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Von secarts

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Deutschland grüßt seine Gäste, hier: Rostock. Ein fröhlicher Gruß, ein heiteres Lachen sagt mehr als 1000 Worte!
Bald ein Jahr her ist er, der "deutsche Sommer" 2006, als die WM ganz Deutschland "schwarz-rot-geil" machte. 2006 wird das große Jahr der Enttabuisierungen bleiben: Deutschflagge zeigen wurde wieder normal; Miesepeter, Nörgler und berufsmäßige Querulaten aussondern; die ersten beiden Strophen unserer Nationalhymne abgrölen. Das Revival beliebter deutscher Sekundärtugenden bildete den verdienten Abschluß einer ganzen Reihe von Normalisierungen, deren Geschichte kurz erzählt sei: 1990 wurde mit der Annexion der DDR, dem Fremdkörper auf deutschem Boden, nachträglich der zweite Weltkrieg gewonnen. In "blühenden Landschaften" wurden die Deutschen (in dieser Reihenfolge) erst Papst, dann schließlich Kanzlerin. Und jetzt, ein Jahr danach, macht sich der Blätterwald an die Nachbetrachtung des endemischen "Patriotismus", der u. a. von Lidl ("Fanpaket: 6 Flaschen Bier + Deutschlandfahne, nur 99 Cent!") und BILD ("Das Land ist wunderschön und steckt voller Chancen. Deshalb muß die Party jetzt weitergehen!") inszeniert und vom Deutschen so freudig angenommen wurde. Die Volksgemeinschaft feiert sich selbst, die Politik ersetzt die Talkshows, die Welt zu Gast bei Freunden...

Ein unerbetener Kommentar von Secarts.


Es fällt dem - ausdrücklich als solchem erwähnten - "Französischschweizer" Roger De Weck zu, am 14. Mai in "Spiegel Online" die Bilanz zu ziehen: Die quälende Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit sei endlich vorbei, das Land habe sich gründlich normalisiert, denn: "wenn selbst Günter Grass nichts mehr zu verbergen hat, ist die Arbeit getan" und der deutsche Störfall '33-'45 endgültig ein Thema für's Geschichtsbuch, ganz hinten. Zwei wesentliche Indizien kann Herr De Weck ausmachen: "Wie eine resolute Republik den Trauerredner Günther Oettinger zur Ordnung rief, war souverän". Und: "Als Israel nach dem jüngsten Libanon-Krieg die deutsche Marine und deutsche Uniformträger anforderte, war das ein stupender Vertrauensbeweis". Souveränität und Vertrauensbeweise: Oettinger ist immer noch Ministerpräsident, und mehrfach schon standen "deutsche Uniformträger" im Nahen Osten haarscharf vor bewaffneten Auseinandersetzungen mit Israelis. Aber: "Der Bürger ist sich solcher Erfolge gar nicht bewusst".

Im heutigen Deutschland, das - glücklicherweise - von der Vergangenheit nichts mehr wissen will, "herrscht jene leicht aufgeregte Normalität, die zu einer vitalen Demokratie gehört". Denn nur eine "vitale Demokratie" kann auch Faschisten in Landesparlamenten aushalten. Und das beschwörende Mantra "Normalität" wird vor allem im Kontrast zu den europäischen Nachbarn, die es - ohne Hitler - so viel besser haben, bemüht. Normal ist, nicht mehr davon zu reden, denn mit dem Historikerstreit, der "Auschwitzkeulenrede" Walsers und der Goldhagen-Debatte ist doch alles klar, meint Herr De Weck. Und außerdem: jetzt gibt's doch das Holocaust-Mahnmal, sehr zur Freude fußlahmer Berlin-Touristen. Noch was? Nein, nicht nötig. Und "trotzdem ist es kein schlechtes Zeichen, dass viele Deutsche des Aufarbeitens müde werden, denn nach drei Jahrzehnten ist eigentlich alles gesagt." Drei Jahrzehnte, die waren schon 1975 rum. Die letzten dreißig Jahre hätte man sich also eigentlich auch schon schenken können, doch da störten noch die Alt-68er: als "ihre Nachfolger den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer töteten, verlor die Jugendbewegung ihre Unschuld und ihre bunte Zukunft." Ehemalige deutsche Besatzungsterroristen und SS-Männer einfach abknallen? So war sie nicht gedacht, die "Aufarbeitung". Viel eleganter war der andere Weg, der mit Herren wie Kiesinger, Globke, Filbinger oder Lübke höchst erfolgreich eingeschlagen wurde: einfach zu Bundeskanzlern, Minister- und Bundespräsidenten machen. Auch so wird man alte Nazis los. 60 Jahre später sind sie dann Widerstandskämpfer, wie jüngst Günther Oettinger exemplarisch verifizierte.

