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In der Kommunistischen Arbeiterzeitung (KAZ) Nr. 358 hat Lud­wig Jost for­mu­liert: "Mit Weißbuch 'Ar­bei­ten 4.0' ge­gen Ar­beits­recht und Ar­beits­zeit“1 und da­mit die Sei­te des An­griffs auf un­se­re ele­men­ta­ren Rech­te im Zuge der „4.0“-Dis­kus­si­on dar­ge­stellt. Mit dem hier vor­lie­gen­den Ar­ti­kel soll dar­an anknüpfend eine Ein­ord­nung von „In­dus­trie 4.0“ in his­to­ri­sche und po­lit-öko­no­mi­sche Zu­sam­menhänge er­fol­gen. Im nach­fol­gen­den Heft (KAZ 360) wol­len wir uns dann in­ten­siv mit der tech­ni­schen Sei­te und ih­rer Be­deu­tung für die Dis­kus­si­on be­fas­sen. So­mit er­gibt sich eine klei­ne, drei­tei­li­ge Ar­ti­kel­se­rie, mit wel­cher wir dem ak­tu­el­len Trom­mel­feu­er auf die Ar­bei­ter­klas­se durch „In­dus­trie 4.0“ be­geg­nen wol­len.


„Industrie 4.0“ – Revolution oder Propaganda?

Big­Da­ta, Di­gi­ta­li­sie­rung oder In­ter­net der Din­ge – Be­griff­lich­kei­ten, die uns der­zeit aus Me­di­en, Wer­bung und Po­li­tik ge­ra­de­zu um die Oh­ren ge­hau­en wer­den. Al­les „Neue“ oder auch nur neu er­schei­nen­de wird in­zwi­schen mit dem Zu­satz „4.0“ aus­ge­stat­tet und ne­ben­bei als „Re­vo­lu­ti­on“ be­ti­telt. Egal, ob Kos­me­tik, Le­bens­mit­tel, Klei­dung oder Elek­tro­nik­pro­duk­te, alle sol­len sie ihre Märkte „re­vo­lu­tio­nie­ren“. Selbst die IG Me­tall ent­deckt die Re­vo­lu­ti­on neu und be­zeich­net ihre letz­te Ju­gend­kam­pa­gne als „Re­vo­lu­ti­on Bil­dung“. Die bürger­li­chen Or­ga­ne trom­pe­ten aus al­len Roh­ren und verkünden die „vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on“. In der The­ma­tik der „In­dus­trie 4.0“ wer­fen schon die ver­wen­de­ten Be­griff­lich­kei­ten mehr Fra­gen auf, als kla­re Ant­wor­ten zu er­ken­nen sind. Im ne­bulösen Ge­schwa­fel der Bour­geoi­sie wird die Be­griffs­de­fi­ni­ti­on der Re­vo­lu­ti­on im In­ter­es­se der Bour­geoi­sie auf­gelöst, dies ermöglicht die in­fla­ti­onäre Ver­wen­dung und macht den Be­griff in dem Zu­sam­men­hang wert­los.

Der Be­griff „In­dus­trie 4.0“ be­geg­net uns seit ei­ni­gen Jah­ren verstärkt, zunächst in Me­di­en und Re­gie­rungs­ver­an­stal­tun­gen, mitt­ler­wei­le auch in Be­trieb und Ge­werk­schaft. Es be­gann mit der „Platt­form In­dus­trie 4.0“ als In­itia­ti­ve ei­ni­ger Ka­pi­ta­lis­ten­verbände und dem Bun­des­wirt­schafts- und dem For­schungs­mi­nis­te­ri­um auf der Han­no­ver Mes­se 2013. In punc­to In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie (IT) soll so eine „Welt­spra­che der Pro­duk­ti­on“ ge­schaf­fen wer­den. Man will den Be­griff im Dia­log von und mit Ge­werk­schaf­ten, Wirt­schafts­verbänden, Un­ter­neh­men, Wis­sen­schaft und Po­li­tik befördern und mit In­halt füllen. Dies ist durch­schla­gend ge­lun­gen. An al­les wird „4.0“ gehängt: Man hält Fach­kon­fe­ren­zen zu „Bil­dung 4.0“2, das Han­dels­blatt pro­phe­zeit „Das Auto 4.0 kommt“3, ein Grüner for­dert „Ver­brau­cher­schutz 4.0“4, der Ver­band Deut­scher In­ge­nieu­re (VDI) bie­tet ei­nen Wett­be­werb zu „Woh­nen 4.0“5 und die IG Me­tall ver­an­stal­tet Se­mi­na­re zum „So­zi­al­staat 4.0“. Aber auch Be­grif­fe, die nun wirk­lich nicht zur in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on gehören, be­kom­men den Zu­satz an­gehängt: Auf der Münche­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz gibt es „De­fence 4.0“6 und an­ders­wo „Mu­sik 4.0“ oder „Schulz 4.0.“…

Angst – Ohnmacht und Konkurrenz – alles wird „4.0“

Be­haup­tet wird da­bei im­mer eine neue Qua­lität der Ent­wick­lung auf­grund all­ge­genwärti­ger Di­gi­ta­li­sie­rung und großer Da­ten­men­gen, die neue An­wen­dun­gen ermögli­chen und be­wir­ken. Doch zu­neh­mend schwingt Be­droh­li­ches mit: Wenn die Tech­nik die­se an­geb­lich ganz neue Stu­fe er­reicht, dann bleibt uns nur noch, sich dem be­din­gungs­los zu fügen. Auch die di­gi­ta­le Kon­kur­renz schläft nicht, wir müssen uns an­pas­sen. Sonst droht Auf­trags­man­gel, Ex­port­ver­lus­te und Aus­la­ge­rung, Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und Ver­elen­dung wären die Fol­ge. So wird aus der Pro­pa­gie­rung mo­der­ner, fle­xi­bler Pro­duk­ti­on mal wie­der die Droh­gebärde und wir sol­len „Angst und Ohn­macht 4.0“ be­kom­men, was nicht ohne Wir­kung bleibt.

Die­se Me­tho­de ist schon mal kei­nes­falls neu, son­dern min­des­tens so alt wie der Ka­pi­ta­lis­mus. Bei je­der For­de­rung nach Ar­beits­zeit­verkürzung in der Ge­schich­te schrie das Ka­pi­tal, dies sei der Un­ter­gang der Wirt­schaft, so An­fang der 1980er-Jah­re mit dem Aus­spruch: „Die 35-Stun­den­wo­che schafft Ar­beitsplätze … in Fern­ost“7, ver­bun­den mit der wir­ren Be­haup­tung, Ja­pan sei im Jahr 2000 die welt­weit stärks­te Wirt­schafts­macht. Die Durch­set­zung der 35-Stun­den­wo­che war da­bei der in die­ser Di­men­si­on vor­erst letz­te, durch Streik er­reich­te, of­fen­si­ve Er­folg der In­dus­trie­ge­werk­schaf­ten. Es folg­te die Dämo­ni­sie­rung der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie als Ab­schaf­fung mensch­li­cher In­dus­trie­ar­beit, bald wer­de es nur noch voll­au­to­ma­ti­sche Fa­bri­ken ge­ben. Dann wur­de uns vor­ge­be­tet, wir müss­ten uns an eine „lean pro­duc­tion“, eine schlan­ke und viel ef­fi­zi­en­te­re Pro­duk­ti­ons­wei­se an­pas­sen. In die­ser soll­ten sich Ar­bei­ter­teams als Grup­pen ei­gen­ver­ant­wort­lich und ohne Chef ge­gen­sei­tig kon­trol­lie­ren, an­trei­ben und ständi­ge Ver­bes­se­rungs­vor­schläge ent­wi­ckeln. Dies ging ein­her mit der „Ja­pa­ni­sie­rung der Pro­duk­ti­on“, gebündelt in Schlag­wor­ten wie KAI­ZEN87 oder KVP (Kon­ti­nu­ier­li­cher Ver­bes­se­rungs­pro­zess). Be­glei­tet wur­de die­ses Trom­meln mit der an­geb­li­chen Not­wen­dig­keit der Ver­tei­di­gung des „Stand­ort Deutsch­land“.

