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Zum politischen Klima

[mp3]Das erste, was auf der Reise durch Venezuela auffiel, ist das hohe politische Klima im Land. Oft wird im Ausland gewarnt, man solle mit politischer Positionierung vorsichtig sein, diese Einschätzung kann so nicht geteilt werden. Das offene Auftreten der eigenen Gesinnung und Einstellung wurde mit ebensolcher Offenheit erwidert. In Bussen, Cafes, in Familien, bei Bekannten wurde geradeheraus gesagt, dass man sich als KommunistIn für das politische System in Venezuela interessiere. Das hat nicht selten dazu geführt, dass spannende Diskussionen entstanden.

Sich einfach unpolitisch fühlen, gibt es Venezuela sehr wenig. Die Male, wo das gesagt wurde, stellte sich dann auch eher heraus, dass dies Menschen waren, die eher der Opposition zuzuordnen waren.

Es war ein tolles Gefühl, ein progressives Klima der Veränderung zu erleben, von dem wir in Deutschland derzeit nur träumen können.


Zum Recht auf Bildung und Wissen

Ein sehr wichtiger Bereich der demokratischen Revolution Venezuelas ist das Bildungssystem. Man kann sagen, dass der Schlüssel einer jeden tiefgreifenden Gesellschaftsordnung in der Bildung liegt, denn Wissen ist Macht. Nicht umsonst betonen die Anhänger des bolivarischen Prozesses immer, dass derzeit der Kampf um die Ideologie geführt wird, denn – so wird eingeschätzt – die bürgerliche Opposition war nie so schwach wie heute.

Die neue Verfassung (von 1999) hat das Recht auf demokratische, verpflichtende und kostenlose Erziehung festgeschrieben. Das ist ein großer Fortschritt für ein Land, in dem die privaten Bildungseinrichtigungen nach wie vor eine hervorstechende Bedeutung spielen.

Das bolivarianische Erziehungsmodell will damit ein Ende machen. Und das Bildungskonzept ist ganzheitlich.

Simoncito

Ab der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr können die Babys und Kleinkinder in die Bildungseinrichtung Simoncito gehen. Simoncito selbst ist in Kinderkrippe (von 0 bis 3 Jahren) und Vorschule (3-6 Jahre) unterteilt.

Simoncito wie alle bolivarischen Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche sind Ganztagsschulen. Dies ist der Schlüssel für die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit der Mütter.

Bolivarische Schulen

Die Grundschulen knüpfen an Simoncito an. Bei dem Besuch der bolivarischen Schule „Doctor Juan de Dios Ponte“ in Cabudare, die im Armenviertel La Montaña aufgebaut wurde, konnte ein Einblick in die Praxis der Konzeption dieser Bildungseinrichtung gewonnen werden. Die Direktorin Professorin Lulie Roja Ahrez erzählte von den Fortschritten, aber auch den Schwierigkeiten in der Schule. La Montaña ist in der Region im Bundesstaat Lara eine der ärmsten Gegenden. D.h. auch dass die absolute Mehrheit der Schülerinnen und Schüler aus armen Familien kommen. Aus Familien, die jahrzehntelang gewohnt waren, mit ihren Kindern zu arbeiten, bzw. ihre Kinder arbeiten zu lassen, da sie auch selbst nie zur Schule gegangen sind.

Zwar gibt es seit 2000 das Gesetz zum Schutz der Kinder und auch das nationale Gesetz der Jugend schreibt in Artikel 26 die Schulpflicht bzw. das Recht auf kostenlose Bildung fest. Aber auf Nachfrage wurde erklärt, warum nicht mit Druck sondern Überzeugung gearbeitet wird. Ein alltägliches Problem ist, dass die Kinder nicht oder zu spät zur Schule kommen. Wenn dies einreißt, gehen die Lehrerinnen oder Lehrer zu den Eltern, um über die Notwendigkeit der Pünktlichkeit und der Bildung der Kinder zu reden.

Die Kinder kriegen in der Schule drei Mahlzeiten: Frühstück, Mittagessen und Lunch. Die Erziehung zu gesunder Ernährung ist darin integriert. Es gibt keine Süßigkeiten, dafür viele Früchte und Gemüse.

Die staatliche Planung bezüglich des Bildungsplans ist sehr flexibel gehalten, damit die Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen können. Es wird aber regelmäßig ein Bericht an den Staat abgegeben. Professorin Ahrez zeigte den Rahmenplan, der die Grundsätze der Schule festlegt: Frieden, Menschenrechte, Kultur, Sport und Spaß sollen vermittelt werden. Vorher war der Bildungsplan – so erzählt sie - viel restriktiver, was meist die Kinder armer Familien ausgeschlossen hat. Weitere Themen sind Schreiben, logisches Denken, Tradition, Leben und Werk von Simon Bolívar. Klassenfahrten gibt es nicht, da dazu einfach die finanziellen Möglichkeiten fehlen. Aber es werden manchmal Tagesausflüge organisiert.

Jeden Freitag findet von 14-16 Uhr eine Reflektion der Lehrerinnen und Lehrer statt, bei der über die Probleme der Kinder und die Planung gemeinsamer Aktivitäten gesprochen wird.

Es soll nicht mit Zwang und Druck, sondern mit Freude an individueller Entfaltung gearbeitet werden, was in dieser Schule wohl auch die Praxis war. In einer Unterrichtsstunde des Lehrers Douglas Vargas Guaregua konnte die persönliche Bindung der Kinder zu ihm wahrgenommen werden. Von der 1. bis 3. Klasse ist Sitzenbleiben nicht möglich. Es wird bei Defiziten mit spezieller Förderung gearbeitet. Es gibt auch in der Regel keine Hausaufgaben, der Lernprozess wird in der Schule gemeinsam geübt.

Religion spielt eine Rolle, es gibt aber keinen Religionsunterricht. In den Klassenräumen hingen jedoch Wandtafeln, die zu Festen von Heiligen verfertigt wurden.

Jeden Morgen wird auch die Nationalhymne gespielt und ein Fahnengruß gemacht.

Das größte Problem an der Schule ist nach Angaben von Prof. Ahrez, wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht wirklich hinter dem bolivarischen Prozess stehen und damit auch nicht mit Engagement arbeiten. Immer noch stehen große Teile der LehrerInnen mehr oder weniger verdeckt hinter der Opposition. Verdeckt heißt, dass sie dies nicht offen äußern. Es ist aber bekannt und der Lehrer Douglas konnte auf der Liste der LehrerInnen genau sagen, wer wie zur Revolution steht. Die Regierung hat die Möglichkeit, Lehrer zu wechseln. Wie weit sie davon Gebrauch macht, ist uns allerdings unbekannt. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass die staatliche Intervention im Bildungsbereich nicht so ausgeprägt ist. In der Universität Simon Rodriguez von Barquisiméto erzählte eine revolutionäre Professorin, dass 80% der Profs von der Opposition seien.

Die Arbeitssituation der Lehrerinnen und Lehrer war bei den Besuchen von Bildungseinrichtungen nicht ganz ersichtlich. In der Zeitung Diario Vea vom 24. Februar 2006 stand, dass die ProfessorInnen im Durchschnitt 1.000.000 Bolivar (ca. 400 Euro) pro Monat verdienen. Das ist für Venezuela kein schlechter Verdienst (zum Vergleich: der Mindestlohn liegt bei 460.000 Bolivar). Professor heißt aber Lehrpersonal von der Vorschule bis zur Universität. Insofern kann man davon ausgehen, dass die LehrerInnen der bolivarischen Schule unter diesem Satz liegen. Die Arbeitsverträge gelten für ein Jahr, werden aber nach Angaben der Prof. Ahrez meistens verlängert.

Zum Schluss des Besuchs der Schule zeigte die Bibliothekarin die Bibliothek. Wir blieben vor einer Aufklärungstafel stehen und sie bestätigte die Umsetzung des Artikel 21 des nationalen Gesetzes der Jugend, das die sexuelle Aufklärung als Schulpflichtprogramm festschreibt. AIDS sei in der Region ein großes Problem. Ansonsten würde aber Gleichberechtigung bestehen.

