmarxismus" eben seine anderen berechtigten Schwerpunkte hat – z.B. vulgär-abgeklärte Demokratiekritik nach dem Muster von "Das 20.Jhd begreifen".

"Der Ostmarxismus ist nicht bös, nur eben was für die unterentwickelten Akkumulatorenkerls von Wladiwostok bis zur Elbe heran" – und an der Elbe darf dann Herr Elbe warten und Losurdo abholen, um gemeinsam den kreativ-kritischen "Westmarxismus" durchzuwinken.

Der "Westmarxismus" muss jetzt aber mal gehörig kritisiert werden, weil er einen Fehler begeht, wenn er den Bauernlümmels von Ural und Jangtse ihren ja von Lenin gedeckten Aufbauenthusiasmus aus seiner Warte vorwirft.

Auch dieser Bärendienst ist schön bündig und wirkungsvoll geschrieben/referiert, und wieder die halbe Miete, dass die so nötige Kritik des "Westmarxismus" zugleich diesen herb aufwertet und den "Ostmarxismus" zu einer rückstandsbedingten Lenin-"Lesart" verniedlicht. Es sind auch nicht etwa die hochgezüchteten Produkte des dezidiert antisowjetischen "Marxismus" (kritische Theorie, Neue Marxlektüre, Trotzkismus, Iring Fetscher, Rosa-Luxemburg-Stiftung und Umfeld etcetc) konkret im Visier, sondern wieder nur die letztlich dem imperialistischen Kolonialismus hinterherdackelnde Intellektuellen-Arroganz gegenüber den "Aufbaubemühungen" im Osten.

Die Sowjets und Chinesen haben gut daran getan, die Fortschrittstölpel zu sein, als die sie im Westen denunziert werden. Ihre "Aufbaubemühungen" sind ja auch allerliebst anzuschauen, aber ansonsten sollten wir hier lieber Gramsci lesen gehen. War ja ein netter Versuch drüben, und immer wieder gern, aber ich entsorg schon mal meine "Sowjetwissenschaften", dies unbrauchbare Zeug. Weit entfernt davon, dem "Westmarxismus" mal mit den Koryphäen des "Ostmarxismus" seinen Revisionismus und Kleinbürgerkritizismus auszutreiben, bestätigt Losurdo die westlichen Vorwürfe mit Freuden und ist auch noch stolz auf seine Halluzination, dass der "Ostmarxismus" sich kaum zur Umwerfung der Westverhältnisse eigne.
NEUER BEITRAG30.01.2014, 01:07 Uhr
EDIT: joe123
30.01.2014, 01:08 Uhr
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joe123

Zu Domenico Losurdos falschen Freundschaftsbezeigungen 3. Mit Gramsci gegen Sowjetunion und Marxismus
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Hier wird erst mal der Sowjetimpetus und ganze Marxismus nicht etwa mit Müntzer, sondern mit Luther verglichen und der Marxismus genau falsch und nicht im Sinne einer möglichen "marxistischen Theologie" mit katholischen Heilserweckungen verbunden. Das ist schon schief genug,
 
a. weil der dialektische Materialismus seit 1844 kein Atheismus mehr ist, der vor allem damit beschäftigt wäre, Leuten Heilserwartungen aus den Schädeln zu dreschen (Losurdo kritisert an den Katholiken gerade das, was an ihnen ehestens noch durchginge, nämlich die Erlösungserwartung, die wenigstens noch die Unerlöstheit der Welt ausdrückt = Losurdo macht in Dorfatheismus), sondern der zurecht mit Heine fordert, das Paradies auf Erden zu errichten, statt sich "materialistisch" vor "den Gegebenheiten" in den Staub zu schmeißen,
 
b. weils "DEN Marxismus" zu einem Anarcho-Kleinbürgersozialismus (a la früher Bloch) zusammenkocht, wo sich sämtlicher sowjetischer und DDR-Marxismus nach 1945 eher durch teils resignierten, teils realistischen Mangel an Heilserwartung auszeichneten.

Weiters aber wird Lenin und Stalin ein gewisser Elendsfetischism unterstellt. Irgendein Zitat brauchts da nicht. Von Stalin stammt jedoch dummerweise das ökonomische Grundgesetz des Kommunismus, eine geniale Zusammenfassung des bisherigen theoretischen und reale Antizipation des gesellschaftlichen Kommunismus, worin es kategorisch bis zum Knochenbruch heißt: "Assoziierte Produktion auf Basis höchster technischer Stufenleiter (= Arbeitsentlastung, Arbeitsbefreiung, Vergeistigung etc.) entsprechend den STETIG WACHSENDEN BEDÜRFNISSEN der Volksmassen" – und vielleicht würde Losurdo hier aus ökologischen, wachstumskritischen Gründen abspringen und damit beweisen, wer hier der Asket ist!