Dar­auf folg­te die Droh­gebärde des Eu­ropäischen Bin­nen­mark­tes, also der ge­mein­sa­me, grenzüber­schrei­ten­de Markt in­ner­halb der EU. Ge­ra­de das Deut­sche Ka­pi­tal lenk­te von sei­nem Ziel der Pro­fit­stei­ge­rung durch Ex­port­aus­wei­tung ab, in­dem den Ar­bei­tern vor­geführt wur­de, dass durch die Markt- und Grenzöff­nung Hor­den von bil­li­gen Ar­beits­kräften aus an­de­ren Ländern er­war­tet wer­den. In den wei­te­ren 1990er-Jah­ren wur­den alle Verände­run­gen mit der „Glo­ba­li­sie­rung“ begründet. Die Ent­wick­lung in den asia­ti­schen „Ti­ger­staa­ten“, ver­bun­den mit den Kon­ter­re­vo­lu­tio­nen in so­zia­lis­ti­schen Ländern, mach­ten an­geb­lich ei­nen Bil­lig­lohn­wett­be­werb not­wen­dig. Ohnmäch­tig und hilf­los soll­ten wir ak­zep­tie­ren, dass die­ser Wett­be­werb nur durch viel Lohn­ver­zicht „ge­won­nen“ wer­den könne. Wir ha­ben uns da­mit in der KAZ-Aus­ga­be 298 in­ten­siv aus­ein­an­der­ge­setzt und die Be­haup­tun­gen wi­der­legt9. In un­se­rer si­cher­lich un­vollständi­gen Aufzählung erwähnen wir noch die „at­men­de Fa­brik“ des VW-Vor­stan­des Pe­ter Hartz (auch Na­mens­ge­ber von „Hartz IV“), mit wel­cher die­ser um die Jahr­tau­send­wen­de die vol­le Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung ver­lang­te. In der Ab­satz­kri­se Mit­te der 1990er-Jah­re wur­de die Ar­beits­zeit in den inländi­schen VW-Fa­bri­ken schon vorüber­ge­hend auf 28,8 Stun­den (bei weit­ge­hen­dem Lohn­ver­zicht) her­ab­ge­setzt, um sie bei an­stei­gen­der Kon­junk­tur auch über die ta­rif­ver­trag­li­chen 35-Stun­den aus­zu­wei­ten. At­men ta­ten übri­gens auch in die­ser Fa­brik letzt­lich nur die mensch­li­chen Ar­bei­ter, und zwar meist wie­der ein­mal schnel­ler und ge­hetz­ter.

Nun also „In­dus­trie 4.0“ oder Al­les „4.0“, was wie­der ein­mal Ohn­macht und Angst vor der ausländi­schen Kon­kur­renz schüren soll und da­mit von den Ka­pi­tal­in­ter­es­sen ab­len­ken. Die Bun­des­re­gie­rung, vor­an die Ar­beits­mi­nis­te­rin Nah­les hilft da­bei gern und schmeißt mit viel Getöse ein „Weißbuch Ar­bei­ten 4.0“ auf den Markt, um Ar­beits­recht und ins­be­son­de­re Ar­beits­zeit auf­zu­wei­chen und zu schlei­fen. Die „In­itia­ti­ve Neue So­zia­le Markt­wirt­schaft“ als Un­ter­ab­tei­lung des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Ge­samt­me­tall stellt in ei­nem Po­si­ti­ons­pa­pier vier grundsätz­li­che For­de­run­gen auf, die die Zie­le des Ka­pi­tals in die­ser an­geb­li­chen Re­vo­lu­ti­on deut­lich auf­zei­gen. Wenn es nach der „In­itia­ti­ve“ geht, sol­len Werk­verträge, Be­fris­tun­gen und Zeit­ar­beit wei­ter­hin nicht ein­ge­schränkt wer­den. Viel­mehr sol­len Rah­men­be­din­gun­gen für in­di­vi­du­el­le Ar­beits­zeit­ge­stal­tun­gen ge­schaf­fen wer­den. Dies be­deu­tet nicht we­ni­ger, als die Ab­schaf­fung ge­setz­li­cher Schutz­rech­te und die Auflösung von Ta­rif­verträgen. So heißt es in dem Pa­pier „Pau­scha­le Re­gu­lie­run­gen zum ver­meint­li­chen Schutz der Ar­beit­neh­mer wer­den die­sem Po­ten­zi­al [der fle­xi­blen Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on] je­doch nicht ge­recht. Viel­mehr gilt es, auf in­di­vi­du­el­le Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern zu set­zen. ... An die­se neu­en Möglich­kei­ten muss kon­se­quen­ter­wei­se auch das deut­sche Ar­beits­recht an­ge­passt wer­den. Fes­te, un­un­ter­bro­che­ne Ru­he­zei­ten und tägli­che Höchst­ar­beits­zei­ten pas­sen nicht mehr in die heu­ti­ge Zeit.“10 Zum „Ar­bei­ten 4.0“ oder dann „Aus­beu­ten 4.0“ wur­de in der vor­he­ri­gen KAZ-Aus­ga­be 358 be­reits viel erläutert und ge­sagt11. Wir se­hen: Die glatt und mo­dern da­her­kom­men­de „In­dus­trie 4.0“ wird schon wie­der zum Schlag ge­gen un­se­re In­ter­es­sen, wir sol­len mehr und fle­xi­bler ar­bei­ten, star­re Re­geln pas­sen nicht in das Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung. So wie früher an­geb­lich star­re Re­geln nicht zur „lean pro­duc­tion“, der „Glo­ba­li­sie­rung“ oder der „at­men­den Fa­brik“ pass­ten. Das erwähnte Weißbuch der Re­gie­rung wur­de übri­gens nicht mit der „In­dus­trie 4.0“ pro­du­ziert. Zwi­schen Be­stel­lung, ei­ner wei­te­ren Be­stel­lung, er­neu­ter Nach­fra­ge und Lie­fe­rung an uns la­gen meh­re­re Mo­na­te … So­viel zur ef­fi­zi­en­ten Da­ten­ver­ar­bei­tung.

Ist „Industrie 4.0“ eine neue industrielle Revolution?

Wenn wir die „vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on“ ernst­haft un­ter­su­chen wol­len, müssen wir von den durch die Ar­bei­ter­be­we­gung er­ar­bei­te­ten wis­sen­schaft­li­chen Be­griff­lich­kei­ten und De­fi­ni­tio­nen aus­ge­hen. Wir müssen die­se Dis­kus­si­on frei von bürger­li­cher Pro­pa­gan­da hal­ten und die we­sent­li­chen, das Pro­le­ta­ri­at be­tref­fen­den, wis­sen­schaft­lich re­le­van­ten und auf den Fort­schritt ge­rich­te­ten Ar­gu­men­te sam­meln und ord­nen. Die­je­ni­gen, die den Be­griff „In­dus­trie 4.0“ als zu­tref­fend an­se­hen, ver­bin­den da­mit die Aus­sa­ge, dass wir uns mit­ten in ei­ner oder zu­min­dest un­mit­tel­bar vor ei­ner tief­grei­fen­den Umwälzung al­ler Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se be­fin­den. Umwälzun­gen be­tref­fen aber nicht nur den Pro­duk­ti­ons­pro­zess an sich, son­dern wir­ken auf die ge­sam­te Ge­sell­schaft, verändern Be­zie­hun­gen und die ma­te­ri­el­le Lage, kurz: Sie be­tref­fen alle we­sent­li­chen Ele­men­te der Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se. Die Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se be­schrei­ben um­fas­send die je­wei­li­ge Stel­lung des Men­schen im Pro­duk­ti­ons­pro­zess in al­len dar­aus fol­gen­den Wech­sel­wir­kun­gen, also: den Men­schen in sei­ner Stel­lung zu sei­ner Um­welt und den an­de­ren Ge­sell­schafts­mit­glie­dern. Auf die­ser Grund­la­ge gilt es die Be­deu­tung von „In­dus­trie 4.0“ zu prüfen.