Die bolivarische Schule versucht integrative Konzepte umzusetzen. Es wird mit anderen sozialen Missionen zusammengearbeitet. Zum Beispiel besteht regelmäßiger Kontakt zu den Ärzten des Ambulatoriums des Viertels, die in der Mission Barrio Adentro arbeiten. Sie gehen mit den Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen und machen damit auch Gesundheitserziehung.

Bis zum Jahre 2007 – so ist der staatliche Plan – sollen alle staatlichen Schulen in bolivarische, sprich Ganztagsschulen, umgewandelt werden.

Eine zweite bolivarische Schule wurde in Choroni besucht. An diesem Freitag waren die LehrerInnen gerade in einer Supervision und Nachbesprechung. Nichtsdestotrotz spielten einige Kinder in der Schule. Ein Zeichen, dass zumindest teilweise die Schule nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort ist.

Das bolivarische Liceum

Nach der bolivarischen (Grund) Schule kommen die Jugendlichen von 12 bis 18 Jahren in das bolivarianische Liceum. Es ist das Bindeglied zwischen (Grund) Schule und Universität. Ziel ist zunächst, allen Jugendlichen den Zugang zum bolivarischen Liceum zu ermöglichen. Dies ist – laut Konzept - Ausdruck der sozialen und Menschenrechte. Bevorzugt werden soll die Land-, Indigena- und Grenzbevölkerung.
Insgesamt gibt es nach dem Stand 2004/2005 3.373 Einheiten und 128.364 Schülerinnen und Schüler, die von 6.682 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden.1

Technische Schulen Robinson

Desweiteren gibt es die technischen Schulen Robinson, die eine spezielle Ausrichtung auf technische, industrielle und agrarische Ausbildung haben.

Bolivarische Universität

Die Schulbildung soll unmittelbar in die bolivarischen Universitäten übergehen. In allen Bildungseinrichtungen soll die indigene interkulturelle bilinguale, ländliche und Grenzerziehung eine fester Bestandteil sein.

Bildungs- Missionen

Die sozialen Missionen wurden im Jahr 2003 von Hugo Chávez Frias und der bolivarischen Regierung ins Leben gerufen mit dem Ziel, die „bolivarische Revolution“ zu festigen und eine partizipative Demokratie zu etablieren. 2003 war die Zeit der großen ökonomischen Krise Venezuelas, die durch die von der Opposition forcierten Boykotts hervorgerufen wurde.

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Bildung soll auch als Ausdruck des Kampfes der Ideen nicht mit der Universitätsausbildung beendet sein, sondern Lernen als Lebensbestandteil – von jung bis alt.

Mission Robinson I

Diese Mission wurde im Juni 2003 ins Leben gerufen und hat zum Ziel, den Analphabetismus zu beseitigen. Die Mission Robinson I hat sich mit Unterstützung der kubanischen Republik an der kubanischen Methode der Alphabetisierung orientiert, was in Kuba „Yo si Puedo“ heißt. 70 kubanische Pädagogen und 70.000 freiwillige Assistenten (sogenannte Facilitadoren) aus den Kommunen konnten für die Mission Robinson I mobilisiert werden. Allein in einem Jahr wurden 1.300.000 Analphabetinnen und Analphabeten geschult und heute kann sich Venezuela als ein Land frei von Analphabetismus bezeichnen.2

Noch in den 90er Jahren waren ca. 2 Millionen Venezuelanerinnen und Venezuelaner Analphabeten. Das sind 9% der Bevölkerung über 10 Jahre.3 Bis heute wurden 1.700.000 Menschen in der Mission Robinson I gebildet. Mit Ende des Jahres 2005 ist Venezuela ein analphabetenfreies Land.

Mission Robinson II

Die Mission Robinson II ist die zweite Phase des Bildungssprozesses und für die Menschen, die die Alphabetisierung im Rahmen der Mission Robinson I erfolgreich abgeschlossen haben. Die bislang von der Bildung ausgeschlossenen Bevölkerungsteile erlernen mit der Mission Robinson II die grundlegende Bildung. Die Mission Robinson II wurde im November 2003 ins Leben gerufen. Die Grundbildung erfaßt Lerneinheiten von 2,5 Stunden pro Tag bei einer 5-Tage-Woche und ist auf zwei Jahre (4 Semester) angelegt.

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In Barquisimeto wurde eine Klasse der Mission Robinson II besucht. Die Lehrerin Iris Dugarte und die SchülerInnen Pedro León, Maria Nubia Rames, Julian Mendoza und José Pezaga nahmen sich die Zeit, ihr Schulsystem zu erklären. Die Mission Robinson II ist in 2 Blöcke zu jeweils 2 Semestern unterteilt. Es wird Sprache, Mathematik, Geschichte, Erdkunde Naturwissenschaften, Englisch und Informatik unterreichtet. Zur Anleitung werden regelmäßig Videofilme gezeigt.
Der Informatik-Unterricht wird aus materiellen Gründen rein theoretisch abgehalten.

An der Schule „Unidad Educativa Varagucha“ gibt es drei Klassen mit insgesamt 47 Schülerinnen und Schüler. Die Lehrerin Iris Dugarte ist durch ihre Nachbarschaft gegangen und hat alle in Frage kommenden Interessenten gefragt, ob sie sich bei der Mission Robinson II einschreiben wollen. Mit der ausgefüllten Liste wurde anschließend die Schulklasse angemeldet. Mittlerweile kommen aber auch ein Großteil der Interessierten selbst zur Schule, um sich anzumelden.

Am Ende eines jeden Semesters (5 Monate) wird ein Abschlußtest geschrieben. Der Grundsatz der Mission beruht auf Freiwilligkeit. Und das scheint auch Realität zu sein. Ob sie Probleme mit Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler habe, wurde sie gefragt. Nein, eigentlich nicht. Wenn die Schülerinnen und Schüler nicht kommen, dann liegt das immer entweder an Krankheit, Arbeit oder sonstigen Verhinderungen.

Frau Iris Dugarte erhält für ihre Tätigkeit 125.000 Bolivar im Monat.

Bis heute haben sich ca. 1.000.000 Venezuelanerinnen und Venezuelaner bei der Mission Robinson II eingeschrieben. Ein nicht unwesentlicher Teil der Studentinnen und Studenten erhält ein monatliches Stipendium von 160.000 Bolivar im Monat (umgerechnet ca. 65 Euro).4

Mission Vuelvan Caras

Mit dieser Mission, die soviel heißt wie: Gesichter kehren zurück, sollen die alphabetisierten Menschen wieder in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden.5

Mission Sucre

Um den Bildungskreis zu schließen, ist die Mission Sucre gegründet worden. Sie ermöglicht den Zugang zur höheren Bildung für die Menschen, die bislang hierzu keine Möglichkeiten hatten oder für die bis heute die herkömmliche Erziehung Ungleichheit bedeutete. Die Mission wird in kommunalen Gebäuden veranstaltet und in Einrichtungen der Universität und orientiert sich auch an den Richtlinien der bolivarischen Universität.

Mission José Felix Ribas

Diese Mission wurde im Oktober 2003 für die Menschen ins Leben gerufen, die ihr Abitur – aus welchen Gründen auch immer – nie beendet haben.

An einer Bushaltestelle wurde Señor José Alfonzo Asuaje Sánchez kennengelernt. Er fragte nach der Herkunft und wie man in diese touristenleere Gegend käme. Mit der Antwort, man sei KommunistIn und in Venezuela, um sich das politische Systen anzuschaun, war er überglücklich. Er strahlte und sagte, er sei auch Kommunist und gerade auf dem Weg zur Mission Ribas. Da er über 50 und sehr fein gekleidet war, ging man – vorurteilsbelasten – davon aus, dass er dort Lehrer sei. Erst am nächsten Tag, an dem wir uns verabredet hatten, damit man gemeinsam zur Mission Ribas gehen könnte, sagte er voller Stolz, dass er nicht Lehrer, sondern Schüler sei.

