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NEUES THEMA13.03.2020, 16:52 Uhr
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FPeregrin

• DDR: Mythos "Kindesraub" jW heute:

Mythos Kindesraub

Jahrelang berichteten Medien immer wieder über »geraubte« Kinder in der DDR. Eine neue Studie kann den Vorwurf nicht belegen

Von Susan Bonath

Feindbild DDR

Das Böse in Deutschland hat Namen. »Unrechtsregime«, »kommunistische Gewaltdiktatur« – mit kaum etwas anderem beschäftigte sich das bundesdeutsche Kapitalregime in den letzten 30 Jahren intensiver: Die DDR muss herhalten als Abschreckung vor der bloßen Idee einer sozialen Alternative. Vor den zahllosen einseitigen, aufgebauschten oder gar erfundenen Schlagzeilen verblassen heutige Opfer des Kapitalismus.

Jahrelang gingen die unbewiesenen Behauptungen über den vermeintlichen Raub Neugeborener durch die DDR durch die Medien. Gerüchte und Vermutungen trug die Presse oft wie Tatsachen vor, was soll’s: Wenn es um die »Stasi-Diktatur« geht, zählt journalistische Sorgfaltspflicht nicht. So handelt man auch das Kapitel Heimkinder weitgehend unter der Rubrik »Kinderhölle von Torgau« (DLF, 5. Oktober 2019) ab.

Wahr ist: Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau war die Endstationen für einige tausend Jugendliche, die auf »die schiefe Bahn« geraten waren. Maximal ein halbes Jahr konnten dort – wichtig: über 14jährige – untergebracht werden, wenn normale oder Spezialheime, später offene Jugendwerkhöfe, von denen es 1989 gut 30 gab, nicht mehr mit ihnen zurechtkamen. Dass manche Erzieher die Jugendlichen dort zur Strafe in Zellen gesperrt, gedemütigt und auch misshandelt hatten, hatten mehrere Betroffene auch gegenüber der Autorin, die selbst teilweise in DDR-Kinderheimen aufgewachsen ist, berichtet.

Offenbar hat die DDR-Führung nicht genau hingesehen. Denn laut Gesetz waren »körperliche Züchtigung« und »ehrverletztende Strafen« verboten. Arrest durfte nur in »akuten Gefährdungssituationen« verhängt werden. Wahr ist aber auch: Um in Torgau zu landen, reichte es nicht, von zu Hause wegzulaufen, ein paar mal die Schule zu schwänzen oder »politisch unkorrekte Eltern« zu haben. Jugendkriminalität gab es auch in der DDR.

Man könnte mit den Dingen offen umgehen, davon Traumatisierten passende Hilfen anbieten. Zu einer ehrlichen Aufarbeitung würde dann aber das Gesamtbild gehören, etwa die 456 normalen DDR-Heime, die Kinder und Jugendliche vor Verwahrlosung oder Gewalt in der Familie gerettet haben. Und auch ein Blick in die Gegenwart wäre nötig: So war es in der DDR jedenfalls nicht wie heutzutage erlaubt, 15jährigen das Existenzminimum zu entziehen. Kinderheime setzten Minderjährige, die sich nicht an Regeln hielten, anders als heute nicht einfach auf die Straße. Es gab auch keine 40.000 obdachlosen Jugendlichen. Von echter Reflexion ist der Unrechtsstaat BRD weit entfernt. Es zählt das Feindbild DDR, um ein »Weiter so« zu zementieren. (sbo)

Dreißig Jahre nach ihrem Anschluss an die Bundesrepublik arbeiten sich viele ihrer Feinde noch immer an der DDR ab, um ihr aktuelles System der Ausbeutung zu rechtfertigen. Viele Medien schlachten dafür jedes greifbare Gerücht aus. Selbst die größten Schauermärchen werden selten tatsächlich journalistisch hinterfragt. Ein Beispiel dafür ist diese Story: Angeblich wurden in der DDR Hunderte Babys nach der Geburt fälschlich für tot erklärt und zur Adoption gegeben. Eine umfassende Studie hat das Gerücht nun widerlegt. Doch nicht alle Medien, welche über die Jahre die eine oder andere Variante dieser Gruselstory publizierten, haben das jetzt klargestellt.

