DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
Diesen Artikel auf tumblr™ posten teilen
Artikel:   versendendruckenkommentieren (4)
Von secarts

Großbildansicht biermann.jpg (6.5 KB)
Großbildansicht biermann.jpg (6.5 KB)
Wolf Biermann
Einem Musikus von mittelmäßigem Talent bleiben wenige Auswege, um dennoch erfolgreich zu sein: er kann seine Show erweitern, sprich die Musik zum nicht dominierenden Bestandteil seiner Auftritte machen. Wenn er humoristisch oder theatralisch begabt ist, kann das sogar funktionieren - Beispiele dafür gibt es zu Genüge: Phil Collins zum Beispiel. Oder Elton John. Beiden ist nicht unbedingt die goldene Zunge gegeben; dafür haben sie es geschafft, ihre Gigs zum Non-Plus-Ultra der Prosecco-Lifestylebourgeoisie zu pushen: man muß halt mal dagewesen sein. So wie im Zoo oder im Phantom der Oper.
Variante Zwei wäre ein Mäzen - sprich ein (oder mehrere) Förderer, der den Sänger (oder auch die Band) immer wieder ins Gespräch bringt, die Absatzzahlen beeinflußt oder sonstwie Werbung macht. Auch dieser Weg wurde von nicht Wenigen erfolgreich beschritten - da wären zum Beispiel die ganze C-Riege der Popsternchen, die vor allem deswegen gehört und gekauft werden, weil sie mit Dieter Bohlen geschlafen haben. Oder auch Wolf Biermann.

Wolf Biermann? Ja, den Namen kennt man. Der gute Mann wurde 1976 der DDR verwiesen, und seitdem schlägt er vor allem aus dieser Tatsache Profit und Aufmerksamkeit. Der ewig nörglerisch dreinblickende Biermann begann seine Karriere als sog. "Dissident" (das ist jemand, der mit vorwurfsvollem Unterton innerhalb sozialistischer Staaten das nachkaut, was außerhalb dieser Länder in der feindlichen Presse vorgekaut wird) in der DDR. Hilfreich waren ihm dabei die Kenntnis der 10 christlichen Wandergitarrenakkorde und ein hausbackenes - böse Zungen sagen vulgäres - Talent für Schüttelreime. Das klingt dann so: "ahhh jaaa! / Die faulsten Schweine - na grade die! / Nennen uns stinkend faul / so richtig stinkend faul / Die Lügner führen - na grade die! / Die Wahrheit stets im Maul".
Tja - ganz eindeutig von Goethe beeinflußt. Kein Zweifel!

Großbildansicht bieraus.jpg (29.7 KB)
© by ADN Großbildansicht bieraus.jpg (29.7 KB)
DDR-Meldung über die Ausweisung Biermanns
In der DDR hatte der Sänger mit solcherlei Texten wenig Anklang - ein klugerweise verhängtes Auftrittsverbot ersparte ihm leere Säle; stattdessen bedudelte er in seiner Wohnung die armen Gäste. Nach der Ausweisung jedoch begann für Biermann ein wahrer Höhenflug - auf einmal galt er als DER Kronzeuge für den unmenschlichen Sozialismus schlechthin, bestens kaschiert als Linker, der die DDR von links kritisiert. Auf den Leim gingen ihm dabei einige der westdeutschen Linken, die ihn für einen der Ihren hielten. So richtete die Gewerkschaft seine Konzerte aus; Wallraff, Böll und andere unterstützten ihn. Und Biermann selbst beteuerte immer mal wieder, Sozialist geblieben zu sein, und schrieb lustig weiter Texte, von denen neun Zehntel die DDR attackierten und der Rest linksalternativer Folklore zuzuordnen ist.

Nun sollte man denken und hoffen, dass die "Wende" auch Figuren wie Biermann überflüssig gemacht hätte - viele der einstigen Dissidenten wurden schließlich schleunigst entsorgt, als kein Bedarf mehr nach Spaltpilzen aller Art war - selbst der Bourgeoisie gingen diese moralinsauren Gestalten wohl unterdessen mächtig auf die Nerven. Biermann hingegen schaffte es, dem Schicksal des Vergessenwerdens ein Schnippchen zu schlagen: bis heute keine Themensendung, kein Schwerpunktabend oder keine Rückschau auf die DDR, in denen Biermann nicht mindestens ein Statement halten dürfte oder sogar ein Liedchen trällern darf.
Eins hat sich jedoch geändert: musste Biermann früher immer den beflissenen, schwer enttäuschten Sozialisten rauskehren, um seine Rolle gewinnbringend zu mimen, kann er diese ideologischen Verrenkungen heute getrost beiseite lassen: So spielt er schon mal der CDU in Wildbad Kreuth was vor oder unterstützt öffentlich den Rechtspopulisten Schill, dessen "harte Linie" gegen die "Kriminalität" er vollauf teilte. "Ist das rechtsradikal oder ausländerfeindlich?", so die scheinheilige Frage des "Wolfs" im Biermann. Für arge Mißstimmung unter den einstigen Weggefährten sorgte nicht zuletzt auch Biermanns neu entdeckter Bellizismus, der ihn zur Unterstützung des ersten Golfkrieges - auf den Seiten der USA natürlich - trieb. Was er zum zweiten Golfkrieg zu sagen hatte, habe ich mir erspart.

