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14.12.2010 (BERLIN/WASHINGTON/BEIJING) - Debatten √ľber einen globalen Abstieg Europas und eine Neuverteilung der weltweiten Macht begleiten die Auseinandersetzungen um die Zukunft des Euro. Man m√ľsse auf Weltebene ein "Abrutschen der Europ√§er" konstatieren, schreibt Werner Weidenfeld, einer der einflussreichsten Politikberater in Deutschland. Weidenfeld pl√§diert seit Jahren daf√ľr, die EU solle ihrerseits um eine Weltmachtrolle k√§mpfen. Es sei "voraussehbar", dass die Vereinigten Staaten ihre hegemoniale Stellung verlieren, erkl√§rt der ehemalige deutsche Au√üenminister Hans-Dietrich Genscher unter Verweis auf den fortdauernden Aufstieg Chinas. Die "Schw√§che Amerikas" werde allerdings auch Europa treffen, meint der britische Publizist Timothy Garton Ash. Wie Garton Ash im Gespr√§ch mit einer deutschen Zeitung urteilt, sind in Zukunft kriegerische Auseinandersetzungen in Asien - Stellvertreterkriege zwischen China und den Vereinigten Staaten - "nicht auszuschlie√üen". Mit den haupts√§chlichen Verb√ľndeten Washingtons im Kampf gegen China - Japan und Indien - arbeitet auch Deutschland eng zusammen, um den eigenen Abstieg abzuwenden.

Ausstiegsszenarien

In Deutschland entwickelt sich die Diskussion um ein Ende des Euro mit hohem Tempo fort. Galt noch vor einem halben Jahr die Abschaffung der Gemeinschaftsw√§hrung in der √Ėffentlichkeit als v√∂llig undenkbar, wird inzwischen √ľber mindestens drei Szenarien gesprochen, die dem Euro in seiner heutigen Form ein Ende setzen w√ľrden. Neben dem Ausstieg Deutschlands aus der W√§hrung inklusive Wiedereinf√ľhrung der D-Mark erw√§gen Experten die Vorteile des Ausschlusses einzelner Euro-Staaten aus der W√§hrungszone sowie die Zweiteilung in einen Nord- und einen S√ľd-Euro, die sich an sogenannter finanzpolitischer Stabilit√§t orientieren w√ľrde.1 Langfristig kann bei allen drei Varianten auch die Europ√§ische Union in Gefahr geraten - und damit ein bislang zentrales Element der globalen deutschen Machtpolitik.

Neue Konfliktlinien

Begleitet wird die Diskussion um ein Ende des Euro von Debatten √ľber einen globalen Abstieg Europas. Erst vor kurzem bekr√§ftigte Werner Weidenfeld, einer der einflussreichsten Politikberater Deutschlands, man m√ľsse ein "Abrutschen der Europ√§er" konstatieren. Weidenfeld wies darauf hin, dass die aktuelle Eskalation zwischen Nord- und S√ľdkorea die Konfliktlinien der Zukunft erkennen lasse2: "Die beiden Weltm√§chte China und Amerika" st√ľnden "in diesem Konflikt hinter Nord- beziehungsweise S√ľdkorea" und verzeichneten die entscheidenden "Konfliktlinien nun in Asien und im pazifischen Raum". Noch wenige Wochen zuvor hatte Weidenfeld, der sich schon seit Jahren f√ľr einen entschlossenen Kampf der EU um eine eigene Weltmachtstellung einsetzt (german-foreign-policy.com berichtete3), erkl√§rt, Europa k√∂nne k√ľnftig durchaus "ein neues Kapitel seiner Erfolgsgeschichte schreiben", wenn es die n√∂tigen "gro√üen Zukunftsschritte" in Angriff nehme.4 Das habe allerdings auf europ√§ischer Ebene zu geschehen: Nur der Kontinent als ganzer, "auf dem rund 500 Millionen Menschen ihr Zusammenleben politisch organisieren", besitze die "angemessene Gr√∂√üenordnung" f√ľr eine globale Machtpolitik.

