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2001 kamen 300 000 Demonstranten nach Genua, um gegen die G8 zu demonstrieren. 2005 kamen 300 000 nach Edinburgh, um die G8 willkommen zu heißen. So jedenfalls der mediale Eindruck weltweit. Das ließ die imperialistischen Eliten natürlich frohlocken. Hatten sie doch nach Genua die ernsthafte Befürchtung gehabt, solche Treffen ihrer ranghöchsten politischen Repräsentanten künftig gar nicht mehr abhalten zu können - bzw. nur noch als Kamingespräche an irgendwelchen abgelegenen Orten in den Rocky Mountains.

Gelungen war dieser Effekt durch eine groß angelegte, professionell geführte PR-Kampagne, nach dem Motto: "If you can´t beat them, lead them!" (Wenn du sie nicht schlagen kannst, führe sie an). Die britische Regierung übernahm also, als Gastgeber 2005, die Rolle der Globalisierungskritischen Bewegung einfach gleich mit und forderte selbst vom G8-Gipfel nicht weniger als den Schuldenerlass für die Dritte Welt. Radong. Dass die Bedingungen, die insbesondere den afrikanischen Ländern dafür abverlangt wurden, Freihandel, Privatisierung, Offenlegung der Buchführung usw. hießen, musste ja nicht an die große Glocke gehängt werden: Neoliberalismus with a Human Touch eben. Gleichzeitig unterstützte die Blair-Regierung aktiv das Live-8-Pop-Spektakel von Bono und Geldof sowie die "Make Poverty History"-Kampagne regierungsnaher NGOs wie Oxfam - die mit den weißen Gummi-Armbändern. Es liefen diverse Werbespots in Funk und Fernsehen und mit "The Girl in the Café" sogar eine Emmy-prämierte TV-Schmonzette in Starbesetzung auf BBC: die romantische Liebesgeschichte zwischen einem jungen Freak-Mädchen und einem britischen Finanz-Staatsekretär, die gemeinsam beim G8-Gipfel - unfassbar, aber wahr! - die Dritte Welt entschulden.

Diese seinerzeitige G8-Image-Kampagne liefert nun die Blaupause für das, was auch im Juni in Heiligendamm aufgefahren werden soll. Und mit "Du bist Deutschland" hat das hiesige Medien- und Regierungs-Joint-Venture, angeführt von der Bertelsmann AG, zwischenzeitlich ja schon einige Erfahrungen in dieser Richtung sammeln können. Den hiesigen Bono gibt dabei Herbert Grönemeyer. Er veranstaltet mit der NGO "Deine Stimme gegen Armut" - das ist der deutsche Ableger von "Make Poverty History" - ein großes Konzert am 7. Juni, dem zweiten Tag des Gipfels in Rostock. Mit dabei sein werden aller Voraussicht nach der unvermeidliche Campino sowie Peter Maffay und andere, namentlich noch nicht näher bekannte Acts. Sie wollen damit in erster Linie die Regierungschefs an ihre Schuld-Versprechen von Gleneagles 2005 erinnern. Diese werden darob natürlich mächtig zittern.

Bob Geldof, der Godfather of "Rock & Charity", stellt sich aber sogar noch Weiteres vor und verriet dem Tagesspiegel und Vanity Fair: "Ich würde gern eine ´Wetten, dass...?´-Spezialausgabe zum G8-Gipfel veranstalten. Ich habe schon mit Gottschalk geredet. Einige unserer Mitstreiter aus Hollywood könnten in so eine Sendung kommen, um auf das Ereignis aufmerksam zu machen." Ach ja - und außerdem wurden in diesen Tagen auch die Dreharbeiten gestartet für ein "ambitioniertes Filmprojekt" von Sat 1: Mit einer Adaption von "The Girl in the Café" - mit Jan Josef Liefers (Tatort) und Julia Jentsch (Die weiße Rose) in den Hauprolllen - will der Sender "die Zuschauer mit einer romantischen Geschichte im Umfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm für die Probleme der Dritten Welt sensibilisieren."

Das Ziel ist klar: Die Massenproteste gegen die in Heiligendamm tagenden Warlords sollen verdeckt und dem ganzen Remmidemmi eine Politik beratende Fairplay-Message aufgebabbt werden. Nicht von der Verantwortung für Angriffskriege, Folter, Mord, Deportation und der systematischer Ausplünderung des Trikonts soll gesprochen werden, sondern davon, wie human der Neoliberalismus mit seinen Partnern umzugehen imstande ist, wenn Gottschalk, Grönemeyer und Campino mal so richtig Druck auf die Kanzlerin machen.

"Das ist Deutschlands politische Weltmeisterschaft. Die Kanzlerin hat Afrika auf die Tagesordnung gesetzt, was fantastisch ist. Sie hätte es nicht tun müssen. Sie weiß, es wird schwierig für Deutschland, aber sie hat jetzt dreimal öffentlich gesagt, dass Deutschland sein Versprechen von 2005 halten wird", applaudiert Geldof schon einmal vorab. Wenn es der Kampagne auch noch gelingt, die Aktivisten in ´Gute´ (bei Grönemeyer und dem Alternativgipfel) und ´Böse´ (bei den Blockaden und in den Protestcamps) zu sortieren, hätte sie erreicht, was zu erreichen ist.

So ganz leicht wird das diesmal aber nicht werden: Mit "Move Against G8" hat sich ein Zusammenschluss linker KulturaktivistInnen gegründet, der aus dem Szenario von Gleneagles 2005 offenbar gelernt hat und der versucht, der Vereinnahmung durch Mainstream-Medien und der Schmusifizierung des politischen Diskurses rund um den G8-Gipfel gezielt entgegen zu arbeiten. Am 2. Juni ist ein Konzert im Anschluss an die internationale Großdemonstration in der Rostocker Innenstadt und ein weiteres Großkonzert am selben Ort einen Tag später, mit bekannten nationalen und internationalen Künstlern aus dem globalisierungskritischen Spektrum, geplant. Außerdem wird es noch diverse Veranstaltungen im Rahmen der Protestscamps vom 4. bis 6. Juni geben. Dort gilt es also hinzugehen und sich an den Blockaden des Flughafens und der Zufahrtswege zum Gipfel zu beteiligen.

Mit dem Anliegen von Grönemeyer & Konsorten hat das nichts zu tun.

 
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