Die „Platt­form In­dus­trie 4.0“ de­fi­niert ihre Sicht: „In der In­dus­trie 4.0 ver­zahnt sich die Pro­duk­ti­on mit mo­derns­ter In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik. Trei­ben­de Kraft die­ser Ent­wick­lung ist die ra­sant zu­neh­men­de Di­gi­ta­li­sie­rung von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft. Sie verändert nach­hal­tig die Art und Wei­se, wie zukünf­tig in Deutsch­land pro­du­ziert und ge­ar­bei­tet wird: Nach Dampf­ma­schi­ne, Fließband, Elek­tro­nik und IT be­stim­men nun in­tel­li­gen­te Fa­bri­ken (so­ge­nann­te „Smart Fac­to­ries“) die vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on.

Tech­ni­sche Grund­la­ge hierfür sind in­tel­li­gen­te, di­gi­tal ver­netz­te Sys­te­me, mit de­ren Hil­fe eine wei­test­ge­hend selbst­or­ga­ni­sier­te Pro­duk­ti­on möglich wird: Men­schen, Ma­schi­nen, An­la­gen, Lo­gis­tik und Pro­duk­te kom­mu­ni­zie­ren und ko­ope­rie­ren in der In­dus­trie 4.0 di­rekt mit­ein­an­der. Pro­duk­ti­ons- und Lo­gis­tik­pro­zes­se zwi­schen Un­ter­neh­men im sel­ben Pro­duk­ti­ons­pro­zess wer­den in­tel­li­gent mit­ein­an­der ver­zahnt, um die Pro­duk­ti­on noch ef­fi­zi­en­ter und fle­xi­bler zu ge­stal­ten.“12

„In­dus­trie 4.0“ ist dem­nach ein qua­li­ta­ti­ver Sprung, eine grund­le­gen­de Verände­rung und kei­ne schritt­wei­se Wei­ter­ent­wick­lung des Be­ste­hen­den. Schritt­wei­se (quan­ti­ta­ti­ve) Ände­rung er­folgt seit dem Durch­bruch des Ka­pi­ta­lis­mus als Ge­sell­schafts­for­ma­ti­on ständig. Im­mer wird geändert und ent­wi­ckelt, wenn auch mit Hin­der­nis­sen und Rück­schlägen. In der Ten­denz er­folgt ins­be­son­de­re fortwährend der Er­satz mensch­li­cher Ar­beits­kraft durch Ma­schi­nen.

Die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on be­wirk­te aus­ge­hend von Großbri­tan­ni­en his­to­risch die Durch­set­zung des Ka­pi­ta­lis­mus als Ge­sell­schafts­sys­tem. Tech­nisch wird die­ser Sprung ver­bun­den mit der Er­fin­dung der Dampf­ma­schi­ne und der Durch­set­zung der Ma­schi­ne als Pro­duk­ti­ons­mit­tel, die der in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­wei­se den Weg eb­net. Fried­rich En­gels schrieb dazu in „Die Lage der ar­bei­ten­den Klas­se in Eng­land“ 1845: „Die Ge­schich­te der ar­bei­ten­den Klas­se in Eng­land be­ginnt mit der letz­ten Hälfte des vo­ri­gen Jahr­hun­derts [ab 1750], mit der Er­fin­dung der Dampf­ma­schi­ne und der Ma­schi­nen zur Ver­ar­bei­tung der Baum­wol­le. Die­se Er­fin­dun­gen ga­ben be­kannt­lich den An­s­toß zu ei­ner in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on, ei­ner Re­vo­lu­ti­on, die zu­gleich die gan­ze bürger­li­che Ge­sell­schaft um­wan­del­te und de­ren welt­ge­schicht­li­che Be­deu­tung erst jetzt anfängt er­kannt zu wer­den.“13 Zu­recht be­tont wird die Ver­bin­dung von tech­ni­scher und ge­sell­schaft­li­cher Umwälzung, die Ent­ste­hung der Ar­bei­ter als re­le­van­te Klas­se (wel­che da­mals den­noch wei­ter­hin eine Min­der­heit ge­genüber den Bau­ern dar­stell­te). En­gels be­zeich­net die Fa­brik­ar­bei­ter in dem ge­nann­ten Werk folg­lich auch als „ältes­te Kin­der der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on“14. Fast spöttisch be­schreibt er das Le­ben der Ar­bei­ter vor der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on, als die­se noch kei­ne Fa­brik­ar­bei­ter ge­we­sen wa­ren:

„Auf die­se Wei­se ve­ge­tier­ten die Ar­bei­ter in ei­ner ganz be­hag­li­chen Exis­tenz und führ­ten ein recht­schaf­fe­nes und ge­ru­hi­ges Le­ben in al­ler Gott­se­lig­keit und Ehr­bar­keit, ihre ma­te­ri­el­le Stel­lung war bei wei­tem bes­ser als die ih­rer Nach­fol­ger …Sie wa­ren „re­spek­ta­ble“ Leu­te und gute Fa­mi­li­enväter, leb­ten mo­ra­lisch, weil sie kei­ne Ver­an­las­sung hat­ten, un­mo­ra­lisch zu sein, da kei­ne Schen­ken und lie­der­li­chen Häuser in ih­rer Nähe wa­ren, und weil der Wirt, bei dem sie dann und wann ih­ren Durst löschten, auch ein re­spek­ta­bler Mann und meist ein großer Päch­ter war, der auf gu­tes Bier, gute Ord­nung und frühen Fei­er­abend hielt. Sie hat­ten ihre Kin­der den Tag über im Hau­se bei sich und er­zo­gen sie in Ge­hor­sam und der Got­tes­furcht;…Sie konn­ten sel­ten le­sen und noch viel we­ni­ger schrei­ben, gin­gen re­gelmäßig in die Kir­che, po­li­ti­sier­ten nicht, kon­spi­rier­ten nicht, dach­ten nicht, ergötz­ten sich an körper­li­chen Übun­gen, hörten die Bi­bel mit an­ge­stamm­ter An­dacht vor­le­sen und ver­tru­gen sich bei ih­rer an­spruchs­lo­sen De­mut mit den an­ge­se­he­ne­ren Klas­sen der Ge­sell­schaft ganz vor­treff­lich. Dafür aber wa­ren sie auch geis­tig tot, leb­ten nur für ihre klein­li­chen Pri­vat­in­ter­es­sen, für ih­ren Web­stuhl und ihr Gärt­chen und wußten nichts von der ge­wal­ti­gen Be­we­gung, die draußen durch die Mensch­heit ging. Sie fühl­ten sich be­hag­lich in ih­rem stil­len Pflan­zen­le­ben und wären ohne die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on nie her­aus­ge­tre­ten aus die­ser al­ler­dings sehr ro­man­tisch-gemütli­chen, aber doch ei­nes Men­schen unwürdi­gen Exis­tenz. Sie wa­ren eben kei­ne Men­schen, son­dern bloß ar­bei­ten­de Ma­schi­nen im Dienst der we­ni­gen Aris­to­kra­ten, die bis da­hin die Ge­schich­te ge­lei­tet hat­ten; die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on hat auch nur die Kon­se­quenz hier­von durch­ge­setzt, in­dem sie die Ar­bei­ter voll­ends zu bloßen Ma­schi­nen mach­te und ih­nen den letz­ten Rest selbständi­ger Tätig­keit un­ter den Händen weg­nahm, sie aber eben da­durch zum Den­ken und zur For­de­rung ei­ner mensch­li­chen Stel­lung an­trieb.“15



