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Jede Tarifrunde das gleiche Schauspiel: noch vor den ersten Verhandlungsrunden, Warnstreiks und Demonstrationen stürmen die Vertreter der "herrschenden Meinung" in Wirtschaftwissenschaft und Medien an die (Meinungs-)Front. Sie alle warnen angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise vor "überzogenen" Lohnabschlüssen, beklagen die "höchste Forderung seit 16 Jahren" und bestätigen die alte Erkenntnis: "In einer Gesellschaft der Lohnsklaverei eine unparteiische Wissenschaft zu erwarten wäre eine ebenso törichte Naivität, wie etwa von den Fabrikanten Unparteilichkeit zu erwarten in der Frage, ob man nicht den Arbeitern den Lohn erhöhen sollte, indem man den Profit des Kapitals kürzt" (Lenin, in: Werke, Bd. 19, S. 3).

Die zentrale Frage in dieser Tarifrunde lautet: Ist es richtig, in der Krise höhere Löhne zu fordern, kann man dafür kämpfen, und wie? Welche Antwort erhalten Mitglieder, Vertrauensleute, Betriebsräte und Gewerkschaftssekretäre der IG Metall von ihrem Vorstand auf diese Frage, welche "geistigen Waffen" für den "Kampf um die Köpfe"?

Ganz einfach: "Ich sehe derzeit keine Krise" - so IG-Metall-Vorsitzender Berthold Huber im "Spiegel" (13. 10. 2008). Geht´ s noch, Berthold? Wie erklärt Kollege Huber das den Automobilarbeitern, deren Bänder zeitweise stillstehen oder die, wie bei Karmann, ganz von Stillegung bedroht sind? Und wie ist seine Aussage zu verstehen: "Solange die Finanzkrise nicht auf die Realwirtschaft durchschlägt, sehe ich keinen Grund, weshalb wir etwas ändern sollten" - wird hier schon das Einknicken der IG Metall ("etwas ändern") vorbereitet?

Im selben Interview meint Huber, "dass die (...) IG Metall jetzt den Kapitalismus verteidigen muss". Wer nicht vom unversöhnlichen Interessensgegensatz von Kapital und Arbeit ausgeht, der folgt wohl auch bei der Begründung einer Tarifforderung der Logik, in der Krise dürfe man nicht "zu viel" fordern. Wozu diese "Rücksichtnahme" auf den vermeintlichen "Sozialpartner" schon im "Aufschwung" führt, das erlebten wir beim letzten Tarifabschluss im Mai 2007. Da schrieb das Zentralorgan des deutschen Großkapitals: "Die Auftragsbücher sind voll bei der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg, die Kapazitäten bis zum Anschlag ausgelastet, qualifiziertes Personal wird verzweifelt gesucht. Vor diesem Hintergrund stand die massive Streikdrohung der IG Metall wie ein Schreckgespenst im Raum" (FAZ, 5. Mai 2007). Wir Kommunisten meinten dazu: "Die entscheidenden Belegschaften waren kampfbereit - hier wurde eine einmalig gute Chance vertan." (UZ, 11. Mai 2007)

Aktive und konsequente MetallerInnen, die sich auf der Suche nach "geistigen Waffen" nicht auf ihren Vorsitzenden verlassen, können bei Karl Marx nachlesen, "dass die kapitalistische Produktion (...) sich in bestimmten periodischen Zyklen bewegt. Sie macht nacheinander den Zustand der Stille, wachsenden Belebung, Prosperität, Überproduktion, Krise und Stagnation durch. (...) ...während der Phasen der Krise und der Stagnation ist der Arbeiter, falls er nicht überhaupt aufs Pflaster geworfen wird, einer Herabsetzung des Arbeitslohns gewärtig. (...) Wenn er nicht bereits während der Prosperitätsphase (...) für eine Lohnsteigerung kämpfte, so käme er im Durchschnitt eines industriellen Zyklus nicht einmal zu seinem Durchschnittslohn ..." ("Lohn, Preis und Profit", 1865).

Es gibt auch und gerade in der Krise gute Gründe für die "höchste Forderung seit 16 Jahren":

Der Aufschwung der Jahre 2004-2007 ging an denen vorbei, die ihn erarbeitet haben: die Arbeitnehmerentgelte (Bruttoentgelt + Arbeitgeberanteil an Sozialbeiträgen) stiegen nominal um 4,2 Prozent, sanken demnach bei Abzug von 7,5 Prozent Inflation real um 3,3 Prozent; also: kräftiger Nachholbedarf!

Ganz anders wirkte der Aufschwung auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen (+38 Prozent), Gewinne der Kapitalgesellschaften (+53 Prozent), Nettoprofite der DAX-30-Konzerne (+185 Prozent), Vorstandsbezüge (+43 Prozent, DAX-30: >+50 Prozent), Dividenden (DAX-30: +180 Prozent) und das private Geldvermögen (+21,0 Prozent); also: erheblicher Verteilungsspielraum!

Die Umverteilung von unten nach oben ging weiter: die Lohnquote (Anteil der Beschäftigten am Volkseinkommen) fiel allein in den vier Jahren Aufschwung von 70,8 auf 64,6 Prozent; also: klaffende Gerechtigkeitslücke! (Zahlen aus isw-Wirtschaftsinfo 41, "Bilanz 2007 - Ausblick 2008")

Die Krise ist also keine Folge "überzogener" Löhne, im Gegenteil: sinkende Realeinkommen drosseln die Kaufkraft der Beschäftigten und damit die Nachfrage - mit den explodierenden Profiten (die wir ihnen nicht im Lohnkampf entrissen haben) investieren die Kapitalbesitzer eben deshalb nicht in Produktion, sondern wandern an die Finanzmärkte in die Spekulation, mit allen heute sichtbaren Folgen.

"Es geht um mehr" in dieser Tarifrunde: gerade jetzt in der Krise gilt es, zu handeln und die Gegenwehr dagegen zu organisieren, dass die Krise auf Beschäftigte und Erwerbslose abgewälzt wird!


 
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