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    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg
      begonnen von retmarut am 07.10.2015
      Seite: 12  
    07.10.2015, 08:43 Uhr
    EDIT: retmarut
    07.10.2015, 09:00 Uhr
    Communarde
    retmarut
    Hat jemand eine plausible Begründung, warum Russland gerade jetzt in den syrischen Bürgerkrieg eingreift?

    Offiziell heißt es meines Wissens von russischer Seite, man wolle gegen die dortigen Terrormilizen (eben IS, Al Nusra, die diversen bewaffneten "Oppositionsgruppen"), weil dort bereits über 5.000 russische Staatsbürger in deren Reihen kämpfen - und irgendwann nach Russland zurückkehren und dort ihre Terroraktionen fortsetzen werden.

    Es kann durchaus sein, dass die Zahl derer in den letzten Wochen angestiegen sein mag, aber das Problem bestand auch schon vor Monaten. Also warum gerade dieser Zeitpunkt?

    Vor einigen Tagen hieß es noch, es habe Absprachen zwischen Russland und den USA gegeben, gemeinsam gegen den IS vorzugehen. Die Einsätze des russischen und US-amerikanischen Militärs würden zumindest in groben Linien untereinander koodiniert.

    Viel Gehalt können diese Absprachen aber nicht gehabt haben, schließlich poltert die US-Außenpolitik derzeit herum, weil sie durch das russische Eingreifen Assads Position gestärkt sehen. Und die Türkei trumpft mit der großen NATO-Beistandskarte auf, weil sie ihren Luftraum verletzt sehen; letzterer wird seitens Ankara sehr großzügig ausgelegt und umfasst mittlerweile auch Teile des syrischen Luftraums.
    07.10.2015, 09:18 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    mischa
    Ich zitier mal eine trotzkistische Mini-Abteilung:

    Moskau verfolgt mit seinem Vorgehen das Ziel, die Versuche der USA zu unterbinden, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen. Assad ist Russlands einziger arabischer Verbündeter im Nahen Osten und in Syrien liegt sein einziger Marinehafen außerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Mit Russland, den USA und Frankreich führen drei der stärksten Militärmächte der Welt unkoordinierte Kampfeinsätze innerhalb der engen Grenzen des Landes durch. Zudem bereitet sich Großbritannien darauf vor, in den kommenden Wochen ebenfalls militärisch aktiv zu werden.

    Wie russische Regierungsvertreter am Donnerstagmorgen bekanntgaben, haben russische Kampfflugzeuge Ziele in den nordwestsyrischen Provinzen Homs, Hama und Idlib angegriffen. Zuvor war es bereits am Mittwoch zu Angriffen in diesen Gebieten gekommen. Russland korrigierte seine vorherigen Behauptungen, es werde nur Streitkräfte des Islamischen Staates (IS bzw. ISIL) angreifen und fügte den syrischen Al Qaida-Ableger, die al Nusra-Front, zur Liste seiner Ziele hinzu. Gleichzeitig dementierte Moskau Vorwürfe der USA, es habe Angriffe gegen die Freie Syrische Armee (FSA) geflogen, eine „Rebellen“-Organisation, von der amerikanische Medien und Regierungsvertreter offen zugeben, dass sie von der CIA ausgebildet und finanziert wird.

    Der russische Außenminister Sergei Lawrow erklärte bei einem Interview vor den Vereinten Nationen in New York, die russischen Luftangriffe richteten sich „nur gegen den ISIL, die al Nusra-Front oder andere Gruppierungen, die vom UN-Sicherheitsrat oder von russischen Gesetzen als terroristische Vereinigungen eingestuft werden.“ Weiter erklärte er, Russland betrachte die Freie Syrische Armee nicht als terroristische Vereinigung, und fügte hinzu: „Wir glauben, die Freie Syrische Armee sollte am politischen Prozess beteiligt werden.“