Auf die Frage, warum er bei der Mission Ribas lernt, antwortete Senor Alfonso Asuaje Sánchez, dass wir jetzt in Venezuela Geschichte schreiben. 500 Jahre lang war die Geschichte Venezuelas Geschichte der Unterdrückung. Heute sollen neue Bürger geschaffen werden, kritische Menschen, Gebildete, denn dies sei die Hauptschwierigkeit des bolivarischen Prozesses.

Die Gewohnheiten der ganzen Unterdrückungsgeschichte inklusive Letarghie und Korruption müssen beseitigt werden. Die Gewohnheiten zeigen sich durch halbanarchistische Mentalität in der Masse der Bevölkerung aus. Die Gesetze bestünden, werden aber nicht umgesetzt. Grundlage dafür ist das Studium, die Bildung, das Verständnis für die Notwendigkeit bestimmter Änderungen im Leben, auch tief sitzender Gewohnheiten. Denn die Menschen stehen in der großen Masse hinter der Revolution, sehen aber in ihren eigenen Handlungsweisen nicht, dass so der Fortschritt gehemmt wird.

Senor Sánchez will daher mit gutem Vorbild vorangehen. Er will lernen, um seinen 4 Kindern und 7 Enkeln auf ihre Fragen antworten zu können. Er war Zeit seines Lebens Verkäufer, Strassenverkäufer und hat dann mit 51 Jahren im Jahr 2003 wieder angefangen zu lernen, zu studieren und ist so glücklich, denn die Bildung verbessert seine Lebensqualität.

So geht Señor Sánchez mittlerweile seit 4 Jahren fünf mal die Woche für drei Stunden in das Liceo Eleodoro Pineda in Barquisimeto. Der Stundenplan ist folgendermaßen:
Montag: Geschichte Venezuelas und Ideologie
Dienstag: Erdkunde und Naturwissenschaft
Mittwoch: Englisch und Naturwissenschaften
Donnerstag: Spanisch (Grammatik und Orthographie)
Freitag: Mathematik

In einer Unterrichtseinheit, an der teilgenommen wurde, nahmen SchülerInnen von Jugendlichen bis zu 80jährigen Frauen teil. So sieht also die Umsetzung der Bildungspolitik aus. Die Unterrichtseinheiten sind multimedial, d.h. es wird immer ein Videofilm gezeigt, dann wird unterrichtet und Aufgaben gelöst.

Problematisch schien, dass sowohl Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer sehr unpünktlich waren. Es wurde aber mit Freude gelernt. Das integrative Lernkonzept umfaßt bewußt in der Regel zwei Unterrichtseinheiten pro Tag, um mehr Abwechslung ins Lernen zu bringen.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer erhalten nur das Stipendium in Höhe von 160.000 Bolivar pro Monat, was die Auswahl natürlich zu Idealisten der Revolution macht.

Bis jetzt gibt es zwei Abschlüsse, die im Rahmen der Mission Ribas erreicht werden können. Den ersten mit dem Titel Abiturient bestanden 20.686 Menschen. Den zweiten schlossen 9.235 Venezuelaner ab. 300 AbiturientInnen studieren jetzt Medizin auf Kuba. Auf nationalem Gebiet sind 876.140 Studentinnen und Studenten bei der Mission Ribas eingeschrieben, 203.472 sind ausgeschieden, 34.679 wieder eingeschrieben und 168.793 definitiv ausgeschrieben.6

Zum Umgang mit Menschen mit Behinderungen

Die venezolanische Verfassung schützt Menschen mit Behinderungen. In Artikel 21 Nr. 2 heißt es:
„...das Gesetz bestimmt Maßnahmen zugunsten von Personen oder Gruppen, die benachteiligt, ausgegrenzt oder schutzbedürftig werden könnten; der Schutz des Gesetzes gilt insbesondere denjenigen Personen, die sich aufgrund einer der vorgenannten Bedingungen offenkundig in einer Position der Schwäche befinden. Das Gesetz ächtet mißbräuchliches Verhalten ihnen gegenüber und jede Mißhandlung.“7

Artikel 81 geht speziell auf die Rechte der Menschen mit Behinderungen ein:
"Jeder, der behindert ist oder entsprechende besondere Bedürfnisse hat, verfügt über das Recht auf volle und eigenständige Entfaltung seiner Fähigkeiten und auf die Integration in Familie und Gemeinschaft. Mit solidarischer Beteiligung der Familien und der Gesellschaft gewährleistet der Staat die Achtung der Menschenwürde sowie die Chancengleichheit und zufrieden stellende Arbeitsbedingungen und fördert im Einklang mit dem Gesetz Ausbildung, Weiterbildung und den Zugang zu einer seinen Möglichkeiten angemessenen Arbeit. Taube und Stumme haben das Recht, sich vermittels der venezuelanischen Zeichensprache auszudrücken und sich durch sie zu verständigen.8

Es ist natürlich eines, bestimmte Rechte festzuschreiben (wie das ja auch das deutsche Grundgesetz tut) und ein anderes, diese Rechte auch wirklich zu gewähren.

Grundsätzlich ist es in Venezuela so, dass Kinder mit Behinderungen nicht in Heimen leben, sondern in der Familie. In Barquisimeto wurde das wohl einzige Behindertenheim gezeigt und geschätzt, dass dort nicht mehr als 50 Menschen leben. Das liegt sicherlich einmal an den nicht vorhandenen finanziellen Möglichkeiten der Familien, dann aber auch an dem Familienzusammenhalt, der es moralisch nicht zuläßt, Kranke oder Menschen mit Behinderungen woanders unterzubringen. Dies hängt natürlich mit der ganzen Sozialstruktur zusammen, denn meist bleibt eine Mutter oder Oma zu Hause und schmeißt den Haushalt.

In Barquisimeto, Bundesstaat Lara, bestand die Möglichkeiten, eine Schule für Kinder mit Behinderungen zu besichtigen. Sicherlich, so werdet ihr jetzt einwenden, reicht das nicht aus, den Umgang mit Menschen mit Behinderungen wirklich einzuschätzen. Nichtsdestotrotz hat es ein Bild vermittelt, was so von Deutschland nicht bekannt ist.

Das Instituto de Educación Especial „Lara“ liegt im Zentrum von Barquisimeto und ist zur Zeit noch im Haus einer bolivarischen Schule untergebracht. Zunächst wurde ein ausführliches Gespräch mit dem Direktor Luis Miguel Agüero und der Sub-Direktorin Ondina Artega geführt. Direktor Luis Miguel Agüero erklärte zunächst, dass die Paradigmen des Sozialismus in der Welt sehr unterschiedlich sind. Hier in Venezuela gäbe es viele interne Probleme. Die Erfahrungen der Sowjetunion, der DDR und Osteuropas seien nicht die Philosophie in Venezuela. Für den bolivarischen Prozess seien diese Erfahrungen zu geschlossen und nicht freiheitlich gewesen.

Es gibt bzgl. der Schulen verschiedene Niveaus und verschiedene Modelle. Die Niveaus gehen von der Grundschule bis zur Universität. Die Modelle sind viererlei: religiös, künstlerisch, militärisch und speziell (für Behinderte). Die Schulen für Menschen mit Behinderungen wiederum haben Zweige für Menschen mit visuellen, auditiven, kognitiven und motorischen Schwächen. Das Institut „Lara“ ist auf kognitive Schwächen spezialisiert.

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Das Grundsätzliche im Umgang mit Kindern mit Behinderungen ist das einheitliche und integrative Schulsystem. D.h. konkret, dass Kinder, die in irgendeiner Form Schwächen im Schulunterricht aufweisen, nur für eine begrenzte Zeit auf die spezielle Schule kommen und anschließend wieder in die „normalen“ Schulen integriert werden sollen. Hierbei natürlich mit spezieller Förderung und Unterstützung. Später wurde auch ein 9 Jahre altes Mädchen vorgestellt, was ein Jahr auf der speziellen Schule war und heute mit einer Betreuerin am Unterricht in der bolivarischen Schule wieder teilnimmt. Insofern sollen die speziellen Schulen nur die gröbsten Defizite ausgleichen.

