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Von secarts

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Religiöser Ausnahmezustand in Deutschland - erst sind wir alle miteinander Papst geworden, und jetzt kommt seine Heiligkeit auch noch zu uns hernieder: B16, Papst Benedikt der sechzehnte, "god's rottweiler", hat sich angekündigt!
Anlaß für dieses ganz besondere Ereignis: der 20. Weltjugendtag in Köln, das katholische Pendant zur christlichen Konkurrenzveranstaltung, dem evangelischen "Kirchentag", der unlängst Hannover für Tage komplett lahmlegte.
Nun, diesmal wird es Köln treffen. Schulen werden für Übernachtungsgäste geräumt, Straßen ob des dräuenden Verkehrchaos stillgelegt, öffentliche Parks durch Urinüberdosierung in Mondlandschaften umgewandelt - so etwa hat man sich das jüngste Gericht vorzustellen.
Wer in diesen Tagen nicht Bahn fahren muss, sollte dem Herrn danken: zwischen Herrscharen christlicher Pilger, klampfenzupfenden, entrückt dreinblickenden Wandermissionaren, Horden puberiler Pfadfinder und bibelfesten Sakraltouristen wird kein Regionalexpress mehr Platz bieten.

Tolle Sache, oder? Die Kasse klingelt, der Ablaßbeutel auch, Köln wird auf einmal weltbekannt und der Papst kann sich in's Fäustchen lachen, denn: Die römisch-katholische Kirche hat unter weiträumiger Umgehung der Aufklärung durch klammheimliche Integration einiger moderner Mittel für eine Woche wieder den tiefsten Feudalismus im schönen Rheinland eingeführt.
Moderne Mittel? Jaja, die gibt's: eine Website zum Beispiel. "Wir sind gekommen, um IHN anzubeten - 4 days left", steht da in allen möglichen Sprachen der Welt. Den Papst, Gott, Jesus oder alle drei, fragt man sich.
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Aber auch das Programm hat es in sich: eine 40-tägige "Fußwallfahrt" von Dresden nach Köln steht denjenigen, die sich die Ankündigung, auf den "Straßen ginge nichts mehr" zu Herzen nehmen, offen; eine kleine "Marienfeier" in den Gemeinden wird den geselligen Teil eröffnen. Und wer jetzt noch nicht die Schnauze voll hat, kann sich gerne noch die "Katechese in Verbindung mit Einstimmung, Sakrament der Versöhnung und abschließender Messfeier" antun und auf den gemeinsamen Schlußpunkt, die "Vigil mit dem Papst; anschließend Stille und Anbetung, Sakrament der Versöhnung auf dem Marienfeld ", warten.
Mittenmang kommt "Jesus Christ (Stellvertreter auf Erden) Superstar" aus dem Vatikan eingeflogen und wird die Gläubigen in Entzücken versetzen - hektisch errötende Nonnen, delirierende Zahnspangenteenies, handgemalte Plakate "B16, i love you!" - das ist die keusche Variante zu den ganzen lauten, unmoralischen Rockkonzerten, wo der Satan angebetet und uneheliche Kinder hinter der Bühne gezeugt werden - Oi, Oi, Oi und Bibeltreu!

„kreuzbewegt.” – ist in der deutschen Sprache mehrdeutig. Zunächst bedeutet es, dass dieses Weltjugendtagskreuz bewegt wird, also von Jugendlichen getragen. Darüber hinaus meint kreuzbewegt. aber noch mehr: Das Kreuz ist das Symbol, das die Christen innerlich berührt und etwas in uns bewegt, denn es steht für das Leiden, Sterben und die Auferstehung von Jesus Christus.

So steht es auf der offiziellen Website. Subkulturen, die als Symbol der Anbetung ein Folter- und Tötungsinstrument nutzen, waren mir seit jeher nicht geheuer - ein Aufschrei des Entsetzens ginge wohl um die Welt, wenn sich ein neuer religiöser Kult unter dem Symbol der Guillotine oder vor einer Miniaturversion des elektrischen Stuhls versammeln würde. Das Hinrichtungsinstrument, welches das christliche Kreuz darstellt, wird hingenommen.

War das jetzt schon Gotteslästerung? Oder Verletzung religiöser Gefühle? Mag sein. Wenn der gesetzliche Schutz für die "Unverletzlichkeit religiöser Gefühle" darauf hinausläuft, weltanschauliche Rückständigkeit unter Artenschutz zu stellen, muss was unternommen werden.

Jesus, eat my shorts!

 
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  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Mittwoch, 14.07.2010 - 16:56

Zur Erbauung des Kollegen Bäuerle gibt es ja einige Staaten in Europa, wo die Verwendung des Symbols Hammer und Sichel gesetzlich unter Strafe gestellt ist, so u.a. in Estland, Lettland, Litauen, Polen (bis zu 2 Jahre Haft), Ungarn und demnächst wohl auch in Moldawien. - Es entsteht somit ein neuer Cordon Sanitaire in Mittelosteuropa, um die "rote Gefahr" zu bannen. Unter diesem Motto werden dann auch gleich die Gedenkstätten des antifaschistischen Befreiungskampfes der Roten Armee (*) dem Erdboden gleichgemacht, so u.a. in Estland und Lettland. Gleichzeitig können neue Nazis offen mit Hakenkreuzen durch litauische Städte ziehen, deren Symbolik dann von litauischen Strafgerichten in "baltische Glückssymbole" uminterpretiert wird. In Estland und Lettland sowie in Ungarn ziehen jedes Jahr Veteranen der Waffen-SS mit ihren alten Uniformen und Abzeichen offen und unbehelligt durch die jeweiligen Hauptstädte. Und in Litauen werden gar wieder Juden, die im 2. Weltkrieg als Partisanen gegen die Nazis kämpften, vor Gericht gestellt wegen "Mordes und terroristischer Akte".
So sehen also jene bürgerlichen Gesellschaften aus, die Hammer und Sichel (will heißen: eine legale kommunistische Bewegung) per Verbot aus der Gesellschaft säubern wollen.

