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Separatisten in diversen EU-Staaten begreifen das Sezessionsreferendum in Katalonien als Ansporn und intensivieren ihre Aktivit├Ąten. Bereits am 22. Oktober werden die beiden reichsten Regionen Italiens, die Lombardei und Venetien, je ein eigenes Referendum ├╝ber eine Ausweitung ihrer Autonomie gegen├╝ber der Regierung in Rom abhalten. Zentrale Ursache ist wie in Katalonien das Bestreben, den eigenen Wohlstand zu wahren und die Umverteilung ihrer Steuergelder an ├Ąrmere Gebiete insbesondere im S├╝den des Landes zu reduzieren oder zu beenden. Identische Motive befeuern Sezessionisten im niederl├Ąndischsprachigen Teil Belgiens, in Flandern; die dortige Regionalregierung unterh├Ąlt gute Beziehungen zur Regionalregierung Kataloniens. Auch im deutschsprachigen Separatismus Norditaliens (S├╝dtirol), der bei den letzten Landtagswahlen ├╝ber 25 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte, werden neue Forderungen nach einer Abspaltung von Italien und dem Anschluss an ├ľsterreich laut. Viele Separatismen in der EU sind von Deutschland jahrzehntelang direkt oder indirekt gef├Ârdert worden - ├Âkonomisch und politisch.

Die n├Ąchsten Referenden

Die n├Ąchsten Referenden, die den inneren Zusammenhalt eines EU-Staates besch├Ądigen d├╝rften, finden bereits in weniger als drei Wochen in Norditalien statt. Am 22. Oktober werden die B├╝rger der Lombardei und Venetiens entscheiden, ob die beiden Regionen gr├Â├čere Autonomierechte erhalten sollen. Mit Blick auf die Eskalation in Katalonien beschw├Âren italienische Medien derzeit die Unterschiede zwischen den Referenden: W├Ąhrend es in Katalonien unter Bruch der spanischen Verfassung um die Abspaltung der Region ging, werden in der Lombardei und in Venetien nur Autonomieverhandlungen mit der Zentralregierung angestrebt - strikt im Rahmen der italienischen Verfassung. Allerdings ist die Dynamik der Entwicklung mit derjenigen in Katalonien, wo vor gut einem Jahrzehnt ebenfalls noch nicht die Abspaltung, sondern lediglich eine gr├Â├čere Autonomie mehrheitsf├Ąhig war, durchaus vergleichbar.

Die reichsten Regionen

Sowohl die Lombardei wie auch Venetien zeichnen sich durch einen weit ├╝berdurchschnittlichen Reichtum aus, der - wie im Falle Kataloniens - mit Umverteilungsleistungen zugunsten ├Ąrmerer Gebiete meist im S├╝den des Landes verbunden ist; das wiederum sch├╝rt Wohlstandschauvinismus und f├╝hrt zu Bestrebungen, den Abfluss der Gelder zu stoppen. Die Lombardei verf├╝gt nach eigenen Angaben ├╝ber das h├Âchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Italien; in der Rangliste der EU-Staaten sch├Âbe sie sich mit 36.600 Euro pro Einwohner im Jahr auf Platz f├╝nf - noch vor Deutschland (35.800 Euro) und weit vor dem Durchschnitt Italiens (27.800 Euro). Die Lombardei exportierte im Jahr 2015 Waren im Wert von 111,23 Milliarden Euro; das waren 27,2 Prozent der italienischen Gesamtausfuhr (408,66 Milliarden Euro), mehr als jede andere italienische Region erreichte. Auf Platz zwei lag mit Exporten im Wert von 57,52 Milliarden Euro Venetien, das das drittgr├Â├čte Bruttoinlandsprodukt Italiens erzielt - nach der Lombardei und der Hauptstadtregion Latium. Aus der Lombardei flie├čen, wie es in einer von ihrer Regionalregierung verbreiteten Brosch├╝re hei├čt, j├Ąhrlich 54 Milliarden Euro netto an den Zentralstaat ab, ein Vielfaches des Vergleichswerts in Katalonien, den die Publikation auf rund acht Milliarden Euro beziffert. Aus Venetien werden demnach ebenfalls hohe Nettosummen an Rom gezahlt - um die 15,5 Milliarden Euro pro Jahr.1

