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unofficial world wide web avantgarde
31.01.2019, 14:50 Uhr
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Iswall

• (marxistische?) Studenten in China Nicht das erste Mal, dass dazu hierzulande ein Artikel erscheint, aber hierüber bin ich gerade bei SPON gestolpert:

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Würde ich hier einfach gern mal zur Debatte stellen.
31.01.2019, 15:16 Uhr
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secarts

Was sich in der VR China für Studenten in den letzten (ca. 15) Jahren verändert hat, ist die Situation nach dem Studium. Früher war ein Abschluß gleichbedeutend mit einem Job, durchaus nicht immer fair, weil die "guten" Unis natürlich auch bevorzugt wurden. Heute beginnt mit dem Abschluss aber der Bewerbungsmarathon, und keineswegs alle kriegen, was sie wünschen. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass sich auch sozialer Protest gegen diesen Verlust akademischer Standesprivilegien rührt. Auch wäre es nicht verwunderlich, dass bereits existierende Strukturen (wie die Marx-Lesekreise) zum Fokus dieses Protestes werden.

Was daran allerdings tatsächlich marxistischer Protest ist, steht auf einem anderen Blatt (und hier ist SPON sicher nicht zu den Experten zu rechnen). Pauschal: China ist so groß, dass es alles geben wird. Es existiert bspw. eine blühende, akademische und außeruniversitäre, marxistisch-leninistische Debattenkultur. Wir bekommen davon nur nichts mit, weil das wenigste davon wenigstens auf englisch publiziert wird. Hier gibt es die ganze Spannbreite von "linksradikal" ("neomaoistisch bis noch krasser) bis zu den rechten Reformern, die sich auch alle Jahre lang was Neues einfallen lassen.

Noch ein Resultat der schwieriger werdenden Jobsituation: nicht wenige Studenten gehen nach dem Studium freiwillig "aufs Land", sei es wegen besserer Angebote, sei es aus echtem Altruismus. Selbst Neugründungen von studentischen Volkskommunen gibt es, die nun jäten und ackern (und ihre Produkte teilweise sehr gewinnbringend per TaoBao verkaufen smiley). Hier ist natürlich immer ein schmaler Grat zwischen Lebensreform, sozialem Experiment und politischem Engagement.

Wo ich immer misstrauisch bin: wenn deutsche "Linke" in China die armen Wanderarbeiter "organisieren" oder an der "Vernetzung" von "Oppositionellen" werkeln. Ganze bundesdeutsche Gewerkschaftsapparate und trotzkistische Sekten haben sich der Revolutionierung des chinesischen Subjektes verschrieben. Das hat was chauvinistisches, und ich liege sicher nicht ganz falsch, wenn ich die deutschen Dienste in bestimmter Nähe wähne...

Wen auch immer ich aus diesem Milieu, das hierzulande überhaupt nichts hinkriegt, in China aber die Massen belehren will, kennengelernt habe: Es hat sich ausnahmslos um Arschlöcher gehandelt. Vor gut hundert Jahren wären das preußisch-lutherische Wandermissionare geworden.

#VRChina
#Studenten


PS: zu den angeblichen Verhaftungen kann ich nichts sagen, diese Geschichte kenne ich nicht. Sie klingt wie eine von vielen nicht verifizierbaren Stories von WeChat, an denen manchmal was dran ist, manchmal auch nicht. Offizielle Berichte gibt es nicht, auch SPON muss sich also auf übersetzte Chatgerüchte stützen.
31.01.2019, 17:42 Uhr
EDIT: retmarut
31.01.2019, 17:43 Uhr
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retmarut

(marxistische?) Studenten in China Die Veranstaltung in Göttingen Link ...jetzt anmelden! , die von Peter Birke und Daniel Fuchs organisiert wurde, konnte ich leider nicht besuchen, da ich derzeit zu viel andere Sachen um die Ohren habe. Ich werde mich mal umhören, wie Teilnehmer die Veranstaltung und die dargebotenen Inhalte fanden.