Dieses Schulkonzept geht auf ein Gesetz von 1997 zurück. Durch den bolivarischen Prozess (seit 1998) haben sich nach Angaben der Sub-Direktorin Ondina Artega die Ausbildung der Lehrer wesentlich verbessert. Auch wurde die ideologische Grundlage der Erziehung von Kindern mit Behindern konkretisiert. Die Verfassung von Venezuela hat die Rechte der Menschen mit Behinderungen und vor allem generell die Rechte der Kinder und Jugend gestärkt, was auch materielle Konsequenzen hat.

Es versteht sich von selbst, dass das Institut „Lara“ kostenlos ist.

Das Institut „Lara“ ist nur noch bis einschließlich September 2006 in der bolivarischen Schule untergebracht. Anschließend wird die Schule in ein Gebäude ziehen, was mitten im Zentrum von Barquisimeto liegt und was wir besichtigt haben. Der ganze Gebäudekomplex ist behindertengerecht gebaut und Umsetzung integrativer Planung. So soll in dem Gebäude auch die Kommune Räumlichkeiten haben. Es soll schon von der Örtlichkeit her einer Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen entgegnet werden.

Anschließend besuchten wir die verschiedenen Klassen der Schule. Zunächst war auffällig, dass maximal 4 Kinder in einer Klasse waren, oftmals auch nur zwei. In dieser Schule sind Kinder, bei denen der Autismus diagnostiziert wurde und Kinder mit Hörschwierigkeiten. Spezialisten wie Psychologen und auch notwendige technische Mittel wurden und werden ausgebaut.

Das Projekt der Regierung ist, in jedem Kreis eine Schule für Kinder mit Behinderungen aufzubauen. Dies soll nach der entsprechenden Resolution aus dem Jahr 2005 in 4 bis 5 Jahren umgesetzt werden. Dann sollen die Klassen für Kinder mit Hör- oder Sehschwächen auf maximal 12 Kinder, die Klassen für Kinder mit geistigen oder motorischen Schwächen auf 8 Kinder begrenzt sein.

Zur Religion und Kirche

Die Religion ist ein fester Bestandteil der venezolanischen Gesellschaftsordnung und des bolivarischen Prozesses. Schon in der Verfassung wird „Gottes Schutz“ angerufen9 und der Artikel 59 garantiert die Religionsfreiheit in Bekenntnis und Praxis. Auch kann nur Offizier werden, wer kirchlich verheiratet ist.10

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Gottesdienst
In der Bevölkerung ist der Glaube fest verankert. Die Tatsache, dass man AtheistIn ist, hat viele geschockt und war in der Regel nicht verständlich. Nach einer kommunistischen Schulung zum dialektischen Materialismus wurden einige MitschülerInnen gefragt (zum Teil auch kommunistisch organisiert), ob sie eigentlich an Gott glauben würden. Sie meinten ja, stimmten aber auch darin überein, dass dies eigentlich widersprüchlich sei.
Die Religiösität wirkte aber auch oft als Lippenbekenntnis bzw. ist nicht so stark mit der Kirche verbunden. Viele Gläubige distanzierten sich von der Politik der Kirche. Auffallend war zum Beispiel, dass halb Venezuela über die Osterfeiertage an die Küste fuhr. Die sogenannte Heilige Woche (Semana Santa) war aber alles andere als heilig. Nichtsdestotrotz kann man beobachten, dass sich viele Venezuelanerinnen und Venezuelaner beim Vorbeifahren oder –gehen von Gotteshäusern bekreuzigen.

Die Kirche hat in der Geschichte des bolivarischen Prozesses keine rühmliche Rolle gespielt. Sie hat sich immer offen auf die Seite der Opposition gestellt. Auch während der Entführung Hugo Chávez Frias während des Militärputsches im April 2002 reiste ein Krichenvertreter zu Chávez, um diesen zur „Verhinderung eines Blutbades“ zum Abdanken zu „überreden“.

Auch bei der neuerlichen Maßnahme, die Kirchenzuschüsse um drastisch zu kürzen, sprangen die Kirchenoberen auf die Barrikaden. Nach diesen Attacken versucht die bolivarische Regierung heute aber, das Verhältnis zur Kirche zumindest zu neutralisieren. In dem Fernsehprogram „Aló Presidente“ treten auch Bischöfe auf, die eingeladen wurden. Auch religiöse Feierlichkeiten werden im Rahmen des Fernsehprogramms abgehalten.

Das Verhältnis zur Kirche ist aber nur verdeckt freundlich. Es wissen wohl alle im Land, dass die Freundschaft eher zwanghafter Natur ist.

Beim Fest zu Ehren der Stadtpatronin Barquisimetos am 14. Januar 2006 nutzte der Kardinal Rosalio Castillo Lara die Ansprache, um politisch gegen die Regierung zu hetzten. Der Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Venezuelas, PCV, Bundesstaat Lara, José Inocencio Galíndez verfasste ein Flugblatt, indem er schrieb:
„...permanente Warnung: Ohne Zweifel auch schon vor den Provokationen und terroristischen Akten des Castillo Lara und anderen Teilen der Opposition müssen alle Fortschrittlichen und Revolutionäre gewarnt und wachsam sein vor den Aktionen der venezuelanischen Opposition und ihren ausländischen Freunden, dem CIA und dem State Department, die einzig und allein das Ziel verfolgen, die Gewaltspirale zu fördern und das Land, den bolivarianischen Prozess unter der Führung des Präsidenten Chávez zu destabilisieren“.11

Zum Recht auf medizinische Versorgung

Das Recht auf medizinische Versorgung ist in der neuen venezolanischen Verfassung festgeschrieben. So heißt es in Artikel 83:
Die Gesundheit stellt ein soziales Grundrecht und eine Verpflichtung des Staates dar, der dieses als Teil des Rechtes auf Leben gewährleistet. Der Staat fördert und entwickelt politische Maßnahmen, um die Lebensqualität, das allgemeine Wohlergehen und den Zugang zu entsprechenden Dienstleistungen zu verbessern.

Und in Artikel 84:
Um das Recht auf Gesundheit zu garantieren, schafft der Staat ein öffentliches nationales Gesundheitssystem und betreibt dieses unter staatlicher Leistung. Es hat bereichsübergreifenden, dezentralisierten und partizipativen Charakter und ist integriert in das System der sozialen Sicherheit.“

Und in Artikel 85:
Es ist Pflicht des Staates, das nationale öffentliche Gesundheitssystem zu finanzieren.“

In Umsetzung dieser Verfassungsgrundsätze wurde die Mission Barrio Adentro gegründet. Barrio Adentro heißt soviel wie „Hinein ins (Armen)Viertel“. Es ist ein Programm der venezolanischen Regierung, das eine medizinische Grundversorgung aller Menschen – zunächst vor allem in den Barrios (Armenvierteln) gewährleisten soll.

Die unterste Ebene bilden knapp 15.000 Ärzte, die in den Armenvierteln in sogenannten Gesundheitsstationen eine medizinische Grundversorgung bieten. Kompliziertere Fälle werden von den Stadtteilärzten an die neuen Volkskliniken überwiesen, noch aufwendigere Behandlungen an die Polikliniken. Auch die Nachbehandlung wird wieder in den Armenvierteln übernommen.

Im Bundesstaat Lara wurden verschiedene Gesundheitsstationen besucht. Sie sind erkennbar durch die gleiche Bauart und gleiche okkerfarbene Wandfarbe der Gebäude.

Die Untersuchungszentren, die die Grundversorgung gewährleisten, sind flächendeckend in Lara schon aufgebaut worden. So bestehen zum Beispiel im Viertel Simon Bolívar der Stadt Carora im Kreis Torres 24 Untersuchungszentren. Sie sind die Anlaufstelle in der Nachbarschaft und haben einen allgemeinen und einen zahnärztlichen Untersuchungsraum. An den Wänden sind viele selbstgemalte und –gebastelte Aufklärungstafeln.

Die Untersuchungszentren haben wochentags von 8-12 Uhr geöffnet und werden von 2-3 ÄrztInnen betreut. Jeden Tag werden ca. 40 PatientInnen behandelt.