Von der Autonomie zur Abspaltung

Das Bestreben, die Mittelabfl├╝sse zu verringern, beg├╝nstigt schon seit Jahrzehnten politische Kr├Ąfte, die zwischen dem Verlangen nach gr├Â├čerer Autonomie und der Forderung, sich von Italien abzuspalten, changieren. Bereits 1984 entstand mit der Lega Lombarda die Keimzelle der sp├Ąteren Lega Nord, die lange f├╝r die Abspaltung Norditaliens pl├Ądierte, aktuell allerdings eher auf st├Ąrkere Autonomie setzt. Die ├ťberg├Ąnge sind flie├čend. Parteichef Matteo Salvini zieht gegenw├Ąrtig die Ausdehnung der Lega Nord auf die Mitte und den S├╝den des Landes in Betracht und w├╝rde dazu wohl Zugest├Ąndnisse in puncto Autonomie machen; doch auch in dieser Frage ist der Machtkampf in der Partei nicht entschieden. Die Lega Nord stellt aktuell die Regierungschefs in der Lombardei sowie in Venetien. In Venetien sind dabei Abspaltungstendenzen deutlich erkennbar. Dort wurde 2014 ein informelles, nicht repr├Ąsentatives und weithin kritisiertes Online-Referendum abgehalten, dessen Resultate zwar nicht zuverl├Ąssig waren, in der Tendenz allerdings von Umfragen best├Ątigt wurden. Demnach g├Ąbe es in der Bev├Âlkerung Venetiens eine knappe Mehrheit f├╝r die Abspaltung der Region von Italien. Von der Entwicklung in Katalonien wird der Separatismus nun auch hier befeuert.

Der fl├Ąmische Separatismus

Dasselbe trifft auf die belgische Region Flandern zu. Der niederl├Ąndischsprachige Separatismus in dem Gebiet hat alte Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert zur├╝ckreichen; er wird jedoch seit einigen Jahrzehnten ebenfalls durch Wohlstandschauvinismus und durch den Kampf gegen staatliche Umverteilung an die Hauptstadtregion Br├╝ssel sowie vor allem an die Region Wallonie gepr├Ągt. Flandern erwirtschaftete 2014 rund 58 Prozent des belgischen Bruttoinlandsprodukts, die franz├Âsischsprachige Region Wallonie lediglich 24 Prozent; f├╝r die verbleibenden 18 Prozent kam die Hauptstadtregion Br├╝ssel auf, die zweisprachig ist. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag in Flandern mit 36.300 Euro im Jahr weit ├╝ber dem Vergleichswert in der Wallonie (26.100 Euro), deren Arbeitslosenquote (rund zw├Âlf Prozent) diejenige Flanderns (rund f├╝nf Prozent) betr├Ąchtlich ├╝bertraf. Mehrere Parteien, insbesondere der extrem rechte Vlaams Belang und die konservative Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA), setzen sich prinzipiell f├╝r die Abspaltung Flanderns von Belgien ein, wobei die N-VA, die nicht nur den Ministerpr├Ąsidenten der fl├Ąmischen Regionalregierung und den B├╝rgermeister der gr├Â├čten fl├Ąmischen Stadt, Antwerpens, sondern auch einige Minister in der aktuellen belgischen Regierung stellt, sich gegenw├Ąrtig aus taktischen Gr├╝nden zur├╝ckh├Ąlt. Die Region Flandern kooperiert seit 1992 mit der Region Katalonien; beide Seiten haben im Juli 2015 eine gemeinsame Erkl├Ąrung unterzeichnet, die eine weitere Intensivierung ihrer Zusammenarbeit vorsieht. Die beiden Regionen haben sich im Vorfeld des katalanischen Sezessionsreferendums eng miteinander abgestimmt; vergangene Woche etwa traf sich die katalanische Parlamentspr├Ąsidentin vor der Abstimmung zu letzten Absprachen mit ihrem fl├Ąmischen Amtskollegen Jan Peumans.