*) War es nicht die Sowjetunion unter besagtem Stalin, die dafür gesorgt hat, dass Europa vom deutschen Faschismus befreit wurde? Waren es nicht 27 Mio. Sowjetbürger_innen (davon allein 3 Mio. jüdischer Abstammung, die im Holocaust ermordet wurden), die im Raubkrieg der Nazis zu Tode kamen, ergo fast jede_r zweite_r Kriegstote_r war sowjetischer Staatsbürgerschaft? Und war es nicht die stalinsche Rote Armee, die 75% aller deutschen Panzer, 75% aller deutschen Flugzeuge und 74% aller deutschen Artilleriegeschütze während des 2. Weltkrieges zerstörte, also mit Abstand die Hauptlast der alliierten Kriegsparteien im Kampf gegen den deutschen Imperialismus schultern musste?
Ich finde ihr Stalin-Bild, mit Verlaub, etwas unreflektiert. Stalin war eben mehr als Moskauer Prozesse.


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Dienstag, 13.07.2010 - 15:13

Ohwei. Ist dem etwa tatsächlich so..?

Na, da können wir wohl nicht viel machen, oder?
Symbole austauschen, um gefälliger zu wirken? -Nicht unser Stiefel. Dem Massengeschmack rennt man nicht hinterher, sonst rennt er einen über den Haufen.
Hammer und Sichel mit einem Sternchen versehen (*), und in einer Fußnote anmerken, dass wir uns (*) ABER von Stalin & Co. distanzieren? -Auch nicht gut. Wir sind keine Lügner.

...was das jetzt aber mit dem Artikel zu tun hat, der hier gerade kommentiert wurde, wird wohl auf ewig ein großes Rätsel der lesekundigen Menschheit bleiben.


  Kommentar zum Artikel von Ekkard Bäuerle: Webseite
Dienstag, 13.07.2010 - 14:36

Das Kreuz mag ein belastetes Symbol sein, jedoch kaum etwas – abgesehen vielleicht vom Hakenkreuz – weckt so negative Assoziationen, wie die auf Ihrer Website inflationär verwendete Hammer- und Sichelsymbolik. Selbst Menschen, die sich selber als »links« betrachten, werden wenig Freude empfinden angesichts dieses durch Stalin, Pol Pot und andere Diktatoren schwerstens belasteten Zeichens.


  Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 13.08.2005 - 13:27

Einen Aspekt habe ich völlig vergessen: Auch unser Militär bekommt die Gelegenheit, zu diesem christlichen Anlaß seine humanitäre Interventionsfähigkeit zu demonstrieren, wie hier in einem SPIEGEL Online-Artikel zu lesen ist:

Sogar die Anti-Terror-Einheit GSG 9 steht zum Schutz des Heiligen Vaters bereit. "Wir sind von unserem Standort in Sankt Augustin bei Bonn mit unseren Hubschraubern in wenigen Minuten an jedem Ort im Raum Köln", sagte ein Angehöriger der GSG 9. Die Sicherheitskräfte seien wegen der weltweiten Terrorlage besonders alarmiert.

Neben Tausenden von Polizeibeamten und Geheimdienstlern wird auch die Bundeswehr zum Schutz des katholischen Kirchenoberhauptes beitragen. Die Luftwaffe sorgt während der vier Tage der Papst-Visite am Rhein für einen sicheren Luftraum. Soldaten und Angehörige der Bundespolizei im "Nationale Lage- und Führungszentrum" im niederrheinischen Kalkar können umgehend alle Vorsichtsmaßnahmen einleiten, um verdächtig einfliegende Maschinen abzufangen. Awacs-Überwachungsflugzeuge der Nato werden in einer Höhe von 10.000 Meter über dem Rhein-Gebiet ständig den Luftraum im Visier haben. Nur Luftabwehrraketen sollen nicht in Stellung gebracht werden.

Die Bundeswehr hat neben den zivilen Einrichtungen vom Technischen Hilfswerk (THW) und vom Bevölkerungsschutz alle Maßnahmen "zur Bewältigung möglicher Großschadenslagen" getroffen, heißt es in einer internen Dienstanweisung für die militärischen Stellen. So stehen auf dem Hubschrauberplatz Mendig unweit von Bonn vier große Transporthubschrauber vom Typ CH-53 bereit. Sie können rund 40 Personen aufnehmen.

Auf dem Fliegerhorst Nörvenich unweit von Köln werden für die Abwehr möglicher Giftgasangriffe islamistischer Terroristen Spürpanzer vom Typ Fuchs stationiert. Die Bundeswehr ist auf dem Gebiet der ABC-Abwehr führend in der Welt. In der Größenordnung eines Kreiskrankenhauses errichtet die Bundeswehr am Rande des Marienfeldes, wo sich die große Pilgerschar zum Gottesdienst mit Benedikt XVI. trifft, ein medizinisches Zentrum. Dort werden vier Rettungshubschrauber - SAR - stationiert.

Für den persönlichen Schutz des Papstes ist das BKA zuständig. Sicherheitsfachleute sehen das größte Risiko für den Papst, wenn er mit dem Papamobil durch Köln fährt. Absoluter Ausnahmezustand unter den Sicherheitskräften herrsche allerdings während der Abschlussmesse am 21. August auf dem Marienfeld, erläuterte ein hoher Polizeibeamter. Über dem Marienfeld soll der Luftraum dann hermetisch abgesperrt werden.