Daniel Fuchs selbst, den ich nicht persönlich kenne, arbeitet schon etwas länger zum Thema Arbeitskämpfe in China, wie man seiner Publikationsliste entnehmen kann: Link ...jetzt anmelden!

Peter Birke, den ich wiederum persönlich kenne, beschäftigt sich seit Jahren mit Arbeitssoziologie und Arbeitskämpfen (v.a., aber nicht nur, in der BRD) und begleitet diese nicht nur publizistisch und wissenschaftlich, sondern auch immer wieder proaktiv in der gewerkschaftlichen Praxis.
Siehe: Link ...jetzt anmelden!
01.02.2019, 16:31 Uhr
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radon

(marxistische?) Studenten in China Die Verhaftung mag sein. Aber die relevanten Fragen hier sind, wenn bspw. ein Liberaler einmal etwas für die Arbeiter getan hat, ist er deswegen zum Maxist geworden? Wenn er wegen dieser Aktion verhaftet wurde, heißt das, dass er wegen seiner marxistischen Identität verhaftet wurde? Und wenn Teil der Aktion gesetztwidrig ist, sollte er nicht bestraft werden, lediglich weil seine Zielsetzung sich in marxistischem Sinne äußert?

Es mag sein, dass das Gesetzt schlecht verfasst wurde und die protestierenden Studierende von den Machthaber unwirsch und brutal behandelt wurden. Aber das wäre ein anderes Thema.

Und nicht vergessen, dass innerhalb der Partei noch verschiedene Machtgruppen existieren. Wo haben sie studiert und ihre Aktionen begonnen? (Peking) Und wo wurden sie angeblich verhaftet? (Shenzhen)
01.02.2019, 23:20 Uhr
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secarts

Der Hinweis auf #Shenzhen ist richtig, das war mir beim ersten Lesen entgangen: Die Stadt ist so etwas wie das Mekka der Wirtschaftsreform(er), sie wurde quasi von Deng Xiaoping als Sonderwirtschaftszone gegründet und ist noch heute die (ökonomisch!) "westlichste" Stadt vielleicht des ganzen Landes. Wer nach Shenzhen geht, will Geld verdienen. Es könnte tatsächlich sein, dass lokale Parteigliederungen hier gegenüber "linksradikalen" Agitatoren ungnädiger sind. Aber das ist eine bloße Vermutung.

Noch als Randbemerkung zur lebhaften marxistischen Debattenkultur des Landes: Jüngst heute wurde das Erscheinen des ersten Bandes des #HKWM (historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus / Haugg) auf chinesisch vom Argument-Verlag gemeldet (fast ein Jahr nach der ersten Ankündigung):

"CHINESISCHE AUSGABE DES HKWM

Zu Marx’ 200. Geburtstag wird das gesamte Wörterbuch ins Chinesische übersetzt.
Der erste Band soll am 5. Mai 2018 erscheinen.
Leitung: Prof. Yu Keping, Direktor des Forschungszentrums für chinesische Politik und Dekan der Politikwissenschaft der Universität Peking.

Getragen von der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Peking
"
02.02.2019, 00:50 Uhr
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Zendox

Die Frage ist doch auch, was für "Marxisten" das sind bzw. sein wollen. Es gibt ja kein Copyright auf den Begriff. Und als Kampfbegriff war er immer sehr biegsam: Man sollte nicht vergessen dass zum Beispiel auch die RAF für die bundesdeutsche Presse als marxistisch galt. Und im Falle Chinas würden bestimmt noch die letzten Trotzkisten als solche durchgehen.
02.02.2019, 11:07 Uhr
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FPeregrin

Naja, Trotzkisten treten ohnehin gern auf, als seien sie so etwas wie "Marxisten ohne Attribut".