Von vorne: »DDR-Behörden sollen Eltern neugeborene Babys gestohlen haben«, titelte die Springer-Zeitung Die Welt im April 2018. Angeblich habe die DDR »Tausende Kinder« nach der Entbindung für tot erklären lassen und an »systemkonforme« Familien weggegeben. Das Blatt zitierte einen vermeintlich Betroffenen. Der Mann erläuterte, eine Klinik habe ihm damals mitgeteilt, das Neugeborene sei bei der Geburt verstorben. Gezeigt habe man ihm das Kind nicht. Sogar internationale Medien legten nach. So bereitete der Schweizer Rundfunk (SRF) das Gerücht wie eine bewiesene Tatsache auf. Ein Interview mit einem »Betroffenen« überschrieb er mit dem Titel: »Die gestohlenen Kinder der DDR«.

Die in diversen Medien Zitierten haben eins gemeinsam: Sie gehören der »Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR« an. Nach eigener Auskunft haben sich in ihr 1.500 Mütter und Väter zusammengeschlossen, denen vor 1989 entweder das Sorgerecht entzogen worden war oder die nach einer Totgeburt glaubten, die DDR habe sie belogen und ihr Kind »geraubt«. Der Verband spricht von »300 bis 400 Fällen«. Im Frühjahr 2018 hatte er dem Bundestag, begleitet durch einen aufsehenerregenden Autokonvoi, eine Petition überreicht. Dies war der Auslöser für die neue Welle der Berichterstattung über diese Verschwörungstheorie.

Doch die daraufhin konsultierten Sachverständigen konnten den Vorwurf des »vorgetäuschten Säuglingstods« mit anschließender Adoptionsfreigabe nicht bestätigen. »Dieses Phänomen, über das insbesondere in den vergangenen zehn Jahren konstant in den Medien berichtet wurde, konnte nach dem aktuellen Kenntnisstand bislang nicht nachgewiesen werden«, erläuterten die zunächst zu Rate gezogenen Forscher in ihrer vom Bundestag veröffentlichten Stellungnahme. Die Personen, die sich als Opfer solcher Praktiken sahen, hätten keine stichhaltigen Nachweise für ihre Vermutungen beigebracht.
Rosa-Luxemburg-Konfernez-Broschüre

Ferner gingen die Sachverständigen auf zahlreiche Studien und Forschungsberichte zum Thema »Zwangsadoptionen in der DDR« im allgemeinen ein, wie es in der Petition ebenfalls angesprochen worden war. Eine Untersuchung etwa habe sich mit neun konkreten Vorwürfen von Zwangsadoptionen befasst. In fünf Fällen bestätigten die Forscher tatsächlichen Zwang, in einem weiteren Fall sei solcher ausgeübt, von einem Gericht aber abgewiesen worden. Alle Fälle habe die DDR-Justiz in einem ordentlichen Verfahren mit einer Kindeswohlgefährdung begründet. Darunter habe das Gesetz damals allerdings nicht nur Gewalt und Vernachlässigung subsumiert, sondern auch eine »Missachtung des sozialistischen Erziehungsziels«.

Auch die Behauptung sogenannter »geräuschloser Adoptionen«, wie sie immer wieder der DDR zugeschrieben werden, wiesen die Forscher als unbewiesen zurück. Gemeint sind angeblich erpresste Einwilligungen zur Adoptionsfreigabe ohne Gerichtsverfahren. Eine Fallanalyse habe ergeben, so heißt es in der Stellungnahme, dass dies nach DDR-Recht zwar möglich gewesen wäre, aber nie praktiziert worden sei. Es gebe keinen bekannten Fall dieser Art, so die Sachverständigen. Und: »Wenn die Trennung von Eltern und Kind überhaupt in eine Adoption mündete, was nicht für alle Fälle gesagt werden kann, dann erfolgte dies stets auf dem Weg einer gerichtlichen Ersetzung der elterlichen Einwilligung.«

Für marktkonforme Staats- und Rundfunkpropaganda taugt diese Erkenntnis freilich nicht. So ging sie weitgehend unter. Und der Verband behauptete weiter, die DDR habe lebende Babys für tot erklärt und heimlich weggegeben, und die Medien berichteten. Die Magdeburger Volksstimme freute sich im September 2019 über »große Resonanz zu gestohlenen DDR-Babys«, nachdem sie kurz vorher einen entsprechenden Beitrag gebracht hatte.

Nun hat der Medizinhistoriker Florian Steger im Auftrag der »Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«, Birgit Neumann-Becker, 200 vermeintliche Fälle akribisch aufgearbeitet. Er fand aber weder Beweise noch Indizien für eine solche Praxis. Der Vorwurf sei nicht aufrechtzuerhalten, sagte er vergangene Woche dem MDR. »Vielmehr konnte ich in meiner Forschung zeigen, dass diese Kinder während oder kurz nach der Geburt gestorben sind«, so Steger.