Schließlich wird die Rückständigkeit der Sowjetunion aufgebauscht – Mystifikation des Imperialismus und Banalisierung der sowjetischen Industrialisierung durch die Bank.

Operiert wird mit Gramsci-Zitaten, die durchweg nicht belegen, was Losurdo so gern aus ihnen raushören möchte. Wenn Gramsci kein unproblematischer Charakter ist – aber Losurdos antistalinistische Karikatur ist meilenweit vom immer solidarischen Sowjetkritiker und Sowjetbegrüßer Gramsci entfernt. Die ökologisch-demokratiekritische Revision des Marxismus kommt auf klassische Formeln.



4. Feldzug gegen Antistalinismus sowohl als Stalinismus

Schließlich das letztens in jw-Kreisen Furore gemacht habende "Stalin – Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende", wieder ein brandheißes Projekt, wieder gediegen gemacht, wieder Papyrossa –

und wieder eine wohlmeinende Schultertätschelei und schier tödliche Umarmung der armen ollen "Stalinisten". Das Muster ähnlich dem unter Punkt 2. Erst mal Attacke gegen die Antistalinisten, die Personalisierer, die Einheit von Nazis und Hearst-Presse. Tiefe geistesgeschichtliche Ausgrabungen über Dämonisierungstraditionen. Schöne Materialsammlung. "Entstalinisierung" als interessierter Politikbetrieb. Trotzki als keineswegs friedliche Alternative zu Stalin.

Was aber wird gleich im dicken Sack mitgekauft?

a. Die Rede vom "zweiten dreißigjährigen Krieg" für 1914-45 ist auch jenseits der revanchistischen Sprachregelungen eine völlig unbrauchbare Schrottvokabel, die die Bagatelle der Gründung der Sowjetunion mal eben ins imperialistische Einerlei einmanscht.

b. Die Behauptung, die Nationalitäten wären immer wichtiger geworden und hätten am Ende die Sowjetunion gesprengt, Oberflächengekratze statt Analyse des Untergangs der SU.

c. Die Ignoranz gegenüber der Ökonomiediskussion von 1952, in der die Überwindung des Marktes und Geldes sehr wohl ins Auge gefasst und für einen riesigen Wirtschaftssektor sogar konstatiert wurde, einschlägig für einen Vorbau, das sei alles "nachholender Kapitalismus" gewesen.

d. Der ganze Sprachschatz zur Beschreibung des offenbar auch von Losurdo sogenannten "Kalten Krieges", "der von beiden Seiten unerbittlich geführt wurde", eine völlige Verharmlosung des Imperialismus, im Grunde schon eine totalitaristische Denkfigur,

e. Der Imperialismus im Vorwort steif und unbeschrieben, verniedlicht als "Der Westen", was doch nicht nur durch Japan und Deutschland Tinnef, uswusf., außerdem ohne Arbeiteraristokratie/Sozialdemokratie als entscheidenden Quietisten der Arbeiterbewegungen drüben.

f. Die letztliche Intention, den Antistalinismus genauso zu problematisieren wie den Stalinismus, macht Losurdo einmal mehr völlig unfähig, zu einem frischen Stalin-Bild beizutragen. (Th. Mann = Churchill? Schönen Dank auch)

Pointe des Buches ist, man muss mal distanziert betrachten und sehen, dass die Antistalinisten, weil doofe Imperialisten, auch nicht besser als die "Stalinisten" sind. Die Welt ist ja so schlecht!
NEUER BEITRAG30.01.2014, 01:34 Uhr
Nutzer / in
joe123

Zu Domenico Losurdos falschen Freundschaftsbezeigungen 5. Gossweiler und Hacks vs. Losurdo

Hier sei nur kurz darauf verwiesen, dass Hacks und Gossweiler erst unabhängig voneinander, dann gemeinsam über Losurdo herziehen, sicher mit anderen Schwerpunkten als in obigen Kritiken. Gossweiler hatte seinerzeit eine ausführliche Widerlegung der Sowjetgeschichtsschreibung von Losurdo unternommen, die anders als regelmäßiger Losurdo nicht in der "jungen Welt" erscheinen konnte und die daraufhin der Streitbare Materialismus, Heft 24, brachte: "Genosse Domenico Losurdos 'Flucht aus der Geschichte'". Darin werden einige Methodenprobleme bereits angesprochen. In einem Brief an Gossweiler regt sich Hacks dann wie folgt über Gossweilers Eifer versus Losurdo auf:

