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unofficial world wide web avantgarde
27.11.2018, 17:09 Uhr
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27.11.2018, 17:17 Uhr
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FPeregrin

• Entwicklung der Produktivkräfte: KI Zur Entwicklung der KI-Forschung in internationalem Maßstab hat heute tp einen instruktiven Artikel von Lars Jaeger, dessen Fazit ich freilich nicht teile: "Und mit einem solchen Tröpfeln von Taschengeld auf eine zukünftige Schlüsseltechnologie werden Deutschland und Europa bald gar nicht mehr in der ersten Liga spielen. Dann kann man auch beim Ausspielen der Meisterschaft nicht mehr mitreden. Das wäre sehr bedauerlich, denn ein derartig wichtiges Spielfeld komplett den amerikanischen Kapitalisten oder chinesischen Kommunisten zu überlassen, könnte sich als fatal erweisen." - Ich habe weder Veranlassung, meinem imperialistischen Hauptfeind noch meinem Klassenfeind überhaupt hier irgendwie die Daumen zu halten. Möge die Bande unter die Räder der Produktivkraftentwickung geraten, denn da gehört sie historisch hin!

Dennoch hier einmal ganz:

Mit Künstlicher Intelligenz an die Weltspitze
27. November 2018 Lars Jaeger

Die Beispiele China und Deutschland

Der Begriff "Künstliche Intelligenz" (KI) ist mehr als 60 Jahre alt (er wurde 1956 von John McCarthy auf einer Konferenz in Dartmouth geprägt). Aber erst in den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich dieses Feld zu einer zukünftigen Schlüsseltechnologie mit immer mächtigerem Einfluss auf unser Leben entwickelt. Dabei geht es immer mehr auch um Aufgaben, die bisher der menschlichen Kognition vorbehalten waren: Muster erkennen, Ereignisse, deren Eintreffen durch Unsicherheit getrübt sind, vorhersagen und Entscheidungen unter komplexen Bedingungen treffen.

KI-Algorithmen können zunehmend die Welt um uns herum wahrnehmen und interpretieren. KI-Forscher behaupten sogar, dass sie schon bald zu Emotionen, Mitgefühl und echter Kreativität fähig sein werden. Doch ungeachtet, ob sie eines Tages diese spezifisch menschlichen Fähigkeiten haben werden, erkennen können KI Systeme diese bei uns Menschen bereits schon heute. Das Lesen von Emotionen aus einem menschlichen Gesichtsausdruck ist für eine entsprechende KI unterdessen sogar einfacher als für andere Menschen. Und bei Schachturnieren, bei denen Computer nicht zugelassen sind, gelten besonders ungewöhnliche und kreative Züge als ein Indiz dafür, dass jemand schummelt und heimlich auf einen Computer zurückgreift.

Was hat diese Technologie, die vor 15 Jahren noch als Spielwiese für Freaks galt, plötzlich so derart mächtig werden lassen? Es war die Entwicklung eines speziellen Ansatzes, der alles verändert hat. Dieser wird als "Deep Learning" bezeichnet und beschreibt eine vom menschlichen Gehirn inspirierte Architektur von künstlichen Neuronen und ihren Verbindungen untereinander. Wie der Name vermuten lässt, können diese Netzwerke sehr viele Neuronenschichten tief sein und noch weit mehr Parameter enthalten.

Diese neuronalen Netze werden auf riesige Mengen markierter Daten "trainiert". Danach nutzen sie das, was sie "gelernt" haben , d.h. wie sie auf der Basis der Lerndaten ihre vielen verschiedenen Parameter eingestellt haben, um subtile Muster in anderen Datenbergen zu erkennen. So brauchte es neben dem neuen Struktur-Paradigma des Deep Learning noch etwas Zweites, um die KI zu erwecken: gewaltige Datenberge. Genau diese wurden mit der immer weiteren Verlagerung unsere Aktivitäten in die Online-Welt verfügbar: Die großen amerikanischen Internetfirmen Google, Facebook und Microsoft, aber zunehmend auch ihre chinesischen Pendants, Baidu, Tencent und Alibaba sammeln, speichern und nutzen die vielen Daten über unser Verhalten, unsere Vorlieben und unsere Intentionen, die wir so bereitwillig zur Verfügung stellen.

Mit der Kombination aus Rechenpower und Datenbergen wurde die KI in kürzester Zeit immer besser darin, Sprachen und Texte zu verstehen, Gesichter zu erkennen, Schach und Go zu spielen, MRI Bilder und Hautgewebe nach bösen Tumorzellen zu untersuchen oder auch die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls oder Kreditkartenbetrugs einzuschätzen.