In demselben Viertel Simon Bolivar sind zudem 5 diagnostische Zentren. Diese sind weit größer und für ganze Distrikte.

Das von der Regierung finanzierte Programm ist allerdings auf die Unterstützung durch die Gemeindezentren vor Ort angewiesen, die von den lokalen Behörden und Freiwilligen organisiert werden. Sie planen den Einsatz der Ärzte und bringen das neue Angebot der Bevölkerung nahe.

Um die Mission Barrio Adentro werden also Gesundheitskomitees gebildet. Mit 4 Angestellten des Koordinationszentrums der Stiftung Barrio Adentro in Barquisimeto, die für Organisation und Verwaltung der Mission im Bundesstaat Lara zuständig ist, wurden mehrere Tage viele Zentren und Krankenhäuser besucht. Es ging darum, die Zusammenarbeit der einzelnen Gesundheitskomitees zu verbessern bzw. zum Teil auch erst die Kontakte zu knüpfen. Wir fuhren also zu den Bürgermeistern der Kreisstädte und dort wurde – wenn möglich – die Instruktion weitergegeben, dass alle Mitglieder der Gesundheitskomitees sich in spezielle Computerlisten eintragen sollten. In den meisten Fällen erwies sich das als unmöglich, da im Rathaus selbst keine Information darüber bestand. Es zeigte sich aber auch in einem Fall, dass der Bürgermeister eigentlich kein nennenswertes Interesse an Hilfe hatte. In Diskussionen mit den VertreterInnen der Stiftung sagten sie ganz offen, dass es viele Menschen in Funktionen gäbe, die zwar nach außen hin den Prozess unterstützen würden, sich in der Praxis aber letztlich verweigern.

So sind wir also weiter zu den Krankenhäusern gefahren. Dort mußten die Angestellten in die Bearbeitung der Computerliste eingeführt werden. Zunächst war aus „deutscher Sicht“ unverständlich, dass man diese Datei nicht einfach per email verschickt und die Anweisung gibt, die Listen in die Gesundheitskomitees zu geben, anstelle tagelang durch das ganze Bundesland zu fahren, um jeden einzelnen Verantwortlichen ausfindig zu machen (denn die Namen der Verantwortlichen waren nicht bekannt, sondern mußten förmlich gesucht werden) und jedem einzelnen die Anwendung des Word-Dokuments zu erklären.

Es wurde aber einleuchtend erklärt, dass das Verfahren über email dazu führen würde, dass die Anfrage gar nicht oder nur sehr spät behandelt werden würde. Außerdem – und das ist der wichtigste Punkt – geht es bei dem bolivarischen Prozess nicht darum, neue Befehlsempfänger zu schaffen, sondern mit Überzeugung an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Die Mitarbeiter der Gesundheitskomitees arbeiten ehrenamtlich und zu einer Sitzung mit dem Komitee in Barquisimeto (ebenfalls, um die Liste auszufüllen) waren alle TeilnehmerInnen zum Teil mit Kind und Kegel erschienen.
Es geht also gerade nicht darum, Fortschritte übers Bein zu brechen, sondern um nachhaltige Entwicklungen, die Mitverantwortlichkeit schaffen.

Beim Projekt "Barrio Adentro" arbeiten vor allem kubanische ÄrztInnen, die sich bereit erklärt haben, für eine gewisse Zeit in den Armenvierteln zu leben und die Menschen zu behandeln.

Mit Stand vom 30. April 2005 gab es in Venezuela bereits 20.650 kubanische und 6.032 venezolanische Ärztinnen und Ärzte.12

Im Jahr 2004 kamen auf 250 Familien eine Ärztin oder ein Arzt bzw. auf 1200 EinwohnerInnen.13
Natürlich kann damit für ein 25 Millionen Land kein Ende des Aufbaus der Gesundheitsversorgung sein. Die Mission Barrio Adentro wurde jedoch im Jahr 2003 ins Leben gerufen, um die Gesundheit zum Gut aller und nicht nur der Privilegierten zu machen. Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass die Mission sich bislang auf die Armenviertel konzentriert und in allen Barrios, die wir besucht haben – sei es in Lara, in Caracas, in Sucre oder in Falcon – sind die okkerfarbenen Barrio Adentro Gebäude ein Blickfang.

Die Gesundheitsversorgung ist in Umsetzung der Verfassung kostenlos. Auch die Medikamente werden kostenlos ausgegeben. Selbst TouristInnen können kostenlos Medikamente und Spritzen erhalten. Damit ist die Gesundheit kein Luxusgut mehr, sondern ein Menschenrecht.

Nach wie vor gibt es natürlich viele private Ärzte und Krankenhäuser. Bei der Vorsorge im Auswärtigen Amt wurde auch explizit vor den staatlichen Gesundheitsstellen gewarnt, was in der Praxis in keiner Weise bestätigen werden kann.

Die venezolanische Opposition kritisiert an der Mission Barrio Adentro, dass nicht VenezuelanerInnen als Ärzte arbeiten, sondern KubanerInnen, denen dafür das Öl „geschenkt“ werde. Die Argumente der RevolutionärInnen ist, dass sich die venezolanischen Ärzte alter Zeit immer geweigert haben, die Menschen in den Armenvierteln zu versorgen – und vor allem für das Geld zu versorgen.

Mit Genehmigung des Bürgermeisters von Carora wurde die Erlaubnis erteilt, mit kubanischen ÄrztInnen zu sprechen und auch ihre Lebenssituation zu sehen (was eigentlich aufgrund kubanischer Anti-Spionage-Richtlinien verboten ist). Die KubanerInnen arbeiten und leben in den Armenvierteln. Sie wohnen zum Teil in Familien, die ihnen Unterkunft geben oder im Hinterraum des Untersuchungszentrums. Es wurde auch angefangen, an die Krankenhäuser oder diagnostischen Zentren angegliederte Wohnkomplexe zu bauen, aber ohne Zweifel entspricht die Lebenssituation nicht dem privilegierten Statut der Ärzteschaft in klassisch kapitalistischen Ländern. Sie sind Teil der Gemeinschaft und – was man mitbekommen hat – von den NachbarInnen sehr geachtet.

Ihre Verträge gehen immer auf 2 Jahre, dann kehren sie zu Frau und Familie in Cuba zurück.

Die Mission Barrio Adentro ist auf 10 Jahre angelegt. Bis dahin wird versucht, Venezuela mit eigenen, neuen Ärzten zu versorgen.

Zur Arbeit sozialer Organisationen

Die Grundlage einer jeden Gesellschaftsordnung ist die Bewegung von unten. Insofern war auch das vornehmliche Interesse nicht, die Regierungspolitik zu beobachten, sondern das politische Klima und Bewußtsein der Menschen wie Du und ich zu sehen.
Das politische Klima ist aufgrund der Polarisierung der Bevölkerung in Opposition und Revolutionäre sehr hoch.

Es gibt aber auch jede Menge politische und soziale Organisationen, die die Menschen mobilisieren.

Die sicherlich bedeutendsten von ihnen sind die sozialen Organisationen. Es wurde der Eindruck gewonnen, dass diese – auch wenn verbal unpolitisch – ganz und gar nicht positionslos sind. Insofern sind sie im Rahmen der politischen Organisierung der Venezuelanerinnen und Venezuelaner von überragender Bedeutung.

Soziale Missionen

Da sind einmal die sozialen Missionen zu nennen. Man darf sich die Missionen nicht einfach als Arztpraxen oder Schulklassen vorstellen. Es sind Bindeglieder der Organisierung. Es ist nicht einfach nur Bildung und medizinische Versorgung für Arme, sondern ein ganz neues System der gesellschaftlichen Struktur, die grundsätzlich auf Partizipation ihrer NutzerInnen und TeilnehmerInnen setzt.

Wie im Rahmen der Mision Barrio Adentro beschrieben, werden um die diagnostischen und Untersuchungszentren Gesundheitskomitees gebildet, die die Nachbarschaft bzgl. der Gesundheitsbelange auf freiwilliger und ehrenamtlicher Grundlage organisiert.

