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In der KAZ 359 wurden die historischen und polit-ökonomischen Fragen der Diskussion „Industrie 4.0“ aufgezeigt2, wird neben der technischen Betrachtung auch auf den Stand und die Lage der Arbeiterklasse hierzulande eingegangen.


Was wäre nicht alles möglich, ja wenn nicht ...

Zunächst einmal sind viele Bilder, die mit der „Industrie 4.0“ kursieren, reizvoll und faszinierend, es sind teils wunderbare Bilder der Produktivkraftentwicklung. Marxisten bringt die Vorstellung der komplett vernetzten, selbsthandelnden, wartenden und verwaltenden Produktion ins Schwärmen. Eine zentral geplante Produktion in dezentralen Produktionsstätten, wo alles eigenständig produziert und sich selbst organisiert. Endlich könnte der Arbeiter schrittweise aus dem Produktionsprozess heraustreten und sich schöneren und wichtigen Dingen widmen. Was nicht alles möglich wäre, wenn … Aber träumen löst das Thema nicht. In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es Widersprüche, die dieser Entwicklung entgegenwirken werden und müssen. Wir sollten dabei niemals das Eigentum und das Ausbeutungsverhältnis der Lohnarbeit aus den Augen verlieren. Wir leben in der Epoche des verfaulenden, verwesenden Kapitalismus, der nichts anderes will, als sich selbst gegen die objektiven Interessen der Menschheit zu erhalten. Somit ist er gezwungen, immer neue Wege zu finden, das Proletariat und die werktätigen Schichten in die Ohnmacht und Lethargie zu drängen. Die wunderbare Vorstellung wandelt sich unter den Eigentumsverhältnissen zum nächsten Schlag gegen unsere Interessen.

Die im Moment stark propagierte „vierte industrielle Revolution“ soll einen qualitativen Sprung in der Produktion auslösen. Immer wieder wird betont, in Zukunft [sic] würden wir „vernetzt produzieren, konsumieren, arbeiten, kommunizieren und partizipieren – von der Produktion bis hin zur Energieversorgung werden digitale Lösungen über alle Branchen hinweg angewandt.4 Es geht also um die komplette Verknüpfung von Produktionsmitteln, Produzenten und Konsumenten; Verknüpfung von Verwaltung, Beschaffung, Produktion, Lagerlogistik und Transport mittels ständigem Datenaustausch. Informationen wie z.B. aktuelle Produktionsstadien, Waren- und Absatzmenge, notwendige Arbeitszeiten oder Einkaufspreise werden kommuniziert, um so vollautomatisiert agieren und reagieren zu können. Produkte „melden“ der sie produzierenden Maschine, in welchem Fertigungsschritt sie sich befinden, Maschinen „melden“ die Bedarfsmenge für den nächsten Vorgang ans Lager. „Das Lager“ liefert daraufhin oder bestellt die benötigten Teile. Der Mensch als einzige mehrwertschaffende Komponente spielt in diesen bunten Bildern nur eine untergeordnete Rolle. Entweder wird er als reiner Überwacher der Vorgänge dargestellt oder als ein verkümmertes, ferngesteuertes Anhängsel der Maschine, der mit Hilfe von „Datenbrillen“ seine Anweisungen über den nächsten Arbeitsschritt, die zu greifende Materialien oder die einzusetzenden Werkzeuge erhält; das Computerprogramm wird scheinbar sein neuer Chef. Dass die Arbeiter Anhängsel der Maschine sind, ist nicht neu, von belgischen Arbeitern beispielsweise ist berichtet, dass sie Fließbandarbeit „Kette“ bzw. „an die Kette legen“ nennen. Neu wird für einen Teil der Arbeiter, dass die Maschine bzw. das Programm des Arbeitsinstruments (wie die Datenbrille) in viel höherem Maße die Anweisungen gibt und damit die Ausbeuter als Profiteure des Systems der Lohnarbeit noch ein Stück schwieriger zu erkennen sind. Die Maschine übernimmt die Anweisungen, Direktoren und Meister überwachen.


Alles bunt und extra für mich gemacht

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Beispiel für einen industriell nutzbaren 3D-Drucker
Der 3D-Drucker als technische Neuerung ist ein zentrales Beispiel der künftigen, angeblich beliebig individuell einstellbaren Produktionsmaschine. Es geht um die sagenumwobene Losgröße 1: Produkte sind scheinbar nicht mehr Massenware, sondern individuell gestaltet, kein Teil gleicht dem Anderen, alle Wünsche werden digital von deinem Smartphone abgelesen. Während Abläufe, Verfahren und Arbeitsschritte weiter standardisiert werden, wird die Produktgestaltung differenzierter, angeblich den Wünschen des Verbrauchers angepasst6 eines PKW durchgegangen ist, bemerkt schnell, wie viele Möglichkeiten der Ausgestaltung eines Neuwagens schon seit vielen Jahren bestehen. Beim VW Passat beispielsweise werden derzeit allein 13 verschiedene Motorvarianten angeboten, kombiniert mit den diversen Ausstattungsmerkmalen (Interieur, Reifen und Felgen, Lackierung, Medien, Sicherheitsausstattungen usw.) ergibt sich eine Vielzahl von Varianten des im Kern identischen Fahrzeugs, von denen einige nach Aussagen des Herstellers vielleicht nur einmal jährlich vorkommen. Gibt es also die Losgröße 1 in der heutigen Produktion schon längst oder braucht man dafür 40 statt heutige 14 Farbvarianten zur Auswahl?

Maschinenbau bedeutet Herstellung von Produktionsmaschinen und ganzer Produktionsstrecken. Jede Produktionsmaschine muss dabei auf die jeweiligen Kundenanforderungen maßgefertigt werden. Maschinenbau ist schon immer mindestens nah der Losgröße 1. Briefsortiermaschinen können dabei keine Brote backen und ein Schweißroboter keine Medikamente herstellen. Kaum eine Produktionsanlage teilt sich vollständig die Anforderungen mit einer anderen. Wenn die „Industrie 4.0“ hier eine weitere Verzweigung und Individualisierung bewirkt, ist das also nicht revolutionär, sondern Teil der ständigen Veränderung und Entwicklung.


Pulver im Drucker

3D-Drucker stellen dabei tatsächlich im gewissen Umfang eine neue Produktionsweise dar, in der Produktionsverfahren stark vereinfacht werden können. Im 3D-Drucker werden Materialien in Form feiner Pulver (derzeit vor allem Kunststoffe, daneben auch Glas und Metalle) in dünnen Schichten7 übereinander aufgetragen. Die verbundenen, unterschiedlich großen Schichten ergeben die Form und Beschaffenheit des dreidimensionalen Produkts. Statt „Druck“ könnte man es auch als Pulver-Schichtverarbeitung oder Ähnliches bezeichnen.

