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Als die argentinische Nationalmannschaft 1978 die Weltmeisterschaft im eigenen Land gewinnt, steht an ihrer Spitze ein Trainer, der schon als Spieler (unter anderem mit Pele beim FC Santos) ‚El Flaco’ (der Dürre) genannt wurde: Cesar Luis Menotti. In Argentinien herrschte seit 1976 eine grausame Militärdiktatur, unter der, ähnlich wie in Chile, Zehntausende spurlos verschwanden, als FeindInnen des Systems gefoltert und unschuldig hingerichtet wurden. Menotti verweigerte den Generälen vor Millionen Fernsehzuschauern den obligatorischen Handschlag, und konnte, geschützt durch seine ungeheure Popularität in der Bevölkerung, immer wieder durch öffentliche Kritik aufhorchen lassen. von David Künstner, erschienen in Rotcrowd


Großbildansicht menotti.jpg (38.2 KB)
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"El Flaco" Menotti
Menotti, der sich selbst als einen Mann der Linken bezeichnet, ist nicht nur durch seine sportlichen Erfolge (in Europa nur kurze und wenig erfolgreiche Gastspiele bei Barcelona, Atletico Madrid und Sampdoria Genua), seine große Entdeckung Diego Maradona und seine kritische Haltung zur Zeit der Militär Junta bekannt. Seinen Nimbus als Intellektueller und Philosoph des Kick-Sports hat er sich auch mit seiner These vom ‚linken’ und vom ‚rechten Fußball’ geschaffen, die sich vor allem auf die Anlage des Spiels, die Idee dahinter bezieht.

In einem Interview in der deutschen Zeitschrift Der Spiegel (6/86) meint er: „Begriffe wie ‚die Linke’ oder ‚die Rechte’ beziehen sich nicht ausschließlich auf die Möglichkeit, zwischen der einen oder anderen politischen Richtung wählen zu können, sie beinhalten vielmehr die Entscheidung für die eine oder andere Form der Existenz. Sie bedeuten, ein völlig unterschiedliches Bewusstsein dessen zu haben, was gut, böse, schön, gerecht und menschenwürdig ist.“


Linker und rechter Fußball

„Es gibt den rechten und den linken Fußball. Der rechte Fußball will uns suggerieren: Das Leben ist Kampf, verlangt Opfer, wir müssen uns stählen und mit allen Mitteln gewinnen. Der Trainer sagt dem Spieler, er solle sich nicht mit dem Präsidenten anlegen und sich nur ja jeder politischen Meinungsäußerung enthalten. Sich anpassen und funktionieren, so hat die Oberschicht auch den Fußballprofi am liebsten. Es ist ihr nur recht, dass auf diese Weise fortwährend Dummköpfe erzeugt werden, nützliche Idioten des Systems.“
„Der Fußball der Rechten reproduziert und untermauert die in dieser Gesellschaft gültigen Wertvorstellungen. Es ist die Art von Fußball, bei der nur der Gewinn zählt, und Gewinn heiligt alle Mittel. Gemeint sind nicht nur eine ultradefensive Taktik, Ausdruck von Raffgier und Spekulation, sondern auch die ständigen Verletzungen des Reglements und der Einsatz aller erdenklichen faulen Tricks. Solcher Fußball verleugnet seine Ursprünge, er verachtet die Begabung und fördert die Gewalttätigkeit. Er ist krank und macht krank, weil er wie alle Konsumartikel dem Wesen nach hinfällig und vergänglich ist: Was gewinnt, ist gut, weil es sich verkauft. Diese Art von Fußball verhunzt ihre eigene Identität, indem der dem Fußball seit seinen Anfängen eigentümliche Charakter eines Volksfestes verleugnet wird.“
„Beim Fußball der Rechten ist ständig von Arbeit und Opfer die Rede. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass ein Begriff wie Arbeit nicht aus seinem historischen Kontext gelöst werden kann. Heutzutage bedeutet er nicht dasselbe wie beispielsweise vor fünfzig Jahren oder im Mittelalter. Und was die ‚Opfer’ anbelangt – nun, dieses Wort führen die Kapitalisten dauernd gegenüber den Arbeitern im Munde, während sie selbst die Früchte dieser aufopfernden Arbeit an sich raffen“ „Der Fußball der Linken hingegen ist im Sinne einer Lebensäußerung eine Sache des Talents, bei der die Intelligenz an oberster Stelle steht und der Sieg soviel taugt, wie die Mittel, mit denen man ihn erringt. Er respektiert die Gefühle der Menschen, weil er zwar auch den Triumph kennt, jedoch keinesfalls auf Kosten des spektakulären Ereignisses, das jedes Fußballspiel zu sein verspricht...“ „Beim Fußball der Linken ist der Spieler ein denkendes Wesen, das Schönheit schafft und sich mit dem Volk solidarisiert, damit der neue Mensch in einer neuen Gesellschaftsordnung entsteht.“

Zwölf Jahre später meint er, im SZMagazin (5.6.98) zu seiner Überzeugung gefragt: „Ich habe vor Jahren die politische Begrifflichkeit für einen rechten und einen linken Fußball definiert ... Nun ist der Sozialismus zusammengebrochen, der Kapitalismus scheint zu siegen. Ich wurde gefragt, ob damit auch das Denken von linkem und rechtem Fußball auf dem Müllhaufen der Geschichte lande. Warum denn? Linker und rechter Fußball, das sind Metaphern. Ich spreche dabei nicht von einem Regierungssystem. Ich kann ja eine linke Partei sehen, die die Macht schlecht verwaltet, die eine miserable Führung hat. Trotzdem sage ich, dass ein Land ohne organisierte Linke keine Zukunft hat. Wer sollte sonst für ein Leben in Würde und Gerechtigkeit eintreten, für Respekt und Solidarität mit den kleinen Leuten? Die Rechte dagegen kennt nur ein Engagement, und das ist der Profit.

Der rechte Fußball denkt an Gewinnmaximierung, der linke an die Vermittlung von Lebensfreude. Bei aller geopolitischen Veränderung der Welt – daran hat sich nichts geändert.“

Mit Menottis Ablöse als Trainer bei Independiente de Avellaneda im August 1999, die zugleich den endgültigen Rückzug aus seiner aktiven Laufbahn bedeutete, verließ ein Fußballgelehrter, der einen Weitblick bewies, der weit über die engen Begrenzungen des Spielfeldrands hinaus reicht, die Weltbühne des Fußballs. Die hemmungslose Kommerzialisierung des Spiels geht indes munter weiter.


- Buchtipp: Harald Irnberger: „Cesar Luis Menotti. Ball und Gegner laufen lassen“ Werner Eichbauer Verlag, Wien 2000


 
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