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Gerhard Hanloser fordert in der jW-Debatte um Revisionismus in der internationalen Arbeiterbewegung eine realistische Definition des Begriffs (siehe jW v. 13.2.2008). Danach müsse schon die Sowjetunion und die von Lenin entwickelte Theorie der sozialistischen Revolution in einem einzelnen Land als revisionistisch verstanden werden, denn Marx und Engels sprächen in der »Deutschen Ideologie« (1845/46) allein von einer Weltrevolution. Auf diese Hypothese reagiert der Philosoph Hans Heinz Holz mit dem folgenden Beitrag.


Debatte: Die Gründung der Sowjetunion war kein revisionistischer Akt. Vielmehr entfaltete sich der bis dahin zwischen den antagonistischen Klassen verlaufende Kampf um die staatspolitische Dimension Imperialismus–UdSSR

»Worauf es bei dem Studium der Wissenschaft ankommt, ist, die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen.« Man müsse die Begriffe »festhalten und sie gegen die Unvollkommenheit und Vermischung der Bedingungen vor Vermengung (…) bewahren«. So Hegel.1 Es ist offenbar schwer, der Hegelschen Forderung zu genügen und sich aus der Vermischung der Vorstellungen zur Klarheit der Begriffe zu erheben. Da wird zum Beispiel gesagt, der Aufbau des Sozialismus in einem Land nach der Oktoberrevolution sei eine Revision des Marxismus gewesen – sozusagen der Ursündenfall – und habe den ganzen realen Sozialismus zur Konterrevolution gemacht. Hätte etwa die Revolution wieder rückgängig gemacht werden sollen, als sie sich nicht zur Weltrevolution ausweitete, um das Land den Kerenskis oder gar den Zaren wieder auszuliefern? Und wäre das dann nicht konterrevolutionär gewesen?!

Noch einmal Hegel: »Die Wahrheit ist ihre Einheit als (die Einheit – H.H.H.) Unterschiedener.«2 Daß eine einfache Vorstellung – zum Beispiel die der Revolution – in der Wirklichkeit nicht bei sich bleibt, sondern gemäß den materiellen Verhältnissen eine andere besondere Gestaltung erfährt, macht die geschichtliche Bewegung aus. Sie vollzieht sich in dem Widerspruch, daß die Realisierung des Ideals sich von sich selber unterscheidet. Dieser Unterschied ist zu begreifen, das ist die Anstrengung des Begriffs. Fragen wir, wie das konkret aussieht!

Oktoberrevolution

Ein Volk erhebt sich gegen Auspowerung, Unterdrückung, Kriegselend. Aufstände hatte es da schon ein Jahrhundert lang immer wieder gegeben, sie wurden von den Herrschenden niedergeschlagen. Jetzt setzt sich eine organisierte Minderheit an die Spitze der Empörung. Der Sturz des Systems gelingt. Zwei Millionen Arbeiter und 150 Millionen Bauern wissen gewiß nicht alle, was für eine neue Gesellschaft sie wollen. Sie wollen nur eine andere als die, die sie gestürzt haben. Eine bewußte Minderheit weiß, daß es nicht die bürgerliche Gesellschaft sein kann. Die Kerenskis haben keine Änderung gebracht. Jetzt steht – »Reife der Bedingungen« hin oder her – der Sozialismus auf der Tagesordnung.

Am 25. Oktober 1917 um 10 Uhr morgens veröffentlicht das Revolutionskomitee des Petrograder Sowjets die Erklärung: »Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets übergegangen. (…) Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer am Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung – sie ist gesichert.«3 Um 2.35 Uhr nachmittags spricht Lenin zum Petrograder Sowjet. Er benennt noch einmal dieselben Hauptaufgaben und hofft: »Dabei wird uns die internationale Bewegung der Arbeiter helfen, die sich bereits in Italien, England und Deutschland zu entfalten beginnt!«4 Und er zeigt das nächste Ziel: »In Rußland müssen wir jetzt den Aufbau des proletarischen sozialistischen Staates in Angriff nehmen«. Was daraus folgte, war nicht ein Irrweg, sondern die Konsequenz der materiellen Umstände und der in ihnen liegenden Widersprüche.

