DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
Diesen Artikel Deinen Freunden per Mail empfehlen
Artikel:   versendendruckenkommentieren (20)

Ein Blog, der Texte Donald Trumps verbreitet, den Unfalltod des österreichischen Rechtspolitikers Jörg Haider für ein Mossad-Attentat und die Mordserie des »NSU« für ein Komplott unter »Beteiligung von Geheimdiensten der Siegermächte« hält, möchte einem »alternativen Journalisten« einen selbstgestifteten Medienpreis überreichen. Ist das eine Meldung wert? Für die Fans des so Ausgezeichneten vielleicht, ansonsten wohl eher nicht. Die Verleihung eines »Kölner Karlspreises« an den ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen, die der Blog mit dem anmaßenden Namen Neue Rheinische Zeitung (NRhZ) am Donnerstag in Berlin vornehmen will, wird erst zum Politikum gemacht. Denn nachdem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) in einem Akt der Anmaßung auf Facebook gegen die Veranstaltung, die im städtisch geförderten »Kino Babylon« stattfinden soll, protestiert hatte, ist aus der Berliner Lokalposse ein handfester Streit innerhalb der Partei Die Linke geworden. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke beklagt »Zensur« und ruft nach Kündigung der Kinoräume für NRhZ (die mittlerweile nach einer einstweiligen Verfügung wieder aufgehoben worden sein soll) zu einer Protestkundgebung auf. Diese soll am heutigen 14. Dezember vor dem »Kino Babylon«, aber auch vor dem benachbarten Sitz der Linkspartei, dem Karl-Liebknecht-Haus, stattfinden. Oskar Lafontaine meldete sich am 6. Dezember ebenfalls via Facebook zu Wort, um zu fragen: »Wen hat Ken Jebsen umgebracht?« Weshalb, fragt der ehemalige Parteivorsitzende, solidarisiert sich der Vorstand der Linken mehrheitlich mit Lederers Kritik an Jebsen, der doch offenkundig kein Schwerverbrecher oder dergleichen ist? »Das ist eine bedenkliche Entwicklung«, so Lafontaine.

Doch nicht nur Kritik an Jebsens Positionen bringt seine Anhänger auf den Plan. »Solidarität mit Ken Jebsen!« fordert der Publizist Andreas Wehr auf seiner Webseite. Der jungen Welt unterstellt er in diesem Zuge »beispielloses Versagen«, nicht etwa weil sie die Raumkündigung gegen NRhZ und Jebsen für gut befunden hätte, sondern weil sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts über die etwas provinzielle Berliner Geschichte veröffentlicht hatte.

Das Vorgehen dieser Kräfte ist nicht neu, auch die junge Welt sieht sich seit Jahren Angriffen ausgesetzt, weil sie das Milieu, das 2014 als in sich widersprüchliche Bewegung aus politischen Selbstvermarktern, getarnten Rechten und verirrten Friedensfreunden entstanden war, im Auge behält: »Die junge Welt wurde (seit Beginn der sogenannten Montagsmahnwachen 2014, Anm. d. Red.) immer wieder Teil einer breiten Medienfront gegen den neu entstandenen Teil der Friedensbewegung – angeführt von Schlachtschiffen des US-Imperialismus wie Spiegel, Welt und Taz«, behauptete beispielsweise der Vorsitzende des »Deutschen Freidenker-Verbandes«, Klaus Hartmann, im Jahr 2015 auf KenFM. Der bereits zitierte Andreas Wehr weiß: »Die Kampagne gegen Jebsen ist Teil eines ideologischen Kampfes, des Kampfes um die Sprache.«

Von Politikern wie Wehr, immerhin – laut eigener Auskunft im Internet – früherer Leiter des Büros des damaligen Westberliner Bürgermeisters Walter Momper (SPD), ist anzunehmen, dass sie sich nicht unbesehen für jemanden verwenden, dessen Ansichten sie nicht kennen und teilen. Was für ein »ideologischer Kampf«, welcher »Kampf um die Sprache« wird von Jebsen und seinen Freunden geführt? Wofür steht das Medienprojekt KenFM, das Verbündete bis in den Funktionärsapparat der Linkspartei hinein findet?