Auch die Bildungsmissionen sind nicht nur Schulunterricht. Einmal werden die Grundsätze des bolivarischen Prozesses vermittelt und diskutiert. Und es ist auch der Ort weitergehender Zusammenarbeit. In der Stadt Barquisimeto zum Beispiel wurde die Kooperative San Isidro 133 RL besucht. Die Eigentümer der Bäckerei-Kooperative Raiza Azuaje (Präsidentin), Tomas Arrozo (Schatzmeister), Rosa Mendoza (unterstüztende Schatzmeisterin), Carmen Vasques, José Peraza und vierzehn weitere, wovon insgesamt 14 aktiv mitarbeiten, haben sich im Rahmen der Mission Ribas kennengelernt. In unterstützenden Verwaltungskursen haben sie Buchhaltung etc. gelernt und sich dann schließlich selbständig gemacht.

StudentInnenorganisationen

An der nationalen experimentellen Universität Simón Rodríguez der Stadt Barquisimeto bestand Kontakt zu zwei StudentInnenorganisationen. Beide Gruppen verstanden sich als soziale Organisationen, aber auch diese waren politisch.

Das „movimiento por la Dignidad Estudiantil“ (Bewegung für studentische Würde) hat bei den letzten StudentInnenwahlen die Mehrheit bekommen und versteht sich als bolivarisch und revolutionär.

Als Aufgabe beschrieb der Mitbegründer der Organisation und Präsident des „Centro de Estudiantes“ (Studentenzentrum) von 2003-2005, Marco Gutierrez:
Unsere Bewegung wurde Ende 2003 gegründet, mit Abschluß des Kampfes für die Verteidigung der Universitätsstudenten, die durch das Studentenzentrum, das in den Händen der Rechten war, vielen Ungerechtigkeiten politischer, akademischer und sozialer Natur ausgesetzt waren.
Wir schreiben uns die bolivarische Revolution auf unsere Fahnen, die für die wirkliche partizipative und protagonische Demokratie steht.
Im Moment bereiten wir uns auf die nächsten Wahlen des Studentenzentrums für die Periode 2006-2008 vor, die in einem Monat stattfinden. Wir haben Zuversicht und genießen Vertrauen von unseren Kommilitonen, das sich hoffentlich in den Wahlgängen widerspiegeln wird
.“ 14

Die AktivistInnen haben die Anfahrt und Durchführung des marcha nacional am 4. Februar organisiert und arbeiten auch mit vielfältigen Missionen zusammen, verstehen sich als Basisbewegung der Revolution mit sozialer Ausrichtung auf die Belange der StudentInnen.

Von dem Movimiento por la Dignidad Estudiantil hat sich vor 2 Jahren das studentische Kollektiv Simón Rodríguez abgespalten. Im Rahmen eines vermeintlichen Korruptionsfalls nahmen die politischen Auseinandersetzungen der beiden StudentInnengruppen sogar aggressive Ausmaße an (Plakate der widerstreitenden Gruppen wurden heruntergerissen, es wurde sich angeschrien), obwohl beide Gruppen von sich behaupten, selbst Revolutionäre zu sein.
Fakt ist auf jeden Fall, dass die sozialen Studentenorganisationen die Politik in die Universität tragen.

Bolivarianische Zirkel

Am 11. August 2001 entstanden die bolivarianischen Zirkel. Ihre Aufgabe ist es, die Tranformation der Gesellschaft in politischen Einheiten von 7-14 Personen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu diskutieren und voranzubringen. Sie sind mittlerweile über das ganze Land verteilt.

In Barquisimeto wurde ein bolivarianischer Zirkel besucht. Auf dem Treffen organisierten sie eine Protestveranstaltung wegen Verläumdungen von Seiten einer Oppositionellen im Viertel.

Zur Mission Kultur

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Ein weiterer politischer Massenhebel ist die Mission Kultur. Sie setzt sich nationale Identitätsstiftung zum Prinzip und fußt auf Artikel 99 der Verfassung, der besagt:

Die Kulturwerte stellen ein unverzichtbares Gut des venezolanischen Volkes und ein grundlegendes Rechtsgut dar, das der Staat fördert und garantiert, indem er dafür Sorge trägt, dass die erforderlichen Rahmenbedingungen, gesetzlichen Instrumente und Haushaltsmittel gewährleistet sind.“

Auch die Mission Kultur soll einen partizipativen Charakter tragen.15 Ziel der Mission ist die höhere Bildung, die sozialpolitische und sozialkommunale Entwicklung, die durch die Kultur entwickelt werden soll. Grundlage der Mission ist eine Vereinbarung mit der Universität Simón Rodríguez vom Oktober 2004 durch den nationalen Kulturrat (Conac).16

Die Mission Kultur unterstützt und initiiert viele kulturelle Projekte und Nachwuchsförderung. Ein Bereich ist die Entwicklung des Karnevals, die mehr traditionelle und nationale Musik fördern soll. Beim Karneval in Barquisimeto wurde davon aber nicht viel deutlich, aber im Gespräch mit den BesucherInnen dort wurde erzählt, dass der Karneval früher in Barquisimeto gar nicht stattfand und erst seit 6 Jahren besteht und heute weit kultureller sei als die letzten Jahre.

Beeindruckender waren sicherlich die Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der venezolanischen Flagge am 12.3.2006. Am Abend vorher fand in Mérida auf dem Plaza Bolivar ein Konzert statt, auf dem verschiedene venezolanische Gruppen auftraten.

Ein anderes Projekt unterstützt von der Mission Kultur waren die Feierlichkeiten zum Gedenken an den vor 21 Jahren verstorbenen revolutionären Sänger Ali Primera. In Barquisimeto fand am Vormittag eine von der Kommunistischen Partei Venezuelas initiierte Kundgebung auf dem Plaza Bolivar statt. Am Schluss wurde die Internationale gesungen. Anschließend fand eine Veranstaltung in einem kommunalen Gebäude statt, bei der Auszeichnungen für kulturelle und soziale Aktivität vergeben wurde.
Am Abend fand ein Konzert vor dem Museum Ali Primera statt, auf der viele meist junge Musikgruppen – selbstverständlich umsonst – auftraten.

In Caracas wurden Menschen der Mission Kultur getroffen, die derzeit ein Freiluftkino in den Armenvierteln aufbauen wollen, in denen anspruchsvolle und internationale wie nationale Filme gezeigt werden sollen.

In Coro, im Bundesstaat Falcon, ist das Kino auf der Straße – was selbstverständlich auch gratis ist – schon verwirklicht. Dort wurde z.B. ein Film über Leben und Wirken von Ali Primera gezeigt.

Die Mission Cultura wird nicht als Projekt von neuen Funktionären begriffen, die meinen, der Bevölkerung Kultur vermitteln zu müssen, sondern als Projekt der Vernetzung, in denen die KünstlerInnen, Akteure und OrganisatorInnen im künstlerischen Bereich zusammenarbeiten und mehr Möglichkeiten für die Umsetzung künstlerischer Projekte haben.

Weitere wichtige Aufgabe ist natürlich, Kultur allen Menschen zugänglich zu machen. So sind heute alle staatlichen Museen und Parks kostenlos zugänglich.

Zu den kommunalen Radios

Ein weiter wichtiger Bereich der Bewegung von unten sind die sogenannten kommunalen Radios. Solche Radiostationen wurden in Barquisimeto, Cabudare und Caracas (barrio 23 enero) besucht. Es sind nachbarschaftliche Projekte, bei denen sich Menschen eines Viertels zusammenschließen, um ehrenamtlich Kultur und Politik über einen Radiokanal ins Viertel zu bringen.
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kommunales Radio
Ein/e VertreterIn des RO war zum 8. März 2006 – zum Internationalen Frauenkampftag – bei radio CABUDARI zu einem Interview mit FrauenrechtlerInnen eingeladen. Ebenso wurde beim radio 23 in Caracas ein Interview über die Einschätzung des bolivarischen Prozesses gemacht und gesendet. Dabei wurde von den Radiosendern insgesamt einen sehr positiver Eindruck gewonnen.

