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Euro ist, wenn 17 Länder eine gemeinsame Währung haben und Deutschland ge­winnt – egal unter welchen Umständen.

Alles ist immer eine Frage des Blickwinkels, und was die Malaise um den Euro an­geht, ist der deutsche im wesentlichen dieser: „Bei der Basis im Taunus hat der CDU-Mann Willsch leichtes Spiel. Weil er gegen die Griechenland-Hilfe ist … Als letztes zeigt er eine Zeichnung. Angela Merkel als Frau Holle, aus den deutschen Kissen schüttelt sie bunte Euroscheine, unten stehen die Griechen, Portugiesen, Italiener und Spanier und fangen das schöne Geld auf“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.8.2011). Um das es, wie der Volksmund nicht nur im Taunus weiß, schade ist.

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Aber nicht nur an der Basis ist klar, wer für das „Euro-Debakel“ (Der Standard) ver­antwortlich zeichnet. Abermals in der FAS nannte der als Finanzexperte geführte Alt­liberale Hermann Otto Solms Griechenland einen „Unruheherd“, der außerstande sei, „sein Schuldenproblem in absehbarer Zeit zu lösen“, der junge Partei­freund Lindner sekundierte schneidig via BamS, für Unvermögen oder eigentlich Unwillen könn­ten die Steuerzahler in Deutschland nicht geradestehen. Der CSU-Obersamariter Seeho­fer zeig­te sich mit seiner Geduld gleichfalls am Ende: „Die Deutschen sind sehr groß­herzig, aber wenn sie das Gefühl bekommen, daß der Hilfsbedürftige nicht tut, was er tun könnte oder versprochen hat, bröckelt die Solidarität gewaltig.“ Fördern und for­dern, man kennt das, und wie in der deutschen Hartz-Debatte gibt’s hie die Fau­len und da die Zahlmeister. Die die Schnauze jetzt langsam voll haben.

Im Ausland sieht man's freilich anders. Im Schweizer Blick am Abend vertrat der Wirtschaftswissenschaftler Werner Vonto­bel die Ansicht, Deutsch­land sei so etwas wie Europas Chefasozialer: „Konsumver­zicht und Lohn­dumping haben Deutschland stetig steigende Exportüberschüsse er­möglicht … Doch die logi­sche Kehrseite der jährlich rund 150 Milliarden Euro Über­schüsse sind die steigenden Schulden der Eu­ro-Länder. Diese Verschuldung nimmt solange zu, als Deutschland ,Exportweltmeis­ter' bleibt. Da helfen weder Rettungs­schirme noch Eu­robonds und schon gar keine Sparprogramme. ,Europas größte Wirt­schaftsnation' ist zugleich des­sen größter De­stabilisator.“ Tatsächlich, so rechnete Vontobel vor, seien die deutschen Reallöhne in den vergan­genen zehn Jahren um 6,4 Pro­zent gesunken, in Frankreich z.B. aber um 9,3 Prozent gestiegen. „Für die ärmere Hälfte der deutschen Haushalte ist die Bilanz noch trüber. Ihr reales Erwerbseinkom­men lag schon 2007 nicht weni­ger als 18 Pro­zent unter dem Stand von 1991.“ Der deutsche Malocher hat also mit Reallohneinbu­ßen, die skanda­lös zu nennen noch kei­nem deutschen Politiker rechts von der Links­partei ein­gefallen ist, nicht nur die sa­genhaften Gewinne der deutschen Exportwirt­schaft er­möglicht, son­dern auch am griechischen Bankrott mitgestrickt: Denn zuwe­nig „wettbewerbsfä­hig“ sind die Grie­chen ja nicht nur wegen der ver­meintlichen lo­kalen Nei­gung, Zeus einen guten Mann sein zu lassen, sondern auch wegen eines deutschen Lohnni­veaus, das im zi­vilisierten Teil Europas die Gewerk­schaften auf den Plan riefe.

Die Meinung, Deutschland habe im letzten Jahrzehnt durch eine rücksichtslos egoisti­sche Wirtschafts- bzw. Exportpolitik die Eurokrise wesentlich mitverschuldet, ist bei­leibe keine apokryphe, jedenfalls jenseits der deutschen Grenzen. „Why Germany must exit the euro“, hielt es auch der britische Telegraph, während in Deutschland be­harrlich die Notwendigkeit eines griechischen Austritts aus der Eurozone insinuiert wurde, für an der Zeit, die Stühle einmal geradezurücken, und interpretierte das deut­sche „Stabilitäts“-Geschrei gerechterweise um: „Germany – not Greece – has destabi­lised the euro area and is one of the biggest road-blocks to its ultimate recovery.“ Denn wo in einem Europa ohne Euro, wie auch der Economist wußte, Deutschlands Nachbarn die aggressive deut­sche Ex­portstrategie durch das Ab­werten ihrer Währungen (und also Verbilligen ihrer Produkte) hätten auffangen können, trifft mit dem Euro die deutsche Niedriglohnpeitsche ungebremst jene „weaker economies who failed to reform“ – die sich daraus ergebenden Riesenüber­schüsse des Agenda-Landes Deutschland mit seinen reformerischen „miserly pay rises“ waren mit aus­wärtigen Handelsdefiziten und der manifesten bis schlei­chenden Verarmung in der Heimat eine schöne Weile lang nicht zu teuer bezahlt.