All dies bedeutet aber auch, dass sich der Schwerpunkt der KI-Entwicklung in den letzten zwei bis drei Jahren dramatisch verändert hat, von Projekten in Spitzenforschungslaboren in spezialisierten Instituten (inkl. jener bei Google, IBM oder Facebook) zu Anwendungen in der realen Welt mit realen Daten.

Eine KI, die "nicht mehr durch die Grenzen des menschlichen Wissens beschränkt" ist

Wie schnell die Entwicklung der KI-Forschung verläuft, zeigt die weitere Entwicklung der KI von AlphaGo. Nur 18 Monate nach AlphaGos spektakulärem Sieg über den besten menschlichen Spieler hatte Google bereits eine neue Version einer Go spielenden künstlichen Intelligenz geschaffen. AlphaGo Zero brauchte nun gar nicht mehr mit alten Spielen gefüttert zu werden, um seine Spielstärke zu erreichen. Wie der bekannte Dr. B. aus Stefan Zweigs Schachnovelle ließen ihn seine Entwickler nur noch gegen sich selbst spielen und so lernen. Bereits nach drei Tagen und 4.9 Mio. Partien hatte AlphaGo Zero eine Fertigkeit im Go-Spiel erreicht, die ihn seinen noch auf realen Partien ausgebildeten Vorgänger und Bezwinger des Weltmeisters AlphaGo in 100 Spielen mit 100 zu Null besiegen ließ.
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Nicht weniger beeindruckend war AlphaGo Zeros Performance im Schachspiel. Er gewann in 100 Partien gegen den bis dahin weltbesten Schachcomputer, der mit Millionen von historischen Schachpartien und der jahrhundertealten Erfahrung schachspielender Menschen gefüttert worden war und eine Rechenleistung von 70 Millionen Stellungen pro Sekunde besaß, 28 Mal und spielte 72 Partien Remis (verlor also kein einziges Mal). Das Erstaunliche dabei: Er hatte das Schachspielen nur vier Stunden zuvor erlernt, indem er, ausgestattet ausschließlich mit den Regeln, vier Stunden gegen sich selbst spielte und dabei seine neuronalen Verbindungen optimierte, ohne dass ihm jemals irgendwelche Eröffnungen oder Spielstrategien vorgesetzt worden waren. Dazu konnte er "nur" 80.000 Stellungen pro Sekunde bewerten.

In nur vier Stunden vom Anfänger zur unschlagbaren, besten Schachmaschine der Welt! Eine KI wie AlphaGo Zero ist so mächtig, weil sie "nicht mehr durch die Grenzen des menschlichen Wissens beschränkt" sei, sagt einer der Erschaffer von AlphaGo und AlphaGo Zero, Demis Hassabis. Diesen Satz muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Der Aufstieg Chinas zur KI-Supermacht ist kaum mehr aufzuhalten

Diese Entwicklungen wiederum führen eine noch ganz andere Konsequenz nach sich: War bisher die USA mit ihren führenden KI-Forschungsinstituten und Software-Firmen unangefochtener Anführer der KI-Revolution, so ist in den letzten zwei Jahren China mit seinem immens großen Markt von über einer Milliarde Menschen, seinen immensen und vollständig ungeschützten Datenmengen, die Internetbenutzer dort hinterlassen, und seinen hartnäckigen und aggressiven Unternehmern sehr schnell zu einer KI-Supermacht herangewachsen, wie es der Unternehmer und einflussreiche Investor Kai-Fu Lee in seinem neuen Buch "AI Superpowers. China, Silicon Valley, and the new World Order" eindrucksvoll beschreibt.

Hier erweist sich gerade eine Begebenheit, die uns in Europa die Haare zu Berge stehen lässt, als einer der größten Wettbewerbsvorteile: das komplette Fehlen jeglichen Datenschutzes. Wird schon in den USA dieses Thema sehr kleingeschrieben, so sehen die Chinesen zum Thema "persönlicher Datenschutz" nicht einmal den geringsten Diskussionsbedarf. Im Gegenteil: Der freie Zugang der chinesischen Internetfirmen zu den persönlichen Daten ihrer Kunden wird als größter Vorteil von Baidu und Tencent im globalen Wettbewerb um die Führerschaft in Sachen KI gepriesen.