    Die Obama-Regierung reagierte auf Russlands Eintritt in die Kämpfe in Syrien mit einer Verschärfung ihrer Haltung. Am Mittwoch hatte der Sprecher des Repräsentantenhauses, Josh Earnest, die Bedeutung von Russlands Eingreifen heruntergespielt. Am Donnerstag verurteilte er Russland jedoch für seine „unterschiedslosen Militäroperationen gegen die syrische Opposition“ und bezeichnete sie drohend als „gefährlich für Russland.“

    Bei der Pressekonferenz am Donnerstag gab Earnest außerdem bekannt, dass sich amerikanische und russische Regierungsvertreter am gleichen Tag zu stundenlangen Konfliktlösungsgesprächen getroffen hätten. Ziel dieser Gespräche sei es gewesen, einen Zusammenstoß zwischen Flugzeugen der beiden Länder zu verhindern.

    Der US-Imperialismus trägt die Hauptverantwortung dafür, dass die syrische Gesellschaft zerstört wurde und sich das Land in einen Krisenherd verwandelt hat, an dem sich ein Atomkrieg entzünden könnte. Die USA hatten auch in Libyen einen Luftkrieg gegen das Staatsoberhaupt Muammar Gaddafi angeführt und mit islamistischen Milizen zusammengearbeitet, von denen viele Kontakte zu Al Qaida hatten. Nach Gaddafis Sturz und Ermordung zettelten die USA in Syrien einen sektiererischen Bürgerkrieg an, um das Assad-Regime zu stürzen.

    Genau wie die Interventionen in Libyen, in Afghanistan und im Irak sollte die Intervention in Syrien ein amerikanisches Marionettenregime an die Macht bringen, um die USA bei der Errichtung ihrer Hegemonie über den Nahen Osten und der Kontrolle über die riesigen Energiereserven der Region zu unterstützen. Ihre Verbündeten bei diesem Vorhaben sind die sunnitischen Golfmonarchien und die Türkei.

    Der Krieg zum Regimewechsel in Syrien hat endloses Blutvergießen und Anarchie über das Land gebracht. Schätzungen gehen von 300.000 Todesopfern aus, elf Millionen der dreiundzwanzig Millionen Menschen in Syrien wurden zu Binnenvertriebenen und etwa vier Millionen sind ins Ausland geflohen, hunderttausende von ihnen versuchen nach Europa einzureisen.

    Die russischen Luftangriffe haben wieder einmal enthüllt, dass Washingtons angeblicher Krieg gegen den Terrorismus, in Syrien und allgemein, eine Farce ist. Die Region, gegen die sich Moskaus Angriffe richten, wird von einer Koalition von hauptsächlich islamistischen Milizen namens Dschaisch al-Fatah kontrolliert. Die Gruppe hatte im April die Provinzhauptstadt Idlib erobert und einen Monat später die strategisch wichtige Stadt Dschisr al-Schaghur eingenommen, die in der Nähe von Assads alawitischem Kernland Latakia liegt.

    Die dominante Kraft in Dschaisch al-Fatah ist die al Nusra-Front, der syrische Ableger von Al Qaida. Die andere große Miliz ist die Ahrar al-Scham, die ebenfalls mit Al Qaida verbündet ist. Die Freie Syrische Armee, die von der CIA unterstützt wird, kämpft entweder als Mitglied in einer Koalition mit diesen oder an ihrer Seite.

    Wie der britische Telegraph am Donnerstag schrieb, macht es Russland „dem Westen durch seine Angriffe auf den lokalen Ableger von Al Qaida schwer, diese Angriffe zu kritisieren oder Russlands Darstellung dieser Ziele als 'Terroristen' in Frage zu stellen.“

    Das ändert allerdings nichts daran, dass Russlands Intervention völlig reaktionär ist. Präsident Wladimir Putin, der Repräsentant der kriminellen kapitalistischen Oligarchen, welche die postsowjetische Gesellschaft dominieren, versucht auf diese Weise, Moskaus Einflussbereich im Nahen Osten und die Finanzinteressen der russischen Öl- und Gasmonopolisten zu verteidigen.