Der Streit um die De­fi­ni­ti­on et­wai­ger wei­te­rer in­dus­tri­el­ler Re­vo­lu­tio­nen ist dem ge­genüber vor­wie­gend tech­nisch geprägt. Er be­ginnt um die Be­haup­tung ei­ner zwei­ten in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on An­fang des 20. Jahr­hun­derts. Hier­bei ver­weist ein Teil auf die Einführung des Fließban­des als Ent­wick­lungs­sprung, der an­de­re sieht als We­sent­li­ches die flächen­de­cken­de Elek­tri­fi­zie­rung oder bei­des ge­mein­sam. Bei­de Neue­run­gen ha­ben frag­los wich­ti­ge Be­deu­tung, je­doch brach­ten sie kei­ne Ände­run­gen oder gar Sprünge in der Qua­lität ge­sell­schaft­li­cher Verhält­nis­se. Während die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on 100 Jah­re vor­her mit der Durch­set­zung des Ka­pi­ta­lis­mus, der Her­aus­bil­dung von Ka­pi­tal und Pro­le­ta­ri­at als we­sent­li­che, un­versöhn­li­che Klas­sen ver­bun­den war, fehlt eine ver­gleich­ba­re Ent­wick­lung hier. Als drit­te oder auch wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche Re­vo­lu­ti­on wird dann noch die Durch­set­zung der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie ab den 1980er-Jah­ren ge­se­hen. Mit die­ser veränder­ten sich frag­los alle Steue­rungs- und Au­to­ma­ti­sie­rungs­vorgänge in der Pro­duk­ti­on, Com­pu­ter­tech­nik wur­de Mas­sen­pro­dukt und zog als PC oder ver­baut in Elek­tro- und Küchen­geräten, Au­tos oder Kin­der­spiel­zeu­gen in prak­tisch je­den Haus­halt ein. Nun wird ak­tu­ell auf Ba­sis der wei­ter­ent­wi­ckel­ten Hard­ware (PC) aus der drit­ten in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on mit ver­gleichs­wei­se kur­zem Zeit­ab­stand die vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, das Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung oder eben In­dus­trie 4.0 de­fi­niert. Selbst wenn man dem folgt, kann nicht be­strit­ten wer­den, dass die­se an­geb­li­che vier­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on – im Ge­gen­satz zu den drei vor­her­ge­hen­den – nicht in der Rück­be­trach­tung de­fi­niert wird, son­dern im Vor­aus! Dies ist ein me­tho­di­scher Un­ter­schied und eine deut­li­che Dif­fe­renz zu den bis­he­ri­gen De­fi­ni­tio­nen.

Ob es sich nun­mehr bei der an­ste­hen­den Verände­rung um ei­nen qua­li­ta­ti­ven Sprung im Sin­ne ei­ner (wei­te­ren) in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on han­delt oder um die Fort­set­zung der ständi­gen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung, wird in et­li­chen lin­ken Pu­bli­ka­tio­nen nicht klar be­ant­wor­tet. Die Fra­ge wird auf­ge­wor­fen und et­was um­schli­chen, in der Ten­denz be­steht oft die Nei­gung, der The­se von der neu­en Re­vo­lu­ti­on zu­zu­stim­men oder die Ablösung des in­dus­tri­el­len durch das di­gi­ta­le Zeit­al­ter zu se­hen. Die Ar­bei­ter­klas­se und vor al­lem ihre Chan­cen in der Ent­wick­lung kom­men re­gelmäßig gar nicht oder kaum vor, es wer­den in gut ge­mein­ter Wei­se die Be­droh­lich­keit, die Ge­fah­ren für die Ver­schlech­te­rung der Lage nach­ge­zeich­net. Ver­gleicht man dies mit En­gels Be­schrei­bung der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on, bleibt es un­schlüssig. Dann wird die Ar­bei­ter­klas­se in den Be­schrei­bun­gen der „In­dus­trie 4.0“ ge­dank­lich ab­ge­schafft, weil die Ma­schi­nen ja demnächst al­les sel­ber ma­chen. Wahr­lich kei­ne neue Ent­wick­lung, schon lan­ge wird der Er­satz mensch­li­cher Ar­beits­kraft durch Ma­schi­nen als Auflösung der Ar­bei­ter­klas­se be­trach­tet. Während die, nach die­ser Sicht ers­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on die Ar­bei­ter als Klas­se form­te, macht die an­geb­lich vier­te also das Ge­gen­teil. Oder die ne­ga­ti­ven Wir­kun­gen der „In­dus­trie 4.0“ sind so ver­hee­rend dar­ge­stellt, dass da­nach gar nichts mehr geht, die Lage der Ar­bei­ter wird aus­sichts­los. Da­bei zei­gen doch Be­schrei­bun­gen wie die zi­tier­te von En­gels ge­ra­de, dass die Umwälzun­gen für die Ar­bei­ter­klas­se im­mer auch Chan­cen be­deu­ten. Die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on ver­schlech­ter­te die ma­te­ri­el­le Lage der Ar­bei­ter zunächst, aber sie bil­de­te gleich­zei­tig letzt­lich die Grund­la­ge für Re­vo­lu­tio­nen oder min­des­tens vorüber­ge­hen­de Ver­bes­se­run­gen. So schwer er­kenn­bar es für man­chen der­zeit sein mag, die Ent­wick­lung fördert auch im­mer wie­der den Kampf, die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte geht nie ohne die­ses Ele­ment. Da­her gab und gibt es un­se­res Er­ach­tens bis­her eine in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on und kei­ne wei­te­re Ände­rung der Qua­lität, ins­be­son­de­re kei­ne Ände­rung, die ein­her­ging mit sol­chen ge­sell­schaft­li­chen Umwälzun­gen, wie wir sie zi­tiert ha­ben.

Industrie 4.0 – Deutsche Steuerung für die Welt?

„In­dus­trie 4.0“ ist ein Be­griff aus Deutsch­land, eine eng­li­sche Ent­spre­chung wie „In­dus­try 4.0“ gibt es nicht. In den USA be­steht als Kon­kur­renz der Zu­sam­men­schluss „In­dus­tri­al In­ter­net Con­sor­ti­um“ (IIC), da­ne­ben gibt es ent­spre­chen­de Zu­sam­men­schlüsse in Frank­reich und Ja­pan. Auf der von den Bun­des­mi­nis­te­ri­en be­trie­be­nen In­ter­net­sei­te „Platt­form In­dus­trie 4.0“ heißt es dazu: „Die Platt­form führt intensive Dialoge mit nationalen und internationalen Allianzen, um Aus­tausch und Stan­dar­di­sie­rung vor­an­zu­trei­ben so­wie Deutsch­land als Leit­markt für In­dus­trie 4.0 zu po­si­tio­nie­ren. [..] In­ter­na­tio­nal ko­ope­riert die Platt­form mit dem In­dus­tri­al In­ter­net Con­sor­ti­um (USA), der Al­li­an­ce In­dus­trie du Fu­tur (Frank­reich) und der Ro­bot Re­vo­lu­ti­on In­itia­ti­ve (Ja­pan). Zu­dem gibt es ein Me­mo­ran­dum of Un­der­stan­ding und ei­nen ge­mein­sa­men Ak­ti­ons­plan mit Chi­na, ei­nen re­gelmäßigen Aus­tausch mit der Eu­ropäischen Uni­on so­wie den G20-Ländern.“16 Es gibt also vier un­ter­schied­li­che Ver­ei­ni­gun­gen, die Volks­re­pu­blik Chi­na hält sich noch re­la­tiv dis­tan­ziert. In der in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz geht es im­mer dar­um, wer die Stan­dards und Nor­men be­stimmt, wel­che Vor­aus­set­zun­gen für den Ab­satz außer­halb des Hei­mat­mark­tes be­ste­hen. In der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie, bei di­gi­ta­ler Ver­net­zung und Steue­rung gilt dies be­son­ders. Die Mit­glied­schaf­ten bei den ver­schie­de­nen Ver­an­stal­tun­gen sind da­bei teils durch­aus wech­sel­sei­tig: So sind Sie­mens, SAP oder Bosch auch Mit­glied im US-ame­ri­ka­ni­schen IIC17 und Ge­ne­ral Electric oder In­tel Deutsch­land auch Teil­neh­mer der Platt­form In­dus­trie 4.018.