Aber die RAF? Ich erinnere mich aus meinen Kindertagen an die mediale Etikettierung als "Anarchisten". Das mag ja von den Aktionsformen noch angehen, vom theoretischen Begründungszusammenhang aber nun noch weniger als "marxistisch". - Führt aber ab von der Frage des Threads.
06.02.2019, 13:48 Uhr
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Iswall

(marxistische?) Studenten in China Nachdem auch das Internet-Phänomen (so oder so ähnlich hieß es doch hier mal in einem anderen Thread so schön) Fabian Lehr den SPON Artikel auf facebook gepostet hatte, entsponn sich in den dortigen Kommentaren eine Debatte um das Wesen Chinas, die nicht viel Neues zu Tage förderte; aber immerhin einen interessanten Literaturtipp konnte ich entnehmen - wahrscheinlich kennt es der eine oder die andere hier schon, mir war der Artikel noch nicht bekannt und in dem Zusammenhang des Themas Arbeitskämpfe in China für mich auch nochmal erhellend.
Es handelt sich um Lenins Aufsatz "Über die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften unter den Verhältnissen der Neuen Öknomischen Politik" von 1922, zu finden in LW Bd. 33, S. 169-181. Hier online: Link ...jetzt anmelden!
07.02.2019, 14:52 Uhr
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radon

Hi Zendox, du hast natürlich recht, dass es kein Copyright auf den Begriff "Marxisten" gibt. Aber mir geht es eher darum, dass man diese Ereignisse nicht einfach als "gegen Marxisten" verstehen sollte. Daher entstanden meine "Fragen" zum Marxisten und Marxismus. Mir scheint es so, dass solche Berichte vor allem zu den Leute sprechen, die selbst aus dem linken Spektrum kommen und viele Ideen haben, wie echte soziale Engagements sein sollten. Mir scheint es so, dass solche Berichte versuchen, China als "fake Linke" darzustellen, damit es von der linken Welt isolieret werden kann, weil die Autoren genau wissen, wie die Zielgruppe darauf reagieren würden.
07.02.2019, 15:40 Uhr
EDIT: radon
07.02.2019, 15:48 Uhr
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radon

"Wer nach Shenzhen geht, will Geld verdienen. "

Eigentlich, nicht unbedingt. Ich würde sagen, dass die Atmosphäre in Shenzhen eher liberal ist. Und daher werden viele neue Versuche bezüglich einer (milden) Sozialreform oder eines Sozialexperimentes dort geduldet. (Wie bspw. selbst-Hilfe Organisationen, privat organisierte Gewerkschaften, freie Medien, etc.) Im Norden wird diese Art von Tätigkeiten normalerweise gar nicht erlaubt. Viele Uni-Absolventen möchten daher nach dem Abschluss nach Süden gehen, weil sie glauben, dass sie dort ihre Ideen besser praktizieren und zu dem Land und den Volk mehr beitragen können. Das war nur idealistisch gewesen, selbstverständlich.

Aber du hast natürlich recht damit, dass Shenzhen irgendwie als die Erbe der Wirtschaftsreform(er) gern gesehen wird. Und das beeinflusst natürlich auch die Ideologie der lokalen regierenden Parteiangliederung und das, was sie am meisten wertschätzen. Und daher werden in Shenzhen (oder eher, in Guangdong) die Studierendengruppe meiner Vermutung nach nicht besonders gnädig behandelt. In Peking hingegen werden Studierende gelehrt und geschützt. Und der Spiegel-Beitrag ist nicht ein Einzelfall, es gibt mehrere Fälle, in den jemand irgendwo studiert und vieles gemacht hat aber schließlich in Guangdong wegen ihre Aktionen bestraft wurde.