Es gab Länder, die gesellschaftlich fortgeschrittener waren als Rußland und in denen eine starke Arbeiterklasse existierte. Diese war dort zum Kampf angetreten, die Sozialdemokraten vereitelten ihre Ziele. Sie schlossen den Kompromiß mit dem Kapital und begnügten sich mit dem Wunsch nach Reformen in einer bürgerlichen Gesellschaft. Das war der Sieg des Revisionismus über das revolutionäre Programm der Arbeiterbewegung. Der Verrat der Sozialdemokratie war in Deutschland die Gründungsstunde der Kommunistischen Partei, die an der geschichtlichen Perspektive des Formationswechsels festhielt.

Sozialismus in einem Land

Das Übergreifen der revolutionären Bewegung von Rußland auf den Westen wäre der »Normalfall« gewesen, der den theoretischen Voraussetzungen und Erwartungen entsprochen hätte. Was sollten die Revolutionäre nun tun, deren Erwartungen enttäuscht worden waren? Eine geglückte Revolution macht man nicht rückgängig. Man kann sie nicht wie eine Radiosendung abschalten. Sie hat bereits Entwicklungen in Gang gesetzt. Die ersten Dekrete der Sowjetmacht legten die Richtung auf veränderte Eigentumsverhältnisse fest. Wer würde ernsthaft meinen, man hätte den Rückzug in den privaten Kapitalismus antreten sollen, weil der Funke nicht übergesprungen war?

Also mußte der Aufbau des Sozialismus in einem Land begonnen werden. In einem halbfeudalen Bauernland mit einer schwach entwickelten Industrie und wenig ausgebauten Verkehrswegen, mit einer zu einem Viertel analphabetischen Bevölkerung, ohne den Vorlauf einer bürgerlichen Demokratie und Rechtsform, unter dem Druck militärischer Interventionen und wirtschaftlicher Blockaden. Lenin hat diese Schwierigkeiten gesehen. Er begriff, daß die klassische marxistische Vorstellung vom Übergang zum Sozialismus-Kommunismus unter diesen Umständen nicht einzulösen war. Er begriff, daß die imperialistische Stufe des Kapitalismus die globalen Rahmenbedingungen des revolutionären Kampfes modifizierte. Ein neues Konzept wurde nötig. Erwägungen dazu und ad-hoc-Maßnahmen beschäftigten ihn während seiner letzten Lebensjahre.

Marxismus des 20. Jahrhunderts

Man kann sagen, das war eine Revision des ursprünglichen Marxismus. Es war keinesfalls »Revisionismus«, denn an den formationstheoretischen Grundeinsichten von Marx und Engels und an den praktischen Folgerungen – zentrale Bedeutung der Eigentumsfrage, Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft, Klassenkampf, revolutionäre Veränderung der Machtverhältnisse – hielten Lenin und die Komintern fest. Allerdings hatten sich die Fronten verschoben. Bis zum Ersten Weltkrieg verlief die Frontlinie des Klassenkampfs gleicherweise horizontal durch die Gesellschaften: Ausgebeutete unten, Ausbeuter oben. Mit der Existenz eines Staates von der Größe eines Sechstels der Erde, in dem die ersten Schritte zum Sozialismus getan wurden und die politischen Machtverhältnisse verändert waren, entstand eine zweite internationale Konfrontation, die zwischen den imperialistischen Staaten und der Sowjetunion. Der gesellschaftspolitische Aspekt des Klassenkampfs vermischte sich mit dem staatspolitischen Aspekt, daß der Erhalt des ersten und einzigen Staats, der sich auf dem Weg zum Sozialismus befand, eine welthistorische Funktion für den Prozeß des Formationswechsels hatte.

Internationaler Klassenkampf und außenpolitische Strategie der Sowjetunion verquickten sich, was nicht ohne Widersprüche bleiben konnte. Immerhin war die Losung »Hände weg von der Sowjetunion« in den zwanziger Jahren nicht einfach eine kommunistische Parole, sondern wurde weithin in fortschrittlichen Kreisen akzeptiert. Daß es der Sowjetunion gelang, die wirtschaftliche Abschnürung durch die westlichen Sieger des Ersten Weltkrieges im Vertrag von Rapallo mit Deutschland 1922 zu durchbrechen, war nicht nur ein Erfolg nationalstaatlicher Politik, sondern konsolidierte die erste Aufbauphase des Sozialismus. Die Lösung der innenpolitischen Hauptfragen – Industrialisierung, Entwicklung einer breiten Volksbildung, Entscheidung der Klassenfrage auf dem Land – wurde dadurch möglich.