Keine Unterschiede?

Im KenFM-Video »NachdenKEN über: ›Der 3. Weltkrieg‹«, in dem es um die Kriegsvorbereitungen von USA und NATO gegen Russland geht, gibt Jebsen (ab Minute 29:25) ein Beispiel für sein Verständnis vom »Kampf um die Sprache«: Es »gibt kein ›links‹ und kein ›rechts‹« (…) Die ganzen Kategorien ›rechts‹ und ›links‹ sind von den wenigen Besitzenden erfunden worden, damit man sich unten die Köpfe einschlägt (…), um uns hineinzutreiben in den Weltkrieg (…). Wir sitzen alle im selben Boot!«

Der Unterschied zwischen Faschisten und Antifaschisten ist demzufolge also ein rein konstruierter, um – wen – zu spalten? Die Bevölkerung eines besetzten Landes, Deutschlands. Denn auch die These vom »Vasallenstaat« BRD findet sich bei Jebsen. Noch 2013, bevor er seine öffentlichkeitswirksame Zusammenarbeit mit Jürgen Elsässer einstellte, trat Jebsen gemeinsam mit dem schon damals deutlich erkennbar rechtsgewendeten Blattmacher bei »Compact live« zum Thema »Big Brother USA hält Deutschland besetzt« auf. Im April 2014, immerhin ausdrücklich als Reaktion auf die ihm vielfältig entgegengebrachte Kritik, verkündete er dann: »Sie behaupten, ich würde für Compact schreiben. Falsch. Ich schreibe für KenFM. Nur, Compact übernimmt den ein oder anderen Text. Unverändert. Exakt derselbe Beitrag erscheint dann aber auch beim Kritischen Netzwerk oder der NRhZ. Fällt Ihnen auf, dass es sich hier um ziemlich linke Medien handelt, während Compact eher im konservativen Raum zu verorten ist? Mir geht es um Reichweite. Ich will, dass beide ›Lager‹ (Linke und Rechte, Anm. d. Red.) erkennen, dass sie extreme Schnittmengen haben. Um miteinander zu arbeiten, nicht gegeneinander, und diese überschüssige Energie positiv nutzen können« (im Ken-FM-Video »Klarstellungen zu den Friedensmahnwachen«). Ins selbe Horn stieß im gleichen Monat bei einer Berliner »Montagsmahnwache« auch Elsässer, der ebenfalls die Kategorien rechts und links für überholt erklärte und zur Bildung einer »Querfront« aufrief. Elsässer selbst hat lange schon einen anderen Weg eingeschlagen und sich mit der offenen Rechten verbündet, doch objektiv ist Jebsens wiederholte Behauptung, es gebe keine Rechten und Linken mehr, genau das, was Elsässer damals vorschlug: Übertölpelung von Linken, um sie mit Rechten zusammenzuführen.

Mit Jebsens geschichtsvergessener Sicht der Dinge hat nicht nur die junge Welt Probleme. Auch im Freidenker-Verband, dessen Bundesvorsitzender sich seit Jahren für Jebsen engagiert, stößt diese bedingungslose Unterstützung auf Widerspruch: »Ein Abweichen von der Linie: ›Der Hauptfeind steht im eigenen Land – und das ist der deutsche Imperialismus‹, die Sichtweise, dass es hauptsächlich gegen das ›Imperium‹ (den US-Imperialismus) gehen müsse, zieht Folgen nach sich, wer als Bündnispartner, gar als ›Antiimperialist‹ betrachtet wird«, schrieb Volker Veeser am 3. Dezember in seiner Rücktrittserklärung als Vorstandsmitglied der nordrhein-westfälischen »Freidenker«. Und er schlussfolgert: »Die Zusammenarbeit von ›Freidenker‹-Funktionären und Gliederungen der ›Freidenker‹ mit Ken Jebsen und der Musikgruppe ›Die Bandbreite‹ ist nicht neu. Kritische Stimmen haben diese Zusammenarbeit nicht gelockert oder beendet, sondern das Gegenteil ist der Fall. Das gipfelt nun in dieser Preisverleihung. Mir reicht es jetzt!«