07.02.2019, 21:41 Uhr
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secarts

Die Kantonesen genießen im allgemeinen ja den Ruf, sich weniger um Politik und mehr ums Business zu scheren. Aber Shenzhen ist vermutlich auch die am wenigsten kantonesische Stadt in Guangdong, durch die vielen Zuzügler... Zumindest ist es die einzige chinesische Stadt, die ich besucht habe, in der Deng Xiaoping fast kultisch verehrt wird smiley

Aber solche Nuancen kennen die deutschen Spiegel-Online-Leser nicht, und sie sollen sie auch nicht kennen, denn recherchiert wird höchstens unter "Dissidenten" und den eigenen dort angesiedelten "NGO"s. Das bleibt dann zwangsläufig eine Echokammer. Letztlich ist es genau so, wie Du in Deiner Antwort an Zendox schreibst:

"...dass solche Berichte vor allem zu den Leute sprechen, die selbst aus dem linken Spektrum kommen... dass solche Berichte versuchen, China als "fake Linke" darzustellen, damit es von der linken Welt isolieret werden kann,"

Der Imperialismus greift den Sozialismus niemals nur von rechts (als falsche oder betrügerische Ideologie, als Verstoß gegen die naturgesetzliche Ungleichheit des Menschen), sondern stets auch von links an (als zu wenig sozialistisch).

Was die VR China angeht, sind die Ideologen des Kapitals immer noch auf der Suche nach ihren chinesischen Trotzkisten. Nicht einmal ein chinesischer Trotzki war vorhanden, und alle Versuche, unterschiedliche Dissidenten, "linke" wie rechte Kritiker zu züchten, sind meist an der persönlichen Unzulänglichkeit oder Korruptheit dieser Figuren gescheitert (von "links", oder dem, was die Bourgeoisie darunter versteht, attackiert z. B. #AiWeiwei die VR China - meistens zumindest, er ist ein bißchen wirr im Kopf. Von rechts hat das z. B. #LiuXiaobo gemacht).

Natürlich ist dem deutschen Kapital nichts fremder, als eine wirklich linkere Politik in China zu wollen. Da würde ja schnell auch die Eigentumsfrage an ausländischem Kapital auf die Tagesordnung rücken. Viel optimaler ist es, Teile der deutschen Linken so zu verwirren, dass sie ihre Energie gar noch in antichinesische Agitation investieren. Und genau für diese (und vermutlich auch aus dieser) Zielgruppe ist der Artikel im Spiegel. Wenn es gegen China geht, bedienen sich die hartgesottensten bürgerlichen Blätter einer marxistischen Kampfsprache: in China gibt es echte Kapitalisten, gar noch ein Proletariat, da findet Klassenkampf statt, da gibt es Ausbeuter... Es wäre falsch zu glauben, dass sich da bürgerliche Redakteure einen Spaß machen und als Witz marxistische Parolen gegen China wenden. Ich wette, dass die Mehrzahl das völlig ernst meint: Das alles gibt es in Deutschland nicht (mehr), in China dafür aber umso stärker und schlimmer.
12.02.2019, 10:57 Uhr
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Iswall

(marxistische?) Studenten in China Um das Thema weiterzuverfolgen und ggf. noch mehr von euren lehrreichen Beiträgen zu provozieren, hier noch eine dazu passende Stelle aus einem Interview mit dem Genossen Hannes A. Fellner (PdA):



"KL: Mit dem Vorantreiben der kapitalistischen Produktionsweise geht die Verschlechterung der Lage der Arbeitenden einher: Ausbeutung, Arbeitsrechtsverletzungen, Festnahmen und Entlassungen. Welche Bewegungen und Kämpfe gegen diese Entwicklungen lassen sich in China derzeit beobachten? Wo finden diese Kämpfe statt?