Marx zu Maschinerie und große Industrie

„Alle ent­wi­ckel­te Ma­schi­ne­rie be­steht aus drei we­sent­lich ver­schied­nen Tei­len, der Be­we­gungs­ma­schi­ne, dem Trans­mis­si­ons­me­cha­nis­mus, end­lich der Werk­zeug­ma­schi­ne oder Ar­beits­ma­schi­ne. Die Be­we­gungs­ma­schi­ne wirkt als Trieb­kraft des gan­zen Me­cha­nis­mus. Sie er­zeugt ihre eig­ne Be­we­gungs­kraft, wie die Dampf­ma­schi­ne, ka­lo­ri­sche Ma­schi­ne, elek­tro-ma­gne­ti­sche Ma­schi­ne usw., oder sie empfängt den An­s­toß von ei­ner schon fer­ti­gen Na­tur­kraft außer ihr, wie das Was­ser­rad vom Was­ser­gefäll, der Windflügel vom Wind usw. Der Trans­mis­si­ons­me­cha­nis­mus, zu­sam­men­ge­setzt aus Schwungrädern, Treib­wel­len, Zahnrädern, Krei­selrädern, Schäften, Schnüren, Rie­men, Zwi­schen­ge­schirr und Vor­ge­le­ge der ver­schie­dens­ten Art, re­gelt die Be­we­gung, ver­wan­delt, wo es nötig, ihre Form, z.B. aus ei­ner per­pen­di­kulären in eine kreisförmi­ge, ver­teilt und überträgt sie auf die Werk­zeug­ma­schi­ne­rie. Bei­de Tei­le des Me­cha­nis­mus sind nur vor­han­den, um der Werk­zeug­ma­schi­ne die Be­we­gung mit­zu­tei­len, wo­durch sie den Ar­beits­ge­gen­stand an­packt und zweck­gemäß verändert. Die­ser Teil der Ma­schi­ne­rie, die Werk­zeug­ma­schi­ne, ist es, wo­von die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on im 18. Jahr­hun­dert aus­geht. Sie bil­det noch je­den Tag von neu­em den Aus­gangs­punkt, so­oft Hand­werks­be­trieb oder Ma­nu­fak­tur­be­trieb in Ma­schi­nen­be­trieb über­geht.“

Karl Marx, Ka­pi­tal Band I (MEW 23), Vier­ter Ab­schnitt, 13. Ka­pi­tel, S. 391-440
Aber es bleibt unüber­seh­bar: Es sind Kon­kur­renz­ver­an­stal­tun­gen, die von den je­wei­li­gen Mo­no­po­len be­stimmt wer­den: Sie­mens vor­ne­weg (mit Bosch und SAP) bei der Platt­form In­dus­trie 4.0; Ge­ne­ral Electric, In­tel, AT&T und IBM auf Sei­ten des ame­ri­ka­ni­schen IIC. Darüber hin­wegtäuschen können auch mit di­plo­ma­ti­schen Wor­ten geführte Kon­fe­ren­zen zwi­schen der Platt­form und dem IIC nicht, wie bei­spiels­wei­se im Frühjahr 2016 in Zürich auf „neu­tra­lem schwei­zer Bo­den“19. Sol­che Ko­ope­ra­tio­nen hal­ten im­mer nur vorrüber­ge­hend20. So­bald eine Sei­te in den Nach­teil gerät, bricht das Bünd­nis auf. Die Sicht der Kon­kur­renz bestätigt bei­spiels­wei­se der Vor­sit­zen­de der Geschäftsführung des Zen­tral­ver­bands Elek­tro­tech­nik- und Elek­tro­nik­in­dus­trie (ZVEI) Mit­tel­bach: „Zunächst benöti­gen wir die Po­li­tik, um in Eu­ro­pa ei­nen di­gi­ta­len Bin­nen­markt zu er­rich­ten. Ge­genüber den USA ha­ben wir da ei­nen ge­wis­sen Wett­be­werbs­nach­teil: Un­ser Bin­nen­markt ist erst dann tatsächlich groß, wenn er eu­ropäisch ist, aus­ge­stat­tet mit den ent­spre­chen­den Rah­men­be­din­gun­gen. Dann können wir den Wett­be­werb mit der Welt auf­zu­neh­men – und den brau­chen wir drin­gend auch im di­gi­ta­len Be­reich. .. Natürlich ist das IIC auch Wett­be­wer­ber der Platt­form In­dus­trie 4.0. Wir sind das The­ma al­ler­dings schon vor vie­len Jah­ren an­ge­gan­gen. Nicht um­sonst ist der Be­griff „In­dus­trie 4.0“ hier­zu­lan­de ent­stan­den, und wir ach­ten dar­auf, dass wir ihn nicht ins Eng­li­sche über­set­zen und von „In­dus­try 4.0“ spre­chen. Im Kern ist das IIC die Ant­wort der Ame­ri­ka­ner auf das, was wir in Deutsch­land [..]längst in­iti­iert ha­ben.“21 Die Kanz­le­rin wur­de auf dem Welt­wirt­schafts­fo­rum in Da­vos (Schweiz) 2015 noch et­was deut­li­cher: „Wir müssen – das sage ich als deut­sche Bun­des­kanz­le­rin an­ge­sichts ei­ner star­ken deut­schen Wirt­schaft – die Ver­schmel­zung der Welt des In­ter­nets mit der Welt der in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on – wir nen­nen das in Deutsch­land „In­dus­trie 4.0“ – schnell bewälti­gen, weil uns sonst die­je­ni­gen, die im di­gi­ta­len Be­reich führend sind, die in­dus­tri­el­le Pro­duk­ti­on weg­neh­men wer­den.“22

Ein schädli­ches Miss­verständ­nis der Kon­kur­renz be­geg­net uns auch in lin­ken Pu­bli­ka­tio­nen ge­le­gent­lich. Die frag­los in ih­rem Geschäft großen Ak­teu­re Ama­zon, Face­book und Goog­le wer­den dämo­ni­siert als Da­ten­kra­ken, die ihre um­fang­rei­chen In­for­ma­tio­nen nicht nur zum Pro­fit ma­chen ein­set­zen woll­ten, son­dern un­de­mo­kra­ti­sche Struk­tu­ren fördern, ge­le­gent­lich bis hin zur Be­haup­tung ei­nes dro­hen­den „Di­gi­tal­fa­schis­mus“. Hier­zu ist fest­zu­stel­len, dass Mo­no­po­le23 nie de­mo­kra­tisch sind, we­der US-ame­ri­ka­ni­sche, noch deut­sche, noch an­de­re. Es bleibt un­klar, war­um die drei im­mer so stark in dem Zu­sam­men­hang von „4.0“ her­aus­ge­ho­ben wer­den, in den Ver­an­stal­tun­gen von Platt­form In­dus­trie 4.0 oder IIC sind sie je­den­falls nicht ver­tre­ten. Wer den ab­so­lut be­rech­tig­ten Blick auf un­kon­trol­lier­te Da­ten­samm­lun­gen rich­tet, soll­te sich in Deutsch­land bei­spiels­wei­se den Bun­des­nach­rich­ten­dienst ge­nau­er an­se­hen. Die­se staat­li­che und von je­her un­de­mo­kra­ti­sche, maßgeb­lich von al­ten Na­zis auf­ge­bau­te Ein­rich­tung zeigt nun­mehr mit­ten in Ber­lin deut­lich ihre Funk­ti­on: 4.000 Be­am­te ho­cken in ei­nem Kom­plex mit ei­ner Aus­deh­nung von etwa 35 Fußball­fel­dern, es war zeit­wei­lig die größte Bau­stel­le Eu­ro­pas. Hier ist si­cher, dass al­ler­lei Da­ten nicht zu un­se­rem Nut­zen über uns ge­sam­melt wer­den, hier soll­te man kon­kret ge­gen di­gi­ta­le Ent­wick­lun­gen pro­tes­tie­ren, die frag­los un­de­mo­kra­tisch sind.24