Mit zum Teil sehr einfachen Mitteln werden Radiosendungen kollektiv vorbereitet und vorgetragen. Der Radiosender radio 23 in Caracas war bei dem ersten Besuch noch in einer Privatwohnung untergebracht. Beim 2. Besuch war ein kommunales Gebäude bzw. ein Raum einem solchen bereitgestellt worden. Ebenso war das radio CABUDARI im Wohnzimmer eines Radiomoderatoren untergebracht. Dieses hatte allerdings die Technikanlage von der Gemeinde gestellt bekommen. Bei den Radios arbeiten alle ehrenamtlich und die Programme sind vielfältig und offen. Das radio 23 legt zum Beispiel einen wichtigen Schwerpunkt auf die Übertragung von Salsa anstelle des zur Zeit sehr populären Reggaeton. Beim Radio CABUDARI war die Kindersendung sehr beeindruckend. Drei Kinder im Alter von 8-12 Jahren gestalten wöchentlich eine zweistündige Radiosendung alleine. Die 12jährige Maria arbeitet sogar täglich im radio CABUDARI, weil sie die Technikverantwortliche ist. Eine Aktivistin vom Radio erzählte, dass Maria zum Radio eine Stunde Fußweg auf sich nimmt, dabei durch einen Fluß waten und durch ein gefährliches Viertel gehen muss.

Die Radios bieten die Möglichkeit der praktischen Schulung zur Heranbildung kritischer und aktiver Geister in Venezuela.

Zum marcha nacional

Das Auswärtige Amt warnt: meiden sie politische Demonstrationen in Venezuela.
Kurz nach der Ankunft in Venezuela, fand in Caracas eine riesige Demonstration zum Anlaß der 7jährigen Präsidentschaft von Hugo Chávez Frías und den 1992 von Chávez mitinitiierten Umsturzversuch statt. Es war ein unglaubliches Erlebnis. Um 7 Uhr trafen wir uns mit FreundInnen aus Barquisimeto der Universität Simon Rodriguez etwas außerhalb von Caracas in Santa Fé. Dies war der Treffpunkt sämtlicher Fakultäten der Universität Simon Rodriguez. Über Stunden sammelten sich die StudentInnen der verschiedenen Universitäten der Simon Rodriguez. An alle wurden T-Shirt und Kopftuch mit dem Logo der Universität verteilt. Es wurde gesungen und getanzt, Parolen gerufen und sich allgemein eingestellt auf den nationalen Marsch.

Von der Universität Barquisimeto wurde ein Treffen einberufen. Uns wurde mitgeteilt, dass ein geschlossenes Auftreten gerade dieser Universität sehr wichtig sei, da die Vice-Präsidentin von der Opposition und gegen den revolutionären Präsidenten hetzen würde. Es wurden Flugblätter zu diesem Thema verteilt und auch auf der Demonstration wurden Flugblätter, die die Vice-Präsidentin unterstützten, von einer Brücke in unseren Zug geworfen.

Irgendwann zogen wir los und unser Zug (es war ein Sternmarsch) ging durch das Reichenviertel Altamira. Die Anfeindungen der BewohnerInnen waren zu spüren, wir waren aber so viele! „Chávez los tiene locos“, Chávez macht sie verrückt, war eines der Mottos, das immer wieder gerufen wurde.

Für „deutsche“ Demonstrations-Gewohnheiten glich der Marcha eher einer Parade als einer Demonstration, denn permanent war laute Musik, verkleidete Menschen auf Motorrädern, Stelzen oder zu Fuß und einfach nur Massen zu sehen. Die absolute Mehrzahl war in organisierten Zügen (wie unserer der Universität) auch sichtlich erkennbar. Am Abschlußplatz hielt Chávez eine Rede. Die Aufmerksamkeit zumindest der DemonstrantInnen war zumindest vorne groß und die Äußerungen Chávez wurden kommentiert.

Es war eine Aufbruchstimmung, die auf der ganzen Reise erlebt wurden. Das Gefühl der großen Mehrheit der Menschen, nun die Geschichte in den eigenen Händen zu halten. Das Gefühl, einen Präsidenten zu haben, der ihr Präsident ist, der in ihrer Sprache spricht und sich um ihre Belange kümmert.

Auf dem marcha nacional waren über vier Millionen DemonstrantInnen.

Zu Demonstrationen der Opposition

Die Demonstrationen der Opposition, die besucht wurden (es waren nur zwei), hatten einen anderen Charakter. Im Februar fand eine Kundgebung von ArbeiterInnen, die vor dem Palast Miraflores für bessere Arbeitsbedingungen demonstrierten, statt. Auf Nachfrage der Forderungen sagten die ersten beiden, die angesprochen wurden, da könne man nicht weiterhelfen, bis schließlich ein Demonstrant erläuterte, dass man mit der ökonomischen Situation im Land nicht zufrieden sei. Ein Teil der Demonstranten lag auf dem Boden in der Sonne und von außen betrachtet war keine kämpferische Stimmung, sondern eher Lethargie zu erkennen.

Weitaus heftiger waren die Demonstrationen im April, nachdem die 3 Brüder Faddoul und ihr Chauffeur, die wohl von einer islamischen Gruppe entführt worden waren, tot aufgefunden wurden. In der ganzen Stadt sammelten sich Menschen, die gegen Gewalt demonstrierten. Zu Beginn waren – nach eigener Einschätzung – aus der breiten Bevölkerung und aus allen politischen Lagern Menschen auf der Demonstration. Relativ willkürlich wurde zu einer Demonstration gegangen, um herauszubekommen, welchen Charakter sie habe. Dabei wurde von den Demonstranten in Altamira gesagt, man sei unpolitisch, weder mit noch gegen die Regierung, sondern einfach gegen die Kriminalität und Gewalt im Land.

Auf einer Demonstration, die von der zentralen Universität Caracas, UCV, ausging, wurde dann ein Fotograf erschossen. Sein letztes Foto war das des auf einem Motorrad wegfahrenden „Polizisten“. Später stellte sich heraus, dass der Mörder früher Polizist gewesen war, wegen Gewaltexzessen jedoch aus der Polizei geschmissen wurde.

Dieser Vorfall heizte die Stimmung noch an. Die Demonstrationen wurden – nach eigener Einschätzung - mehr und mehr von der Opposition zu ihren Zwecken instrumentalisiert. In der bürgerlichen Presse waren die Schlagzeilen voll mit Kriminalitätsstatistiken und der Regierung wurde vorgeworfen, für die Morde irgendwie mit verantwortlich zu sein.

Bei diesen Demonstrationen war ein weit gefährlicheres Klima, als bei dem marcha nacional. Es war von außen auch so schwierig, die politische Lage einzuschätzen, da die Menschen, die von der Opposition sind, auf Nachfrage meist behaupteten, sich entweder gar nicht für Politik zu interessieren oder zumindest nicht von der Opposition zu sein.

Fakt ist auf jeden Fall, dass man die Demonstrationen in Venezuela nicht mit denen in Deutschland vergleichen kann. Das hohe politische Klima hat natürlich auch seine Auswirkung auf die Abhaltung der Demonstrationen und insgesamt sind diese allgemein-gesellschaftliches Thema und es wird auch unter NichtdemonstrantInnen darüber diskutiert. Wiederholt wurde vor der Beteiligung an den Demonstrationen gewarnt.

Außerdem spielt die bürgerliche Presse eine sehr aktive Rolle bei der Politik, die auch Ausdruck in den Demonstrationen findet.

Zum Recht auf Ernährung: die Mercals

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Mercal
Als Konsequenz aus dem von der Opposition initiierten Boykott 2002/03 wurde das Programm Mercal ins Leben gerufen. Eine Frau in Choroni erzählte nach wie vor betroffen von den Ernährungsengpässen in der Zeit des Streiks. Die Opposition wollte die Bevölkerung durch Hunger erpressen. Daraufhin wurde am 24. April die Mission Mercal ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, gesunde, billige Ernährung vor allem den notdürftigsten Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen.17

So sieht man heute überall im Land – vor allem aber in den Armenviertel – Mercal-Supermärkte bzw. Läden, die auch Mercal-Produkte anbieten (sogenannte Mercalitos, kleine Mercals). Mit den Mercals werden auch die Kooperativen unterstützt, denn der Staat kauft ihnen die Lebensmittel garantiert ab.