Da fragt man sich unweigerlich, welche besonderen Qualitäten ausgerechnet Biermann prädestinieren, zu jedem Thema seinen Senf abzugeben. Der Mann hat keine geistreichen Bücher geschrieben, keine herrausragenden Taten vor der Geschichte nachzuweisen und nicht mal schöne Lieder verfasst. Alleine die unselige Ausbürgerung (mit der sich die DDR wahrscheinlich im Endeffekt mehr schadete als nützte, das mal am Rande) genügt, um ihn zum gesamtdeutschen Gewissen und gefragten Kommentator zu machen.
Na, wenn es so einfach ist... Schmeißt micht doch auch mal raus. Dann brauche ich mir zumindest keine Sorgen um's tägliche Bort zu machen.

 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
Inhalt (Text, keine Bilder und Medien) als Creative Commons lizensiert (Namensnennung [Link] - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen), Verbreitung erwünscht. Weitere Infos.
 


 
Kommentare anzeigen: absteigend   aufsteigend
  Kommentar zum Artikel von secarts:
Sonntag, 03.07.2005 - 19:25

Biermann wittert "Blut":



Wo die PDS - mag man drüber denken, wie man will - nun vor Blut trieft, muss mir der Hemmungslinke erstmal erläutern.
Und ob er bei seiner "Unterdrückungs-Festellung" den deutschen Faschismus wissentlich oder aus Dummheit unterschlug, würde mich auch mal interessieren...


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 11.06.2005 - 19:32

"Biermann mit "10 christlichen Wandergitarrenakkorde"? Das musst Du mir zeigen!
Ich versuche seit Langem, seine Lieder nachzuspielen. Bin zwar kein Profi, aber ich denke schon sagen zu können, dass Biermann nicht mit klassischen Akkorden spielbar ist. Wer das behauptet, scheint von Musik keine Ahnung zu haben oder zumindest selbst nicht über die "christlichen Wandergitarrenakkorde" hinausgekommen zu sein."


Jaa, ich geb's zu: ich habe von Musik tatsächlich keine Ahnung. Und Gitarre kann ich gar nicht spielen! Ich fand einfach, dass das schön fies klingt und habe es deswegen geschrieben... wieder mal ertappt! :)

"Zu dem Textzitat "ahhh jaaa" ...
Wieviel Texte kennst Du denn von ihm? Offenbar nicht so viele, sonst hättest Du aus Gründen der Objektivität sicherlich auch andere Passagen herangezogen. Schau Dir mal "Enfant Perdu" an, wo er die Flucht eines Freundes kritisiert. "Wir machen weiter Sozialismus und am Ende fliehen die Massen zu uns" ist die sinngemäße Aussage.
Schau Dir mal die "Stasi-Ballade" an. Witzig, politisch, persönlich - genial."


Ich kenne tatsächlich nicht sehr viel von Biermann. Die Stasi-Ballade schon, damit wurden wir in der Schule schikaniert. Und "ahh jaaa" habe ich tatsächlich auch ganz gelesen, um Klassenkampf und Sozialismus geht es da nicht, denn das Lied ist ein Angriff auf die - wie auch immer zu bewertenden - SED-"Bonzen". Mir ist allerdings sehr wohl bekannt, dass Biermann Lieder über Che Guevara, Rudi Dutschke und Axel Springer schrieb, die in der West-Linken in den 60ern und 70ern großen Anklang fanden. Warum ich ihn dennoch kritisiere, sage ich dir gleich.

"Um nicht missverstanden zu werden: Was Biermann heute und die vergangenen Jahrzehnte macht, kritisiere ich ebenfalls. Sein Eintreten für Kriege mit deutscher Beteiligung usw - keine Frage. An Liedern sind mir seit seiner Ausweisung nur noch das "Gorleben-Lied" oder das neuere "Pardon" (absolut genial) in guter Erinnerung. [..] Aber den "frühen" Biermann mit dem "Alten" zu verteufeln ist falsch."

