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Von secarts

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Blick über Yan'an
Jede Nation hat so etwas wie ihren "Geburtsort" - in en meisten Laendern ist es die Hauptstadt, in der sich die tiefgreifendsten Umwaelzungen vollzogen; in der UdSSR war es Leningrad, von dem die Impulse der Revolution ausgingen - und in China ist es sicherlich Yan'an, dem dieser Stellenwert zukommt. Von hier aus wurde das moderne Chna, die Volksrepublik, geboren.

1935 kam die chinesische Rote Armee unter der Fuehrung von Mao Zedong und Zhu De, dem legendaeren Kommandeur der kommunistischen Truppen, nach dem beruehmten "Langen Marsch", der die Kommunisten aus der Umkesselung der nationalistischen Guomindang-Armee befreite, in dem Bauernort Yan'an an. Yan'an war damals ein verschlafenes Kaff - entlaengs des Yan-Flusses, an den Haengen der Berge die Wohnhoehlen der Bauern. Denn feste Haeuser gab es so gut wie nicht, so arm war das Gebiet.

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Das Parteitagsgebäude in Yan'an
Mit dem Einmarsch der Kommunisten sollte sich Yan'an fuer immer veraendern. Lange vor der Befreiung des gesamten chinesischen Festlandes fanden hier tiefgreifende gesellschaftliche Experiente statt: die Grossgrundbesitzer wurden enteignet, Schulen und Universitaeten wurden gegruendet, Krankenhaeuser gebaut. Die Strahlkraft Yan'ans reichte weit ueber China hinaus: ueber die beschwerlichen und oft gefahrvollen Wege durch die Machtgebiete der Japaner und der Guomindang in das chinesische Zentralgebiet machten sich auslaendische Journalisten, Aerzte und Funktionaere der Kommunistischen Internationale auf in das Neue China - Yan'an war Vorgeschmack auf das, was sich China von seiner Befreiung von auslaendischen Interventionisten und inlaendischen Reaktionaeren erwartete und eine vorweggenommene klassenlose Gesellschaft fuer viele, die de Ort damals besuchten.

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In Yan'an befand sich von 1935 bis 1947 die Zentrale sowohl der Kommunistischen Partei Chinas als auch der chinesischen Roten Armee. Hier lebten, unter den normalen Bauern und kein Stueck luxurioeser als sie, die Anfuehrer des Befreiungskrieges in einfachen Hoehlenwohnungen: Mao Zedong, Zhu De, Zhou Enlai.
Yan'an kann von sich behaupten, bereits 14 Jahre vor der endgueltigen Befreiung des chinesischen Festlandes die Unterdruecker losgeworden zu sein; sie kamen niemals wieder zurueck und konnten den Ort nicht wieder erobern. 1945 wurden die japanischen Eindringlinge besiegt; 1949 das ganze chinesische Festland befreit: Yan'an ist ebenso Beweis fuer die Richtigkeit des theroetischen Ansatzes Mao Zedongs, ausgehend von der Klasse der besitzlosen Bauern China zu erobern und die"Staedte von den Doerfern einzukreisen" (Mao).

Vom 07. bis zum 10. September habe ich Yan'an bereist - direkt von Xi'an bin ich mit einem der modernsten chinesischen Zuege in gut vier Stunden in Richtung Norden nach Yan'an gefahren und habe dort in einer "richtigen" Hoehlenwohnung in direkter Nachbarschaft zu Maos ehemaliger Wohnung uebernachtet und die Stadt erkundet.
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Yan'an von der Bao-Pagode
Yan'an ist schon lange kein kleines Bauerndorf mehr - ungefaehr eine Million Einwohner zaehlt das Gebiet der Stadt; die Innenstadt hat 200.000 Bewohner. Noch immer wohnen manche aelteren Bauern in den traditionellen Hoehlenwohnungen, die im Sommer kuehl und im Winter warm bleiben; entlaengs des Flusses im Tal des Yan ist allerdings eine moderne Stadt gewachsen: breite Einkaufsstrassen, Hochhaeuser, Industrie.

