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unofficial world wide web avantgarde
09.02.2018, 00:34 Uhr
Nutzer / in
secarts

• Daimler hat (richtig) Ärger in China... Der Hintergrund der Daimler-Affäre ist schnell erzählt, ich verweise diesbezüglich auf die junge Welt von gestern:

Der Daimler-Lama

Der Autobauer Daimler hat sich in China etwas geleistet, was man »Epic fail« nennt. Und macht nun das, was man tut, um die Kunden zu besänftigen: sich entschuldigen. Der Fehler war, ausgerechnet mit einem sinnigen Sprüchlein des Dalai Lama Werbung zu machen, gleichzeitig aber auf das Land, das dieser bekämpft, als wichtigsten Markt angewiesen zu sein.

Man hätte auch in der Türkei das Sondermodell »Öcalan« in den Farben der PKK oder in Spanien die Limousine »Puigdemont SLK« vorstellen können. Der Ärger wäre nicht größer gewesen. Zwar sind diese beiden (ebenfalls im separatistischen Gewerbe tätigen) Herren deutlich progressiver als der greise Mönch, der in Deutschlands Herrschaftspresse als »geistliches Oberhaupt der Tibeter« (Süddeutsche) firmiert. Aber so was macht man nicht, wenn man hinterher noch was verkaufen will.

Der Dalai Lama, Anführer der tibetisch-buddhistischen »Gelbmützen«-Sekte, wird hierzulande seit Jahren als antichinesische Sau durchs Dorf getrieben. »Die Tibeter« werden staunen, dass sie alle der »geistlichen« Führung dieses Mannes unterliegen sollen, wie es die Süddeutsche verfügt hat. Denn auch in Tibet gibt es ja Atheisten, Moslems und Anhänger vieler anderer buddhistischer Schulen wie der »Rotmützen«. Aber der wahre Skandal ist trotzdem ein anderer.

Denn Daimler hat sich nicht entblödet, ausgerechnet mit diesem Nonsenssatz zu werben: »Sieh’s dir aus allen Blickwinkeln an, und du wirst offener werden.« Aha. Ach so. Das ist so wahr und so banal wie: »Wenn die Sonne untergeht, wird es dunkel«, oder: »Wer Wasser auf den Kopf kriegt, wird nass«. Es ist eine Beleidigung. Des guten Geschmacks, der Vernunft, der Intelligenz. Und das läuft noch unter ­»#MondayMotivation«.

Wer Leute so in die Woche schickt, der wirbt auch in Israel mit Hitler. Nicht nur aus Bosheit, sondern auch aus Dummheit.

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...doch seitdem hat sich die Lage weiter zugespitzt. Zwar hat sich Daimler-Chef Zetsche mehrmals entschuldigt, auch beim chinesischen Botschafter persönlich - die Nachrichtenagentur gibt die Entschuldigung z. Tl. wieder: Link ...jetzt anmelden!

Doch es hilft (bislang) nicht. Zuletzt hat die Zeitung Renmin Ribao, immerhin das Zentralorgan der KPCh, Daimler als "volksfeindlich" bezeichnet. Das hat tatsächlich das Potential, die Nachfrage auf Null zu senken.

Offenkundig, dass China nicht mehr jede Frechheit der deutschen Konzerne hinzunehmen bereit ist. In diesem Fall scheint mir auch klar, dass es sich nicht um eine "Anti-Daimler-Kampagne" handelt, die zentral entzündet wurde, sondern um Massenprotest zunächst auf sozialen chinesischsprachigen Netzwerken, der erst ab einer gewissen Verbreitung von den offiziellen Medien aufgegriffen wurde. Tatsächlich haben chinesische Internetnutzer das Daimler-Meme mit Lama-Spruch bei Instagram entdeckt und dies bei "Weibo", einem chinesischen Mikroblogging-Dienst, skandalisiert.