Der "deutsche Frühling" 2007 zeigt ein Land der Idylle - nein, mehr noch: höchster Harmonie. Vorbei die hysterisch-historische Nabelschau, "den Geist der Zeit prägt vielmehr jene neue deutsche Leichtigkeit, die dem Leser feinsinnige Romane wie Daniel Kehlmanns 'Vermessung der Welt' beschert". "Das Fernsehvolk überdies schickte einen Berliner Swinger zum 'Eurovision Song Contest', der das Maßhalten lobt". Also auch die Kultur: endlich normal. Feinsinnige Romane, maßhaltende Swinger: "Sie ist bieder, aber gelöst, diese lebenskluge Cicero-Merkel-Republik.". Nun, das Buch habe ich nicht gelesen. Und den Sänger der Großen Koalition, beim Song Contest mit dem anerkennenden 19. Platz belohnt, kenne ich auch nicht. Vielleicht falle ich damit in die Kategorie der zwar immer weniger werdenden, nichtsdestotrotz aber doch schlimmsten Bewohner dieses wonnigen Landes, in dem immer nur noch die Sonne scheint, die Menschen heiter-gelöst durch die überfüllten Supermärkte lustwandeln und einander mit Lachen und Frohsinn begegnen, wenn man nicht gerade schwarze Hautfarbe hat, jüdische Vorfahren oder falsche Frisuren: die Nörgler, die Kaputt-Reder, die Vergangenheitsfixierten, die mit Durchhalte-Swing und feinsinniger Biedermeierliteratur nichts anfangen können - kurzum, die Volksgemeinschafts-Schädlinge, die gewerbsmäßig nach den nicht vorhandenen Schattenseiten suchen: "Die Deutschen sind Papst und Exportweltmeister, aber auch Champions im Volkssport, das eigene Land schlechtzumachen. Der deutsche Michel als Miesepeter: Er sieht schwarz für die Zukunft und rot bei jedem Missstand, auch wenn's der vereinten Nation gold geht". Die De Weck'sche Farbenlehre, den ultimativen Wirtschaftsaufschwung, die endgültige Abschaffung der Arbeitslosigkeit und die Anhebung des Kindergeldes auf Manager-Gehalt-Niveau antizipierend, versteht das nicht. "Eine der besten Demokratien in Europa tut, als sei sie verkommen". Deutschland hat mit der Cicero-Merkel-Republik, mit Eisbär Knut als neuem Wappentier und Braunbär Bruno als Stammestotem die Franzosen übertrumpft, die Amis abgehängt und die alten Griechen zu ihrer Vollendung geführt. Democrazy, made in Germany, und seine Bewohner auf der Jagd nach Liebe, notfalls auch am Hindukusch: "Das einst verhasste, später ungeliebte Volk wirkt heute gelöst, weil es gemocht wird".

"Was in Deutschland die Neonazis treiben, ist eine widerliche Marginalie, mehr nicht", weiß Herr De Weck. Die mindestens 135 Todesopfer aus den letzten 15 Jahren Terror der neuen Marginalitätsfaschisten auf deutschen Straßen sähen dies eventuell etwas anders. Gut, das man sie dazu nicht mehr fragen kann. Viel wichtiger ist doch schließlich die Beschäftigung mit dem deutschen Fremdkörper, der DDR - diese Geschichte ist schließlich noch längst nicht abgeschlossen, und darf es auch niemals sein. "Gerade das Aufarbeiten der Stasi-Vergangenheit hat zum Differenzieren eingeladen. [...] Aus solchem Feingefühl spricht Souveränität und eine unaufdringliche Moral". Die unaufdringlich in die Arbeitslosigkeit geschickten DDR-Lehrer, NVA-Offiziere und SED-Parteibuchinhaber; die 30 Prozent der ostdeutschen Gesellschaft, die heutzutage souverän vor den "Agenturen für Arbeit" Schlange stehen, eine einzig große Erfolgsgeschichte: "Ein Land stemmt die Riesenlast der deutschen Einheit".

Und das Wenige, dass noch nicht geschafft ist, wird mutig angepackt. Die Familienpolitik, nur als Beispiel: "Kinderhaben ist Lebensfreude - die Freude, Leben weiterzugeben." Familienglück gleicht aus, Familienväter ziehen nicht in den Krieg, und Heimerziehung macht zufriedene Menschen. Und was für die Familie gut ist, kann für den Staat nur besser sein. Yogakurse für Bundeswehrgeneräle und autogenes Training für Ministerialbeamte, das ist der Trend - heutzutage wird nicht mehr zurückgebombt, sondern gemenschelt, bis es kracht: "Jetzt schon ist Deutschland so ausgeglichen, dass sich seinen Nachbarn und Partnern keine deutsche Frage mehr stellt". Kein Wunder, dass zum Beispiel die Polen, die Afghanen, die Serben oder die Russen vor dieser geballten Charmeoffensive der Cicero-Merkel-Republik Angst bekommen, denn: auch zuviel Liebe kann erdrücken.

So ist alles im Lot. Die Welt, ein schöner Ort, und Deutschland, das harmonisch pulsierende Herz voller gemäßigtem Swing, mitten drin. "Das schafft Spannung: die besondere deutsche Spannung. Heute ist sie sehr zu genießen.". Nicht nur heute. 1914 durfte Europa schon mal schnuppern. 1939 kam das Hauptgericht. Und jetzt ist wieder angerichtet, mit der Sahnebombe aus reiner Liebe zum Dessert.

 
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