    Russland hofft, seine Position in Syrien stärken zu können, um mit den USA ein Abkommen über die Bildung einer neuen Regierung mit oder ohne Assad auszuhandeln, durch das Teile des derzeitigen Regimes an der Macht bleiben könnten und Russlands Interessen geschützt würden. Sein Vorgehen hat zwar defensiven Charakter, denn Russland versucht, die Machtübernahme einer amerikanischen Marionettenregierung in Damaskus zu verhindern. Diese würde zu einer Eskalation von Washingtons Versuchen führen, Russland militärisch einzukreisen und schließlich zu zerstückeln – doch durch Russlands Vorgehen wird die Gefahr eines größeren Krieges nur verschärft.

    Die Syrienpolitik der USA befand sich bereits vor Russlands Luftangriffen in der Krise. Obwohl sie seit mehr als einem Jahr Luftangriffe fliegen, konnten sie die Kontrolle des IS über große Teile des syrischen Staatsgebietes nicht schwächen. Ein Programm des Pentagon mit einem Etat von 500 Millionen Dollar, durch das nicht islamistische Truppen für den Kampf gegen den IS und Assad ausgebildet werden sollten, hat sich als Fiasko erwiesen. Wie der Vorsitzende des US Central Command vor dem Kongress zugab, wurden bisher nur insgesamt „vier oder fünf“ Soldaten in Syrien eingesetzt. Washington war nicht in der Lage, Moskau daran zu hindern, Truppen in Westsyrien zu stationieren. Präsident Obama war daher gezwungen, am Montag bei der UN wieder mit Putin zu reden, um über eine mögliche politische Einigung zu diskutieren.

    Washingtons anfängliche Reaktion auf die russischen Luftangriffe war ein Ausdruck der Verwirrung, die in den herrschenden Kreisen Amerikas wegen Syrien herrscht. Eine Minderheit fordert die Regierung auf, von ihrer Forderung nach dem Rücktritt Assads abzurücken. Die führende Demokratin im Geheimdienstausschuss des Senats, Dianne Feinstein, drängte auf eine „Zusammenarbeit“ mit Moskau und erklärte: „Das Wichtigste ist es, den IS zu besiegen. Dann kann es in Syrien Wahlen geben, und man kann abwarten, wer sie gewinnt. Es gibt keinen unmittelbaren, offensichtlichen Nachfolger von Baschar al-Assad.“

    Der Republikanische Senator James Lankford aus Oklahoma erklärte, die USA sollten das Ziel, Assad zu stürzen, „zumindest vorübergehend“ aufgeben. Unterstützung erhielt er hierbei von dem Republikaner David Perdue aus Georgia. Er erklärte, solange die USA keine Strategie hätten, um den IS zu besiegen, „wird es schwierig werden, mit dem Assad-Regime fertigzuwerden.“

    Einflussreicher sind jedoch die Stimmen, die eine noch rücksichtslosere Eskalation gegenüber Assad und Putin fordern. Sie sprechen für mächtige Kreise der Außenpolitik sowie des Militär- und Geheimdienstapparates, die das Atomabkommen mit dem Iran entschieden ablehnen und auf einen Krieg gegen Russland und China drängen.

    Der Republikanische Vorsitzende des Militärausschusses des Senats, John McCain, sprach am Mittwoch für diese Fraktion. Er erklärte im Senat: „Putin hat sich die Katastrophe zunutze gemacht, zu der sich die Nahostpolitik dieser Regierung entwickelt hat. Genau wie in der Ukraine und in anderen Teilen der Welt betrachtet er die Untätigkeit und Vorsicht der Regierung als Schwäche und nutzt sie aus.“

    Am Donnerstag erklärte McCain in einem Interview mit CNN, er könne „mit Sicherheit bestätigen,“ dass sich die ersten russischen Angriffe gegen „unsere Freie Syrische Armee oder gegen Gruppen gerichtet haben, die von der CIA bewaffnet und ausgebildet wurden...“

    McCain weist damit indirekt auf eine Änderung der Einsatzregeln des Pentagon in Syrien hin, die im Frühjahr von der Obama-Regierung angekündigt wurde. Teile der Medien beziehen sich sogar ganz offen auf diese Änderung, die es US-Truppen erlaubt, gegen syrische Regierungstruppen oder andere Gruppen bzw. Länder zu kämpfen, die von den USA unterstützte „Rebellen“ angreifen. Damit soll das Weiße Haus gedrängt werden, nicht nur Damaskus, sondern auch Russland anzugreifen"
    07.10.2015, 11:09 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    Toto
    Ich antworte mal kurz gebunden.