Im Verhältnis zu herkömmlichen Spritz- und Gussproduktionsverfahren ist der 3D-Druck (noch) wesentlich langsamer und eben nicht massentauglich. Nützlich ist 3D-Druck beispielsweise bei der Entwicklung von Prototypen neuer Geräte, da die bisher erforderlichen Gussformen wegfallen, ein virtuell entwickelter Prototyp kann direkt „ausgedruckt“ und schnell variiert werden. Auch müssen bestimmte Ersatzteile nicht mehr bestellt und geliefert werden, ein Techniker „druckt“ das Teil vor Ort und baut es in einen defekten Kopierer, eine Waschmaschine oder in der Autowerkstatt ein. Auf einer Raumstation oder in entlegenen Gegenden können 3D-Drucker benötigte Teile liefern. 3D-Drucker kommen auch in der sogenannten additiven Produktion zum Einsatz. Auf die Grundform eines in Masse gefertigten Produkts wird direkt ein individueller Zusatz „gedruckt“. So entstehen neue Produktarten, beispielsweise können im 3D-Druck elektronische Schaltkreise direkt auf ein Gerätegehäuse gedruckt werden (diese beschränken sich derzeit allerdings noch auf Dinge wie Antennen). Vorläufer von 3D-Druckern in den letzten Jahrzehnten waren Verfahren von Stereolithografie oder Laser-Sintern. Alle diese erweiterten Möglichkeiten haben aber eben auch Grenzen, Metall ist schwieriger zu verarbeiten als Kunststoff, in bestimmten Verfahren benötigte Verarbeitungstemperaturen sind nicht erreichbar. 3 D-Drucker werden nicht die Massenproduktion ersetzen: „Das Verfahren ist eigentlich ein alter Hut: 3D-Druck. In der Industrie kommt es seit Jahren zum Einsatz. … durch den begrenzten Bauraum im Drucker [ist] die Anzahl der herzustellenden Bauteile begrenzt. Außerdem dauere der Prozess meist mehrere Stunden oder Tage. … Die Maschinen in der Größe eines Kleiderschranks können bis zu zwei Millionen Euro kosten. Dass künftig jede größere Autowerkstatt damit ausgestattet wird, ist deshalb erst einmal schwer vorstellbar.8


Super die Computer

Gehen wir weiter. Voraussetzung für die als Ziel dargestellte Vernetzung der Produktion ist schnelle Datenverarbeitung. Geschwindigkeit ist eine zwingende Notwendigkeit, damit Daten nicht nur ermittelt, sondern auch verwertet werden können. Tatsächlich gibt es in der Datenverarbeitung weitreichende Fortentwicklung, beispielsweise durch „Supercomputer“. Diese werden beispielsweise in der Wissenschaft zur Simulation von Prozessen oder für die Berechnung komplizierter Algorithmen genutzt. Supercomputer werden nicht im industriellen Maßstab produziert oder verwendet, aber sie zeigen den derzeitigen Entwicklungsstand der Datenverarbeitung. Im Jahr 2014 war der schnellste Supercomputer mit 34.000 TeraFlops9 ausgestattet. 2016 wurde die neue Version in Betrieb genommen, die bereits fast die dreifache Kapazität hat (93.000 TeraFlops). Im nächsten Jahr soll eine neue Generation gestartet werden, die wiederum das zehnfache Rechnervolumen (ca. 1.000.000 TeraFlops) besitzen soll.

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Technisch betrachtet sind diese neuen, leistungsfähigeren Supercomputer zwar viel schneller, aber letztlich nichts anderes als ihre Vorgänger. Sie können weiterhin nur 0 und 1 und arbeiten immer noch Rechenschritt nach Rechenschritt ab. Die einzige Veränderung dabei ist, dass vom gleichen Prinzip der Computer mehr und in logistisch besserer Weise aneinander gereiht werden. Sie werden zusammengeschaltet, um schneller und effizienter Daten zu bearbeiten. Auch hierbei handelt es sich also exemplarisch um eine Steigerung der Quantität, nicht um einen qualitativen Sprung. Die angeführten Supercomputer stehen übrigens nicht in den imperialistischen Hauptländern, sondern in der Volksrepublik China. Nach den chinesischen Rechenmaschinen folgt weit abgeschlagen mit derzeit 17.500 TeraFlops ein Supercomputer in den USA.

Die Datenverarbeitungsgeschwindigkeit steigt weiter allgemein, ablesbar ist dies bei Datenverarbeitungen in Produktionssteuerungen wie auch ebenso bei Heimcomputern. Bestehende Systeme werden immer weiter entwickelt und dadurch einfacher und schneller. Die Entwicklung elektronischer Schaltkreise ist deutlich vereinfacht, mittlerweile können selbst Laien komplizierte Anforderungen schnell und effizient umsetzen. Entsprechend haben sich auch Automaten und Steuerungen in der Produktion vereinfacht, nicht nur in der Handhabung, sondern auch in der Entwicklung. Jede neue elektronische Baugruppe wird kompakter, leistungsstärker und schneller. Es gibt neue Technologien in der leitungslosen Datenübertragung, vereinfachte und stärkere Software ermöglicht, Arbeitsschritte in Buchhaltung, Verwaltung oder Logistik stärker zu rationalisieren. Gleichzeitig werden dabei auch haufenweise sinnlose und unnütze Daten verschickt, gesammelt und gespeichert. In 2016 betrug die Anzahl aller Spam-Mails bundesweit 114 Millionen täglich, im Gesamtjahr also 625 Milliarden10. Viele Datenbanken werden nur teilweise genutzt, die wenigsten Anwender –gerade bei Standardprogramm wie Office – nutzen auch nur annähernd alle relevanten Funktionen. Vom steigenden Potential ist also viel ungenutzt, bzw. nicht verwertbar. Die Möglichkeit der Veränderungen an sich ist nicht gleichzusetzen mit der Ausschöpfung dieser Möglichkeiten.


Auf welchem Gleis kommt der Zug?

„Mit dem letzten Stand der Technik zur exakten Planung und der immer laufenden Produktion zum ökonomischen Happy End!“ – lächerliche Propaganda deutscher Monopole

Ein wichtiges deutsches Monopol im Zusammenhang mit der „Industrie 4.0“ ist insbesondere noch SAP. SAP ist Weltmarktführer in betrieblicher Standardsoftware, also rein betrieblicher Programme für sämtliche Abläufe und Prozesse von Beschaffung, Verwaltung, Buchhaltung, Verkauf oder Lagersteuerung. In der Umsetzung betrieblicher Änderungen hat SAP somit einen Schlüssel in der Hand, ohne Softwareanpassungen seitens SAP ist keine Umsetzung möglich.