Häufig ist von seiten seiner Verteidiger zu hören, die Vorwürfe gegen Jebsen seien »erfunden«, »erlogen« oder »konstruiert«. Das Internet, Jebsens Medium, ist schnellebig. In seinem Austrittsschreiben hat Veeser indes dort getätigte Äußerungen des KenFM-Betreibers umfangreich aufgelistet. Sie sollen nach seinem Dafürhalten verdeutlichen, warum sich für Aufklärer und Antifaschisten, Verteidiger der Vernunft und Kämpfer für die Wahrheit eine Zusammenarbeit mit einem solchen Manne verbietet. Diese Hinweise wollen wir an dieser Stelle, redaktionell ergänzt, verfügbar machen.

One-Man-Show

Das von Ken Jebsen betriebene Medienportal KenFM bezeichnet sich in seiner Eigendarstellung (»Über KenFM«) als »medialer Mülltrenner«. Auf der Seite schreiben unterschiedliche Autoren in vielfältigen Formaten. Einzelne Artikel vertreten gelegentlich linke, andere rechte Standpunkte. So wird einerseits über die Oktoberrevolution, die sich unlängst jährte, geraunt, es habe sich um eine von fremden Geheimdiensten eingefädelte »gewaltsame Machtergreifung einer Minderheit« gehandelt, deren Ziel ein »immer ausschweifenderes Luxusleben« einer »machthabenden Funktionärskaste« gewesen sei (»Tagesdosis 4.11.2017: Die Russische Revolution 1917«). Wenige Tage später erscheint ein gegenteiliger Kommentar, der auf den sozialen Charakter der Revolution verweist (»Tagesdosis 6.11.2017: Revolution und Konterrevolution«). Dieser objektivistische Standpunkt, den sich KenFM zu eigen macht, unterscheidet sich zunächst nicht grundsätzlich vom Herangehen etablierter bürgerlicher Medien. Doch für KenFM spricht vor allem eine Person, nämlich Gründer und Betreiber Jebsen selbst. Sein Konterfei in Großaufnahme ist auf der Startseite des Portals gleich vielfach zu sehen, sein Vorname taucht in vielfacher Variation auf. Sein Prinzip des »Mülltrenners« erklärt Jebsen so: »Die Schuldigen sind die Medien (…), schaut diesen Müll nicht noch. Das müsst ihr auch gar nicht. Ich schau’ diesen Müll und verarbeite das in ›Me, myself and Medien‹ (eine Internetsendung Jebsens, Anm. d. Red.). Das reicht, mehr müsst ihr gar nicht gucken.« (Auftritt auf der Berliner »Montagsmahnwache« am 16.3.2015).

Dieser überhebliche Gestus eines Gurus, der seinem Publikum vom Gebrauch des eigenen Kopfes ausdrücklich abrät und es statt dessen anhält, die Welt nur noch durch die eigene Brille gefiltert wahrzunehmen, durchzieht die ganze Webseite. Durch die Omnipräsenz des Gründers, Machers und Namensgebers müssen Jebsens eigene Äußerungen auf KenFM als programmatisch verstanden werden. Was also »ist dran am ›Phänomen Ken Jebsen‹?« (so eine rhetorische Frage Jebsens an sich selbst).

Der Medienmacher gefällt sich in der Rolle des Provokateurs – gegen die etablierte bürgerliche Konkurrenz, gegen Linke und den Parlamentarismus. Auf der bereits erwähnten »Mahnwache« im März 2015 erklärte er die »sogenannte linke Presse« zum »Feind in diesem Land«. Es scheint also doch Linke zu geben – zumindest wenn Jebsen mit ihren Meinungen nicht einverstanden ist. Kritik an Rechten steht hingegen nie auf seinem Sendeplan – auch nicht, wenn er sie als Studiogäste zum Interview begrüßt. Der Autor des rechtsesoterischen Kopp-Verlags Gerhard Wisnewski konnte etwa im März 2017 auf KenFM behaupten, die »Flüchtlingskrise« sei im Interesse der »Desorganisation Deutschlands« bewusst herbeigeführt worden, mit »massenhaft Migrantenkindern«, die nicht »lernbereit« seien. Widerspricht Jebsen, hakt er kritisch nach? Fehlanzeige.