Da kommt Europens Undank her. „Es klingt absurd: Deutschland schultert in der existentiellen Krise der Währungsunion Risiken von Hunderten Milliarden Euro  – doch wir gelten nicht als wohlmeinende Führungsmacht, sondern stehen als ,Euro-Nazis' am Pranger. Wie konnte es bloß so weit kommen?“ frug Henrik Müller von „Spiegel oline“ da volksgemeinschaftlich fassungslos. Dabei hätte er bloß ins eigene Archiv sehen müssen, denn schon im Frühjahr 2010 war von „erbittertem Streit über die deutsche Vormachtstel­lung beim Export“ die Rede gewesen. „Länder wie Frank­reich, Italien und Grie­chenland fühlen sich benachteiligt – weil sie angeblich mit deutschen Exportproduk­ten über­schwemmt werden.“ Und nicht nur angeblich, und nicht nur mit Exportprod­ukten, sofern nicht Kreditgeld auch eines ist. In einem Gast­beitrag fürs Handels­blatt benannte der frühere britische Pre­mierminister Brown Ende August 2011 die zweite Front, an der Deutschland sei­nen Platz an der Sonne vertei­digt: „Deutschland hat ... 1,5 Billio­nen Dollar an Grie­chenland, Spanien, Portu­gal, Ir­land und Italien ausgeliehen. Beim Ausbruch der Krise hielten deutsche Banken 30 Pro­zent aller Darlehen für diese Län­der. Wenn man das deutsche Engagement im US-Hy­pothekenmarkt und in spekulati­ve Anlagen auf dem europäischen Grundstücks­markt hinzurechnet, dann wird klar, daß deutsche Banken die Getränke spen­diert ha­ben, wo immer eine Party stattfand.“ Erst die ge­meinsame Währung ver­schaffte dem ärmeren Europa, das froh war, seine sog. Weich­währungen endlich los zu sein, wieder richtig Kredit, und so wie großzü­gig eingeräumte Darlehen dem Kunden suggerieren, daß Geld doch, bitte sehr, zum Ausge­ben da ist und es auf die Einnah­men erst in zweiter Linie ankommt, ließ das billige Geld, das zumal deutsche Banken nach Athen und Lissabon pumpten, dort ge­nau die Party stei­gen, die vom deutschen Export mit Freuden gecatert wurde. Die Party ist jetzt aus – und man darf einmal ra­ten, wer auf­räumt. Kleiner Tip: Acker­mann ist es nicht.

Daß nun ausgerechnet der prosperierende Euro-Profiteur Deutschland allen anderen vorschreiben will, wie sie zu sparen haben, ärgert viele. ,Die Bundesregierung ver­sucht mit aller Kraft, die deutsche Vorstellung von Haushaltspolitik zu exportieren', sagt Daniela Schwarzer, Europa-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik“ (Spon): Europa, nachdem es den Hals des deutschen Exportkapitals nicht weiter fül­len kann, soll zu einem Austeritätsparadies nach deutschem Vorbild werden, damit Deutsche und Commerzbank ihre Kredite nicht abschreiben müssen. Mit dem süßen Leben ist es da mittelfristig vorbei, wie die Kanzlerin früh wußte: „Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der ande­re ganz we­nig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen“; auf nichtmerkelanisch: „Mehr Ar­beit, weniger Lohn, weniger Ur­laub, weniger Rente – die Deutschen und ihre Kanzle­rin wollen die Agenda 2010 für die ganze EU“ (Ralf Schröder, Konkret). Und kurz­fristig wird, so machen es IWF und Weltbank in ihren Hinterhöfen seit je, privatisiert, was nicht niet- und nagel­fest ist; das viele Geld, das das deutsche Kapital am Euro ver­dient hat, muß ja irgendwo hin. Erst „beauftragte das griechische Finanzministeri­um unter anderem die Deutsche Bank damit, die Regierung Papan­dreou beim Verkauf von Staatsbesitz zu beraten, wiederum kurz darauf wurde gemel­det, die Betreiberge­sellschaft des Frankfurter Flughafens beschäftige sich mit der Übernahme des Athe­ner Airports. ,Sofort' privatisiert werden sollten auch die Helle­nic Postbank, die OTE Telekom und die Häfen von Piräus und Thessaloniki. In einer zweiten Phase sollen die Energieversorger folgen“ (Schröder a.a.O.). Für Portugal, wo bereits großzügig die Posten für Bildung und Renten zusammengestrichen wor­den sind, gelten ähnliche Verabredungen. Dies alles folgt simpler Bankenlogik: Je billiger der Kredit, desto leichtfertiger der Kreditnehmer, de­sto schneller ist das Häuschen unterm Hammer. Ein Beutezug in Nadelstreifen. Wenn das der Führer schon gewußt hätte.

Derselbe Euro, der dem damaligen französischen Staatspräsidenten Mitte­rand als Fußfessel fürs neue Gesamtdeutschland erschienen war, macht dieses, trotz al­ler Eu­ro-Jammerei, noch im Tiefflug zum unwiderstehlichen europäischen Hegemon; frei­lich nicht das Deutschland der Flie­senleger, Automechaniker und Kindergärtnerinnen, die, als Steu­erzahler, diese geradezu lehrbuchhaft kapitalfreund­liche, imperialistische Erfüllungs­politik fi­nanziert haben und weiter finanzieren wer­den. Aber immerhin auf diesem Level dür­fen sie sich jetzt als europäische Avantgarde fühlen: Denn die neuen engen Gürtel nach Euro-Norm tragen sie schon lange.


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: Titanic 10/2011. Das endgültige Satiremagazin.