Entsprechend begeistert formuliert SAP in einem Werbefilm die schöne neue Produktionswelt. Dabei scheuen sie nicht davor, zurück den „letzten Stand der Technik“ zu propagieren und ein offensichtlich historisch anstehendes „ökonomisches Happy End“ auszurufen:

Lange genug wurde über die Möglichkeiten einer datengetriebenen Wirtschaft nur spekuliert. Jetzt lichtet sich der Nebel um die geheimnisvolle Cloud und was dahinter sichtbar wird, wird unser traditionelles Bild von industrieller Produktion für immer verändern. Industrie 4.0 bringt völlig neue Geschäftsmodelle und neue Möglichkeiten Produktionsstandards auf den letzten Stand der Technik zu heben. Wo Produktionskomponenten nach Fertigungseinheiten finanziert werden, sinkt nicht nur das Investitionsrisiko, auch die Produktionskosten können vorab exakt geplant werden.

In der Industrie 4.0 laufen die Uhren anders. Wo Maschinen Betriebsdaten in Echtzeit kommunizieren, ist die Leistung jeder einzelnen Unit37 jederzeit überprüfbar. Umgekehrt können auf diese Weise auch mögliche Ausfälle durch präventive Wartungen vermieden werden. Wobei intelligente Maschinen sogar das nötige Ausmaß der Wartung veranlassen können. Wo Echtzeitdaten ausgetauscht werden, da entsteht gleichzeitig meist beachtliches Potential, um Serviceaufwände zu reduzieren. Ob durch Fernwartung oder just-in-time-Lieferung von Ersatzteilen, Industrie 4.0 hält die Produktion am Laufen!

Mit den permanent überlieferten Betriebsdaten aller Produktionskomponenten entsteht gleichzeitig die beste Basis, um die Nutzung kritischer Ressourcen Schritt für Schritt zu perfektionieren. Und auch etwaige Systemfehler lassen sich durch eine gezielte Datenanalyse so einfach auffinden wie nie zuvor, und natürlich auch beheben.

Womit wir noch lange nicht am Ende aller möglichen Anwendungsszenarien sind, aber zweifelsfrei behaupten können: Echtzeitdaten liefern Wettbewerbsvorteile am laufenden Band in nahezu allen Branchen und auf allen Märkten. Wo diese Daten intelligent genutzt werden, wird das Internet der Dinge gleichzeitig zum Schlüssel für ein ökonomisches Happy End.

Quelle; veröffentlicht 01.07.2015
Ein Zug braucht Räder und vor allem eine Schiene, um ein Ziel erreichen zu können. Eine allseits vernetzte Produktion können wir uns vereinfacht als ein Schienennetz vorstellen. Im Netz müssen alle Knotenpunkte, Weichen, Bahnhöfe oder Be- und Entladehöfe perfekt aufeinander abgestimmt sein. Die einzelnen Komponenten werden von dezentralen Steuerungsanlagen bedient, die wiederrum mit- und untereinander verbunden sind. Die Züge stellen in dem Beispiel Produkte dar, Bahnhöfe sind die Produktionsstellen und die Weichen die Steuerungseinheiten, die den nächsten Produktionsschritt kommunizieren. Jeder Zug im Netz muss seine Position ständig übermitteln, damit mögliche Unfälle oder Fehlleitungen erkannt und korrigiert werden können. An jeder Weiche wird festgelegt, in welchen nächsten Bahnhof er fahren muss, um dort „bearbeitet“ zu werden (die Bearbeitung stellen hier Aus- und Zustieg oder Be- und Entladung dar). Ist die „Bearbeitung“ abgeschlossen, setzt sich der Zug zum nächsten Bahnhof in Bewegung. Alle Bahnhöfe müssen also über Schienen verbunden sein, die Schienen brauchen einheitliche Größe, Beschaffenheit und Spurbreite.

Der Mensch ist derzeit noch ein starkes Glied in dieser Vernetzung und entspricht nicht den Vorstellungen einer „Industrie 4.0“. Man muss nicht gleich die Deutsche Bahn als Realität nehmen, um aufzuzeigen, dass jede kleine, willkürliche Einflussnahme von außen Störungen verursachen kann. Ursache für die kontinuierlichen Störungen in Bahnnetzen des Kapitalismus ist das Streben nach Profitmaximierung. Es werden veraltete Anlagen, Schienen und Züge genutzt, an Personal und Wartung wird gespart. Neuinvestitionen werden immer wieder aufgeschoben, an Netzausbau gar nicht gedacht. Dabei ist das Beispiel des Schienensystems stark vereinfacht und wäre deutlich leichter umsetzbar als eine industrielle Produktion im gesamtgesellschaftlichen Kontext mit sehr vielen kleinen und großen Bahnhöfen, unterschiedlichen Schienenbreiten und Durchsagen in hundert verschiedenen Sprachen.

Die bürgerlichen Ideologen verheißen für die „vierte industrielle Revolution“, dass nicht nur die Maschinen untereinander ihren jeweiligen Status kommunizieren, sondern dass Waren mit Funkübertragungen auch ihren aktuellen Produktionsstand und den nächsten notwendigen Produktionsschritt mitteilen. Auch der Konsument soll eingebunden werden und kann individuelle Fertigungswünsche einbringen. Hinsichtlich der Notwendigkeit von Kommunikation gibt es keinen Unterschied, ob Wesen, Maschinen oder Produkte sich miteinander austauschen.

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Unzureichende Kommunikation und falsche Steuerung im kapitalistischen Chaos bewirken Stillstand.
Einzelne Produktionsanlagen sind dabei schon komplex genug. Im Gegensatz zu unserem Beispiel wird aber ein Produkt nicht einfach nur mit einer einzigen Maschine (Bahnhof) gleichen Typs gefertigt. Nehmen wir die Produktion von Steinverkleidungen für Stahlöfen. Der eigentliche Produktionsprozess eines Steins beinhaltet nur das Befüllen einer Presse, die die Steine in Form bringt und einen Ofen, der diese Steine im Anschluss brennt. Schon dazu gehört weit mehr, als die Steuerung und Vernetzung dieser beiden Maschinen. In einer einzigen Produktionsstätte für diese Steine gehören Lagerung und Sortierung der Rohstoffe, die jeweilige Vermischung und Aufbereitung des Materials, der Transport der Rohstoffe, sowie der gepressten und gebrannten Steine, die Abkühlung, Qualitätsprüfung, Verpackung und der Versand dazu. Die Maschinen kommen von unterschiedlichen Herstellern, die versuchen ihre Waren auf dem Markt abzusetzen und deswegen ihre „besonderen“ Eigenschaften und Geheimnisse bewahren wollen. Die Vernetzung der Maschinen ist aber nicht ausgeschlossen. Sagen wir, die Maschinen haben gleiche oder ähnliche Module und Komponenten wie die Steuerung durch eine speicherprogrammierbare Steuerungseinheit (SPS). Und nehmen wir an, die zentralen SPS der Verpackung und der Kühlkammer wurden beide vom größten deutschen Monopol in Automatisierungstechnik, nämlich Siemens, hergestellt. Dann ist auch dies lange noch keine Garantie dafür, dass sich die beiden Geräte „unterhalten“ können. Die funktionierende, allumfassende Kommunikation ist eines der Hauptfragezeichen der „Industrie 4.0“.