HAF: Die Widerstände und Arbeitskämpfe nehmen rasant zu – nicht zuletzt wegen der Größe des Landes. Die Situation der Arbeitenden in China braucht man sich als fortschrittlicher Mensch in Europa auch nicht schönreden. Das wäre schlicht fatal und hilft der Bevölkerung in China nicht. Allerdings: Als Marxist_innen glauben wir ja – zu Recht – dass die Arbeiterklasse die Geschichte vorantreibt. Und das passiert auch in China. Teilweise in, teilweise außerhalb der Partei werden Klassenkämpfe ausgefochten, die von Arbeitenden in den Produktionsbetrieben ausgehen. Es ist eine entscheidende Zukunftsfrage, wie die Kommunistische Partei damit umgehen wird. Wenn etwa die Gewerkschaft einfach weiterhin nur der ganz loyale Exekutor der Vorgaben der Partei in Wirtschaftsfragen ist, ohne Rücksicht auf die Arbeiter_innenklasse zu nehmen, dann wird das über kurz oder lang die Partei destabilisieren. Das sieht man in einzelnen Regionen und Betrieben auch. Zu den zentralen Fragen, die man im Sinne der Arbeiterklasse erörtern muss, gehört daher: Gibt es eine Möglichkeit, dass die Gewerkschaften echt unabhängig werden von den ökonomischen Vorgaben? Das hängt auch davon ab, wie sehr die Staatsunternehmen Einfluss ausüben und welchen Einfluss der Staat in Unternehmen hat, in denen es Joint-Ventures gibt. Das alles ist widersprüchlicher als es von außerhalb wahrgenommen wird. Der Kassenkampf findet überall statt – in Partei, Gewerkschaften, Betriebsräten. Und er wird sich verschärfen.

Interessant ist auch, dass es in Teilen der Gesellschaft eine gewisse maoistische Nostalgie gibt. Es ist eine Gegenbewegung gegenüber den Werten, die mit der kapitalistischen Ökonomie kommen, etwa, dass alles unter einer Verwertungslogik gesehen wird. In China ist das zum Beispiel im Bildungssystem sehr schlimm. Leider haben weite Teile des chinesischen Bildungssystems diese standardisierten Tests übernommen, wie sie in den USA gang und gäbe sind. Sie gingen mit der Kapitalisierung des Bildungs- und Erziehungssektors einher. Es sind private Firmen, die diese Tests anbieten und die untereinander konkurrieren. Es gibt viele weitere gesellschaftliche Veränderungen, die mit der kapitalistischen Ökonomie kommen, und gegen die der Widerstand stärker wird. Natürlich von den Alten, die noch die Zeit der "eisernen Reisschüssel", also einer mehr oder weniger guten sozialistischen Komplettversorgung kannten, die unter Deng Xiaoping abgeschafft wurde. Aber vermehrt auch bei den Jungen. Man ist nostalgisch gegenüber einer Zeit, wo Dinge weniger hierarchisch waren, weniger auf Verwertungslogik ausgelegt waren. Das ist eine interessante Entwicklung."

Das ganze Interview findet sich hier:
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12.02.2019, 21:55 Uhr
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secarts

Da stimmt so vieles nicht, dass es schwer fällt, darauf einzugehen. Das Bildungssystem ist privat, mit konkurrierenden Tests? Es gibt eine einzige, einheitliche Prüfung, die auch noch in ganz China am selben Tag zur selben Zeit stattfindet - mit denselben Fragen, für alle von Xinjiang bis Hainan. Die Gewerkschaften? Die streiken ständig, insbesondere in privaten Betrieben, auch in Joint Ventures. Und was die Nostalgie angeht: Ich bin mir sicher, dass sich niemand die Armut der damaligen Zeit zurückwünscht. Wirklich niemand. Soviel zur eisernen Reisschüssel. Marx wusste noch was vom absoluten und relativen Anteil am gesellschaftlichen Mehrprodukt, den der Einzelne zur Verfügung hat. Mit dem Zustand von vor 40 Jahren verglichen, geht es wohl einer überwältigenden Mehrheit von Menschen in China heute besser, auch vielen einfachen Arbeitern (beim satt werden und dem möglichen Fleischkonsum fängt es an, bei der Teilhabe an Kultur und Kommunikation hört es noch lange nicht auf - die ganze Spanne der Reproduktion eben). Gleichzeitig ist der gesellschaftliche Reichtum noch mal exponentiell schneller gestiegen als die individuellen Partizipationsmöglichkeiten, im Mittel betrachtet. Eine solche Situation erzeugt keine Revolutionen, sondern Aufstiegswünsche. Interessant ist hier insbesondere, ob und wie stark die Menschen das Gefühl haben, noch selbst am allgemeinen Reichtumszuwachs teilhaben zu können.