Weltpolitische Konsequenzen

Zu keiner Zeit war die Sowjetunion so stark, daß sie sich ohne große Risiken auf eine militärische Auseinandersetzung mit den imperialistischen Mächten hätte einlassen können. Das bedingte eine komplizierte Gleichgewichtspolitik in friedlicher (d. h. nichtkriegerischer) Koexistenz bei gleichzeitiger Systemkonkurrenz mit den überlegenen und den Weltmarkt beherrschenden kapitalistischen Großmächten. Es kam darauf an, die Widersprüche zwischen ihnen zu nutzen und im eigenen Land den industriellen Aufbau forciert voranzutreiben, um möglichst rasch ein Abschreckungspotential zur Verfügung zu haben, das dem aggressiven Imperialismus einen Angriff als zu verlustreich erscheinen lassen mußte. Der Antikominternpakt zwischen Deutschland, Italien und Japan (1936/37) machte die Invasionsabsichten der faschistischen Fraktion des Kapitals öffentlich. Die »demokratische« Fraktion kalkulierte, daß Faschisten und Kommunisten sich gegenseitig aufreiben würden und damit sowohl die kapitalistische Konkurrenz als auch die sozialistische Gegenmacht ausgeschaltet würden. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 war der diplomatische Gegenzug, der die Widersprüche zwischen den Westmächten und dem deutschen Herrschaftsanspruch in Europa nutzte‚ um der Sowjetunion vor dem zu erwartenden Angriff eine Atempause zu verschaffen. Wenn auch der Überfall früher erfolgte, als angesichts der Kriegsanstrengungen Hitlers im Westen abzuschätzen war und darum große anfängliche Verluste hingenommen werden mußten, so ging im ganzen diese Rechnung doch auf. Die Sowjetunion überstand die Invasion und ging aus dem Zweiten Weltkrieg als ebenbürtige Weltmacht hervor.

Die Strategie, den Aufbau des Sozialismus in einem Land zu sichern und ein sozialistisches Staatensystem zu schmieden, verlangte einen hohen Preis. Revolutionäre Bewegungen im kapitalistischen Bereich konnten nur eingeschränkt und mit Rücksicht auf die Bedingungen der Koexistenz unterstützt, ja, sie mußten unter ungünstigen Umständen sogar preisgegeben werden. Nur ein (pseudo-)revolutionärer Maximalismus kann darin eine konterrevolutionäre oder revisionistische Abweichung vom Marxismus sehen. Ökonomische und militärische Kräfteverhältnisse bestimmen die materiellen Voraussetzungen, unter denen revolutionäres Handeln erfolgreich sein kann. Ihre Nichtbeachtung ist Abenteurertum. Die Existenz der Weltmacht Sowjetunion hat immerhin den Befreiungskampf der Kolonialvölker nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich begünstigt und ihn materiell gefördert.

Vom Friedensvertrag von Brest 1918 bis zum Potsdamer Abkommen 1945 hat die Sowjetunion eine Außenpolitik getrieben, die den Widersprüchen der Weltsituation im Rahmen des Systemantagonismus dialektisch Rechnung trug. Aus einer gesteigerten Macht heraus konnte sie dann in der UNO von dem Instrument des Vetos einen kämpferischen Gebrauch machen. Die Revolutionen in China und Kuba, das Patt im Krieg um Korea und der Sieg der Befreiungsfront Vietnams waren aus eigenen Kräften erkämpft, aber sie konnten sich auf den großen Bruder stützen, der schützend hinter ihnen stand. Friedliche Koexistenz bedeutete nicht Nachgiebigkeit – das wurde sie erst später als Folge innerer Fehlentwicklungen –, sondern Einsatz der eigenen Stärke bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit.