Neumann-Becker sprach von einer »traurigen Gewissheit, die dann entsteht, weil das Kind wirklich verstorben ist«. Die Eltern müssten jetzt die Hoffnung aufgeben, dass es noch am Leben sein könne. Für Steger ist das Problem die fehlende Trauerbewältigung. Weil Mediziner ihnen den Anblick ihres toten Kindes offenbar ersparen wollten, hätten sie keine Gelegenheit dazu bekommen. Zudem seien viele Babys mit einem Gewicht von unter 1.000 Gramm zur Welt gekommen und nicht bestattet worden. Er plädierte dafür, den Frauen und Männern mit Beratungsangeboten zu helfen. »Es braucht keine weiteren Studien, die belegen, dass es keinen systematischen Kindesraub in der DDR gegeben hat«, sagte er der Volksstimme.


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NEUER BEITRAG13.03.2020, 16:54 Uhr
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FPeregrin

Ebd.:

Kein systematischer Kindesentzug

Behörden haben keine Beweise für behauptete Zwangsadoptionen in der DDR in großem Stil

Von Susan Bonath

So sehr es sich einige gewünscht haben mögen: Den behaupteten »Raub« neugeborener Kinder konnte der DDR bisher niemand nachweisen. Der Wissenschaftler Florian Steger sprach nach seiner Studie von einem »harten Befund«. Viele seien nun wohl enttäuscht, sagte er am Mittwoch gegenüber dem MDR. »Aber als objektiver Wissenschaftler muss ich auch sagen: Es gelten immer die gleichen Regeln, und wenn es nichts gibt, dann gibt es nichts«, so Steger. Er reagierte damit auf Kritik der »Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR«. Deren Vorsitzender Andreas Laake, der sich im Interview mit dem Rundfunksender über Hilfsangebote der CDU/CSU-Bundestagsfraktion freute, hatte Stegers Quellen angezweifelt.

In dem Interview fiel erneut eine nie nachgewiesene Zahl: Man gehe von 7.200 »Zwangsadoptionen« aus. Unter diesem Kampfbegriff wurden nicht nur Adoptionen in der DDR gegen den Willen der Eltern erfasst, sondern jede Herausnahme von Kindern aus Familien mit irgendeinem politischen Bezug.

Eine Berliner Clearingstelle, bei der Eltern von 1991 bis 1993 das Vorgehen der DDR-Behörden anfechten konnten, subsumierte unter dem Begriff »Fälle von Kindern, die ihren Eltern wegen politischer Delikte wie ungesetzlicher Grenzübertritt, Staatshetze oder Staatsverleumdung« weggenommen wurden, ohne dass eine akute Kindeswohlgefährung zuvor nachgewiesen wurde. Sie konnte, wie eine spätere Untersuchung im Jahr 2007 ergab, ganze sechs Fälle nach dieser Definition nachweisen, einer davon galt als Versuch, da die DDR-Behörden die Kinder auf einen Gerichtsbeschluss hin doch zu ihren Eltern in den Westen ausreisen ließen.

Die Schlussfolgerung der Studienautoren: Es gebe wohl mehr als diese sechs Fälle, auch wenn man sie nicht nachgewiesen habe. Allerdings sei »insgesamt von einer weitaus geringeren Fallzahl auszugehen als, bedingt durch die mediale Berichterstattung, zunächst zu vermuten war«. Weder sei ein durchgängiges Verfahrensmuster der DDR-Behörden zu erkennen, noch habe es eine politische Weisung zum Kindesentzug gegeben. Da außerdem alle angenommenen Fälle in einem Zeitfenster von 1969 bis 1975 gelegen hätten, gehe man von einem »zeitlich begrenzten Phänomen« aus.

Bereits 1997 hatte die BStU in einer Unterrichtung an den Bundestag erklärt, dass es bei fast allen von ihr untersuchten Familienzusammenführungen um Eltern gegangen sei, die ohne ihre Kinder in die BRD getürmt seien. Viele hätten anschließend »öffentlichkeitswirksam eine Übersiedlung ihrer Kinder verlangt«. Dennoch: Die undifferenzierte Kampfparole von »gestohlenen Kindern der DDR« geistert regelmäßig neu durch viele Medien.


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