Hört Deine Maschine überhaupt zu?

Leistungsstarke Kommunikationsnetzwerke sind eine wichtige Voraussetzung für die Digitalisierung der Industrie13 immer noch die verbreitetste Art der Datenübertragung. Feldbustechnik ist nicht internetfähig, dafür war diese Schnittstelle nicht gedacht. Die Hälfte der Kommunikationsgeräte in der industriellen Produktion sind also technisch nicht in der Lage, eine Verbindung in die große weite Welt aufzubauen. Als Marktführer industrieller Datenübertragung mit 14% ist der PROFIBUS ermittelt. Dieser wird beispielsweise zur Vernetzung von Sensoren (z.B. bei Temperaturmessfühlern), Aktoren (in Motoren) und der zentralen Steuerung (insbesondere der Siemens-SPS S7) in betrieblicher Ebene genutzt, geht aber eben nur innerhalb eines Betriebes. Dem PROFIBUS folgt mit 13% auf Platz zwei die Sammelposition „Sonstige Feldbusse“. Wir können davon ausgehen, dass schon der PROFIBUS und alle „sonstigen Feldbustechnologien“ sich untereinander nicht ohne Probleme „unterhalten“ können. Schon die Definition der Sammelgruppe „sonstige Feldbustechnologien“ mit hohem Prozentsatz zeigt, wie vielfältig und undurchsichtig die industrielle Kommunikation derzeit ist. Komplexe Waren zu produzieren ist schließlich ein anderer Vorgang als mit einem Textverarbeitungsprogramm Briefe zu schreiben und anderswo zu öffnen. In der Auflistung folgen mit zusammen 21%-Anteil noch weitere Feldbusse wie z.B. CAN, CC-Link oder Modbus, die ebenfalls untereinander nicht verbindungsfähig (kompatibel) sind. Die eine Hälfte der Maschinen kann also weder Daten ins Internet schicken, noch können sich die verschiedenen Feldbusse in einem Betrieb untereinander „absprechen“. Knapp hinter den Feldbussen kommt die Gruppe der Industrial-Ethernet-Verbindungen mit 46% Gesamtanteil. Diese sind zwar durchgängig internetfähig und teilen sich eine zumindest ähnliche Sprache, können jedoch wiederum nicht mit Geräten auf Basis Feldbustechnologie verbunden werden. Alle kabellosen Verbindungen zusammen liegen abgeschlagen bei 6% und werden sich schon aufgrund der leichten Angreifbarkeit nicht durchsetzen.

Es besteht das übliche, kapitalistische Chaos, dass Hersteller gleicher oder ähnlicher Produkte gegeneinander agieren und im Markt jeweils einzeln erfolgreich agieren wollen und so kein einheitlicher Standard existiert. Die gegenseitige Öffnung hin zu einem einheitlichen Protokoll für die Datenübertragung, also einer gemeinsamen Sprache, entspricht höchstens dem Interesse des Marktführers, um sich damit die kleineren weiter abhängig zu machen oder einzuverleiben. Der Chef der Siemens Division Industries and Drives bringt das Verlangen der Monopole nach Öffnung der Geheimnisse von Zulieferbetrieb auf den Punkt. „Neu ist, dass Abhängigkeiten über die reine Technik hinausgehen und auch Bereiche wie Daten und Wissen betreffen. Gerade in Zeiten, in denen wir über neue Geschäftsmodelle sprechen – von gemeinsamen Entwicklungsprojekten bis hin zu Betreibermodellen –, müssen sich alle Beteiligten darüber Gedanken machen, wie man Know-how schützen und gleichzeitig die Kompetenzen Dritter nutzen kann.15 Alle schreien also „4.0“, handeln aber nur solange es dem Einzelinteresse dient.


Telekom und Siemens – „Kampf der Monopole 4.0“

Selbstverständlich ist es theoretisch möglich, die jeweiligen Protokolle, Sprachen und Dialekte zu übersetzen. Doch auch hier verhält es sich wie beim Menschen. Dolmetschen kostet Zeit und Informationen können verloren gehen, wenn der Übersetzer nicht gut genug ist. Dabei muss die technische Kommunikation eindeutiger und klarer sein als die menschliche, weil sie keinen zusätzlichen Ausdruck wie Mimik, Gestik oder Tonlage hat. Der deutsche Rechtschreibduden enthält weit über 100.000 Begriffe, Dialektworte und Weiteres kommen hinzu. Funktionierende Sprach-Übersetzungsprogramme beschäftigen Programmierer schon seit Jahrzehnten ohne umfassenden, durchschlagenden Erfolg. Genauigkeit und Geschwindigkeit ist in Produktionsprozessen unverzichtbar. Bürgerliche Ideologen prophezeien eine allseits vernetzte Produktion, die sich zumindest im Moment nicht verstehen kann. Die Geschichte zeigt, dass dauerhafte und „gleichberechtigte“ Einigung unter den Kapitalisten selten erfolgte. Standards werden nicht durch Kompromisse gesetzt, sondern durch Marktanteile, Auseinandersetzungen, Zerschlagung und Aufkäufe. Meist setzt sich dann nicht das technische Effektivste durch. Viele Hersteller und Nutzer von Kommunikationsschnittstellen forschen derzeit an neuen Lösungen, doch die Konkurrenz unter den Kapitalisten wird eine gemeinsame Lösung voraussichtlich verhindern.