Kapital bleibt Kapital

Bei al­len bunt ge­mal­ten Bil­dern über au­to­ma­ti­sche und di­gi­tal ver­netz­te Pro­duk­ti­on dürfen wir nie ver­ges­sen auf wel­chen öko­no­mi­schen Ge­setzmäßig­kei­ten der Ka­pi­ta­lis­mus be­ruht. Die­se können und wer­den nicht außer Kraft ge­setzt, durch tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen. Letz­te­re ma­chen nur den Grund­wi­der­spruch ka­pi­ta­lis­ti­scher Verhält­nis­se zwi­schen dem Pri­vat­be­sitz der Pro­duk­ti­ons­mit­tel durch eine win­zi­ge Schicht und der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on im­mer schrei­en­der. Auch die „In­dus­trie 4.0“ soll die Aus­beu­tung stei­gern und verschärfen und er­folgt auf Ba­sis der ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz. Schon die bei­den wich­tigs­ten, se­pa­ra­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen Platt­form In­dus­trie 4.0 und IIC zei­gen dies. Doch auch wenn es welt­weit nur eine ge­mein­sa­me Grup­pie­rung gäbe: Kon­kur­renz be­deu­tet in die­sem Zu­sam­men­hang rein tech­nisch ins­be­son­de­re die Tat­sa­che, dass die di­gi­ta­le Ver­net­zung zwi­schen den ein­zel­nen Pro­du­zen­ten eine Öff­nung be­deu­tet, teils auch Öff­nung ge­genüber der Kon­kur­renz. Wer hat da­bei die Herr­schaft über die De­fi­ni­tio­nen der Stan­dards, Schnitt­stel­len und Nor­men? Je­der die­ser Ka­pi­ta­lis­ten will, dass sich die je­weils an­de­ren öff­nen und Zu­gang zu ih­ren Sys­te­men gewähren, will sich gleich­zei­tig ge­genüber den an­de­ren aber möglichst we­nig öff­nen. Zu­min­dest wird je­der eine Op­ti­on ha­ben wol­len „den Ste­cker zie­hen zu können“. So­mit bleibt die ka­pi­ta­lis­ti­sche Kon­kur­renz letzt­lich ein unüber­wind­ba­res Hin­der­nis auf dem Weg zur pro­pa­gier­ten Re­vo­lu­ti­on im Ka­pi­ta­lis­mus. Er­kenn­bar ist da­bei nur, dass die klei­ne­ren Ak­teu­re, die Zu­lie­fe­rer und Hand­lan­ger der großen Mo­no­po­le ein wei­te­res Stück abhängi­ger von die­sen wer­den.

Kei­ne Ände­rung der Pro­duk­ti­ons­wei­se im Ka­pi­ta­lis­mus be­sei­tigt die ins­ge­samt chao­ti­schen Markt­verhält­nis­se, die an­ar­chis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se. Wo an der ei­nen Stel­le kom­ple­xe Pro­zes­se mit ho­hem Auf­wand schein­bar per­fekt durch­or­ga­ni­siert wer­den, schei­tert es kurz da­vor oder da­nach wie­der an ei­nem ver­gleichs­wei­se klei­nen De­tail. Bei VW als ge­wich­ti­gem Ak­teur von „Au­to­in­dus­trie 4.0“ fehl­ten im Fe­bru­ar 2017 plötz­lich Hand­schuh­fach­klap­pen für das Pas­sat Mo­dell. Täglich 1.100 Fahr­zeu­ge mit ei­nem Pro­dukt­wert von vie­len Mil­lio­nen konn­ten auf­grund ei­nes ver­gleichs­wei­se ge­ring­wer­ti­gen Kunst­stoff­tei­les nicht aus­ge­lie­fert wer­den. Ein pas­sen­der 3D-Dru­cker, der auf die Schnel­le Hand­schuh­fach­klap­pen in Los­größe25 von täglich 1.100 Stück lie­fert, war of­fen­sicht­lich nicht verfügbar und so muss­ten für et­li­che Mil­lio­nen Euro Parkplätze und lee­re Hal­len an­ge­mie­tet wer­den. Hier wur­den die fer­tig pro­du­zier­ten Fahr­zeu­ge zwi­schen­ge­la­gert, um auf ihre ab­sch­ließende Ver­ede­lung durch die Hand­schuh­fach­klap­pe zu war­ten. Je­der Kol­le­ge kennt aus sei­nem be­trieb­li­chen All­tag ver­gleich­ba­re Bei­spie­le, der die vie­len bun­ten Film­chen der rei­bungs­lo­sen und sich selbst­steu­ern­den Pro­duk­ti­on wi­der­legt. Auch kann man die­se Wi­dersprüche durch­aus im All­tag als Kon­su­ment er­le­ben, wir erwähnen nur die rei­bungs­lo­se, voll­au­to­ma­ti­sche Fla­schenrück­ga­be am Pfan­d­au­to­ma­ten ... Oder was bringt es, wenn man sich die ex­ak­te Ver­spätung der Deut­schen Bahn in Echt­zeit per App auf alle Geräte sen­den las­sen kann? Die Ver­spätun­gen wer­den da­durch nicht we­ni­ger, es wer­den Mit­tel zur ge­nau­en Er­fas­sung der Ver­spätun­gen statt zu de­ren Be­sei­ti­gung aus­ge­ge­ben. Das ist dann wohl „Ver­spätung 4.0“ und da­mit mehr Fäul­nis als Fort­schritt.

Auch wird kei­ne „wei­test­ge­hend selbst­or­ga­ni­sier­te“ Pro­duk­ti­on be­wir­ken, dass et­li­che der Pro­duk­te an­sch­ließend nicht auf zah­lungs­kräfti­ge Nach­fra­ge tref­fen, die Über­pro­duk­ti­on wird mit „In­dus­trie 4.0“ be­ste­hen blei­ben, bzw. mögli­cher­wei­se noch verstärkt. Die­ser As­pekt wird in der Dis­kus­si­on selbst­verständ­lich aus­ge­spart, es geht um Ef­fek­ti­vie­rung und Pro­fit­si­che­rung in­ner­halb des heu­ti­gen Sys­tems. Des­halb stößt jede Verände­rung früher oder später an die Gren­ze des Ab­sat­zes, der wei­ter durch die zah­lungs­kräfti­ge Nach­fra­ge be­stimmt wird. Es bleibt auch da­bei, dass Mehr­wert (bzw. Pro­fit als ver­wan­del­te Form des Mehr­werts) nur durch die kon­kre­te An­wen­dung mensch­li­cher Ar­beits­kraft, durch die Aus­beu­tung ent­steht. Je mehr ver­gan­ge­ne mensch­li­che Ar­beits­kraft wie­der­um in Ma­schi­nen, An­la­gen oder Steue­run­gen (kon­stan­tes Ka­pi­tal) an­gehäuft wird, des­to ge­rin­ger ist ten­den­zi­ell die Pro­fi­tra­te. So sehr das Ka­pi­tal da­nach strebt, mit möglichst we­nig Men­schen zu pro­du­zie­ren, des­to schnel­ler fällt ih­nen die­ses Stre­ben auf die Füße und be­wirkt das Ge­gen­teil des­sen, was ge­wollt war: we­ni­ger Pro­fit als mehr. In­so­fern gilt auch hier: „In­dus­trie 4.0“ min­dert ten­den­zi­ell die Pro­fi­tra­te.

