Mittwoch Nachmittag, 16.12 Uhr.Hunger und der dem zivilisierten Mitteleuropäer innewohnende Drang nach regelmäßigem Erwerb von Geschirrspülmittel treibt mich in Richtung Discounter meiner Wahl. Der Weg ist nicht weit; es regnet nicht, bald ist die heil'ge Nacht und ich bin guter Dinge. Die Innenstadt ist voller fröhlicher Menschen; der Quetschkommodenspieler an der Ecke, neben dem Altglascontainer, schmettert ein beschwingtes "Jingle Bells". Es liegt eine knisternde Spannung in der kalten, klaren Luft; freudige Erwartung, auch Dankbarkeit. Kleine Kinder grübeln über die Geschenke, auf die sie nur noch einen Tag warten müssen, Erwachsene sind beinahe bereit, den ganzen Streß der letzten Tage zu vergessen. Die weihnachtliche Innenstadtbeleuchtung zaubert einen güldenen Schimmer auf jedes Gesicht. Es ist jetzt 16 Uhr 15, ich bummele ohne Hast. Unter meinen Schuhen knirscht eine dünne Schicht Schnee; und ja. Ich bin glücklich.
Von Weitem schont leuchtet mir die Reklame meines Discountmarktes entgegen. Ich weiß, ich werde willkommen sein.
Mittwoch Nachmittag, 16.17 Uhr.Kaum angekommen muss ich die erste Hürde in Form eines mitten in der Eingangstür eingeschlafenen Tippelbruders nehmen. Die gute Seele hat sich, ganz pragmatisch bei diesen niedrigen Temperaturen, die Luftschleuse als Schlafplatz ausgesucht und liegt nun, quer gestreckt, in der offenen Tür. In den vor dem Pappschild "Kleine spende Bitte , bin erwerblos und Obdachlos. Danke" bereitgestellten Hut werfe ich meinen Obulus. Ich muss an die schöne, alte Geschichte vom heiligen Martin und dem geteilten Mantel denken; auf einmal wird mir - MIR, der Weihnachten eigentlich hasst und die ganze Sentimentalität aus guten, rationalen Gründen ablehnt! - warm ums Herz. Was mag dieser arme Mann durchgemacht haben? Von Freunden und Verwandten verlassen; aus einem schaffensfrohen Leben durch widrige Umstände hinausgeworfen in den Schmutz der Gosse; von einer herzlosen Umwelt um das zum Leben nötige Geld geprellt - nicht aber um die Ehre! Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit dem armen, geschlagenen Geschöpf und greife von Herzen ins Kleingeldfach meines Geldbeutels. Der so Bedachte bemerkt dies nicht und schläft weiter den Schlaf der Gerechten. Ich entschließe mich zum Springen.
Mittwoch Nachmittag, 16.26 Uhr.Nicht mehr weit ist das verheißene Paradies aus regalmeterweise Leckereien, nur die Sicherheits-Schwingtür steht noch zwischen uns. Doch in eben jener hat sich eine Oma mit ihrer Handtasche verheddert und verlangt keifend nach ihrem Mann, auf das er sie aus ihrer mißlichen Lage befreien möge. Zwei Rentner beim Weihnachtseinkauf, denke ich mir. Ein flüchtiger Blick auf den Einkaufswagen bestätigt meine Vermutung: Christstollen, fünf Dosen "Junge Erbsen fein mit Möhrchen - extraklein", Backpulver, einige Büchsen Fruchtcocktail, Gänsebraten, tiefgefroren. Wahrscheinlich kommt am heiligen Abend die Familie zu Besuch. Der Sohn mit seiner jungen Frau und den zwei aufgeweckten, niedlichen Enkeln. Man sieht sich ja nicht mehr so oft im Jahr; die Arbeit, und die Entfernung. Aber einmal, an Weihnachten, ist wieder alles wie Damals. Die alte Frau wird kochen; der alte Mann in der guten Stube seine Pfeife rauchen und den Kindern vom Krieg erzählen. Die Kerzen am Baum werden brennen und leuchtende Kinderaugen, voller Vorfreude auf die Bescherung, den ganzen Raum erhellen...
Der Frau ist es gelungen, sich aus der Drehtür zu befreien. Der Mann beginnt, die Vorräte in aus preislicher Erwägung mitgeführten Leinenbeuteln zu verstauen. Der Gänsebraten, die Dosen. Und zuletzt drei gut unter dem Berg von Einkäufen kaschierte Flaschen Doppelkorn. Die beiden grinsen.