Pr├Ązedenzfall Katalonien

Neben den gro├čen Sezessionsbewegungen in Norditalien und Belgien ziehen auch kleinere Abspaltungsorganisationen Nutzen aus dem katalanischen Referendum, darunter etwa Separatisten in Norditaliens Autonomer Provinz Bolzano-Alto Adige (S├╝dtirol). "Heute Katalonien, morgen S├╝d-Tirol!", hei├čt es etwa in einem gestern publizierten Manifest der "S├╝d-Tiroler Freiheit", einer Partei der deutschsprachigen Minderheit Norditaliens, die in direkter Tradition zu den sogenannten S├╝dtiroler Freiheitsk├Ąmpfern steht; diese ver├╝bten seit den 1950er Jahren immer wieder Sprengstoffanschl├Ąge in Italien, um den Anschluss der Provinz Bolzano-Alto Adige an ├ľsterreich zu erzwingen. Die S├╝d-Tiroler Freiheit erhielt bei den letzten Wahlen zum S├╝dtiroler Landtag 7,2 Prozent der Stimmen; rechnet man die 17,9 Prozent hinzu, die die Partei "Die Freiheitlichen" erhielt, dann liegen die deutschsprachigen Separatisten in S├╝dtirol insgesamt bei rund 25 Prozent. Wie die S├╝d-Tiroler Freiheit berichtet, habe sie im Jahr 2013 ein Referendum abgehalten, bei dem sich 92 Prozent der Teilnehmer f├╝r die Abspaltung von Italien ausgesprochen h├Ątten2. Sei damals oft erkl├Ąrt worden, eine Sezession sei rechtlich nicht m├Âglich, so beweise der "Pr├Ązedenzfall Katalonien" nun "das Gegenteil", erkl├Ąrt die Partei, die mitteilt, "enge Kontakte zu Katalonien" zu unterhalten.

Von Deutschland gef├Ârdert

Aktuell laufen die Separatismen in der EU deutschen Interessen zuwider: Sie schw├Ąchen die Union und relativieren damit deren Nutzen als machtpolitische Basis f├╝r die ausgreifende deutsche Weltpolitik. Entsprechend mahnt die Bundesregierung, eine Einigung f├╝r den Sezessionskonflikt in Katalonien zu finden. Dabei hat die Bundesrepublik die Voraussetzungen f├╝r das Erstarken der Separatismen selbst geschaffen, indem sie sie jahrzehntelang auf verschiedenste Weise f├Ârderte - teils ├╝ber v├Âlkische Vorfeldorganisationen, teils auch durch eine regionalistische Wirtschaftspolitik.


Anmerkungen:
1 Scopri perch├ę la Lombardia ├Ę Speciale. Regione Lombardia 2017.
2 Selbstbestimmung nicht mehr aufzuhalten: Heute Katalonien, morgen S├╝d-Tirol! www.suedtiroler-freiheit.com 03.10.2017


 
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  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Sonntag, 08.10.2017 - 14:26

@Hennes: "Hmm, dass Katalonien deutlich wohlhabender als viele andere Teile Spaniens ist und dass die von den Katalanen als unfair empfundenen Transferzahlungen Teil der Auseinandersetzung sind wird niemand bestreiten - oder etwa?"

Dass Katalonien ein h├â┬Âheres Bruttoinlandsprodukt proKopf hat als der spanische Durchschnitt, ist doch keine Frage. Die gesamte spanische Wirtschaft ist extrem ungleich ├â┬╝ber das Land verteilt - ├â┬Ąhnlich ├â┬╝brgens wie in Deutschland. In Spanien ist halt Extremadura, Andalusien etc. abgeh├â┬Ąngt, in Deutschland die ostdeutschen L├â┬Ąnder, Berlin, Saarland, Schleswig-Holstein, Niedersachsen etc.

Und dass Katalonien sehr hohe Transferleistungen zahlt, ist auch in Faktum. Aber das ist, entgegen den ├â┬äu├â┬čerungen der deutschen Presse, eben kein Hauptargument der katalanischen Bewegung. - Die Transferleistungen waren stets ein Argument der konservativen katalanischen Partei UDC (damals zusammen mit CDC als CiU), also der katalanischen Bourgeoisie. Die Unabh├â┬Ąngigkeitsbewegung hat aber durch Massenmobilisierung derart viel Druck von Links aufgebaut, dass die CiU darunter zerbrochen ist.
Im derzeitigen Diskurs spielen Transferzahlungen allenfalls am Rande noch eine Rolle. Deswegen ist es um so dreister, dass gro├â┬čspanische und deutsche Medien weiterhin die M├â┬Ąr vom katalanischen Wohlstandschauvinismus streuen, um so Stimmung gegen die Unabh├â┬Ąngigkeit zu machen.