"28.8.2000: Lieber Herr Gossweiler, DLs Siebenteiler, wie ich Ihnen sagte, hatte ich nur überflogen. Was ich vom Inhalt erinnerte, war das: Die russischen Kommunisten waren wohlmeinende Menschen, die all unser Verständnis verdienen. Ihr einziger Fehler war, daß sie Kommunisten waren.
Man kann nun überlegen, ob die ungemeine Sorgfalt, die Sie an den Mann wenden, nicht zu viel Sorgfalt war.
So wie Dühring ganz einfach ein Anlaß für Engels geworden ist, das System der marxistischen Wissenschaft darzustellen, welches sich ohne Bezug auf Dühring mit weit mehr Gewinn hätte darstellen lassen, so ist jener Prof. Domenico, den hiermit zum letzten Mal Domenico Absurdo zu nennen ich gelobe, ganz einfach ein Anlaß für Gossweiler geworden, die Geschichte des sowjetischen Revisionismus zu erzählen, welche ohne Bezug auf DL zu erzählen Gossweilers eigentlicher Beruf ist und welche sich ohne Bezug auf DL mit weit mehr Gewinn hätte erzählen lassen.
Dieses Individuum ist ein Niemand, und Ihre Schriftstellerseele muß diesen Schritt vom rechten Weg aus irgendeiner Produktivitätsnotwendigkeit gebraucht haben. Wenn der jetzt vorliegende Text Ihre Hauptarbeit nicht beeinträchtigt hat, soll er von Herzen gelobt sein. Ist auch gut und mit Disziplin deutsch geschrieben."

Ich meine nun allerdings ziemlich wertfrei, dass Hacks insofern irrt, als sich Losurdo keineswegs als "ein Niemand" erweist, sondern als fleißiger Genosse, der eine ewisse intellektuelle Attraktivität ausstrahlt und dabei eine sagenhafte Konfusion verbreitet. Und ich verstehe inzwischen Gossweiler, dass er da einschreiten wollte.


6. Pathologie und "Verfahrensvorschlag"


Losurdo macht in kunterbunter Allerwelts-Bescheidwisserei, in Feuilleton-Theorie und blendender Systemkomparatistik, springt mal hier, mal da auf ein Thema an, wirkt produktiv, hat immer eine neue frappierende These parat, kann sich dabei bissel ausdrücken und wirkt zumindest im Umfeld der "jungen Welt", im Umfeld des vielleicht etwas weichherzigen Hans Heinz Holz, der ihn immer bei aller Kritik auch schützte und mit ihm italienische Kontakte hielt, und bei manchen Studis nicht nur in Italien und Deutschland. Aber sein Antifaschismus ist nur anderer Antiliberalismus, sein Antiimperialismus nur (wahlweise ökologisch) modifizierter Antikolonialismus, seine Kritik des Antistalinismus nur differenzierter Antistalinismus. Daher wären seine jeweils neuesten Einfälle nicht in überschwänglicher Begeisterung, sondern in gebührender kritischer Distanz aufzunehmen und auch mal zu rätseln, an welchen Mängeln der marxistischen Bildungsarbeit es liegen könnte, dass der anregend-unmögliche "Genosse" – wie ihn Gossweiler m.E. zurecht bezeichnet – Losurdo mancherorts so unproblematisch passieren und zirkulieren kann.
NEUER BEITRAG31.01.2014, 11:09 Uhr
Nutzer / in
ErythrosG

Zu Domenico Losurdos falschen Freundschaftsbezeigungen Ich würde schon sagen, dass deine Kritik etwas übers Ziel hinausschießt. Du hast in vielen Punkten gegenüber Losurdo recht, aber einiges sind auch bloße Behauptungen.
Woher nimmst du z.B die Unterstellung, die Kämpfe im Zentrum seien für Losurdo irrelevant? Auch eine "Bagatellisierung" des deutschen Faschismus kann ich bei ihm nicht erkennen. Losurdo schreibt lediglich, dass der deutsche Faschismus die Radikalisierung von Tendenzen darstellt, die auch die liberale bürgerliche Gesellschaft bereits alle ausgebildet hatte. Das ist keine Bagatellisierung sondern der Verweis auf den historisch-logischen Kontext des Faschismus als einer Form bürgerlicher Herrschaft.
Zu den Heilserwartungen: Losurdo hat hier m.E. recht, dass es im Marxismus immer wieder die Vorstellung eines nahenden Paradieses gegeben hat, das sich in Bälde gewissermaßen gesetzmäßig einstellen würde. Und ihm ist auch darin zuzustimmen, dass diese Vorstellung oft großen Schaden angestellt hat. Unter den objektiven Bedingungen in der SU, China usw musste eine solche Vorstellung ständig mit der Realität kollidieren, was nicht unbeträchtlich dazu beigetragen hat, dass etwa in der späteren Sowjetunion auch und gerade ein Gutteil der Parteikader das Ziel des Kommunismus nur noch zynisch belächeln würde. Eine materialistische und realistische Einschätzung des Möglichen unter den bestehenden Bedingungen muss auch einschließen, den Massen eben die bestehenden Einschränkungen und Zwänge ehrlich zu kommunizieren. Die linksradikale Kritik der Trotzkisten, Anarchisten usw., die in jedem taktischen Rückzug und jeder unschönen Antwort auf unschöne Probleme immer sofort den Verrat an der ganzen Sache wittern, kommt genau daher.
Natürlich ersetzt der Verweis auf die Verlogenheit des bürgerlichen Antistalinismus nicht die marxistische Analyse und Bewertung der betreffenden Ära in der Sowjetunion. Das wäre an anderer Stelle zu leisten. Trotzdem bleibt Losurdos Stalin-Buch ein wichtiger Beitrag zur Kritik der antikommunistischen Mainstream-Geschichtsschreibung, dessen Verbreitung wir uns nur wünschen können.
NEUER BEITRAG05.02.2014, 12:46 Uhr
EDIT: joe123
05.02.2014, 12:48 Uhr
Nutzer / in
joe123