»Mein Vorbild ist die Natur«, so der »Friedensfreund« im Mai 2014 vor dem Brandenburger Tor: »Im Wald gibt es keinen Krieg, der Wald produziert keinen Müll! Stellt euch mal vor, Zugvögel, die schaffen es jedes Jahr nach Afrika! Wenn die das demokratisch organisieren würden, kämen sie nur bis Sylt!« – »Nein«, schlussfolgerte Jebsen vor der »Montagsmahnwache für den Frieden«: »Die fliegen bis Afrika, ohne lange herumzudiskutieren, und die halten sich an ein Gesetz, ein natürliches Gesetz! Ohne Demokratie! Die Natur ist schlau genug!« (auf der »Mahnwache« in Berlin am 5.5.2014)

Im November 2015 trat Jebsen als Redner bei »Wir sind Deutschland – nur gemeinsam sind wir stark« im vogtländischen Plauen auf. Vor dieser im Dunstkreis der Pegida-Aufmärsche entstandenen lokalen Protestinitiative (mit der ehemaligen Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel als prominenter Teilnehmerin) ging er auf mutmaßlich islamistische Terroranschläge ein und forderte zwar einerseits, die »Würde des Menschen zu achten«, und kritisierte Waffenexporte sowie die NATO, sprach aber andererseits seinen Zuhörern aus der Seele, als er eine einfache Lösung für das die Teilnehmer bewegende Flüchtlingsthema anbot: »Wir sollten (der NATO-Airbase, Anm. d. Red.) in Ramstein den Hahn zudrehen! Wir sollten alle Flüchtlinge, die hierherkommen, nach Ramstein bringen! Das sollten wir machen! Da ist Platz, da ist Infrastruktur, da gibt es Krankenhäuser!« (Rede von Ken Jebsen in Plauen, 8.11.2015)

Anderen geht dieser Vorschlag sicher nicht weit genug. Es ist schließlich keineswegs so, dass es »vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Flüchtlingskrise« (Andreas Wehr) einen tatsächlichen humanistischen und antirassistischen Konsens zur Flüchtlingsfrage in der Linken, Partei wie Bewegung, gäbe. So irritieren grenzwertige Aussagen wie die von Jebsen oder seinen Freunden keineswegs alle, die ein linkes Parteibuch haben. »Zum modernen Nationalstaat gehört das Recht der in ihm lebenden Bevölkerung, darüber zu entscheiden, wer in ihn einwandern darf«, interpretiert Andreas Wehr das deutsche Grundgesetz (im Dezember 2015 im Newsletter seines »Marx-Engels-Zentrums«) – und stellt sich gegen dessen Inhalt, denn einen plebiszitären Entscheid zum Asylrecht sieht die Verfassung nicht vor. Doch Wehr ist ernsthaft besorgt: »Kein Volk der Erde wird auf Dauer eine ungesteuerte Zuwanderung hinnehmen, wie es gegenwärtig in Deutschland der Fall ist.«

Laut Jebsen werden Flüchtlinge aus »Rache« gegen vom Westen begonnene Kriege zu Terroristen, und die Regierung könne »uns, die Bevölkerung, nicht vor Terror schützen« - daher: »Es reicht! Wir müssen zum Kanzleramt! Egal, aus welcher Richtung ihr kommt. Der Friede ist nicht rechts, der Friede ist nicht links«. So variierte er im Juli 2016 sein politisches Mantra in einem Aufruf zu einer Demonstration (»nachdenKEN«, 27.7.2016). »Ich wette, dass wir es schaffen, uns am 1. Oktober vor dem Kanzleramt aufzubauen, und zwar mit 25.000 Leuten oder mehr, und sagen: ›Wir haben es einfach satt!‹« Denn: »Der Ausnahmezustand im wiedervereinigten Deutschland ist nur noch eine Autobombe entfernt.«