Innere Schwierigkeiten

Die abnormen Bedingungen, unter denen der Sozialismus in der Sowjetunion aufgebaut werden mußte, hatte natürlich Konsequenzen für die innere Verfassung des Landes. Die in der ersten Phase der Revolution unmittelbare Ausübung der Volksmacht durch die örtlichen Sowjets konnte nicht beibehalten werden. Ein Land von solcher Ausdehnung mit einem starken Gefälle im wirtschaftlichen und technischen Entwicklungsstand, im Ausbildungsniveau, in der Lebenskultur bedurfte einer straffen Verwaltungsorganisation; zumal wenn die gesellschaftlichen Prozesse nicht dem Markt überlassen, sondern zielgerichtet geplant werden sollten. Der Arbeiterklasse standen in den eigenen Reihen kaum Kader für diese Aufgabe zur Verfügung. Lenin wies schon 1918 darauf hin, daß der Sowjetstaat sich der Fachkenntnisse der alten staatlichen und wirtschaftlichen Administration bedienen müsse und darum eine scharfe Kontrolle ihrer Tätigkeit durch die Arbeiter und im besonderen durch die Partei nötig sei.

Die Partei aber füllte sich nach dem Sieg der Revolution mit einer großen Zahl neu eintretender Mitglieder auf, die keineswegs im Geiste kommunistischer Kampferfahrung und Solidarität erprobt waren. So konnte es nicht ausbleiben, daß eingefahrene Verhaltensweisen und kleinbürgerliche Einstellungen in den Lebensalltag eindrangen, die eine ständige Gefahr revisionistischer Abweichungen von kommunistischen Zielvorstellungen mit sich brachten. Politisch war diese Gefahr durch ein striktes Beharren auf leninistischen Prinzipien zu bannen (was den wesentlichen ideellen Gehalt der Diktatur des Proletariats ausmacht) – zum mindesten, solange der Parteikern sich noch aus den erfahrenen Streitern der vorrevolutionären Zeit zusammensetzte; psychologisch dagegen war die unterschwellige Fortdauer vorsozialistischer Mentalität nur in einem langfristigen Generationenprozeß zum Ausklingen zu bringen.

So pflanzten sich viele Überreste des feudalen Rußland fort: obrigkeitliche Willkür und ihre Hinnahme; der laxe Umgang mit Bürgerrrechten bis hin zu deren Mißachtung; gleichgültiger Umgang mit den notwendigen Formalismen einer organisierten Massengesellschaft – um nur einige staatspolitisch relevante Phänomene zu nennen, die ohne strenge Parteikontrolle und bei gewandeltem Führungsgeist in wuchernden Privategoismus, Korruption, Nepotismus und Schlendrian ausarten können. Die letzten zwanzig Jahre der Sowjetunion sind ein Beispiel solchen allmählichen Verfalls.

Es liegt auf der Hand, daß der äußere Zwang zur beschleunigten Industrialisierung die Probleme der »normwidrigen Entwicklung« verschärfte. Es ging ja nicht nur um die Beschaffung riesiger technischer Mittel, sondern auch um die Bildung, die zur Organisation von Produktion und Distribution, von Forschung und Theorie, und zur Bewußtseinsdarstellung in Kunst und kulturellen Tätigkeiten nötig ist. Es ging angesichts der äußeren Bedrohung auch um die Bereitstellung militärischer Abwehrkraft, bitter notwendig, aber doch aus der Systematik einer sozialistischen Gesellschaft herausfallend. Das alles erforderte Rückgriffe auf den gesellschaftlich erzeugten Reichtum (das »Bruttosozialprodukt«), die zu Lasten des individuellen Konsums gingen. Daß dennoch auch der private Wohlstand der Sowjetbevölkerung schon in dieser Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg beachtlich und gleichmäßig angehoben werden konnte, wäre nach westlichem Vergleichsmaßstab als ein »Wirtschaftswunder« zu bezeichnen, das die Leistungsfähigkeit einer sozialistischen Planwirtschaft beweist.

Standpunkt des Ideals

Natürlich müssen die Menschen einsehen, warum kapitalistische Konsumverführung ein Irrweg ist – sozial, ökologisch, kulturell. Dazu gehört ein theoretisch fundiertes Klassenbewußtsein, ohne das wir unser Leben nicht den Notwendigkeiten und Gesetzen des Klassenkampfs unterstellen würden. Der Begriff von der geschichtlichen Lage entsteht nicht spontan, sondern muß erarbeitet werden. Die kollektiven Erfahrungen und das gedankliche Instrumentarium für dieses Bewußtsein zu vermitteln, ist eine Funktion der Partei. Wenn ihr dies gelingt, kann sie Wertpräferenzen setzen, in denen die Reichhaltigkeit des Konsumgüterangebots nicht den obersten Rang in der Bedürfnisskala einnimmt. Wer anderes annimmt, bleibt dem bürgerlichen Wertsystem verhaftet. Proletarisches Klassenbewußtsein schließt ein, daß dem als richtig erkannten Ziel auch Opfer zu bringen sind. Das hat nichts mit Voluntarismus zu tun. Im Gegenteil. Die Theorie, die die Massen ergreift, wird zur materiellen Gewalt. Ohne diese Einsicht gäbe es bei Marx keinen Revolutionsbegriff, und jede Revolution ist die Probe aufs Exempel für die Wahrheit dieser Einsicht.

