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Kolkata
Über die verblüffende Sauberkeit in Relation zu anderen indischen Städten habe ich schon beim letzten Mal berichtet, möchte hier aber noch die Bemühungen der Partei loben möglichst viel Grün ins Stadtbild zu bringen. Die Luftqualität entspricht der von Graz im Winter, wenn es ein paar Wochen nicht geregnet hat, was für eine 13-14 Millionenstadt doch recht annehmbar ist.

Kolkata, das 1698 von der britischen Ostindischen Gesellschaft gekauft wurde, war lange Zeit die Hauptstadt von Kolonialindien, was man an der Vielzahl der wunderschönen Viktorianischen Gebäude im Stadtzentrum, allen voran das “Victoria Memorial” heute noch eindrucksvoll sehen kann. 1912 wurden die Briten durch den unvergleichlichen Freiheitskampf der westbengalischen Bevölkerung gezwungen, ihren Regierungssitz nach Delhi zu verlegen. Das moderne Kolkata ist unter anderem Heimat des größten indischen Autoherstellers TATA, der in Indien quasi ein Monopol auf Autobusse hat und zuletzt mit dem “1 lakh Rs-Auto” (=1730 Euro-Auto) aufhorchen ließ. Es soll einen 0.6l Motor haben, 2008 auf den Markt kommen und ist als Auto für die Massen gedacht, das vor allem in Südostasien und Afrika vertrieben werden soll. Auch der bekannteste Auslandsinder, Lakshmi Mittal, der über den weltweit mit Abstand größten Stahlkonzern verfügt, stammt aus Kolkata (lustiges Detail ist, dass der Name Lakshmi auch der des indischen Gottes für Reichtum ist).

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Victoria Memorial
Im mittleren Norden der Stadt findet sich der im Privatbesitz befindliche Marmorpalast. Fotografieren ist verboten und man benötigt eine eigene Erlaubnis von einem speziellen Touristenbüro, um reinzukommen. Oder man gibt dem Waechter 100 Rs (1,80 Euro). Der Palast besteht aus über 60 verschiedenen Marmorarten und beinhaltet eine gewaltige Kunstsammlung. Das Wort, um diesen Ort zu beschreiben, muss erst noch erfunden werden, beeindruckend reicht jedenfalls nicht aus. Man kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, aber leider ist immer ein lästiger Tourist-Guide anwesend, der einen weitertreibt. Im Garten findet sich noch ein kleiner Zoo mit Vögeln aus aller Welt sowie Gazellen, Hirschen und anderen Huftieren. Der Ostflügel des Palastes wird von den Eigentümern noch immer bewohnt.

Rekorde: Die Stadt bricht so einige Rekorde: Zum Beispiel gibt es zu meiner berechtigten Freude in keiner anderen Stadt weltweit soviele Konditoreien, wie hier, was auch einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde gebracht hat. Im Botanischen Garten findet sich der größte Baum der Welt. Bei dem “Great Banyan Tree” handelt es sich um einen indischen Banyan, eine Ficusart (Ficus benghalensis), die bis zu 30 Meter hohe Luftwurzeln hat, was den Eindruck erweckt, es handele sich um viele Bäume.
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der größte Baum der Welt
Er hat einen Umfang von über 450 Metern, einige hundert Wurzeln von denen die höchste 27 Meter misst und in der Mitte ein Loch, weil der Hauptstamm 1945 entfernt werden musste. Die Howrah-Brücke über den Hoogley (einer der vielen Mündungsäste im großen Gangesdelta) ist die meistbefahrene Brücke der Welt mit mehreren Hunderttausend Autos am Tag. Sie misst 450m und hat außer an den Rändern keine Stützen. Der berühmte bengalische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore hat in der Nähe meines Hotels gewohnt. Unvergessen ist, wie er aus Protest gegen den britischen Imperialismus seine Ritterschaft zurückgelegt hat. Eine Universität ist nach ihm benannt und in dem ihm gewidmeten Museum findet man auch einen Brief, in welchem er begeistert über die Errungenschaften der sowjetischen Revolution schreibt.

Die Strassennamen haben sich nach der Unabhängigkeit, wie in so vielen Städten geändert. So wurde aus der Harrison Road, die Mahatma Gandhi Sarani, aus der Lower Circular Street, die Bose Road (ein berühmter Freiheitskampfer).
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Rabindranath Tagore
Humor kann man der kommunistischen Stadtverwaltung keineswegs absprechen, schließlich hat sie die Strasse, in der die US-Botschaft steht, in Ho-Chi-Minh-Sarani umgetauft und ein Denkmal für den großen Revolutionär aufgestellt. Auch die Lenin Sarani und die Karl-Marx-Sarani sind wichtige Verkehrsstrecken und mit entsprechenden Denkmälern ausgestattet.

Als wir hier angekommen sind, haben wir erstmal ein billiges Hotelzimmer gemietet (150Rs. = 2,60 Euro). Nach meinem obligatorischen Aufenthalt in einem Internetcafe habe ich beschlossen einmal zu fragen, wo man die hiesige Parteizentrale finden kann, was mir ein Genosse, der nur auf die Rechnung seines letzten Mitgliedsbeitrags schauen musste sofort mitteilte. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, erfolgte erst eine herzliche Begrüssung (die GenossInnen hier sind alle ausserordentlich freundlich und freuen sich sehr über meinen Besuch) und dann brachte er mich gleich zu einer lokalen Größe der CPI(M), dem Gen. Dr. Fuad Halim. Er ist der Sohn einer wahren Parteiikone, Gen. Hasim Abdul Halim, der mehr als 15 Jahre Parlamentssprecher von Westbengalen war, und ihm verdanke ich meine wichtigsten und schönsten Erfahrungen in Indien. Er organisierte für mich unter anderem Besuche in mehreren Krankenhäusern und Universitäten, ländlichen Regionen, Parteibuchladen und zuletzt meinen Ambulanzdienst für die Grosse Demonstration zur Verteidigung der Landreform am 11.März.


* Kolonialname Calcutta

 
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