    Warum jetzt das russische Eingreifen?

    1. Der Atomdeal mit dem Iran ist nun abgeschlossen. Er muss nur noch von den entsprechenden nationalen Gremien bestätigt werden. Aus dem Deal ist der Iran, Russlands Verbündete in Syrien, gestärkt rausgegangen. Und er nimmt den Iran etwas vom Abschuss. Die USA ist offensichtlich geschwächt.

    2. Russlands diplomatische Bemühungen mit der verschiedenen syrischen Oppositionellen ist weitgehend geklärt. Das ist neu. Aber die regionalen Mächte Türkei, Saudi-Arabien schalten weiterhin auf Stur und supporten die verschiedenen Terrorgruppen in Syrien.

    3. In Syrien herrscht ein Patt-Situation, der vom "Westen" am Leben gehalten wird. Russlands Eingreifen soll diesen Gleichgewicht des Todes beenden und entscheiden. Sie haben erkannt, dass der "Westen" keine Interesse daran hat.


    Entscheidend finde ich die Schwäche des US-Imperialismus für diese russische Entscheidung. Die USA hat sich im nahen Osten zweimal gegen den Krieg entschieden, einmal in Syrien 2013 (Giftgas-Geschichte). Russlands ist damals mit geschickter Diplomatie gelungen die US-Imperialisten den Druck Krieg zu machen weggenommen und bei der Atomdeal mit dem Iran ist ähnliches gelungen.

    Die (militärische !!!!) Schwäche des US-Imperialismus sollte uns mit Sorge begleiten, da sie den deutschen Imperialismus neue Möglichkeiten eröffnet, seine eigene Gelüste zu erhöhen.
    07.10.2015, 11:34 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    EDIT: retmarut
    07.10.2015, 12:55 Uhr
    Communarde
    retmarut
    @Mischa:
    Von welcher trotzkistischen Organisation stammt denn der Text?
    Der Text selber ist schon etwas mäandernd:
    "Sein Vorgehen hat zwar defensiven Charakter, denn Russland versucht, die Machtübernahme einer amerikanischen Marionettenregierung in Damaskus zu verhindern. Diese würde zu einer Eskalation von Washingtons Versuchen führen, Russland militärisch einzukreisen und schließlich zu zerstückeln – doch durch Russlands Vorgehen wird die Gefahr eines größeren Krieges nur verschärft."
    Merkwürdige Logik: Russland schüre die allgemeine Kriegsgefahr (es wird im Text sogar von einem möglichen Atomkrieg fabuliert, sic!), weil es defensiv handele.

    Der Text erklärt aber kein Stück, warum genau jetzt die russische Intervention stattfindet. Aber das interessiert mich.

    @Toto:
    2. und 3. erklären auch nicht, warum gerade jetzt. Die Situation ist nicht wirklich neu.
    1. klingt plausibel, aber hat einen Haken, den Du ja selbst benennst: "Der Atomdeal mit dem Iran ist nun abgeschlossen. Er muss nur noch von den entsprechenden nationalen Gremien bestätigt werden." - Warum sollte Russland also jetzt handeln, wenn der Atomdeal mit dem Iran noch gar nicht besiegelt ist und Vertragspartner noch ausscheren können, z.B. mit Hinweis auf eine stärkere Beteiligung der Hizbollah im Syrienkrieg o.ä.?