Andererseits: der erwähnte Wunsch nach Egalität (aber bitte auf mindestens dem ökonomischen Niveau, dass man heute erreicht hat) ist tatsächlich vorhanden, die (ausgesprochen partielle!) Mao-Renaissance gibt es, und die umfassende Bedeutung des Klassenkampfes stimmt natürlich auch. Was Fellner zur Dialektik dieser Kämpfe in Partei und Gesellschaft sagt, ist allgemein alles irgendwie richtig. Von irgendeiner konkreten Einschätzung, beispielsweise zum Kurs der Führung der KPCh, findet sich hingegen nichts. Es ist richtig, gegenüber der westlichen Sicht auf den "Monolithen" China auf die mannigfaltigen Widersprüche auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene, quer durch die Klassen und Schichten, hinzuweisen, das wird hier meist ausgeblendet. Um die Frage, was die Volksrepublik nun eigentlich ist, wird man sich trotzdem nicht mit einem nonchalanten "wird sich zeigen... die Klassenkämpfe toben..." herummogeln können smiley


PS: ich habe gerade das ganze Interview gelesen, es ist zu guten Teilen sehr viel besser als die hier zitierte Stelle, insb. politisch weitaus differenzierter. Aber trotzdem, da steht einiges strunzenfalsches drin. Die Widerspruchsfreiheit sei dem chinesischen Denken per se fremd? Gütiger Himmel, die (konfuzianische) "Große Harmonie" war in China länger Lehrmeinung, als das Christentum insgesamt existiert; der Stillstand ist die Ideologie des Feudalismus par excellence, und was den Feudalismus angeht, hält China sicher den Weltrekord... Man wird nie viel von diesem Land wissen, wenn man sich nicht auch die 4.000 Jahre vor Mao mal angeguckt hat.
23.02.2019, 20:09 Uhr
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Iswall

Ich lege einfach noch einmal einen aktuellen und zum Thema passenden Link nach, Richard Corell in der aktuellen Ausgabe der Theorie&Praxis über Klassen und Klassenkampf in China, auch mit direktem Bezug zu den chinesischen Gewerkschaften:

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Was den Widerspruch als inhärenten Bestandteil chinesischer Denktradition betrifft, könnte ich mir vorstellen, dass sich Fellner hier unausgesprochen auf Hans Heinz Holz' enstprechende Ausführungen in "Widerspruch in China" stützt, wo es u.a. heißt:

"Die Kontinuität der Übergänge und der Umschlag der Beschaffenheiten ist dem chinesischen Denken von seinen Anfängen her geläufig. In diesem Sinne wird die metaphysische Struktur der Welt abgebildet in dem rätselvollen I Ching, dessen Ursprünge weit ins zweite vorchristliche Jahrtausend heineinzureichen scheinen [...].
[...]
Dieses Weltbild [...] gibt die Voraussetzung aller späteren chinesischen Philosophie bis in die Gegenwart ab. Es ist dynamisch - auf Veränderung, Prozessualität, Zeitlichkeit abgestellt; dialektische - darauf gegründet, daß das Gesetzte das Entgegengesetzte bereits in sich einschließt und aus sich hervorbringt; universalistisch - des Zusammenhangs von jedem mit jedem gewiß. Die Kategorien Bewegung, Widerspruch, Totailtät, also die Grundkategorien der Dialektik, sind definitorisch für dieses Weltbild." (Holz 1970, S. 75ff)

Das kann und will ich hier allerdings gar nciht weiter vertiefen, weil ich da über Holzens Büchlein hinaus gar keine Ahnung habe und es außerdem weit vom eigentlichen Thema des Threads wegführt.
• Hier gibt's was extra: mehr Debatten aus den www.secarts.org-Foren
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