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Bis jetzt haben wir uns modellhaft nur mit einer einzigen, vernetzten Produktionsstätte, einem Betrieb beschäftigt. Wenn wir die horizontale Ebene einer einzigen Fabrik verlassen und in die Vernetzung von Standorten, voneinander abhängigen Produkten, Zulieferern und Transportunternehmen gehen, gibt es nur noch Chaos. Die Internetversorgung der Bundesrepublik entspricht dem Stand eines Entwicklungslandes. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Mbit/​s liegt Deutschland aktuell weit abgeschlagen auf Platz 25 weltweit21

Schon wieder treffen die gegenteiligen Interessen der Monopole aufeinander. Betreiberin des Telekommunikationsnetzes in Deutschland ist als Monopolist die Telekom. Diese hat kein Interesse, das Breitbandinternet weiter auszubauen, solange sie nicht gezwungen wird. Denn der Ausbau mit Glasfaser ist teuer und aufwendig, sprich: nicht rentabel. Also wurschtelt man mit den Geschwindigkeiten von gestern vorerst weiter. Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss, vor allem dann nicht, wenn der höhere Sprung Geld kostet. Auf der einen Seite steht Siemens als Monopol in Automatisierungstechnik und entsprechend großem Marktinteresse24, das nächste Staatsprogramm wird kommen.


Mr. Roboter = „Drohung 4.0“?

Ein weiterer technischer Aspekt ist die Robotertechnik. Der Begriff Roboter wird oft ungenau und beliebig verwendet. Jeder Staubsauger auf Rollen oder selbstlaufender Rasenmäher wird als Roboter bezeichnet, obwohl es nur ein Haushaltsgerät ist. Für die Thematik der „Industrie 4.0“ sind ausschließlich als solche definierte Industrieroboter relevant. Industrieroboter sind programmierte Maschinen, die in industriellen Fertigungsprozessen eingesetzt werden. Dadurch werden Abläufe automatisiert, die in der Regel vorher durch eine größere Anzahl menschlicher Arbeitskräfte durchgeführt wurden. Teilweise werden bestimmte Fertigungen auch erst durch Roboter möglich. Rein technisch betrachtet ist die Abgrenzung zwischen einem Roboter, einer Maschine und einem Industrieautomat schwierig, bzw. teilweise Definitionsstreit. Grundsätzlich ist bei allen Ausformungen dieser Maschinen gemeinsam, dass menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird und diese Tendenz gibt es seit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise als vorherrschende Form, also schon mindestens 150 Jahre.

Gerade auch durch Darstellungen von humanoiden – also im Aufbau dem Menschen ähnelnden – Robotern, wurden und werden Szenarien gezeichnet, wonach Roboter den Menschen in der Produktion vollständig ersetzen. Die Tendenz eines immer höheren Maschinen- und damit auch Robotereinsatzes ist innerhalb der kapitalistischen Entwicklung schon von Marx und Engels bewiesen worden. Dies reduziert trotz Arbeitszeitverkürzung die Zahl der Arbeiter in der Produktion. Zwangsläufig wird die durch den technischen Fortschritt immer weiter verfeinerte Maschine zur Konkurrenz des Arbeiters. Aufgrund dieser Bedrohung reagieren Arbeiter (und auch Linke) immer wieder mit der falschen und aussichtslosen Haltung der Maschinenstürmerei, also dem historisch vorgekommenen Versuch, als Reaktion Maschinen zu zerstören oder zumindest Maschinen abzulehnen und überholte Produktionsabläufe zu romantisieren. Im Zuge der „Industrie 4.0“-Diskussion hat das Roboterthema wieder Konjunktur, erneut werden sprunghafte Steigerungen des Robotereinsatzes unterstellt.

Stichhaltige Fakten finden sich dabei insbesondere mit Bezug auf Deutschland nicht (alle Daten der Jahre 2014 und 2015)25:

Insgesamt gibt es weltweit 1,6 Millionen Industrieroboter. Mehr als die Hälfte aller Industrieroboter weltweit werden in Asien eingesetzt, insbesondere in Japan, China und Südkorea.

Über 60% der neu in Betrieb genommenen Industrieroboter befinden sich in Asien, der größte Zuwachs in einem Land erfolgt derzeit in China.

In Deutschland kommen 301 Roboter auf 10.000 industrielle Arbeiter, die höchste Relation hat Südkorea mit 531 Robotern auf 10.000 Industriearbeiter.

Die meisten Industrieroboter kommen in der Automobilindustrie vor, hier liegt der Wert in Deutschland bei 1.147 Robotern auf 10.000 Arbeiter.

Der Robotereinsatz steigt an, ein zahlenmäßiger Sprung ist jedoch außerhalb von China derzeit nicht zu erkennen. Eine „Revolution“ im Robotereinsatz wäre auch hier eine unsichere Prognose über den chaotischen, anarchistischen, kapitalistischen Markt.


Smart Services – Joch der Monopolbourgeoisie?

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Mit einem weiteren Aspekt versucht die Monopolbourgeoisie im Zuge der „vierten industriellen Revolution“, die nicht monopolistischen Kapitalisten noch stärker unter ihr Joch zu drängen. Die Gedanken zur Öffnung der Geheimnisse und Techniken des sogenannten Mittelstandes werden selbstverständlich schon lange und immer gemacht, nun gibt es einen neuen Namen: Smart Services. „Smart Services sind unternehmensübergreifende und branchenkonvergente Dienstleistungsmodelle, die sich durch ihre Nutzerzentriertheit auszeichnen.27 Wir können uns hierbei die Maschine als eine Art Leasingprodukt vorstellen, die ähnlich einem Leiharbeiter nur bezahlt werden muss, wenn diese benötigt wird. Die Maschine wird also nicht mehr gekauft, sondern in dem Sinne nur noch genutzt. Ist die Maschine hinfällig, wird sie abgestoßen. Ob sich diese Überlegung im Maschinenbau durchsetzen wird, bleibt offen. Es ist aber ein Teil der Debatte um die Industrie 4.0 und sollte dementsprechend berücksichtigt werden.


Wann geht’s denn endlich los? – Investitionen stagnieren

Man kann noch etliche weitere technische Aspekte betrachten, wir hoffen dennoch, hier die wichtigsten beleuchtet zu haben. Eine Frage bleibt dabei völlig offen: Wo genau ist denn flächendeckend – also in der gesamtwirtschaftlichen Produktion – zumindest der Beginn dieser sprunghaften Entwicklung ökonomisch ablesbar? Wenn die beschriebenen Sprünge recht unmittelbar bevorstehen, so müsste zunächst kräftig investiert werden, in neue Maschinen, in Digitaltechnik, Softwareprogramme usw. Alle diesbezüglichen Daten sagen aber schon länger: Ausfall. Schon 2015 stellte der Chefvolkswirt der Förderbank KfW fest: „... Wie sich der Investitionsbedarf durch die Digitalisierung tatsächlich verändern wird, ist derzeit noch schwer absehbar32