    Gibt es weitere Vorschläge, warum gerade zu diesem Zeitpunkt?
    07.10.2015, 13:28 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    arktika
    Ich gehe davon aus, daß wir diese Frage nicht beantworten können. Auch wenn wir die verfügbaren Informationen zusammenziehen, werden wir über den spekulativen Bereich nicht hinauskommen können. Denn wir müssen eben davon ausgehen, daß uns viele notwendige Informationen nicht verfügbar sind und wir eben auch nicht in die Köpfe anderer hineinkriechen können.
    Wieso gerade jetzt habe ich mich aber auch gefragt. Möglicherweise spielen innerrussische Gründe eine stärkere Rolle, so daß die russ. Führung sich genötigt sieht, Stärke zu demonstrieren, nach außen, aber auch nach innen. So dürfte die russische Politik in Noworossija (in deren Folge die Volksrepubliken u. a. die Regionalwahlen verschoben haben) auch in Teilen der eigenen Bevölkerung nicht unumstritten sein, und das Ergebnis der Gouverneurswahlen in Irkutsk ( http://to.ly/VDoP [externer link] ), in denen der Kandidat (der bisherige Gouverneur) der Geeintes Rußland in der Stichwahl mehr als 15% hinter dem kommunistischen Kandidaten zurücklag, wird die russ. Regierung auch nicht gerade erfreut haben. Zumal diese Wahlen von allen beteiligten Parteien als eine Art Generalprobe für die Duma-Wahlen in 2016 angesehen wurden und das Ergebnis deutlich war und das trotz daß "der Wahlkampf gekennzeichnet [war] durch einen starken administrativen Druck seitens der Regierung und der vorherrschenden Partei auf die Oppositionsparteien, in erster Linie auf die KPRF." (s. RedGlobe) Und das dieses Wahlergebnis nicht ganz überraschend gekommen ist, zeigen ja die präventiven administrativen Gegenmaßnahmen.
    Aber auch dies ist nur ein möglicher Aspekt. Sollte aber bei einem Taktiker wie Putin nicht ausgeschlossen werden. Wie sich aber das Mosaik der Entscheidungsfindung zusammengesetzt hat, werden wir aber erst in Nachhinein (so überhaupt) erkennen können. So lange, fürchte ich, bleibt es beim Spekulieren, wenn auch auf hohem Niveau.

    13.11.2015, 14:41 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    FPeregrin
    In diesem Kontext heute in der jW ein interessanter Artikel von Ralf Rudolph und Uwe Markus m.d.T. Schutz und Trutz. Als allgemeine Erklärung für das späte Eingreifen Rußlands kann folgendes angenommen werden: "[...] im Nahen Osten sind die Vereinigten Staaten nicht nur offenkundig unwillig, ein tragfähiges Konzept zur politischen Lösung des Konfliktes zu entwickeln, sie erweisen sich vielmehr durch ihre verdeckten und offenen Interventionen als Teil des Problems. Insofern demonstriert Russland mit seinem begrenzten militärischen Engagement in Syrien und den parallel vorangetriebenen politischen Initiativen vor der Weltöffentlichkeit ein völlig anderes Herangehen als die Vereinigten Staaten und deren Verbündete. Moskau möchte sich so als Akteur profilieren, der sein militärisches Potential nicht für eine Befeuerung des Konfliktes, sondern für die Anbahnung längerfristig tragfähiger Verhandlungslösungen einsetzt." Man mußte also die anderen ihren Murks für aller Augen sichtbar vorführen lassen. - Eine historische Parallele wäre m.E. das späte schwedische Eingreifen in den 30jährigen Krieg. Erst die hemmungslose Rekatholisiererei durch die Habsburger ließ für Gustav II. Adolf die Möglichlichkeit zu, als Kämpfer für die Freiheit des Glaubens aufzutreten.