Und dass gfp jetzt ins selbe Horn bl├â┬Ąst und sich mit dieser Position gemein macht, ist mehr als entt├â┬Ąuschend.

Noch mal: Wenn man einen Artikel ├â┬╝ber die fl├â┬Ąmische Bewegung oder v├â┬Âlkische, s├â┬╝dtiroler Sezessionisten schreiben will, soll man das machen. Diese aber mit der katalanischen Bewegung in einen Topf und Artikel zu mengen, um Stimmung gegen die derzeitige Referendumsbewegung zu machen, ist mehr als unlauter.

Ist das so schwer zu verstehen?


  Kommentar zum Artikel von Hennes:
Samstag, 07.10.2017 - 23:52

Hmm, dass Katalonien deutlich wohlhabender als viele andere Teile Spaniens ist und dass die von den Katalanen als unfair empfundenen Transferzahlungen Teil der Auseinandersetzung sind wird niemand bestreiten - oder etwa?

Und das ist in der Tat eine Parallele zu Flandern in Belgien und Norditalien in Italien. Nichts anderes stellt der Artikel fest. Ansonsten geht er, zu 98%, um ganz andere Dinge.

Ich verstehe die Aufregung nicht.


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Samstag, 07.10.2017 - 21:59

@ Rainer: Sei gewiss, dass ich den Text gelesen habe, sonst h├â┬Ątte ich nicht darauf reagiert.

Rainer, was ist denn deine Interpretation, wenn ein Autor zu gerade diesem Zeitpunkt der medialen Kampagne gegen das katalanische Referendum die katalanische Bewegung mit rechten und v├â┬Âlkischen Separatismusbewegungen in eine Reihe stellt und zudem unterstellt, dass die katalanische Bewegung aus Gr├â┬╝nden des Wohlstandschauvinismus agiere?

Man h├â┬Ątte den Artikel ja auch ohne Problem ohne diese Vergleiche schreiben k├â┬Ânnen, aber offenbar war es dem Autor recht wichtig, dies in dieser Form zu tun, um die katalanische Bewegung mit reaktion├â┬Ąren Bewegungen in einen Topf zu werfen. Wenn das keine Zuarbeit f├â┬╝r die gro├â┬čspanische Propaganda ist, was ist es dann? Unwissenheit? Dummheit?

Entsprechend emp├â┬Ârt es mich tats├â┬Ąchlich, dass gerade eine seri├â┬Âse, sonst sehr gr├â┬╝ndlich recherchierende Plattform wie german-foreign-policy solch unm├â┬Âgliche Vergleiche zieht.


  Kommentar zum Artikel von URollo:
Samstag, 07.10.2017 - 18:44

Also, ich lese in dem Bericht mehr was ├â┬╝ber andere separatistische Bewegungen in der EU als eine negative Einsch├â┬Ątzung der katalanischen. Der Artikel enth├â┬Ąlt sich dort doch jeder weiteren Wertung? Oder hab ich irgendwelche Codes nicht verstanden?


  Kommentar zum Artikel von Rainer:
Samstag, 07.10.2017 - 14:38

Yes,genau das hatte ich (lustigerweise auch genau von dir lieber retmarut !) erwartet. Es ist doch immer wieder faszinierend,wie bei irgendwelchen separatistischen Bewegungen (Basken/Iren/Katalanen) in der dt. Linken die Emotions ├â┬╝bersch├â┬Ąumen !