Aktuelle Lage der Arbeiterklasse

Die Diskussion um „Industrie 4.0“ trifft eine Arbeiterklasse in Deutschland, die sehr stark differenziert ist. Hinsichtlich Erwerbslosigkeit, Lohnhöhe, Tarifbedingung und Weiterem bestehen schon länger große Unterschiede. Dies gilt insbesondere zwischen Ost und West: Für 20% der Beschäftigten war die Einführung des Mindestlohnes im Osten ein zum Teil deutlicher Lohnanstieg, im Westen betraf dies deutlich weniger; Tarifverträge bestehen in Westdeutschland häufiger. Die Quote der Erwerbslosen gleicht sich nach Jahrzehnten zwischen West- und Ostdeutschland momentan an. Dies deutet nicht auf eine stärkere Entwicklung im Gebiet der ehemaligen DDR hin, die Gründe bestehen in der Bevölkerungsentwicklung: Es gehen deutlich mehr Ältere in Rente als junge Arbeiter nachrücken, der Großteil der Einwanderung erfolgt in Westdeutschland. Auch innerhalb Westdeutschlands bestehen große Unterschiede in der Arbeitslosenquote zwischen 2% in einzelnen Teilen Bayerns bis über 10% in den früheren Industriestädten des Ruhrgebietes.

Die Diskriminierung von Frauen im Arbeitsmarkt und von Arbeitern ohne deutschen Pass besteht fort. So sind weiterhin in Westdeutschland knapp die Hälfte aller Frauen in Teilzeit beschäftigt33 und schlechter entlohnt, das Risiko der Erwerbslosigkeit ist ohne deutschen Pass dreimal höher. Von den offiziellen Arbeitslosen wird knapp die Hälfte vom Arbeitsamt als „Helfer“ eingestuft, das heißt, sie haben keine Berufsausbildung oder zumindest keine in dem angestrebten Job und entsprechend schlechte Chancen. Zwei Drittel der offiziellen Arbeitslosen sind im Hartz4-Bezug, die Mehrheit der Hartz4-Empfänger ist dauerhaft in dieser Lage und somit vom Kapital eindeutig abgeschrieben. Der Schrei nach Fachkräftemangel bedeutet, dass in Teilen zu wenig „fertige“ Arbeiter da sind und dass man sich nicht um umfassende Einarbeitung oder Ausbildung eines beispielsweise 3-5jährigen Hartz4-Empfängers kümmern möchte. Daher gibt es für das Kapital – insbesondere in bestimmten Regionen – mittlerweile „zu wenig“ Arbeitslose.

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Die aktuelle Situation wird dabei einerseits getrieben von der ökonomischen Stärke des deutschen Imperialismus, der die Krise zu Lasten der anderen Euro- und EU-Länder bewältigt und deshalb zusätzliche Arbeitskräfte braucht. Andererseits der Tatsache, dass auf absehbare Zeit mehr ältere Arbeiter in Rente gehen, als jüngere nachkommen (sogenannte demographische Entwicklung). So ergibt sich nach Jahrzehnten aktuell die Situation, dass die Arbeitskraft in Deutschland insgesamt besser verkauft werden kann. Unverändert bleiben die Differenzen, dass ein Arbeiter im Süden Westdeutschlands mit deutschem Pass, Berufsausbildung, gesund und unter 50 dabei deutlich bessere Karten hat; der Kollege ohne Berufsausbildung und deutschen Pass im Ruhrgebiet landet weiter bestenfalls als Produktionshelfer bei der Leiharbeit34.

Dennoch ist die Entwicklung der knapper werdenden Arbeitskräfte eine Chance, ein Potential, was genutzt werden kann. Dabei besteht kein Automatismus, die Chance kann nur durch Kampf genutzt werden. Dass wenig Streik in den letzten Jahrzehnten zu weniger Gewerkschaftsmitgliedern geführt hat, verkürzt den Weg zu den Chancen nicht gerade. Aber diese sich insgesamt dennoch verbessernde Kampfsituation muss in der ganzen Frage „Was bedeutet Industrie 4.0?“ berücksichtigt werden.

Überdies sind die Änderungen der aktuell als „Industrie 4.0“ genannten Fortentwicklung der Produktivkräfte nach Sektoren unterschiedlich. Wir glauben, dass die Potentiale der Rationalisierung, also der Ersatz von menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen und Computertechnik in anderen Sektoren größer sein wird als in der Industrie. Im Verhältnis besteht in Logistik und Warentransfer oder in vielen Büros kaufmännischer Beschäftigter ein deutlich höheres Rationalisierungspotential, was dem Blick in der derzeitigen „4.0“-Debatte entrückt ist. Das Problem des deutschen Kapitals, dass in Teilen ausgebildete Arbeiter fehlen, steht in Verbindung zur Forderung nach Arbeitszeitverlängerung- und Flexibilisierung. Die 35-Stundenwoche der Metall- und Elektroindustrie als Kern der Produktion stand und steht oftmals nur auf dem Papier. Der Anteil Arbeitender über 60 Jahre ist in Deutschland der zweithöchste in der EU, auch der Anteil arbeitender Rentner steigt. Entsprechend veröffentlicht das Arbeitsministerium ihr Weißbuch „Arbeiten 4.0“ mit einer Fülle von Forderungen nach Arbeitszeitverlängerung. Wenn die ausgebildeten Arbeitskräfte fehlen und einem Bildung und Ausbildung zu teuer ist, müssen halt die vorhandenen Arbeiter länger arbeiten. Wir verweisen auf die ausführliche Bearbeitung des Weißbuches „Arbeiten 4.0“ im ersten Artikel dieser Reihe in der KAZ 35835.


Fazit

Natürlich rücken digitale Geräte immer weiter in unseren Alltag und auch in die Produktion. Es sind nicht nur Smartphones, sondern in absehbarer Zeit autonom agierende Fahrzeuge, hochpräzise Fertigungsmaschinen, „intelligente“ Datenbanken und vieles mehr, die die menschliche Arbeitskraft aus der Produktion und Verwaltung verdrängen. Der Fortschritt der Produktivkräfte ist auf Dauer nicht aufzuhalten und gesamtgesellschaftlich betrachtet fortschrittlich. Die allgemeine, allumfassende Vernetzung der Produktion ist inzwischen technisch betrachtet durchaus möglich. Doch die Produktivkräfte bewegen sich in diesem System aufgrund der Konkurrenz und des Individualismus im Kreis. Sie stoßen immer wieder an die Grenzen des Machbaren. Schon deswegen muss die Frage, ob die „Industrie 4.0“ ein qualitativer, revolutionärer Sprung ist, mit Nein beantwortet werden. Die derzeitigen Entwicklungen sind Ausdruck des Kapitalismus, der Menschen, der gesellschaftlichen Produktion überhaupt. Die Fähigkeit des Kapitalismus, Produktionsprozesse zu vereinfachen und neue Technologien zu entwickeln, ist nichts Neues. Die einengende, verhindernde Kraft, die die Produktivkräfte an ihrer wirklich revolutionären Fortentwicklung hindert, ist die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten und die Ausbeutung des Proletariats durch das Lohnarbeitsverhältnis. Dies ändert „Industrie 4.0“ nicht. Sie ist keine qualitative Neuausrichtung der Produktion, sie ist nicht revolutionär. Sie ist einzig eine aggressive Phrase, der teils selbst fortschrittliche Kräfte aufsitzen. Sie liefert nur noch bessere Argumente für die Zerschlagung des krisengeschüttelten Kapitalismus – das ist der einzige revolutionäre Charakterzug der „vierten industriellen Revolution“, denn es gilt weiterhin: „Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.36 So wird die zweite industrielle Revolution mit dem Sturz des Kapitalismus verbunden sein, darunter geht es nicht.