Weil dies al­les so ist, ist „In­dus­trie 4.0“ ein wich­ti­ges The­ma für die Werktäti­gen und die Ge­werk­schaf­ten, weil es ihre Be­din­gun­gen berührt. Da­bei fra­gen wir uns, was der IG Me­tall-Vor­sit­zen­de Hof­mann im Lei­tungs­gre­mi­um der Platt­form In­dus­trie 4.0 denn so ge­nau macht. Der An­griff, der im Zuge von „4.0“ der­zeit rollt, er­for­dert die Or­ga­ni­sie­rung von Ge­gen­wehr, kei­ne „Mit­ge­stal­tung“ in trau­ten Dis­kus­si­ons­run­den. Denn spätes­tens wenn das Ka­pi­tal fest­stellt, dass die gan­zen schönen Luft­schlösser von 4.0 ei­nen Hau­fen Geld ge­kos­tet ha­ben, wird man die Ar­bei­ter wie­der ein­mal zum Zah­len ru­fen. Das im Blick zu ha­ben, ist rich­tig, „Angst und Ohn­macht 4.0“ hilft uns da­bei nicht und Er­star­ren vor der schein­bar völlig neu­en Pro­duk­ti­ons­welt auch nicht.

Die Frage bleibt: Die oder wir!

Statt­des­sen gilt es doch fest­zu­stel­len: Der jetzt un­ter dem Deck­man­tel von „4.0“ geführte An­griff auf die ge­setz­lich fest­ge­leg­te Ar­beits­zeit, das Be­stre­ben des Ka­pi­tals nach zeit­lich un­be­grenz­ter Verfügung über un­se­re Ar­beits­kraft, be­trifft un­mit­tel­bar die ge­sam­te Ar­bei­ter­klas­se, über alle heu­te schon be­ste­hen­den Dif­fe­ren­zie­run­gen und Spal­tun­gen hin­weg:

Er be­trifft die dop­pelt un­ter­drück­ten Kol­le­gen im Os­ten, wie die im Wes­ten; die Be­leg­schaf­ten in den Großbe­trie­ben, wie die in den vielfälti­gen klei­ne­ren oder Kleinst­be­trie­ben; die Leih­ar­bei­ter und be­fris­tet An­ge­stell­ten, wie die sog. Stamm­be­leg­schaf­ten; die Lohn­abhängi­gen in den­je­ni­gen Be­rei­chen, in de­nen aus un­ter­schied­li­chen Gründen der­zeit ein Fach­kräfte­man­gel herrscht und die des­halb et­was bes­se­re Be­din­gun­gen beim Ver­kauf ih­rer Ar­beits­kraft ha­ben, wie die­je­ni­gen, die auf­grund ge­rin­ger Aus­bil­dung oder weil ihre Aus­bil­dung als Ein­wan­de­rer nicht an­er­kannt wird.

Da­bei sind wie im­mer die Gründe für den Man­gel be­stimm­ter Ar­beits­kräfte („Fach­kräfte­man­gel“) wie im­mer durch den deut­schen Im­pe­ria­lis­mus selbst ge­macht. So wer­den in dem unsäglich rückständi­gem Bil­dungs­sys­tem zwar mehr Ab­itu­ri­en­ten als je zu­vor pro­du­ziert. Die­se ha­ben trotz Schwächen in Grund­fer­tig­kei­ten wie Kopf­rech­nen oder Recht­schrei­bung so­gar im­mer bes­se­re No­ten. Den­noch wer­den in paar Jah­re später et­li­che von ih­nen Stu­di­en­ab­bre­cher. Oder aber es wer­den ver­mehrt Leih­ar­bei­ter ein­ge­stellt, statt Fach­kräfte aus- und wei­ter­zu­bil­den, Leih­ar­beits­fir­men bil­den nicht aus. So be­steht in Deutsch­land auf Fach­ar­bei­ter­ebe­ne und ins­be­son­de­re in tech­ni­schen Be­ru­fen ein be­gin­nen­der Ar­beits­kräfte­man­gel. Ne­ben De­fi­zi­ten im Bil­dungs­sys­tem wirkt hier auch der be­son­de­re As­pekt der Fäul­nis, dass et­li­che gut aus­ge­bil­de­te In­ge­nieu­re als tech­ni­sche Verkäufer oder Gut­ach­ter in ir­gend­wel­chen Strei­tig­kei­ten ihr teils durch­aus gut­be­zahl­tes Aus­kom­men ha­ben. Es geht da­bei aber nicht um for­schen, ent­wi­ckeln und bau­en, son­dern le­dig­lich um Pro­fit­ver­tei­lung zwi­schen ver­schie­de­nen Ka­pi­ta­lis­ten.26

In die­sem gan­zen Cha­os und Elend steht im Ka­pi­ta­lis­mus im­mer die Fra­ge: Mehr Zeit für uns, für un­se­re In­ter­es­sen, mehr Zeit zum Le­ben und zum Kämp­fen, ha­ben wir noch nie ge­schenkt be­kom­men. Und es wäre dumm von uns zu glau­ben, es gäbe im Ka­pi­ta­lis­mus auch nur den ge­rings­ten Fort­schritt, ohne un­se­ren Kampf ge­gen die Klas­se der Ka­pi­ta­lis­ten oder das ließe sich über „rich­tig“ wählen re­geln. An­pas­sung an die „neu­en Be­din­gun­gen“, an die „Ar­beit 4.0“, an den tech­ni­schen Fort­schritt kann und muss für uns heißen: Kei­ne Ar­beits­zeit­verlänge­rung – wie vom Ka­pi­tal ver­langt –, son­dern Ar­beits­zeit­verkürzung und planmäßige Pro­duk­ti­on für un­se­re Bedürf­nis­se statt Pro­duk­ti­on für den Pro­fit des Ka­pi­tals, bei der die Ge­fahr von Fa­schis­mus und Krieg sys­tem­im­ma­nent ist.

Es gilt also die Kräfte für den Kampf ge­gen die­sen An­griff zu kon­zen­trie­ren und aus­ge­hend von den ob­jek­tiv schlag­kräfti­gen Be­leg­schaf­ten in den Großbe­trie­ben im gan­zen Land in den Be­trie­ben und Ge­werk­schaf­ten die Aus­ein­an­der­set­zung um die Or­ga­ni­sie­rung des po­li­ti­schen Streiks zu führen. Hände weg vom ge­setz­li­chen Acht-Stun­den-Tag, statt­des­sen Verkürzung des Ar­beits­ta­ges, das muss die Ant­wort sein auf die Dis­kus­si­on um „4.0“. Da­mit die Klas­se als Klas­se für je­den Lohn­abhängi­gen wie­der sicht­bar wird. Um an die Lösung der Fra­ge her­an­zu­kom­men, die Fried­rich En­gels be­reits im Vor­wort zu Marx „Lohn­ar­beit und Ka­pi­tal“ als möglich und not­wen­dig zu lösen for­mu­lier­te und de­ren Lösung heu­te im­mer drängen­der wird: „Aber die­se stets ra­scher ein­an­der ver­drängen­den Er­fin­dun­gen und Ent­de­ckun­gen, die­se sich in bis­her un­erhörtem Maße Tag auf Tag stei­gern­de Er­gie­big­keit der mensch­li­chen Ar­beit schafft zu­letzt ei­nen Kon­flikt, wor­in die heu­ti­ge ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft zu­grun­de gehn muss. Auf der ei­nen Sei­te un­er­mess­li­che Reichtümer und ei­nen Über­fluss von Pro­duk­ten, den die Ab­neh­mer nicht bewälti­gen können. Auf der an­dern die große Mas­se der Ge­sell­schaft pro­le­ta­ri­siert, in Lohn­ar­bei­ter ver­wan­delt und eben da­durch unfähig ge­macht, je­nen Über­fluss von Pro­duk­ten sich an­zu­eig­nen. Die Spal­tung der Ge­sell­schaft in eine klei­ne, übermäßig rei­che und eine große, be­sitz­lo­se Lohn­ar­bei­ter­klas­se be­wirkt, dass die­se Ge­sell­schaft in ih­rem eig­nen Über­fluss er­stickt, während die große Mehr­zahl ih­rer Glie­der kaum oder nicht ein­mal vor dem äußers­ten Man­gel geschützt ist. Die­ser Zu­stand wird mit je­dem Tag wi­der­sin­ni­ger und – unnöti­ger. Er muss be­sei­tigt wer­den, er kann be­sei­tigt wer­den. Eine neue Ge­sell­schafts­ord­nung ist möglich, wor­in die heu­ti­gen Klas­sen­un­ter­schie­de ver­schwun­den sind und wo – viel­leicht nach ei­ner kur­zen, et­was knap­pen, aber je­den­falls mo­ra­lisch sehr nütz­li­chen Über­g­angs­zeit – durch planmäßige Aus­nut­zung und Wei­ter­bil­dung der schon vor­hand­nen un­ge­heu­ren Pro­duk­tiv­kräfte al­ler Ge­sell­schafts­glie­der, bei glei­cher Ar­beits­pflicht, auch die Mit­tel zum Le­ben, zum Le­bens­ge­nuss, zur Aus­bil­dung und Betäti­gung al­ler körper­li­chen und geis­ti­gen Fähig­kei­ten, gleichmäßig und in stets wach­sen­der Fülle zur Verfügung stehn.“27