Warum sollte das falsch sein? Hat die "Wende" dem Biermann das Gehirn gewaschen oder seinen Hauptspeicher gelöscht? Glaube ich kaum. Was ist daran so falsch, Leute in ihrer Kontinuität und nicht nur in ihren Brüchen zu betrachten? Ich sage mir: es hat seinen Grund, dass der und der heute das und das sagt. Auch, und vielleicht gerade, weil er mal was anderes erzählt hat.
Um das mal auf Biermann zu übertragen: dass Biermann heute den Kriegstreiber macht, der CSU was vorspielt und Ronald Schill toll findet, hat seine Gründe. Diese Gründe liegen m.E. in seiner Biographie, in seinem Weltbild begründet. Dieses Weltbild ist und war auch nie maxistisch bzw. wissenschaftlich-sozialistisch. Bestenfalls war es mal naiv-beführwortend, als Biermann in den 50ern in die DDR zog. Spätestens dort hat er allerdings den Boden solidarischer Kritik sehr schnell zugunsten hämischer, unproduktiver Attacken verlassen, möglicherweise auch noch aus persönlich nachvollziehbaren Motiven.
Ich bin allerdings kein Psychiater, der nach subjektiven Ursachen forscht, sondern interessiere mich weniger für die Figur Biermanns als für ihre objektiven Kriterien. Und da bleiben, mal grob skizziert:
- solange die DDR noch existierte, machte Biermann als "Dissident" seinen Job gut, da er die DDR augenscheinlich "von links her" kritisierte und somit im Westen unter Linken antikommunistische Potenziale anrührte.
- als die DDR fiel, ließ Biermann auch den linken Mantel fallen: es häuften sich die bellizistischen, rechten Aufälle dieser einstigen "Ikone" - Zufall, dass Biermann plötzlich 1991 seine Liebe zum ersten Irak-Krieg entdeckt?
- Warum das Ganze? Nach 1990 war "linke" Kritik an der DDR nicht mehr gefragt, denn das System hatte sich, so schien es zunächst, selbst desavouriert. Und eine Figur wie Biermann hatte, wie so viele andere Dissidenten auch, ihre Nützlichkeit mit einem Schlag eingebüßt. Dass er dennoch heute immer noch in der Öffentlichkeit rumtobt, hat mit seinem Kurswechsel vom ewig nörgelnden "linken" Kritiker hin zum in Neugroßdeutschland angekommenen Bürger ohne Berührungsängste nach Rechts zu tun.

Und das soll mir sympathisch sein? Sorry, nee.


  Kommentar zum Artikel von Jörg:
Donnerstag, 09.06.2005 - 19:30

Biermann mit "10 christlichen Wandergitarrenakkorde"? Das musst Du mir zeigen!
Ich versuche seit Langem, seine Lieder nachzuspielen. Bin zwar kein Profi, aber ich denke schon sagen zu können, dass Biermann nicht mit klassischen Akkorden spielbar ist. Wer das behauptet, scheint von Musik keine Ahnung zu haben oder zumindest selbst nicht über die "christlichen Wandergitarrenakkorde" hinausgekommen zu sein.

Biermann als "mittelmäßiges Talent"? Für was Talent? Um als Feindbild für Altlinke die Zielscheibe zu bieten? Ich kenne kaum jemanden, der einst Gitarre, Text und Klassenkampf so in Einklang bekam wie Biermann.

Zu dem Textzitat "ahhh jaaa" ...
Wieviel Texte kennst Du denn von ihm? Offenbar nicht so viele, sonst hättest Du aus Gründen der Objektivität sicherlich auch andere Passagen herangezogen. Schau Dir mal "Enfant Perdu" an, wo er die Flucht eines Freundes kritisiert. "Wir machen weiter Sozialismus und am Ende fliehen die Massen zu uns" ist die sinngemäße Aussage.
Schau Dir mal die "Stasi-Ballade" an. Witzig, politisch, persönlich - genial.

Oder bei "So oder so - Die Erde wird rot":

Dem Bourgeois auf die Finger schaun
das genügt nicht! Auf die Pfoten haun
wolln wir das fette Bürgerschwein
So soll es sein, so wird es sein.

Ich könnte sicher mehr gute (im Sinne von intelligenten, linken, kämpferischen) Strophen als Wenigsagende zitieren. Wer sich mit dem Gesamtwerk von Biermann beschäftigt, müsste mir zustimmen, auch wenn er politisch eine andere Meinung vertritt.

Um nicht missverstanden zu werden: Was Biermann heute und die vergangenen Jahrzehnte macht, kritisiere ich ebenfalls. Sein Eintreten für Kriege mit deutscher Beteiligung usw - keine Frage. An Liedern sind mir seit seiner Ausweisung nur noch das "Gorleben-Lied" oder das neuere "Pardon" (absolut genial) in guter Erinnerung.

Aber den "frühen" Biermann mit dem "Alten" zu verteufeln ist falsch. Wenn sich die DDR etwas mehr Biermann geleistet hätte, bräuchten wir unseren Enkeln nicht erklären, was die DDR war.
Und wenn Biermann heute auf Konzerten noch Lieder singt, die seine Einstellung als Kommunisten und seine Sehnsucht nach einer gerechteren Welt vermittelt, auch wenn man in (wichtigen) Detailfragen sttreiten kann, dann tut er mehr für unsere Sache als so manch ein Kommentator hier.

Jörg


  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Samstag, 21.05.2005 - 19:33

"Den hätte ich auch ausgewiesen" mein Onkel 1977 nach dem Besuch des Biermannkonzertes in Münster