Antiamerikaner pro Trump

Zwar ist es Jebsen nicht gelungen, 25.000 Menschen zusammenzubringen (am 1.10.2016 demonstrierten rund 1.500 Personen vor dem Berliner Kanzleramt, neben Jebsens Anhängern zeitgleich noch eine zweite Gruppierung, die »Friedensfahrer Berlin-Moskau«). Doch anderswo war der vermeintliche Umsturz erfolgreicher: »Freunde, heute ist ein guter Tag«, frohlockte Jebsen am 14. November 2016 anlässlich der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in seiner Sendereihe »nachdenKEN«. »Als ich heute morgen das gehört habe, ich habe die halbe Nacht wach gelegen und sah, dass sich die Prognose so abzeichnete, wie ich mir das gewünscht habe, habe ich gedacht: ja! Endlich stehe ich mal hinter einem amerikanischen Präsidenten.« Nicht nur hierin ist er mit der NRhZ, die ihn nun auszeichnen möchte, einer Meinung. Dort firmiert Trump »als Hoffnungsschimmer für Amerika und die Welt«.

Auch die Verfasser eines Jubelartikels auf den damals frisch gewählten US-Präsidenten (er »wird die Welt positiv verändern«), den KenFM kurz nach der Wahl in Zweitverwertung veröffentlichte, wusste schon damals genau, was der Machtwechsel in Washington bringen wird: »Deshalb wird Trump in seinem zukünftigen politischen Leben reifen. Politik und Verwaltung Amerikas werden stabil weiterlaufen. Veränderungen und Erneuerungen werden kommen, und das ohne Chaos.« Der Text stammt aus der Redaktion der Epoch Times (KenFM, 13.11.2016: »Trumps Sieg eröffnet der Welt eine neue Ära«). Die Epoch Times, früher Die Neue Epoche, ist ein auf deutsch und chinesisch erscheinendes Organ aus dem Umfeld der in China verbotenen Psychosekte »Falun Gong«. Das Blatt hat allerdings vor wenigen Jahren eine ganz erstaunliche Kehrtwende vollzogen: Anfänglich vor allem der Hetze gegen die Volksrepublik China verpflichtet, bläst das zumindest früher in hoher Auflage gedruckte Medium seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise auch unverhohlen ins Horn von Pegida und AfD – und von KenFM. Als »bahnbrechende Rede gegen Angst und Hysterie« feierte die Epoch Times beispielsweise am 9. November 2015 Jebsens bereits zitierten Auftritt vor »Wir sind Deutschland« in Plauen: »Selten war eine seiner Reden so geeignet, seinen politischen Standpunkt klarzustellen, wie diese Rede über seine und unser aller Wahrhaftigkeit.« Eine ausgesprochen merkwürdige Allianz, zumal bis heute wenig über die organisatorischen und finanziellen Hintergründe der Epoch Times und des illustren deutsch-chinesischen »Dissidentenmilieus« in der BRD bekannt ist.

Der Freude über die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten liegt eine spezifische und bemerkenswert banale Annahme über die Art und Weise zugrunde, wie die US-Gesellschaft angeblich funktioniert. Demgemäß hätten in den Vereinigten Staaten bisher Hintermänner mit sinistren Absichten die Strippen gezogen. In einem Audioclip vom Frühjahr 2012 lässt sich nachhören, welche Hintermänner das sein sollen. Nun wird der Vorwurf, dass Jebsen ein Antisemit ist, von seinen Verteidigern brüsk zurückgewiesen. Dies sei wie so oft das übliche Pauschalurteil, um Kritiker mundtot zu machen, sei Rufmord. Doch der Inhalt dieses knapp einstündigen Audioclips mit dem Titel »Zionistischer Rassismus« lässt von Anfang bis Ende eine antisemitische Webart erkennen: von der Unterstellung, Juden kontrollierten in den USA vermöge ihres Reichtums Politik und Medien, über die Gleichsetzung von Zionismus und Nazismus bis hin zur Relativierung des Holocaust. Die folgenden Zitate sind dem genannten Clip entnommen.

Juden gleich Zionisten?