Mittwoch Nachmittag, 16.30 Uhr.Ich bin drin. Eingelassen in die Welt des Überflusses und der kleinen Preise; aus den Lautsprechern an der Decke scheppern amerikanische Weihnachtsschlager aus den dreißiger Jahren, ein Weihnachtsmann aus Pappe neben einer Palette Mehlpackungen lächelt mich gütig an. Nein, hier droht mir nichts Böses.
Ich mache meinen Parkur durch Gänge voller Schnäppchen, sichte Sonderanbgebote, freue mich über Dauertiefstpreise und entdecke Super-Sparmöglichkeiten. Intuitiv begreife ich das Band zwischen mir, den Besitzern dieses Warenhauses und den ganzen anderen Konsumenten: Die Besitzer wollen verdienen, ich will sparen und satt werden. Geiz ist geil, und Weihnachten auch. Das zu wissen beruhigt ungemein. Und wahrscheinlich täuscht der Eindruck, den ich beim Verlassen der Dosennahrungsabteilung hatte. Aber irgendwie kam es mir so vor, als ob kein gütiges, sondern ein diabolisches Grinsen Santas Papplippen umspielt. Vielleicht macht es ihn einfach zum Zyniker, dass er mehr weiß um die Dinge, die in der Welt geschehen, als ich. Aber egal. Der Typ ist aus Pappe und kann nicht mal ficken. Ich bin aus Fleisch und Blut und kann das.
Mittwoch Nachmittag, 16.33 Uhr.Ich habe, was ich will: Ein Doppelpaket Tiefkühlpizza und das Geschirrspülmittel mit dem kleidsamen Namen "Geschirrspülmittel". Für gewöhnlich habe ich nach zehn Minuten Aufenthalt in einem Supermarkt immer sehr viel Verständnis für Amokläufer. Der Gedanke, mit einer durchgeladenen Uzi in die Reihen saturierter Fresser und Prasser zu halten erscheint einem dann plötzlich plausibel; gar naheliegend. Nicht jedoch heute. Denn morgen ist Heiliger Abend. So übersehe ich auch großzügig die beiden geschwätzigen Tucken aus der Nachbarschaft, die sich mit wichtigtuerischer Geschäftigkeit auf den Grabbeltisch mit Babyspielzeug stürzen. Eigentlich ist dies einer der prädestinierten Momente, in denen mir Ted Bundy sympathisch wird. Doch heute freue ich mich einfach mal. Zwei Frauen, die ein Schnäppchen entdeckt haben.
Mittwoch Nachmittag, 16.37 Uhr.Ich ordne mich frohgemut in die Schlange der Wartenden ein. Wie immer ist nur eine Kasse geöffnet und die Reihe staut sich durchs halbe Geschäft. Manchmal mag das ärgerlich sein; heute ist es an der Zeit, innezuhalten. Man kann solche Momente ganz vortrefflich nutzen, um einmal über sich, sein Leben und seine Ziele nachzudenken. Dreiundzwanzig Lebensjahre habe ich hinter mir. Ich habe noch nie Hunger gelitten, zumindest nicht länger als zwei oder drei Tage. Ich habe auch noch nie arbeiten müssen, um zu überleben. Meine größten Sorgen waren bisher eher der Erwerb eines Führerscheins, die vertrödelte Verweigerung für die Bundeswehr, die Fehlquote im Sport-Grundkurs. In manchen Ländern gelten Leute in meinem Alter als Greise und sehen auch so aus - welch Glück man doch hat! Vielleicht, ja vielleicht sollte man doch mal, wenigstens an Heilig Abend, wieder in die Kirche... Der Gedanke vergeht so schnell wie er kam, als mir eine mit Bierflaschen beladene Kreatur von hinten ins Kreuz taumelt. Was wäre denn, wenn es tatsächlich einen Gott gäbe? Er lenkte mit gehässiger Hand die Fäden gleich einem ungezogenen Kinde, das mit seinen Spielzeugautos immer nur Unfälle nachspielt.