Die letzte Chance nutzen

√Ąhnliche Mahnungen unterschiedlicher Politiker aus mehreren europ√§ischen Staaten werden schon seit geraumer Zeit in der deutschen Debatte kolportiert. Mit Blick auf den Aufstieg Chinas erkl√§rte der einstige deutsche Au√üenminister Hans-Dietrich Genscher letzte Woche, es sei "voraussehbar", dass die Vereinigten Staaten in Zukunft "nicht mehr die st√§rkste Nation" sein w√ľrden. Zustimmend zitierte Genscher den ehemaligen US-Pr√§sidenten Bill Clinton. Clinton hatte vor einigen Jahren gefordert, man m√ľsse die gegenw√§rtige Stellung nutzen, "um eine Weltordnung zu schaffen, in der wir uns als Amerikaner auch dann noch wohlf√ľhlen k√∂nnen", wenn eine andere Macht - China - zur Nummer eins aufgestiegen sei.5 Ebenfalls letzte Woche hie√ü es in einem Namensbeitrag des fr√ľheren britischen Premierministers Gordon Brown in der deutschen Wirtschaftspresse, es finde zur Zeit "eine historische Verschiebung von Macht, Einfluss und Wohlstand von West nach Ost und von Nord nach S√ľd" statt. "Asien und der Rest der Welt produzieren bereits mehr als Europa und die USA zusammen", schrieb Brown; im Jahr 2020 werde Asien voraussichtlich auch "40 Prozent der weltweit produzierten G√ľter verbrauchen, verglichen mit nur vier Prozent in Deutschland". Um den Abstieg abzuwenden, seien erhebliche gemeinsame Anstrengungen in der EU-Finanz- und Wirtschaftspolitik vonn√∂ten.6

Eine alternative Modernität

Zentrale Aspekte der globalen Machtverschiebung hat am letzten Wochenende eine gro√üe deutsche Tageszeitung im Gespr√§ch mit dem britischen Publizisten Timothy Garton Ash beleuchtet. Wie Garton Ash erkl√§rt, ist "die Renaissance Asiens" die wohl entscheidende Entwicklung der letzten Jahre: "Seit 200 Jahren haben wir im Westen Reichtum und Macht genossen, nun scheint es anderswo eine alternative Modernit√§t zu geben." Das vergangene Jahrzehnt werde "in die Geschichte eingehen als das verspielte Jahrzehnt f√ľr die Vereinigten Staaten": "Im Irakkrieg, mit Pumpkapitalismus und Verschuldung" habe Washington seine herausragende Macht ohne Nutzen "verschwendet".7 "Die Schw√§che Amerikas trifft auch uns", urteilt Garton Ash: Der "Aufstieg der nichtwestlichen Welt" vollziehe sich auch zu Lasten Europas.

Stellvertreterkriege

Garton Ash rechnet dabei mit schweren Auseinandersetzungen. "In der Geschichte kam es immer zu gewaltt√§tigen Konflikten, wenn eine absinkende und eine aufstrebende Gro√ümacht aufeinandertrafen", erl√§utert der Publizist. Die einzige friedliche Ausnahme sei "der hegemoniale √úbergang von Gro√übritannien zu den USA im 20. Jahrhundert" gewesen.8 Zwar hingen die USA und China √∂konomisch in hohem Ma√üe voneinander ab; "andererseits waren die europ√§ischen Nationen vor 1914 wirtschaftlich auch sehr eng miteinander verflochten." Garton Ash rechnet "nicht unbedingt" mit einem "gro√üen chinesisch-amerikanischen Krieg", h√§lt jedoch "kleinere Auseinandersetzungen in Asien" f√ľr "nicht auszuschlie√üen". Dabei werde Washington sich "wahrscheinlich mit Japan und Indien verb√ľnden, um China einzud√§mmen. Zum Teil tun sie das ja schon."

Konfliktvorbereitung

Tats√§chlich ist auch Deutschland in die antichinesische B√ľndnisbildung l√§ngst involviert - sowohl in Japan als auch in Indien.9 W√§hrend Berlin weiterhin versucht, sich gegen√ľber Washington aufzuwerten - unter anderem durch Paktieren mit Moskau -, arbeitet es, um den Aufstieg Beijings zu begrenzen, eng mit den USA zusammen. Die j√ľngsten Kampagnen gegen China vor Olympia 2008, w√§hrend der Unruhen in Xinjiang 2009 und zur Verleihung des Friedensnobelpreises 2010 sind geeignet, die Bev√∂lkerung auf schwerere Konflikte mit der Volksrepublik vorzubereiten - sollte Berlin sie f√ľr n√∂tig erachten, um den eigenen Abstieg zu verhindern oder aufzuhalten.10


Anmerkungen:
1 s. dazu Die deutsche Transferunion
2 Werner Weidenfeld: Startsch√ľsse zum Korea-Krieg; Focus 48/2010. S. auch Desastr√∂s f√ľr China
3 s. dazu Wille zur Weltmacht und Potenzial zur Weltmacht
4 Werner Weidenfeld: Die ratlose Dame Europa; Financial Times Deutschland 10.11.2010
5 Hans-Dietrich Genscher im O√ĖN-Interview: "Politik verlangt √úberzeugungskraft"; www.nachrichten.at 07.12.2010
6 Die neue Weltkarte; Handelsblatt 07.12.2010
7, 8 "Ich frage mich: Sind die USA reformierbar?" www.tagesspiegel.de 12.12.2010
9 s. dazu Alte Freunde und Chinas Gegenspieler
10 s. dazu Die Fackellauf-Kampagne, Die Zukunft Ost-Turkestans und Der Nobelpreiskampf



 
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