Die »Drahtzieher« der imperialen Politik der USA sind gemäß Jebsens Auffassung »radikale Zionisten«, Menschen mit »jüdischen Roots«, »deren Hobby Israel ist«. »Sämtliche Machtzentren der USA«, die »führenden Massenmedien« und »das Propagandamedium Film, sprich Hollywood«, würden von der »proisraelischen Lobby« kontrolliert bzw. »von bekennenden Zionisten geführt«. Deren »Macht basiert auf der zur Perfektion geführten Disziplin der Manipulation der öffentlichen Meinung. Dazu benötigt man in unserem Wirtschaftssystem vor allem – Geld, viel Geld, wahnsinnig viel Geld. Zwei bis drei Prozent der Amerikaner haben jüdische Roots, zum Vergleich: 25 Prozent haben deutsche.« Die Beweisführung: »Im Gegensatz zur deutschen Community stellen die zwei bis drei Prozent der US-Amerikaner mit jüdischen Roots aber 25 bis 30 Prozent der reichsten Familien des Landes. (…) Dieses Geld wird überall eingesetzt, um eigene Interessen durchzusetzen. (…) Man könnte meinen, diese Interessen wären vor allem auch US-Interessen, aber das wirkt nur von außen so. Die Israel-Lobby in den USA (…) (teilt) als größten gemeinsamen Nenner vor allem die Idee, ›Israel zuerst!‹« (ab Minute 9:00)

Jebsen scheint besessen von dem Gedanken, »die Zionisten« begingen Greueltaten, die jene der Nazis noch überträfen. Minute 14:59: »Das gemeinsame Hobby dieser Zio-Cons ist die Schaffung eines israelischen Großreichs, konkret: ein Israel ohne Palästinenser. (…) Ins Altdeutsch übersetzt: Israel strebt in Palästina die Endlösung an, klassischer Genozid.« Minute 27:24: »Zionismus ist, in seiner ganzen Radikalität zu Ende gedacht, ziemlich identisch mit der Rassenideologie der Nationalsozialisten.« Die »Holocaustindustrie« der »proisraelischen Lobby« besitze »die Copyright-Rechte« am Begriff und erkläre »permanent, dass der Holocaust unique sei, einmalig, mit nichts zu vergleichen, ein absolutes Novum in der Geschichte der Menschheit, für immer und ewig, wie der Urknall. Dem wagt kaum einer zu widersprechen. Das einzige, was am Holocaust der Nazis einmalig ist, ist sein Datum« (ab Minute 31:00). Von dieser Feststellung ausgehend, gelangt Jebsen zu weiteren Befunden. Minute 33:00: »Doch ebenfalls, noch bevor Adolf Hitler mit seiner Endlösung angefangen hatte, kam es in der UdSSR zu einem Holocaust. 1933 ließen die Russen innerhalb eines Jahres sieben Millionen Ukrainer vorsätzlich verhungern (…). Auschwitz war also eine Wiederholung und rutscht damit in den Holocaust-Charts auf Platz zwei.« Und mit Blick auf den Landraub in Nordamerika und den Massenmord an den Native Americans, begangen von den weißen Siedlern, »rutscht« nach Jebsens apodiktischem Urteil »der Holocaust der Nazis in der Unterdisziplin Raub ebenfalls auf Platz zwei der größten Verbrechen der Menschheit« (Minute 36:00).

Vom Wirken der »Zionisten« steht, zu diesem Schluss gelangt der ehemalige Radiomoderator, Schlimmeres zu erwarten als das, was die Nazis getan haben: Wenn der Politik Israels nicht bald Einhalt geboten werde, heißt es abschließend, »wird es bald kein palästinensisches Volk in Palästina mehr geben. Was Adolf Hitler während der Schoah mit den Juden nicht gelungen ist, hätten radikale Zionisten mit den Palästinensern dann erreicht: die Endlösung« (Minute 56:03).