Tatsächlich wurde KI von der kommunistischen Regierungspartei Chinas im Juli 2017 als einer der wichtigsten Wachstumsgebiete erkannt und seitdem massiv gefördert. Insbesondere der überlegene Sieg von AlphaGo über den Weltmeister im Go, dem Nationalspiel Chinas, hat die politische Führung in China zum Thema KI aufgeweckt. Von KI-Experten wird dieser Moment bereits als Chinas "Sputnik-Schock" bezeichnet. Der Staat begann, die chinesische Wirtschaft geradezu mit Geldern für KI-Entwicklungen zu überfluten. So stellte die Stadt Beijing unlängst 2.1 Mrd. US-Dollar zur Verfügung, um in den Außenbezirken der Stadt einen KI-Industriepark zu bauen, Shanghai und 17 andere chinesische Städte haben ähnliche Ambitionen, die Stadt Tianjin hat sogar angekündigt, einen 16 Mrd. US-Dollar-Fonds aufzusetzen (100 Mrd. Yuan), um in lokale KI-Firmen und -Institutionen zu investieren.

Dazu kommen umfangreiche Investitionsprogramme, um KI-Ingenieure und -Experten auszubilden, staatliche Zuschüsse für KI-Unternehmer und steuerliche Vorteile für die Firmen. Das zieht auch immer signifikantere private Investitionen nach sich: Das Gesamtvolumen chinesischer Investments (privat und staatlich) in KI und Robotik beträgt bereits schätzungsweise 300 Mrd. US Dollar. Insbesondere in den letzten Monaten hat China mehr Investmentkapitel in KI aufgebracht als die USA. Mit diesem neuen KI-Ökosystem, einer Mischung aus der Fülle staatlicher Geldern, dem Aufbaus einer intelligenten Infrastruktur, massiven Investitionen in die KI-Forschung und den weltweit ambitioniertesten Unternehmern ist der Aufstieg Chinas zur KI-Supermacht kaum mehr aufzuhalten.


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27.11.2018, 17:11 Uhr
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27.11.2018, 17:12 Uhr
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Deutschland: Mit einem Taschengeld vom Nachzügler zum "weltweiten Spitzenreiter" zu werden, entspricht reinem Wunschdenken

Man vergleiche dies mit der Initiative der deutschen Bundesregierung, wie sie kürzlich in ihrer Publikation Strategie Künstliche Intelligenz festgehalten wurde und auf dem Digital-Gipfel zum Schwerpunkt KI am 4. Dezember verabschiedet wird.

Die Bedeutung von KI für unsere Zukunft haben die deutschen Politiker nun auch erkannt. Der Bericht erfasst klar, dass Deutschland und Europa beim Thema KI ins Hintertreffen geraten ist. Ob diese Einsicht, vergleichbar mit der der chinesischen Führung nach der menschlichen Niederlage im Go, mit der Performance der deutschen Fußballnationalmannschaft im Jahr 2018 zu tun, ist nicht bekannt. Doch das Ziel ist hochgesteckt: Die Kanzlerin will Deutschland in Sachen Künstliche Intelligenz zum "weltweiten Spitzenreiter" machen. Und dafür ist sie bereit, Geld in die Hand zu nehmen: 500 Millionen Euro pro Jahr.

Im Vergleich zu den chinesischen Geldern ist dies allerdings ein Taschengeld. Dabei hat Deutschland in Sachen KI einiges aufzuholen: Deutsche Forscher sind mit Tagungsbeiträgen bei großen internationalen Fachkonferenzen kaum zu sehen. Diese werden dominiert von den amerikanischen Firmen Google, Microsoft und Facebook, sowie zunehmend auch von chinesischen Wissenschaftlern und Ingenieuren, auch wenn sich diese noch etwas zurückhalten (wollen sie doch vielleicht ihre Ergebnisse lieber noch für sich behalten). Und das lassen sich diese Firmen auch einiges kosten: Die Einstiegsgehälter für ausgebildete KI-Experten liegen zwischen 300.000 und 500.000 US-Dollar!

Um in maschinellem Lernen und KI schnell Fortschritte zu machen, braucht es drei Dinge: 1. eine enorme Rechenleistung; 2. große Datenmengen und 3. Innovationen, also KI-Experten. Auf allen drei Ebenen hinken Deutschland und Europa stark hinter den USA und China her. Das wird sich mit drei Milliarden Euro in fünf Jahren kaum ändern. Mit einem Taschengeld vom Nachzügler zum "weltweiten Spitzenreiter" zu werden, entspricht reinem Wunschdenken. Da braucht es schon einen fundamentaleren Wandel.