Mittwoch Nachmittag, 16.45 Uhr.Ich nähere mich nur langsam der Frau hinter der Registrierkasse. Die Langeweile packt mich langsam. Ich habe über mein Leben nachgedacht, das mit den Zielen und so ist auch schon abgehakt. Das mitteljunge Pärchen vor mir scheint des Sinnens ebenfalls überdrüssig zu sein. Sie küssen sich. Er tuschelt ihr Zärtlichkeiten ins Ohr und sie gerät immer mehr in Extase. Amor hat voll zugeschlagen und Eros feixt sich einen: Sie zwickt ihren Angebeteten in den Steiß und zerrt schon an der Trägern seines Rucksackes. Der Mann, ungefähr dreißig vielleicht, entledigt sich seiner Einkäufe auf einer Tiefkühltruhe und nimmt seine gleichalte Freundin/Frau/Verlobte in die Arme. Sie gluckst erregt, schlingt ihre Hände um seinen Hals und versucht, an ihm hochzuspringen. Ich wette insgeheim mit mir selbst, wann diese Begattungsversuche in aller Öffentlichkeit in einem Coitus enden werden. Hier, im Discounter, an der Kasse. Der Mann verliert unter der Masse seiner ungefähr 30 Kilogramm schwereren Freundin das Gleichgewicht und stolpert in die vor ihm Wartenden. Es sind die beiden Hennen vom Grabbeltisch, beide schauen indigniert. "Nun passen Sie doch mal ein bißchen auf hier!", zischt Huhn Nummer Eins. Huhn Zwei gackert hämisch und nickt beifällig. "Wir sind hier im Supermarkt!".
Danke, Huhn. Ich hatte es gerade verdrängt, da drückst du mich mit der Nase wieder rein. Ich muss schon wieder an Ted Bundy denken, an diesen Aussichtsturm in Texas, an das durchgeladene Gewehr, an den Blick durchs Zielfernrohr. Und an die ganzen Hühner, unten.
Mittwoch Nachmittag, 16.58 Uhr.Als übernächstes bin ich an der Reihe. Die Kassiererin arbeitet mit der Präzision und Geschwindigkeit einer Weinbergschnecke. Das Pärchen will mit der EC-Karte zahlen. Doch die Karte funktioniert nicht. Vielleicht ist die Kassiererin auch zu dusselig, das Gerät zu bedienen. Sie wirkt hilflos. "Hier ist doch gleich ein Automat. Hol mal schnell Geld, Liebster!", haucht die junge Frau ihrem Begleiter ins Ohr. Die Kassiererin stutzt, grübelt, willigt ein: Sie räumt den Großeinkauf beiseite und winkt mich vor. Ich bin dankbar und schenke ihr ein Lächeln, das sie ignoriert.
"Fünfeurofünfunddreißigfrohesfestbrauchensenenbong?", lautet ihr Weihnachtsgruß an mich. Ich danke und verneine, zahle, verstaue die Sachen im Rucksack.
An die frische Luft, aber schnell. Bei so einem Einkauf verliere ich mehr Körperflüssigkeit und Gewicht als beim Marathonlauf. Ich habe mich schon manchesmal gefragt, warum gerade die Damen und Herren, die täglich im Discounter rumlungern, meistens fettleibig sind - es müssten untergewichtige Barcode-Striche in der ausgedörrten Landschaft der kleinen Preise sein.
Mittwoch Nachmittag, 17.04 Uhr.Der Penner aus dem Eingang ist wieder erwacht. Er richtet sich auf, rülpst herzhaft, streckt sich und strahlt mich aus trüben Augen an. "Fröhliche Weihnachten, eine milde Gabe vielleicht?" Ich zahle noch einmal. Und jetzt ahne ich es, nein, ich weiß es: Wenn Jesus heute auf die Welt käme, er wäre kein Wüstenprediger aus Judäa, sondern dieser abgerissene Stadtstreicher, mit verfilztem Bart, Flecken von Bier und Erbrochenem auf dem schäbigen Pullover und einem speckigen Hut in der Hand. "Kleine spende Bitte , bin erwerblos und Obdachlos. Danke".
Ich will heim. Die Laternen schneiden einen fahlen Schimmer in die Dämmerung; der Schneerest ist zu grauem Matsch geworden; das Volk zieht seiner Wege; zum Abendeinkauf, in die Kneipe, nach Hause, die Frau verprügeln gehen. Der Harmonikamann, neben dem Altglascontainer, haut in die Tasten.
Maestro, einen Tusch! Kapelle, spiel auf! Die Welt geht unter!