»Habe ich nicht vorgetragen«

Dieser gesteigerte Wahn war selbst treuesten Verbündeten unangenehm – zumindest im Hinblick auf eine weitere politische Verwendbarkeit Jebsens. In der Sendung »KenFM im Gespräch« vom Mai 2014 belehrt der frühere ATTAC-Aktivist Pedram Shahyar seinen Mitstreiter, dass Relativierungen und Nazivergleiche unstatthaft seien. Jebsen zeigt sich reuig: »Das war falsch, da sag’ ich sorry. Aber das war Absicht.« Anerkannt wird eine überzogene Emotionalität, zurückgenommen die Methode der »Kritik«, bedauert die verfehlte Wirkung, nicht aber der Inhalt und das, worauf dieser vorgelesene Text verweist: Auf ein geschlossen antisemitisches Weltbild. Shahyar genügte damals die inszenierte Entschuldigung. Und im Zweifel will Jebsen das alles auch gar nicht gesagt haben. Das Tondokument jedenfalls ist bei KenFM nicht mehr zu finden, und Journalisten von »Spiegel TV« beschied er im Dezember 2014, auf Passagen aus »Zionistischer Rassismus« angesprochen, mit den Worten: »Habe ich nicht vorgetragen«. Das ist eine bekannte Masche. Auch sein Bekenntnis zu Trump vom November 2016 wollte er eine Woche später so nicht gemeint haben: Da sei »sehr viel Sponteinität und schauspielerische theatralische Dynamik« gewesen.

Dies alles sollte man wissen, bevor man sich für Jebsen in die Bresche wirft – und man sollte annehmen, dass es diejenigen wissen, die es trotzdem für geboten halten, ihn zu verteidigen. Es gilt weniger, den Blick auf Jebsen zu richten, der als politischer Selbstvermarkter unterwegs ist und sich dementsprechend – als »kleiner Selbständiger« – zielgruppenopportunistisch verhält. Wichtiger ist die Frage, welche Richtung diejenigen Kräfte einschlagen wollen, die Jebsen vehement gegen jede Kritik verteidigen. Manche von ihnen haben sich schließlich früher in der politischen Linken verortet.

Ein einmaliger Ausrutscher waren die Vergleiche zwischen Nazis und Zionisten ohnehin nicht, wie sich etwa in dem Audioclip »Kai-ROH!« vom Januar 2014 nachhören lässt. Auch das liegt beinahe vier Jahre zurück, Läuterung wäre also nicht ausgeschlossen. Was aber ist davon zu halten, dass in der Rubrik »Ken FM am Set« ein Vortrag des in Israel geborenen und derzeit in England lebenden Jazzmusikers Gilad Atzmon unkommentiert gezeigt wird? Von dem stammen unter anderem solche Sätze: »Die Todesmärsche der Nazis waren eigentlich human«. Ein Auftritt Atzmons wird bei der Verleihung des von der NRhZ ausgelobten Preises für Ken Jebsen Teil des Kulturprogramms sein. Im und vor dem »Kino Babylon« kommt am Donnerstag somit zusammen, wer zusammengehört.


Verwendete Quellen:

Zitierte Äußerungen von Ken Jebsen

- »nachdenKEN über: ›Der 3. Weltkrieg‹«
- »Klarstellungen zu den Friedensmahnwachen«
- Auftritt auf der Berliner »Montagsmahnwache« am 16.3.2015 (»Ich habe keine Angst«)
- Auftritt auf der Berliner Montagsmahnwache am 5.5.2014
- Auftritt in Plauen am 8.11.2015
- »nachdenKEN über: Wer Wind sät…«, 27.7.2016
- »nachdenKEN über: Trump gewinnt die US-Wahl«, 14.11.2016
- »nachdenKEN über: Donald Trump und Antiamerikanismus«, 22.11.2016
- Von der KenFM-Seite entfernter Beitrag: »Zionistischer Rassismus«
- »KenFM im Gespräch mit: Pedram Shahyar (Attac)«
- »KenFM über: Kai-ROH!«
- Jebsen zu »Spiegel TV« im Dezember 2014

Zitate anderer im Text erwähnter Personen

- Andreas Wehr: »Solidarität mit Ken Jebsen!«
- »KenFM im Gespräch mit: Gerhard Wisnewski (›Verheimlicht, Vertuscht, Vergessen 2017‹)«
- KenFM am Set: Gilad Atzmon
- Gilad Atzmon über Todesmärsche



Aus der Tageszeitung junge Welt, 14.12.2017. Jetzt abonnieren!


 


• gehe zu Seite: 12
Kommentare anzeigen: absteigend   aufsteigend
• gehe zu Seite: 123