Zu Domenico Losurdos falschen Freundschaftsbezeigungen Wenn meine Kritik "nur etwas" übers Ziel hinausschösse, fänd ichs schon dick genug! Jetzt wird auch schnell unklar, ob wir uns wirklich auf die gleichen Texte beziehen.

In der Broschüre "Das 20.Jhd. begreifen" habe ich also eine Überschätzung von Peripheriekämpfen "erkannt", die das gleiche ist wie Unterschätzung der Zentrumskämpfe. Ich kenne mehr Überschätzung der Peripherie und Unterschätzung der Zentren (= Nicht-Kampf!), und am meisten kenne ich Wegwischung des "eh veralteten Modells" durch Multipolar-Multikulturell-Projektionen, darum find ich diese Schieflage in der Broschüre einschlägig genug, öffentlich kritisiert zu werden.

Auch, "dass der deutsche Faschismus die Radikalisierung von Tendenzen darstellt, die auch die liberale bürgerliche Gesellschaft bereits alle ausgebildet hatte", scheint mir keine korrekte Wiedergabe der Thesen und Wirkungen der Broschüre zu sein. Was dort steht und was ich für opportunistische Effekthascherei oder schlimmeres halten muss, ist, dass diese Amis sich mal nicht für Besseres halten sollen als die deutschen Faschisten. Das ist nicht nur eine vulgäre Amerikakritik, sondern auch "Bagatellisierung des Faschismus". Mit dem Hinweis auf den Systemursprung des Faschismus lassen sich auch, scheinradikal-superantikapitalistisch, die Unterschiede zwischen den politischen Formen der Kapitalherrschaft verwischen.

Losurdos Vergleich des Marxismus mit Luther statt Müntzer ist ein, wie auch immer gut-erklärend-entschuldigend gemeinter, gehässiger Angriff auf den Marxismus sowie auf Marx. Und die "Heilserwartungen", die ich bei Losurdo in einem Schulterklopfergestus als "objektiv erklärbare Schwächen der Rückentwickelten" rationalisiert fand, scheinen mir nicht der geeignete Aufhänger zur Diskussion all der Hoffnungen auf "morgen Kommunismus", "unumkehrbaren Sozialismus" und das Verhältnis der bewusstesten Teile der Arbeiterbewegung zu gewissen Massenstimmungen zu sein, sondern ein Aufhänger zur Eintopfung dieser Verhältnisse in einen unentwirrbaren Brei aus Ideen-, Sozial- und Parteiengeschichte.

Schießlich Losurdos Buch gegen den bürgerlichen Antistalinismus: Ich kann mir seine Verbreitung zwecks sehr kritischer Lektüre wünschen, oder ich entdeck dadrin die tolle neue Bibel, um es den bürgerlichen Antistalinisten mal zeigen zu können und dabei selber zum Antistalinisten zu werden. Meine Kritik war ein Appell zu kritischer Lektüre und dazu, Losurdos Kampagnen nicht blind-begeistert aufzunehmen.

Dem bisherigen Abstimmungsergebnis entnehme ich, dass niemand Losurdo als Nicht-Genossen denunzieren möchte – nicht mal Kurt Gossweiler. Aber natürlich hätte ich mir gewünscht, überzeugender, als die Abstimmung darstellt, dafür argumentiert zu haben, dass Losurdo in zahlreichen Publikationen regelmäßig betreffend Hauptfeind, Faschismus und Stalineinschätzung ernstzunehmende Fehleinschätzungen verbreitet, die es öffentlich zu kritisieren gilt (weniger Losurdo, als diese Fehleinschätzungen). Vermutlich käms jetzt drauf an, etwas Zitat zu bringen. Da muss ich schauen, ob ich Zeit und Geduld dafür aufbringe, und ob hier größeres Interesse besteht.
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