    Hierzu kommt möglicherweise ein waffentechnisch veranlaßter Aspekt, der das russische Eingreifen JETZT sinnvoll erscheinen läßt: "Für besonderes Aufsehen sorgte in der westlichen Öffentlichkeit und vor allem in den Kommandostäben der NATO am 7. Oktober 2015 der Einsatz russischer seegestützter Marschflugkörper gegen Stützpunkte des »Islamischen Staates«. Die 26 Marschflugkörper »3M-14« des Waffensystems »ZK-14 Kalibr-NK« wurden von Schiffen der russischen Seekriegsflotte im Kaspischen Meer aus gestartet. Mit Genehmigung der jeweiligen Regierungen überflogen sie das Staatsgebiet des Iran und des Irak. Die Ziele in Syrien wurden nach einem Flug über eine Distanz von 1.500 Kilometern mit einer Genauigkeit von drei bis fünf Metern getroffen und vernichtet. Die militärische Aufgabe wäre sicherlich auch durch die russische Luftwaffe in Syrien zu lösen gewesen. Marschflugkörper werden in der Regel nur dann eingesetzt, wenn operativ-taktische Raketen nicht verfügbar sind oder die Ziele diesen Aufwand nicht rechtfertigen. Gleiches gilt, wenn die Gefahr hoher Verluste der eigenen taktischen Fliegerkräfte besteht, wenn eine starke gegnerische Radaraufklärung umgangen oder unterflogen werden muss oder wenn Ziele bekämpft werden müssen, die außerhalb der Reichweite dieser Fliegerkräfte liegen. Keiner dieser Gründe traf für den Einsatz der russischen Marschflugkörpern zu. Die Aktion war eine militärpolitische Demonstration, die im Westen auch so verstanden wurde. Russland zerstörte nicht nur die IS-Kommandopunkte, sondern auch die bisherige Vorstellung westlicher Strategen, die Bewaffnung der russischen Luftwaffe und Marine beschränke sich auf ältere Waffensysteme. Doch Russlands Rüstungsindustrie hat den in diesem Bereich seit den 1990er Jahren zu konstatierenden Rückstand von etwa zehn Jahren gegenüber dem Westen offenbar aufgeholt. Der Angriff mit Marschflugkörpern vom Kaspischen Meer aus und die Verwendung hochpräziser Bomben und Raketen durch die russische Luftwaffe sollten die heutigen Möglichkeiten der russischen Streitkräfte verdeutlichen und den Westen vor einer Einmischung in die laufende Militäroperation warnen. / Noch ein anderer Aspekt der Attacken vom 7. Oktober sollte die NATO-Militärs alarmiert haben: Bisher hatte man geglaubt, dass Russland militärisch nicht in der Lage ist, sich auf eine konventionelle Konfrontation mit der US-Marine einzulassen. Doch wie sich nun herausstellt, sind russische Kriegsschiffe im Schwarzen Meer und im Mittelmeer, sogar vom Kaspischen Meer aus, in der Lage, Ziele im westlichen und östlichen Mittelmeer sowie im Persischen Golf auf See und an Land anzugreifen und zu vernichten. Die russische Ostseeflotte könnte sogar in Zukunft mit Flügelraketen die Nordsee, den Ärmelkanal und einen Teil des Europäischen Nordmeeres sowie deren Anrainerstaaten ins Visier nehmen. Russland und China können zudem gemeinsam Washington ernsthaft in strategische Bedrängnis bringen, wenn sie vor den Küsten der USA ihre U-Boote und Kriegsschiffe mit weitreichenden Marschflugkörpern stationieren. Außerdem bieten solche Waffensysteme die Möglichkeit, das US-Konzept »Prompt Global Strike«, (also die Befähigung weltweit jedes beliebige Ziel binnen einer Stunde treffen zu können) zumindest partiell zu neutralisieren. Denn die Vereinigten Staaten müssten damit rechnen, dass auf die von ihnen ausgelösten unmittelbaren Angriffsschläge gegen missliebige Staaten ebenso prompt Gegenschläge mit Marschflugkörpern erfolgen. Die Konsequenz eines solchen zunächst mit konventionellen Waffen geführten Schlagabtauschs wäre unter Umständen die Eskalation zu einem mit Massenvernichtungsmitteln geführten Krieg. Die Risiken eines solchen Szenarios kannte man schon in den 70er und 80er Jahren. Bereits damals war offenkundig, dass die Idee einer vom Westen gesteuerten Eskalation des Krieges, wie sie in der NATO-Strategie der »Flexiblen Reaktion« (Flexible Response) verankert war, unter realen Bedingungen nicht umzusetzen gewesen wäre. Die Ultima ratio wäre ein finaler nuklearer Schlagabtausch gewesen, der alle beteiligten Akteure vernichtet hätte. Man wird sich wohl angesichts der neueren Entwicklungen in westlichen Stäben an diese nach dem Ende des Kalten Krieges verdrängte Erkenntnis wieder erinnern, was von russischen Strategen offensichtlich durchaus gewollt ist. / Die Verfügung Russlands über moderne seegestützte Marschflugkörper, die auch Ziele an Land bekämpfen können, ist für US-Strategen besonders schmerzhaft, weil sich die Vereinigten Staaten im Verlauf der Verhandlungen über die Vernichtung der Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag), der im Dezember 1987 von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow unterzeichnet wurde und 1988 in Kraft trat, bei seegestützten Marschflugkörpern einseitige strategische Vorteile sichern konnten. In diesem Vertrag wurde festgelegt, dass beide Seiten ihre gegen Landziele gerichteten Raketen mittlerer (ab 1.000 bis 5.500 Kilometer) und geringerer (ab 500 bis 1.000 Kilometer) Reichweite, einschließlich der zugehörigen Infrastruktur (Startanlagen und Führungszentren) zu vernichten haben. Das betraf neben allen Mittelstreckenraketen auch landgestützte Marschflugkörper (Flügelraketen) mit diesen Reichweiten. Auf Schiffen, U-Booten sowie auf Flugzeugen befindliche Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper wurden auf Drängen der USA ausgeklammert. Die damalige Sowjetunion und später Russland verfügten jedoch nicht über solche Flügelraketen, die von Schiffen aus gegen Landziele eingesetzt werden konnten. Bei Flügelraketen gegen Schiffe jedoch war sogar ein technischer Vorsprung gegenüber der NATO zu verzeichnen."