Anmerkungen:
1 kaz-online.de/artikel/mit-weissbuch-arbeiten-4-0-gegen-arbeitsrecht-und-arbeitszeit
2 Süddeutsche Zeitung 30.06.2016 www.sueddeutsche.de/karriere/bildung-lehre-im-wandel-1.3054987
3 Handelsblatt 23.09.2014 nach www.handelsblatt.com/technik/vernetzt/auto-4-0-wenn-alt-und-neu-zusammenarbeiten/10738828.html
4 Berliner Zeitung 21.12.2016 www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/-verbraucherschutz-4-0-gruenen-politiker-remmel-moechte-reichenrabatt-abschaffen-25354428
5 www.vdi.de/technik/fachthemen/bauen-und-gebaeudetechnik/studenten-und-jungingenieure/wohnen-40/
6 Gemeint sind „Cyber-Krieg“ und „Cyber-Abwehr“. Die Formulierungen tauchen im Bericht zur Münchner Sicherheitskonferenz 2017 auf.
7 Die ver.di-Branchenzeitung: DRUCK + PAPIER 04.2014 S. 8 www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=9&ved=0ahUKEwjsyceEif7SAhVCWRoKHTvmAFwQFghWMAg&url=https%3A%2F%2Fverlage-druck-papier.verdi.de%2F%2B%2Bfile%2B%2B54046d48aa698e36700001d6%2Fdownload%2Fd%252Bp%25204-2014.pdf&usg=AFQjCNGBeSe_RDGcnwReq3vQj7txJIWI3Q&cad=rja
8 Bedeutet soviel wie positive Veränderung
9 archiv.kaz-online.de/magazine.php?curl=cur&i=287
10 INSM-Position: Arbeit 4.0, Digitalisierung als Chance S. 2
11 kaz-online.de/artikel/mit-weissbuch-arbeiten-4-0-gegen-arbeitsrecht-und-arbeitszeit
12 www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Industrie40/WasIndustrie40/was-ist-industrie-40.html
13 Engels in Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW), Band 2, S. 237, Dietz Verlag Berlin, Ausgabe 1962
14 ebenda, S. 253
15 ebenda, S. 238 ff.; Hervorhebung durch uns
16 www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Plattform/Ergebnisse/ergebnisse.html
17 www.iiconsortium.org/members.htm
18 www.plattform-i40.de/I40/Redaktion/DE/Downloads/Publikation-gesamt/zusammensetzung_plattform.pdf?__blob=publicationFile&v=9
19 www.plattform-i40.de/I40/Redaktion/EN/PressReleases/2016/2016-03-02-kooperation-iic.html
20 Wobei hier unklar ist, ob es sich überhaupt um eine ernsthaft angestrebte Kooperation handelt
21 www.handelsblatt.com/technik/hannovermesse/plattform-industrie-4-0-deutschland-wehrt-sich-gegen-das-y/11636154.html
22 www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2015/01/2015-01-22-merkel-wef.html
23 Also die großen, herrschenden Kapitalkonzentrationen, in denen das Bank- und Industriekapital verschmilzt
24 www.bnd.bund.de/DE/Organisation/Neubau_der_Zentrale/Fakten_neue_Zentrale/fakten_zentrale_node.html
25 Produktionsmenge
26 So erkennt man bei Großaufträgen oder großen Bauprojekten mittlerweile drei Gruppen von Ingenieuren. Die erste Gruppe bei den Bau- oder Maschinenbaufirmen, die Lücken in den Verträgen oder vereinbarten Aufträgen suchen, um zusätzliche Rechnungen durchzusetzen. Die zweite Gruppe des Auftraggebers, die diese zusätzlichen Ansprüche versucht abzuwehren und die dritte Gruppe, die in der ganzen chaotischen Anarchie versucht, das eigentliche Werk (Maschine, Gebäude oder Straße) tatsächlich von den Arbeitern erstellen zu lassen.
27 Karl Marx/Friedrich Engels – Werke (MEW), Band 22, Dietz Verlag, S. 209; Hervorhebungen (fett) im Original kursiv

 


 
   Kommentar zum Artikel von FPeregrin:
Sonntag, 16.07.2017 - 15:27

Zunächst vielen Dank für die Veröffentlichung dieses sehr wichtigen Artikels an dieser Stelle!

„Angst und Ohn­macht 4.0“ - dies ist m.E. die entscheidende Wendung, die die Intention der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat hinlänglich charakterisiert. Und hier setzt auch meine sehr sachte Kritik - die eigentlich eine Weiterung ist - an: "Der Be­griff „In­dus­trie 4.0“" - Es ist aber gar kein Begriff (= Bedeutung, = Inhalt), sondern eine Leer-Bezeichnung, deren Inhalt sich der proletarische Rezipient irgendwie zu suchen hat. Er kennt den Inhalt natürlich nicht, er findet ihn auch nicht, da er nie definiert worden ist oder er gar irgendwo seine praktische Leistungsfähigkeit gezeigt hätte. In der Annahme, es müsse aber einen Inhalt geben, fühlt der proletarische Rezipient sich dumm und ausgeliefert, solange er diese Verblödungs-Masche der Drecks-Bourgeoisie und ihrer "gelehrten" Papageien nicht kennt. So arbeiten sie aber immer; und es ist ihre halbe Miete im ideologischen Klassenkampf.

Dies hätte ich gern noch drin gesehen, denn ist die Masche einmal erkannt, ist diese Erkenntnis geeignet, die Gefühlslage 'Angst & Ohnmacht' umschlagen zu lassen in 'Wut & Selbstbewußtsein' - ohne dieses Umschlagen werden wir nicht in der Lage sein, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen!

Dem Rest des Artikels tut diese Anmerkung keinen Abbruch: Wie gesagt - vielen Dank!


   Kommentar zum Artikel von Osoaviakim:
Sonntag, 16.07.2017 - 17:08

fand den Artikel auch sehr gut u. teile gern bei fb!


   Kommentar zum Artikel von FPeregrin:
Samstag, 22.07.2017 - 15:51

Das ist richtig: Er gehört unter die Leute!


   Kommentar zum Artikel von Cailash:
Montag, 30.10.2017 - 00:59

Sehr guter Artikel vielen Dank.!