Ansonsten : Hast du denselben Artikel wie ich gelesen ? Ich finde da beim besten 'Willen nix wie:

"Schulterschluss mit dem gro├â┬čspanischen Chauvinismus"

" die katalanische Bewegung mit rechten Wohlstandschauvinisten und Neofaschisten in anderen Teilen Europas in einen Topf "

"rechtsextreme Strukturen wie die Lega Nord, deutsch-v├â┬Âlkische S├â┬╝dtirolseparatisten und fl├â┬Ąmische Rassisten mit einem weltoffenen und dezidiert nicht auf Blut und Boden orientierten katalanischen Nationalismus auf gleiche Stufe gestellt"

Willst du nicht nochmal lesen ? Die EINZIGE Parallele zu Flamen/S├â┬╝dtirolern ist die Feststellung, da├â┬č es sich NICHT um Armutsseparatismus handelt. Das die jeweiligen Provinzen aus einer Position der relativen ├â┬Âkonom. St├â┬Ąrke agieren d├â┬╝rfte doch wohl unstrittig sein oder nicht? Oder spielzt so was wie reichere/├â┬Ąrmere PRovinzen keine Rolle mehr und es geht den Katalanen gar schon um Sozialismus ? Mehr steht da ├â┬╝berhaupt nicht zu der ideologischen Motivation,das ist echt nur deine Phantasie ...

Den letzten Absatz k├â┬Ânntest du auch zur Kenntnis nehmen,da steht n├â┬Ąmlich : "Aktuell laufen die Separatismen in der EU deutschen Interessen zuwider". M. E. eine ziemlich ausgewogene und sachliche Darstellung,von der ich was lernen konnte. Aber so ist das wohl mit "alternativen Realit├â┬Ąten"


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Donnerstag, 05.10.2017 - 11:30

zum Artikel: "Zentrale Ursache ist wie in Katalonien das Bestreben, den eigenen Wohlstand zu wahren und die Umverteilung ihrer Steuergelder an ├â┬Ąrmere Gebiete insbesondere im S├â┬╝den des Landes zu reduzieren oder zu beenden." - Da hat jemand a) die Ursache der katalanischen Befreiungsbewegung offenbar nicht verstanden und sich stattdessen ein vulg├â┬Ąr├â┬Âkonomisches Schema zurechtgeschnitten und b) offensichtlich auch keinen Schimmer ├â┬╝ber die politische Sto├â┬črichtung und soziale Zusammensetzung der Bewegung, die ma├â┬čgeblich aus der Arbeiterklasse und der Linken, weit weniger aus der katalanischen Bourgeoisie ihre Dynamik erh├â┬Ąlt.

Mit der UDC h├â┬Ątte es eine solche Bewegung in dieser Dimension eben nicht gegeben, da w├â┬Ąre die nationale Bewegung lediglich Man├â┬Âvriermasse in Verhandlungen mit Madrid um Steuerverg├â┬╝nstigungen und neuen Fiskalpakt gewesen. Gleiches gilt f├â┬╝r den konservativen Fl├â┬╝gel der CDC, der mit der Estelada lediglich seine jahrelangen Korruptionsaff├â┬Ąren ├â┬╝berdecken wollte.

Sowohl die Vertreter der gro├â┬čspanischen (PP, Ciudadanos) Bourgeoisie in Katalonien als auch bestimmte Teile der katalanischen Bourgeosie (v.a. UDC) haben klar gegen die Unabh├â┬Ąngigkeitsbewegung Stellung bezogen.

Solche Unterschiede sollte der Autor zumindest zur Kenntnis nehmen, bevor er die katalanische Bewegung mit rechten Wohlstandschauvinisten und Neofaschisten in anderen Teilen Europas in einen Topf wirft.

Ich finde es zudem ziemlich geschichtsblind, wenn man aus den Betrachtungen den von Deutschland unterstützten Spanischen Bürgerkrieg 1936-39 sowie die Franco-Diktatur vollkommen ausblendet. Beide richteten sich gegen die Arbeiterbewegung, die republikanischen sowie baskischen wie katalanischen Bewegungen, die dem Faschismus und der spanischen Monarchie die Stirn boten und gemeinsam die dunklen Jahre des Faschismus durchleben mussten.

Wenn heute die PP, immerhin direkt aus dem franqistischen Parteiapparat hervorgegangen, und die ebenfalls seit jeher weit rechts stehende Guardia Civil auf die Bev├â┬Âlkerung Kataloniens einpr├â┬╝geln und mit Gummigeschossen umherballern, darf sich eine Linke in Deutschland doch nicht in ├â┬äquidistanz einrichten oder gar - weil sie die Hauptfeindfrage lediglich als ex negativo betrachtet - den Schulterschluss mit dem gro├â┬čspanischen Chauvinismus suchen!