Für Daimler ist das ein bißchen tragisch, denn der Konzern ist bislang eher durch eine gewisse Kooperationsbereitschaft aufgefallen (im Gegensatz zu VW hat Daimler nicht gegen die Einrichtung von Parteizellen im Joint Venture protestiert, auch ist gerade ein Einstieg des - privaten - chinesischen Konzerns Geely [E-Autos] bei Daimler mit 3-5% im Gespräch). Vermutlich aber wird die Entschuldigung Wirkung zeigen. Bei Daimler, aber noch mehr bei den anderen deutschen Monopolen. Gewisse Formen der offenen Chinahetze, wie wir sie seit Jahrzehnten hierzulande erleben, sind nun einfach drastisch strafbewährt...

Bestrafe einen, erziehe hundert, hat Mao Zedong das genannt. Das Coole: es funktioniert immer wieder.
09.02.2018, 13:57 Uhr
EDIT: radon
09.02.2018, 13:59 Uhr
Nutzer / in
radon

Daimler hat (richtig) Ärger in China... Ja genau. Und eine wichtige Implikation aus dieser Aussage wurde auch in diesem Ereignis ausgeübt, nämlich, man zeigt seine letale Kraft, wenn die Grenze überschritten ist; sobald der Feind zurücktritt und wagt nicht mehr, sich weiter schlecht zu benehmen, zeigt man wieder seine Gnade und lächelt wie ein friedvoller Buddha - weil die Lektion schon übermittelt ist.

Am 7. Feb hat der Sprecher des chinesischen Außenministeriums die Entschuldigung Daimlers offiziell anerkannt und weiterhin gute Zusammenarbeit mit den internationalen Unternehmen gefördert.
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Eine kurze Skizze des Ablaufs der Ereignisse könnte auch diese Taktik gut erläutern:

05.02
Daimlers Post auf Instagram mit dem Zitat von Dalai Lama.

06.02
Nachmittags: Erste Entschuldigung seitens Daimlers auf Weibo.
Abends: Der Artikel von Renmin Ribao erschien, in dem Daimler als "volksfeindlich" bezeichnet wurde. Die unaufrichtige Entschuldigung von Daimler wurde auch von diesem Artikel kritisiert. Es folgte eine Welle der Kritik sowohl in der Medien als auch im Internet. (viz. lethale Kraft zeigen)

07.02
Nachmittags: Sprecher des Außenministeriums erkannte die Löschung des Posts und die Entschuldigung und förderte bilateral profitierte Zusammenarbeit. (viz. Gnade bzw. zukünftige Potentiale zeigen.)
Abends: Ausführliche Entschuldigung von Daimler an dem chinesischen Botschafter in Deutschland. Diese Entschuldigung versprach auch, dass sie in der Zukunft die Grenze nicht überstreichen werden. (viz. Ergebnis!)


Und diese Hashtag-Kultur auf Instagram muss man nicht sehr ernst nehmen. Die meisten Benutzer sind nur Leute, die zwar einen schönen Lifestyle begierig absorbieren und zeigen möchten aber nicht genau wissen, wie Schönheit oder Lifestyle wirklich bedeutet, weil sie ignorant sind oder weil ihr Imagination fehlt. Daraufhin verteilen viele Popstars und große Konzerne ihre "Lifestyle"-Ideen (die meisten sind selbstverständlich nur Quatsch), um die Zielgruppe zu manipulieren und später ihre Geld mühelos an sich zu ziehen. Für die Hashtag-Kultur, es ist einfach wichtiger, in welcher Hashtag-Gruppe man steht, statt die Inhalte des besagten Hashtags.

09.02.2018, 16:12 Uhr
Nutzer / in
arktika

Daimler hat (richtig) Ärger in China... Gute Idee, zur Verdeutlichung den zeitlichen Ablauf und die taktischen Punkte nebeneinander zu stellen.
09.02.2018, 16:36 Uhr
Nutzer / in
secarts

Daimler hat (richtig) Ärger in China... "Und diese Hashtag-Kultur auf Instagram muss man nicht sehr ernst nehmen"...

Das ist wahr, aber ich habe vergessen zu erwähnen, dass der zitierte Artikel in der jungen Welt in einem Satire-Format ("xyz des Tages" auf S. 8) erschienen ist ;-)
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