»Jedermannsphilosophie«, hat Gramsci herausgearbeitet, ist ein Moment des materiellen Verhältnisses, aber eben auch nur im Rahmen der materiellen Verhältnisse, zu denen das Wirkliche wie das real Mögliche gehören. Die realen Möglichkeiten zu überschätzen, ist Voluntarismus. Der Wille kann nicht das Unmögliche gestalten. Die realen Möglichkeiten zu unterschätzen, ist Defätismus, der Verzicht auf die gestaltende Kraft des Subjekts. Beide komplementären Varianten führen zum Revisionismus, zum »Standpunkt des Ideals« (wie Friedrich Albert Lange es am Anfang der sozialdemokratischen Ideologie formulierte), der sich von den Produktionsverhältnissen abhebt und als letztlich unerreichbare Norm zur abstrakten Utopie wird. Lenin wußte, warum er den Kantianismus als philosophische Hauptgefahr an der Front des ideologischen Klassenkampfs betrachtete und auf dem Realismus beharrte, mit dem Hegels objektiver Idealismus unterfüttert ist.

Lehren und Perspektiven

Nur scheinbar sind diese Erwägungen retrospektiv. Die sozialen Verhältnisse in einem großen Teil der Welt sind zwar durch die Vorherrschaft des Imperialismus geprägt, aber im einzelnen noch auf dem Stand vormonopolistischer Akkumulation. Das gilt vor allem für Länder, in denen sozialistische Revolutionen vollzogen wurden (wie China, Kuba, Vietnam) oder noch im Werden sind (wie Venezuela, Bolivien). Selbstverständlich sind die konkreten Erscheinungsformen des Übergangs in diesen Ländern jeweils andere. Aber es gibt vergleichbare Strukturen, auf die man sich beim Lernen aus der Geschichte beziehen kann. Überall fehlt es an der »Reife der Bedingungen« im Sinne der klassischen Theorie. Überall stellen sich analoge Probleme der Organisation des Übergangs zum Sozialismus. Die Niederlage der Sowjetunion ist erklärbar; Erklärungen legen Ursachen frei, und Ursachen, die man kennt, lassen sich berücksichtigen. Das ist wiederum kein Voluntarismus, sondern die richtige Anwendung der Kenntnis von den materiellen Verhältnissen.

Revolutionen brechen aus, wenn der Leidensdruck für die Massen unerträglich und die Hoffnung auf eine bessere Alternative geweckt wird. Diese Voraussetzungen sind heute gewiß eher in jenen Ländern gegeben, die von der imperialistischen Ausbeutung als Opfer betroffen sind, als in den Metropolen, wo bislang noch selbst die Arbeiterklasse an den Vorteilen der Ausbeutung beteiligt ist (wenn auch zunehmend in geringerem Maße). Revolutionäre Situationen ballen sich in jenen Ländern zusammen, die an die Schwelle des Aufschwungs gelangen und in denen der größere Teil der Bevölkerung von diesem Aufschwung ausgeschlossen bleibt. Werden in ihnen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse gestürzt, so stehen sie bei der Errichtung einer sozialistischen Ordnung vor Aufgaben, die denen der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution ähnlich sein werden.

Es ist an der Zeit, die Perspektiven ins Auge zu fassen, die sich daraus ergeben. Dann ergibt es einen vorwärtsweisenden Sinn, aus den Leistungen und Verfehlungen der Sowjetgeschichte zu lernen – nicht indem man sie »beurteilt«, sondern sie aus der Bewegungsform objektiver Widersprüche begreift – das heißt »auf den Begriff bringt«.


Anmerkungen:
1 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, in: Werke, Bd. 3, S. 56 und ebd., Bd. 9, S. 502
2 a. a. O., Bd. 9, S. 537
3 Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Bd. 26, S. 227
4 Ebd., S. 228 f.