Aber auch der Mythos der Revolution wird in Yan'an wachgehalten: die Stadt ist ein Wallfahrtsort fuer chinesische Touristen, die ihn in Reisegruppen heimsuchen und alle Orte mit revolutionaerer Tradition in Rekordtempo abklappern und photografisch fixieren: Maos Wohnung, den ehemaligen Parteisitz, das Museum der Revolution.
In den Laeden sind die Muetzen und Uniformen der Roten Armee und die kleinen Anstecknadeln mit Maos Gesicht ein absoluter Verkaufsrenner; niemand verlaesst die Stadt, ohne sich vor der Statue des Grossen Vorsitzenden ablichten zu lassen.

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Mao-Statue vor dem Révolutionsmuseum
In Yan'an war ich uebrigens zum ersten Mal auf meiner Reise durch China wirklich der einzige Auslaender vor Ort: leider waren die Museen und die meisten historischen Erklaerungen nur auf chinesisch und nicht auf englisch oder gar auf deutsch verfuegbar, so dass ich sie mir alle uebersetzen lassen musste (viele Dank an Jing ;-) - und nirgendwo sonst wurde ich so erstaunt und intensiv beobachtet und angeschaut wie dort. Yan'an war sicherlich einstmals ein Ort mit ueberproportional vielen Auslaendern; heutzutage sind die Fremden dort wieder eine Seltenheit geworden...

Jedem, der einmal nach China reist und der mehr sehen moechte als zwei, drei busreisekompatiblen Sehenswuerigkeiten, sei diese Stadt allerdings trotzdem waermstens empfohlen: die Anreise ist unkompliziert, komfortabel und schnell, der Ort erzaehlt mehr ueber das neue China als tausend Buecher: wer Yan'an besucht, erlebt Geschichte hautnah und versteht, welchen gigantischen Weg die chinesische Nation in den letzten Jahrzehnten zurueckgelegt hat.

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China wurde erfolgreich von den Doerfern eingekreist - um die Armut der Doerfer endgueltig abzuschaffen. Der Weg dorthin ist sicherlich noch weit; die Fortschritte sind aber heute schon atemberaubend. Das revolutionaere Yan'an hat nicht nur 1949, sondern auch heute wieder gesiegt.

 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Dienstag, 13.09.2005 - 14:35

ich habe schon einiges entdeckt, was mich verwundert hat: Mao-Gluecksbringer, Spiegel mit Maos Reliefbild, zwei Meter grosse Statuen des Grossen Vorsitzenden... aber 'ne Actionfigur habe ich leider noch nicht gesehen smiley


  Kommentar zum Artikel von 127712:
Dienstag, 13.09.2005 - 14:13

...und mir eine Mao-Actionfigur! smiley


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Dienstag, 13.09.2005 - 13:51

Tag Herr Garstmann!

Wenn man sich die Souverniers und Mitbringsel, die man in Yan'an so kaufen kann ansieht, hat das wirklich ein bisschen was von Graceland oder so...
Der Ort selbst, in dem es auf jedem Meter irgendeine Sehenswuerdigkeit gibt, ist allerdings sehr schonend fuer den Tourismus aufbereitet worden: wenige und schlichte Hinweisschilder vor den ehemaligen Wohnhaeusern und kurze Einfuehrungen auf Holztafeln zu den einzelnen historischen Begebenheiten sind alles, was es da an Schnickschnack gibt, ansonsten leben mitten zwischen den einstigen Prominentenwohnungen und Parteiaemtern nach wie vor einfache Menschen.
Wenn man durch die Goettinger Innenstadt bummelt mit all ihren hochtrabenden Tafeln, wer Semiprominentes mal wo fuer einen Monat auf Sommerfrische war, sieht man hundertmal mehr touristischen Plunder als in Yan'an...

'Ne Sammeltasse bringe ich dir leider nicht mit, weil 1) kein Platz und 2) beim Reisen mit dem Rucksack sehr bruchgefaehrdet. Ein paar Mao-Anstecknadeln habe ich fuer Freunde und Bekannte allerdings schon im Gepaeck...



  Kommentar zum Artikel von hr. gerstmann:
Montag, 12.09.2005 - 23:06

tag herr carlents!

möchte mal unken:
yan´an & dessen beschreibung klingt als könne es das disneyland der chinesischen revolution sein.?smiley?!
´ne sammeltasse des ersten vorsitzenden, fänd ich auch gut...!
freundliche grüße ein papiertiger!