Martin Krauthobel und Rolf Fürst



Anmerkungen:
1 kaz-online.de
2 kaz-online.de
3 „[...] Das beeinflusst bestehende Geschäftsmodelle, verändert etablierte Marktstrukturen und sorgt für eine Neuverteilung der Anteile am Weltmarkt.“ Trends für Industrie 4.0 – aus dem Vorwort Broschüre des Fraunhofer Institut https://www.fraunhofer.de
4 Vorwort der Umfrage „Digitalisieren sie schon?“; durchgeführt durch Lünendonk um Auftrag der Lufthansa Industry Solutions im Jahr 2016; im Ergebnis ergab die Umfrage: 22 Prozent der untersuchten Unternehmen haben derzeit eine IT-Landschaft, die „überwiegend“ auf Altsoftware basiert. Weitere 29 Prozent gaben an, einen Teil ihrer Altsoftware zwar bereits modernisiert zu haben, aber noch immer über einen mittleren Altbestand zu verfügen. 49 Prozent der Befragten berichten allerdings von einer modernen Softwarelandschaft. Signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Umsatzgrößenklassen bestehen nicht.
5 So bewegt sich das Bild der „Industrie 4.0“ ganz im Rahmen des dem Kapitalismus eigenen Warenfetisch, in dem den Waren natürliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben werden, die den Status der Menschen innerhalb der Gesellschaft zum Ausdruck bringen und somit scheinbar Kraft und Geltung verleihen. Dies überdeckt die dabei auf den Kopf gestellte Realität, dass die Waren im Gegenteil nur Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher (Besitz-)verhältnisse sind. In der Produktindividualisierung galoppiert der Warenfetisch, jeder kann sich einbilden das Produkt sei speziell für ihn entwickelt: „mein Auto“, „meine Einbauküche“ wird Ausdruck der Persönlichkeit, obwohl sich hinter der Produktfassade ein stark standardisierter Kern befindet.
6 Ein Angebotsprogramm, in welchem man diverse Merkmale eines Kfz wie Motorleistung, Farbe, Sitzbezüge und Vieles mehr für seinen Neuwagen auswählen und so das Auto individuell zusammenstellen kann.
7 Meist nur Hunderstel Millimeter dick
8 FAZ 21.08.2017
9 TeraFlops (floatingpointoperations per second) bezeichnet die Anzahl von Gleitkommarechenoperationen eines Computers mit dem Faktor
10 https://de.statista.com
11 Herbert Wegmann, General Manager Industrial Communication and Identification, Siemens; zitiert nach
12 https://www.hms-networks.com
13 Diese und alle nachfolgenden Prozentanteile von Marktschätzung HMS, veröffentlicht durch Statista 2017
14 Jürgen Brandes, CEO der Division Process Industries and Drives der Siemens AG in „Das Magazin für die Prozessindustrie“ der Siemens AG
15 Whitepaper „Alles was Sie über Digitalisierung, Industrie 4.0 und Smart Services wissen müssen“ des IT-Dienstleisters Eurodata 10.04.2017
16 Statista, „Deutsches Web zu langsam für die Weltspitze
17 www.oecd.org
18 Die „neuen Bundesländer“ liegen gerade einmal bei 50% Breitbandanschluss über 50Mbit.
19 https://opensignal.com
20 ebenda
21 https://www.bertelsmann-stiftung.de
22 Im Sinne eines ökonomischen Interesses an der Industrie 4.0 durch Absatzerweiterung, neue Märkte usw.
23 Selbstverständlich haben auch andere Monopole und Mittelständische Unternehmen ein Interesse an der Aufweichung des Arbeitsrechts. Doch die Dialektik besteht darin, dass die Industrie 4.0 nicht nur Auswirkungen auf die Arbeiterklasse und die werktätigen Schichten hat, sondern auch auf den Mittelstand selbst.
24 nach FAZ 19.08.2017; dort verwiesen auf Neue Osnabrücker Zeitung, bzw. Anfrage der Grünen im Bundestag.
25 Industrieroboter weltweit – Statista-Dossier, dortige Quellen verschiedene Verbände der Automatisierungsindustrie und Institute.
26 https://de.wikipedia.org/wiki/Smart_Service
27 FutureManagementGroup AG „Smart Services im Maschinenbau“Smart Service 2025: Verliert der deutsche Maschinen- und Anlagenbau den Wettlauf um die intelligenteste Service-Strategie? – In dem Textabschnitt heißt es zuvor: „Doch ein Upgrade quasi zum Nulltarif gibt es nicht, zumindest dann nicht, wenn die deutschen Unternehmen im anbrechenden neuen Industriezeitalter international wettbewerbsfähig bleiben wollen.“
28 Zitat nach FAZ 12.05.2015
29 ebenda
30 Die Zinssituation begünstigt die Kreditaufnahme stark, geringe Zinskosten führen zu geringeren Gesamtkosten einer Investition und bewirken so nach der bürgerlichen Ökonomie die Investitionstätigkeit.
31 Werte der Ausrüstungsinvestitionen (Maschinen und Geräte, sowie Fahrzeuge); Veröffentlichung Statistisches Bundesamt (Destatis), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Vierteljahresergebnisse, 1.Vierteljahr 2017, 3.10 Bruttoanlageinvestitionen, preisbereinigt; hier abrufbar
32 FAZ 12.05.2015
33 In der ehemaligen DDR arbeiten rund ein Drittel der Frauen Teilzeit.
34 Etwa 5% aller Beschäftigten in der Produktion sind Leiharbeiter, bei der Einordnung „Helfer“ ist der Anteil deutlich höher.
35 kaz-online.de/artikel/mit-weissbuch-arbeiten-4-0-gegen-arbeitsrecht-und-arbeitszeit#seite1
36 Manifest der Kommunistischen Partei, Karl Marx und Friedrich Engels, hier zitiert nach AW Marx Engels in 6 Bänden, 2. Auflage, Dietz Verlag Berlin 1972, Band 1, S. 432.
37 englisch: Einheit

 


 
   Kommentar zum Artikel von Hennes:
Sonntag, 08.10.2017 - 21:03

"Doch die Produktivkräfte bewegen sich in diesem System aufgrund der Konkurrenz und des Individualismus im Kreis. Sie stoßen immer wieder an die Grenzen des Machbaren."

