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Von Anna

Deutschland ist mal wieder abgewatscht worden. Diesmal von dem Sonderberichterstatter der UNO für Menschenrechte, der das deutsche Schulsystem kritisch unter die Lupe genommen hat. Die Vorwürfe wiegen schwer: Das deutsche Bildungssystem verstößt mit seiner scharfen Selektion auf die verschiedenen Schultypen gegen die Menschenwürde. Es verbaut besonders Kindern aus der Arbeiterklasse den Zugang zu höherer Bildung und enthält ihnen somit ihre elementarsten Rechte vor. Es sind schon Länder für geringere Verbrechen in Schutt und Asche gebombt worden...

Doch das steht natürlich eher weniger zu befürchten. Stattdessen müssen deutsche SchülerInnen einmal mehr neue Reformen befürchten, die ihnen in der Vergangenheit regelmäßig Verschlechterungen im Bildungssystem eingebracht haben. Es sei nur an die letzte Föderalismusreform erinnert, die Deutschland in die Kleinstaaterei zurückgeworfen hat und die Konkurrenz unter den Bundesländern noch weiter beflügelt.

Die neu entdeckte Zweigliedrigkeit

aus der aktuellen Position – Schwerpunkt "Smasch G8" - Magazin der SDAJ - Sozialistische Arbeiterjugend Deutschlands.
Es ist eben doch ein überholtes Modell, dieses dreigliedrige Schulsystem. Langsam aber sicher fällt es selbst konservativen Politikern schwer, etwas zu verteidigen, was seit Jahren zu Recht kritisiert wird. Die Erkenntnis von UN-Sonderberichterstatter Munoz, dass es sich dabei um das wichtigste Instrument der sozialen Selektion handelt, ist nicht wirklich neu. Wenn sich viele Kritiker fragen, warum es denn immer noch besteht, sei nochmal daran erinnert, dass es für die Herrschenden eine wichtige Rolle erfüllt. Es legt Kinder bereits sehr früh auf die spätere Rolle in der Produktion fest und sichert das Bildungsmonopol der herrschenden Klasse. Es sichert sich mit Elitebildung auf der einen Seite diejenigen, die dieses System später erhalten sollen und lässt ihnen eine entsprechende Bildung zukommen. Auf der anderen Seite sorgt es dafür, dass die zukünftigen Handlanger aber eben nicht mehr Wissen abbekommen, als gut für dieses Herrschaftsverhältnis ist.
Wer die aktuelle Debatte in den Bundesländern verfolgt, hat dabei eine leichte Richtungsänderung feststellen können. Auf einmal ist von einem neuen Modell die Rede. Die Rede ist von den neuen Stadtteilschulen (Hamburg), Regionalschulen (Schleswig-Holstein) oder Gemeinschaftsschulen (Berlin). Die Namen variieren, die Idee dahinter ist die gleiche: An die Stelle des dreigliedrigen Schulsystems soll eine Zweigliedrigkeit treten, die Haupt- und Realschulen vereinigt und das Gymnasium als separate Schulform unberührt lässt. Die bereits existierenden Gesamtschulen sollen dadurch mehr oder weniger abgelöst werden.
Gemeinschaftsschulen? Das klingt doch im Ansatz nach mehr Gerechtigkeit. Hat man sich in den Bildungsministerien etwa dazu verleiten lassen, für mehr Gerechtigkeit an deutschen Schulen zu sorgen? Selbst in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW findet das neue Modell vereinzelt Zustimmung. Ist die neue Zweigliedrigkeit tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung?

Gemeinschaftsschule = Restschule?

Bei näherer Betrachtung haben diese neuen Gemeinschaftsschulen alle denselben Fehler: Sie sollen neben dem Gymnasium existieren und diese elitäre Schulform unangetastet lassen. In den neu entstehenden Schulen werden die SchülerInnen zusammengefasst, die auf den Gymnasien nicht erwünscht sind und dort ein abgespecktes Programm vorgesetzt bekommen. Das bedeutet, dass der selektive Prozess nicht entschärft wird, sondern lediglich auf eine neue Schulform verlagert werden soll. Der Gedanke der Gesamtschule, in der alle SchülerInnen gemeinsam lernen, ist in diesem Gedanken nicht enthalten. Er stärkt die Rolle der Gymnasien, die damit ihre Monopolstellung für akademische Wissensvermittlung behalten und ausbauen können. Wenn die Gesamtschulen in ihrer jetzigen Form abgelöst werden sollen, ist das Gymnasium zudem die einzige Möglichkeit, die allgemeine Hochschulreife zu erlangen. Das, was dem selektiven System an mehr Chancengleichheit abgerungen wurde, ist also durch die Zweigliedrigkeit dahin. Zu Recht weisen gerade Realschullehrer darauf hin, dass ihre Schulform eine zusätzliche Abwertung erfährt. Die den Grundschulen aufgezwungene Selektion würde weiter nach dem gleichen Grundsatz funktionieren: Packt es das Kind auf dem Gymnasium oder nicht? Dass diese Entscheidung nichts mit der wirklichen Begabung zu tun hat und keine pädagogische Grundlage hat, ist mehrfach nachgewiesen worden. Auch eine Zweigliedrigkeit selektiert eben: in Kinder, denen man die elitäre Bildungsvermittlung auf dem Gymnasium zutraut, und in solche Kinder, denen man bescheinigt, dass von ihnen eben nicht mehr zu erwarten ist. Dieses Denken wird nicht einmal im Ansatz aufgebrochen.

Das kleinere Übel – nein danke!

Besonders in Gewerkschaftskreisen wird diskutiert, ob der Schritt zur Zweigliedrigkeit nicht in die „Eine Schule für alle“ münden muss. Doch die neuen Gemeinschaftsschulen haben sozusagen einen Systemfehler: Sie bleiben hochselektiv und werten eine Schulform, die Gymnasien, auf, ohne für mehr Durchlässigkeit zu sorgen. Sie können kein Schritt in die richtige Richtung sein, weil sie sich auf einem kompletten Holzweg befinden. Dazu lohnt es sich auch, einmal genauer hinzusehen, wer denn die Befürworter einer solchen Schule sind. Zuletzt sprach sich der „Aktionsrat Bildung“ für eine solche Reform aus. Dieser Rat, dem unter anderem selbsternannte „Bildungsökonomen“ (!) angehören, wurde vor eineinhalb Jahren auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft gegründet. Diese Herren haben sich die Aufgabe gemacht, deutsche SchülerInnen noch besser auf die Bedürfnisse der Wirtschaft hin auszubilden. Dabei steht nicht das Wohl der SchülerInnen und schon gar nicht mehr Gerechtigkeit auf dem Plan. Es zeigt viel eher, dass sich die Hauptschule offensichtlich einfach nicht mehr rechnet. Damit würde das deutsche System dann auch besser in das OECD-Konzept passen, das darauf angelegt ist, die Selektion zu entzerren und weit gehend auf ein deutlich höheres Lebensalter zu verschieben, um dann den Vorteil zu haben, unter einem relativen Überangebot von relativ gut ausgebildeten Kräften auswählen zu können. Das System zementiert aber vor allem eines: Das Gymnasium wird noch stärker zur Eliteschule und somit zur Kaderschmiede der herrschenden Klasse ausgebaut.

Anna, Stuttgart


Zum Weiterlesen: „Zu der verheerenden Rolle des Gymnasiums im deutschen Schulwesen“ von Rolf Jüngermann; erschienen in Marxistische Blätter 6/06 oder unter www.bipomat.de

 
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