    Der ganze Text hier:
    https://www.jungewelt.de/2015/11-13/052.php [externer link].
    13.11.2015, 15:57 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    FPeregrin
    Als Fußnote (nicht mehr!) hierzu heute auf Telepolis von Florian Rötzer: Die geheimnisvolle russische Unterwasserdrohne mit Nuklearsprengkopf, hier:
    http://www.heise.de/tp/artikel/46/46552/1.html [externer link].
    22.11.2015, 17:21 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    EDIT: FPeregrin
    22.11.2015, 17:27 Uhr
    Communarde
    FPeregrin
    Eine Analyse, die der o.g. von Ralf Rudolph und Uwe Markus über weite Strecken ähnlich ist - Vorführen neuer Bewaffnung -, findet sich bereits seit 19. Oktober im Voltaire Netzwerk. Thierry Meyssan: Die russische Armee zeigt ihre Überlegenheit in konventioneller Kriegsführung, hier:
    http://www.voltairenet.org/article189054.html [externer link].
    30.11.2015, 21:28 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    arktika
    Zum Thema heute in der jW die Doppelseiten12/13 unter dem Titel Gut aufgestellt -
    Russland demonstriert in Syrien militärische Stärke und will sich günstige Ausgangsbedingungen für eine politische Lösung verschaffen
    . Wieder von Ralf Rudolph /Uwe Markus.

    https://www.jungewelt.de/2015/11-30/048.php [externer link]
    16.12.2015, 17:14 Uhr
    Russisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg

    Communarde
    FPeregrin
    In den Kontext einer 20-jährigen Langzeitstrategie wird die hier zugrundeliegende Frage heute in einem Artikel von Rostislaw Ischtschenko m.d.T. Russland in einem unsichtbaren Krieg auf der deutschen Saker-Seite gestellt, hier:
    http://vineyardsaker.de/analyse/russland-in-einem-unsichtbaren-krieg/#more-4426 [externer link].
      Seite: 12  
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