Thats the point. Vielen Dank für den super Artikel!


  Kommentar zum Artikel von Hi Noor :
Sonntag, 15.10.2017 - 00:20

Soweit so interessant und die perspektivische Einschätzung Teile ich. Aber :

"Im Verhältnis zu herkömmlichen Spritz- und Gussproduktionsverfahren ist der 3D-Druck (noch) wesentlich langsamer und eben nicht massentauglich... Alle diese erweiterten Möglichkeiten haben aber eben auch Grenzen, Metall ist schwieriger zu verarbeiten als Kunststoff, in bestimmten Verfahren benötigte Verarbeitungstemperaturen sind nicht erreichbar. 3 D-Drucker werden nicht die Massenproduktion ersetzen:"

Das ist nur eine Frage der Zeit. Mittlerweile lassen sich bereits Turbinen für Flugzeuge, die nun extremsten Belastungen ausgesetzt sind, im 3d-Druckverfahren herstellen

http://www.ingenieur.de/Themen/3D-Druck/Australische-Ingenieure-bauen-Duesentriebwerk-3D-Drucker


   Kommentar zum Artikel von retmarut:
Sonntag, 15.10.2017 - 14:11

Von meiner Seite ebenfalls Dank für den wie immer lesenswerten KAZ-Artikel.

"3 D-Drucker werden nicht die Massenproduktion ersetzen:"

Diese Aussage sehe ich auch eher kritisch. Sobald der 3D-Druck preiswerter wird, damit auf breiter industrieller Ebene implementiert wird und mit der sog. Industrie 4.0 verknüpft wird, wird er der bisherigen industriellen Fließbandproduktion größere Marktsegmente abnehmen. Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger Lohnkosten, weniger Transportwege, weniger Zulieferketten, nahe am Endverbraucher, aber eben auch das Abdecken von bisherigen Randbereichen der Produktion (Spezialanfertigungen sowie personalisierte Produktion kleinerer Stückzahlen). Das Repertoire dessen, was schon heute mit 3D-Technik hergestellt werden kann (Kunststoff, Metall, Verbundstoffe, Beton, biozellurares Material), wird sich in den kommenden Jahren noch rasant erweitern und verfeinern.

Das wird selbstverständlich (wie immer bei Fortschritten ím Produktivbereich) auch zum Wegfall einiger bisheriger Berufsfelder führen sowie zur Einsparung von Personal im Produktionsbereich.

Z.B. wird der 3D-Betondruck, der derzeit gerade aus den Kinderschuhen herauswächst, in den kommenden Jahren die Baubranche völlig umkrempeln.

Auch in der Metallindustrie wird günstigerer 3D-Metalldruck insb. die Zulieferbetriebe aufmischen, insb. wenn die Verarbeitung von neuen Verbundstoffen damit verknüpft wird.

Wirklich spannend wird es, wenn solche Druckersysteme enger aneinandergekoppelt werden, so dass ganze automatisierte Produktionsketten in Kundennähe eingerichtet werden können. In zwanzig Jahren wird das sicher Standard sein.

Wie jeder Produktivitätssprung bietet auch 3D-Druck viele neue Chancen und Möglichkeiten, aber eben auch Arbeitsplatzverlust (Einsparung menschlicher Arbeit) und Verlierer am Markt. Insbesondere in den Schwellenländern und unterentwickelten Staaten wird diese Technik zu enormen Umbrüchen führen. Schwellenländer laufen Gefahr abgehängt zu werden, haben aber auch die Chance, den bisherigen Marktführern größere Anteile abzunehmen und aufzusteigen. Anders bei unterentwickelten Staaten, die von billiger Lohnarbeit abhängig sind und sich meist einen Einstieg in konkurrenzfähige 3D-Technik nicht werden leisten können. - Video killed the radio star.

Klar ist aber auch, dass solch ein Produktivitätssprung zu einem Fall der Profitrate in den klassischen Bereichen führen wird, da der Faktor menschliche Arbeitskraft zurückgefahren wird. Der Kapitalismus wird daher neue (bisher nicht lukrativ gewesene) Marktsegmente aufstoßen, um das abzufedern.

Wirklich spannend wird dann der nächste Schritt sein, wenn 3D-Drucktechnik auch im Bereich der eigentlichen Maschinenproduktion stärker Fuß fasst, also weitgehend automatisierte 3D-Druckfabriken Industriemaschinen herstellen. Das wäre dann auch für Rohstoffförderung und Industrieverarbeitung in eher menschenfeindlichen Gebieten (in den Ozeanen, aber insb. auch im erdnahen Weltraum) in wenigen Jahrzehnten interessant. Dies würde der Weltwirtschaft neue Anstöße geben.

Vom Replikator a la Startrek, der diverse organische und anorganische Stoffe parallel erzeugen kann, sind wir aber noch weit entfernt.

Größtes Menschheitsproblem bleibt, solange die Kernfusion noch nicht beherrscht wird, weiterhin die ungelöste Frage der Energieproduktion. Bei quasi kostenloser Energie verbunden mit solchen 3D-Druckern wären die materiellen Bedingungen für eine höhere soziale Gesellschaftsstufe massiv ausgebaut. Bleibt weiterhin die Frage des subjektiven Klassenbewusstseins und der damit einhergehenden antagonistischen Organisierung. Denn auch auf dieser materiellen Basis wird einem vom Klassengegner nichts geschenkt, tritt die Bourgeoisie nicht freiwillig als Klasse ab, sondern nur durch revolutionäre Umwälzung von unten. Wir als Kommunisten werden durch 3D-Drucktechnik zumindest nicht obsolet, sondern weiterhin gebraucht.


   Kommentar zum Artikel von Lars:
Sonntag, 15.10.2017 - 20:02

Der Artikel versucht doch sehr klar zu differenzieren zwischen stattfindenden und zu erwartenden quantitativen Veränderungen einerseits und heißer Luft andererseits. Insofern ist doch der Satz "3-D-Druck wird die Massenproduktion nicht ersetzen" eindeutig und nachvollziehbar. Flugzeuge und Industriemaschinen sind keine Massenprodukte. Aber auch hier wird die Produktion nicht in Kürze auf Modellbau umgestellt.