Euer Blick nach rechts und das Anprangern des v├â┬Âlkischen und rassistischen Gesocks in beispielsweise Belgien und Italien, das von deutscher Seite ├â┬╝ber Jahre hochgep├â┬Ąppelt wurde, ist sehr notwendig und da habt ihr seit Jahren gute Arbeit geleistet. Wenn ihr aber einen solchen Artikel als Aufh├â┬Ąnger f├â┬╝r eine Schmutzkampagne gegen die katalanische Bewegung, die derzeit um Demokratie und Unabh├â┬Ąngigkeit ringt, benutzt, spielt ihr damit nur den Interessen des deutschen Kapitals in die H├â┬Ąnde. Das ist auch ein Hohn auf den proletarischen Internationalismus.

Ich bin jedenfalls emp├â┬Ârt, dass in eurem Artikel rechtsextreme Strukturen wie die Lega Nord, deutsch-v├â┬Âlkische S├â┬╝dtirolseparatisten und fl├â┬Ąmische Rassisten mit einem weltoffenen und dezidiert nicht auf Blut und Boden orientierten katalanischen Nationalismus auf gleiche Stufe gestellt werden. Von german-foreign-policy hatte ich solcherlei Ausf├â┬Ąlle eigentlich nicht erwartet.


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Mittwoch, 04.10.2017 - 15:01

CCOO und UGT hatten uebrigens am Montag einen Rueckzieher gemacht. Der Einfluss der PSOE und des span. Chauvinismus war wohl doch staerker. Mitglieder dieser Gewerkschaften scheinen aber dennoch teilgenommen zu haben am Generalstreik.


  Kommentar zum Artikel von FPeregrin:
Mittwoch, 04.10.2017 - 14:03

... was aber die katalonische Separationsbewegung von der fl├â┬Ąmischen, "padanischen", venetischen oder tirolerischen deutlich erkennbar unterscheidet, ist ihre eigenst├â┬Ąndige - explizit linke - proletarische Dynamik. Den Wohlstands-Chauvinismus des b├â┬╝rgerlichen Separatismus wie auch die Destabilisierungspolitik des deutsche Imperialismus unbenommen, mu├â┬č eine kommunistische Bewertung des Gesamtprozesses auf den Einzelfall (hier Katalonien) bezogen davon abh├â┬Ąngen, ob wir die proletarische Dynamik als geeignet sehen, die b├â┬╝rgerliche Geldschrapperei in einem proletarisch-internationalistischen Sinne zu negieren. Wenn dies gelingt, w├â┬Ąre es ein gro├â┬čer Fortschritt f├â┬╝r die Arbeiterkasse mindestens der iberischen Halbinsel, wenn nicht S├â┬╝deuropas. Wenn dies nicht gelingt, h├â┬Ątte das katalanische Proletariat f├â┬╝r einen objektiv konterrevolution├â┬Ąten Proze├â┬č den Dummen August gemacht, ... mit allen weiteren Folgen. Die Lage-Einsch├â┬Ątzung kann dem Proletariat Kataloniens niemand abnehmen. Die erkl├â┬Ąrte Beteiligung der katalonischen Sektionen der gesamt-spanischen Gewerkschaften CNT, CCOO und UGT am gestrigen Generalstreik h├â┬Ąlt m.E. die Chance auf eine internationalistische Wendung des Prozesses offen - unabh├â┬Ąngig oder sogar beg├â┬╝nstigt vom repressiven Vorgehen der Zentralregierung -, zumal es aktuell lediglich um das Recht geht, ├â┬╝berhaupt ├â┬╝ber eine Unabh├â┬Ąngigkeit Kataloniens entscheiden zu k├â┬Ânnen. Bef├â┬╝rwortung eines Referendums und Bef├â┬╝rwortung der Unabh├â┬Ąngigkeit sind bekanntlich zwei paar Schuhe.

Die generelle Richtigkeit der Beschreibung einer wohlstands-chauvinistischen ├â┬ľkonomie der Sezession ist damit nicht in Frage gestellt, wohl aber deren grunds├â┬Ątzliche Monopolstellung .

Der Hauptfeind des katalonischen Proletariats steht indes - auch im taktischen Bündnis - im eigenen Land - es ist die katalonische Bourgeoisie!