Mit Stand vom Dezember 2004 verkauften die Mercals täglich 4.000 Tonnen Lebensmittel in mehr als 11.000 Verkaufsorten. Die Preise der Lebensmittel liegen im Durchschnitt 23% unter den ortsüblichen Preisen und 40% unter denen in Supermärkten. 10 Millionen Venezuelanerinnen und Venezuelaner kaufen bei den Mercals ein.18

Die Opposition mobilisiert gegen die Mercals. Oft wurde aus diesen Kreisen geäußert, dass die Lebensmittel der Mercals schlecht sein. Auf Nachfrage stellte sich jedoch meist heraus, dass die betreffenden Personen nie in einem Mercal gewesen waren. In vielen Restaurants und Imbissen wurden Produkte der Mercals gesehen.
Auf fast jedem Mercal-Produkt ist ein Artikel der neuen venezolanischen Verfassung abgedruckt, um die Grundsätze der bolivarischen Gesellschaftsordnung populär zu machen.

Jede/r kann in einem Mercal einkaufen. In einem Mercal – Supermarkt in Barquisimeto sah man jeden Morgen schon Schlangen stehen. Gegen Mittag war meist kein Fleisch mehr zu haben. Die Organisation der Mercals erschien strikt. Brav wurde sich vor dem Mercal angestellt und nur reglementiert konnte der Laden betreten werden. Es gab eine extra Schlange für alte und kranke Menschen, die bevorzugt hereingelassen wurden. Der Supermarkt hat ein breites Angebot, auch wenn die Konzeption der Mercals sagt, es geht um die Grundversorgung. Es gibt Schampoo, Seife, Creme etc., Obst, Gemüse, Fleisch, Käse, Milch, Kekse und vieles mehr. Artikel wie Alkohol und Zigaretten (die man auch sonst nicht in Supermärkten bekommt), werden natürlich auch nicht in den Mercals verkauft.

Die meisten Straßenverkäufer und Imbisse/Restaurants kaufen auch in den Mercals ein. Eine Beschränkung der Einkaufsgüter gibt es nicht. Beim Verlassen der großen Mercal-Supermärkte werden die Taschen kontrolliert.

Im Jahr 2005 wurden bereits 60% der Bevölkerung über die Mercals versorgt.19


Anmerkungen:
1
vgl. http://www.me.gov.ve/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=163
2 vgl. Las misiones bolivarianas, Colección Temas de Hoy, Ministerio de Comunicación e Información, Januar 2006, S. 24
3 vgl. http://www.mci.gob.ve/misionescopia.asp?id=1
4 vgl. http://www.mci.gob.ve/misionescopia.asp?id=2
5 vgl. Ingo Niebel, Venezuela not for sale, Kai Homilius Verlag, 2006, S. 130
6 vgl. http://www.mci.gob.ve/misionescopia.asp?id=3
7 Verfassung der bolivarischen Republik Venezuela vom 24. März 2000
8 ebd.
9 ebd
10 vgl. Ingo Niebel, Venezuela not for sale, Kai Homilius Verlag, 2006, S. 259
11 (Übersetzung RO)
12 vgl. http://www.minci.gov.ve/imagnot/Informacisn%20estadmstica.pdf
13 vgl. http://www.barrioadentro.gov.ve/
14 (Interview mit Marco Gutierrez vom 11. Mai 2006)
15 vgl. http://www.misioncultura.gob.ve/fmc.php?id=1
16 vgl. http://www.gobiernoenlinea.ve/miscelaneas/misiones.html#cultura
17 vgl. http://es.wikipedia.org/wiki/Misi%C3%B3n_Mercal
18 vgl. http://www.misionvenezuela.gov.ve/05Mercal/05Redmercal.htm
19 vgl. http://www.misionvenezuela.gov.ve/05Mercal/05Reportaje.htm


Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Organisation "Roter Oktober".


Dieser politische Reisebericht über Venezuela erscheint in acht Teilen im viertägigen Rythmus. Teil VI wird am 21.11.2006 auf www.secarts.org veröffentlicht.


 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
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 M Kommentar zum Artikel von Maja:
Dienstag, 21.11.2006 - 13:54

Die Rolle der katholischen Kirche ist sicherlich eines der "Problemkinder" des bolivarischen Prozesses, wie auch Fürnthratt-Kloep in seiner Neuveröffentlichung "Venezuela-Der Weg einer Revolution" beschreibt. Danach genießt die katholische Kirche bei 79% der Bevölkerung großes Vertrauen. Fürntratt-Kloep spricht Chávez selbst Religiösität zu, wobei mein Eindruck eher ist, dass das ein Zugeständnis an den Bewußtseinsstand der Bevölkerung ist. Ich teile die Ansicht des Vorkommentators, der auf die Befreiungstheologie in Lateinamerika verweist, und auf diese Kräfte versucht sich Chávez auch zu beziehen, nachdem zweifelsohne die hohen Vertreter der katholischen Kirche in Venezuela auf Seiten der Opposition stehen. In der Bevölkerung wird nach meinem Eindruck aber auch der Unterschied zwischen den Oberen und der "Institution als solche" gemacht, eine tiefe Religionskritik bedarf sicherlich noch seiner Zeit.

Die Frage ist trotzdem, inwieweit revolutionäre Kräfte nicht die Pflicht hätten, diese Front stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Chávez selbst hat dies nach seinem Amtsantritt 1998 wohl auch stärker gemacht als heute, und dies zurückgefahren, nachdem er auch von der Basis diesbezüglich starke Kritik bekommen hat. Heute lädt er bei seinem sonntäglichen Fernsehprogramm Aló Presidente durchaus Kirchenvertreter ein (die aber nicht - zumindest nicht offen - auf der Seite der Opposition steht) und feiert mit ihnen religiöse Feste


  Kommentar zum Artikel von klemens:
Dienstag, 21.11.2006 - 08:56

Ich weiß nicht ob es diese gibt.
Aber ich weiß, dass die katholische Kirche in Ganz Lateinamerika einen sehr starken Einfluß hat. Wobei die Ausrichtung zwar prinzipiell natürlich eher Papsttreu ist - wobei es da auch deutliche Schattierungen gibt.
Insbes. in den 60ern u. 70ern waren viele vor allem einfache Pfarrer nicht gewillt sich jedem Blödsinn aus Rom zu beugen und standen oftmals den Herrschenden gegenüber und machten sich dementsprechend unbeliebt bei Staat und Papst. Es gibt heutzutage ganz unterschiedliche Richtungen der Kirche in Lateinamerika - von Nationalistisch-Herrschaftsverbunden bis zu den Befreiungstheologen.

Die Kirche frontal anzugreifen halte ich deshalb für keine gute Idee, wenn die Leute gebildet genug sind geht ihr Einfluß mit der Zeit fast von selber zurück. Bzw. es werden die fortschrittlicheren Kräfte (z..b. Bischof Erwin Kräutler) gestärkt.

Im übrigen sei noch erwähnt hat auch - wie überall zu hören war - auch die katholische Kirche Kubas offen dazu aufgerufen für die Gesundheit Fidel Castros zu beten, und eine mögliche Invasion aufs scharf zurückgewiesen.

Ich denke das sind einfach bis zu einem gewissen Grad andere Verhältnisse dort als hier bei uns in W-Europa.


 J Kommentar zum Artikel von Jaimee:
Montag, 20.11.2006 - 14:36

...außerordentlich spannend, was sich da so tut! Insb. breite Bildungskampagnen haben Revolutionen und sozialen Entwickjlungen immer ihre Stabilität gegeben (Beispiel Cuba).
Etwas bedenklich finde ich aber die starke (und offenbar auch geduldete) Stelle des katholischen Klerus, der sich mehr als genügend als trojanisches Pferd erwiesen hat, wenn es für die Bourgeoisie brenzlig wurde.
Gibt es irgendwelche antiklerikalen Aufklärungskampagnen, oder atheistische Propaganda?