Wo die Deutschen allerdings schon wesentlich weiter sind, ist beim Bewusstsein, dass es auch eine Diskussion um die verantwortungsvolle Gestaltung der KI-Technologie braucht. So entstand die neue KI-Strategie für Deutschland, wie in dem Strategiepapier betont wird, "in einem umfassenden demokratischen Prozess". Man will "Rahmenbedingungen für die ethische Anwendung Künstlicher Intelligenz schaffen" und "gesellschaftliche Dialoge zu den Chancen und Auswirkungen künstlicher Intelligenz fördern". Das ist sehr löblich, finden sich doch Sätze wie diese kaum in den entsprechenden Willensbekundungen chinesischer oder amerikanischer Herkunft. Doch sind dies mehr als hehre Worte?

Man spricht von einer "menschenzentrierten Entwicklung und Nutzung von KI-Anwendungen", vom Ziel eines "hohen Niveaus an IT-Sicherheit, damit Manipulation, Missbrauch und Risiken für die öffentliche Sicherheit dieser sensitiven Technologie bestmöglich verhindert werden". Das klingt doch eher nach politischer Besänftigung und Einlullerei. Hier fehlt der Mut zur klaren Aussage. So mancher echter KI-Experte scheut vor solchen nicht zurück. Der KI-Pionier Stuart Russel zeichnet das drastische Bild von uns Menschen in einem Auto, welches auf eine Klippe zufährt und wir dabei hoffen, dass der Benzintank leer ist, bevor wir in den Abgrund stürzen. Wie Elon Musk behauptet auch Russel, dass KI für den Menschen so gefährlich werden kann wie Nuklearwaffen. Experten betteln teils förmlich um staatliche Rahmengesetze und Regulierungen. Dahinter steckt ihre ernste Sorge, dass politische Entscheidungsträger die technologischen Entwicklungen verschlafen, sie nicht ernst genug nehmen oder, wie in den allermeisten Fällen, sie überhaupt nicht verstehen.

So verdeutlicht auch der neueste Bericht der Bunderegierung auf geradezu exemplarische Weise ein altes Dilemma: Der wissenschaftlich-technologische Fortschritt besitzt unterdessen eine derart rasante und komplexe Entwicklungsdynamik, dass er sich dem Vorstellungs- und Gestaltungsraum der allermeisten politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger entzieht. Und mit einem solchen Tröpfeln von Taschengeld auf eine zukünftige Schlüsseltechnologie werden Deutschland und Europa bald gar nicht mehr in der ersten Liga spielen. Dann kann man auch beim Ausspielen der Meisterschaft nicht mehr mitreden. Das wäre sehr bedauerlich, denn ein derartig wichtiges Spielfeld komplett den amerikanischen Kapitalisten oder chinesischen Kommunisten zu überlassen, könnte sich als fatal erweisen.


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02.12.2018, 16:17 Uhr
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Entwicklung der Produktivkräfte: KI Zum Thema heute TP mit einem ersten Teil zu "KI-Nationalismus" m.d.T. Globaler Wettlauf um die schlauesten Algorithmen von Matthias Becker:
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Ich stelle ihn auch mal als pdf ein:
• PDF-Datei KI-Nationalismus1.pdf
256,9 KB | application/pdf
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04.12.2018, 11:39 Uhr
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Teil zwei m.d.T. Die entscheidenden Fragen tauchen in der "Nationalen KI-Strategie" nicht auf:
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• PDF-Datei KI-Nationalismus2.pdf
259,37 KB | application/pdf
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19.03.2019, 11:25 Uhr
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Entwicklung der Produktivkräfte: KI Zum Thema heute Jörg Kronauer in der jW:

Planlos in die Zukunft

Eine Strategie in Sachen Künstliche Intelligenz hat die Bundesregierung nicht anzubieten. Den Anschluss an wichtige Entwicklungen wird man so verpassen

Von Jörg Kronauer

Die Aufregung in der Wirtschaft ist groß. Drei Milliarden Euro für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI): Diese Summe hatte die Bundesregierung im November vergangenen Jahres fest zugesagt. Deutschland ist, da sind sich alle Experten einig, spät dran in Sachen KI. Das aber wiegt schwer, denn es handelt sich dabei nicht um ein Orchideenfach abgedrehter IT-Spezialisten, sondern nach allgemeiner Überzeugung um die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts schlechthin. Drei Milliarden Euro, gestreckt über die Jahre 2019 bis 2025 – das war nach Ansicht von Fachleuten keine Summe, die Deutschland den großen KI-Sprung nach vorn erlauben würde, aber immerhin. Der Einstieg in die Förderung einer entscheidenden Zukunftstechnologie schien vollbracht.

Jetzt aber macht sich in Industrie und IT-Fachwelt erschrockene Ernüchterung breit. Wie das Handelsblatt am Montag bestätigte, rückt die Bundesregierung nicht die versprochenen drei Milliarden, sondern nur 500 Millionen Euro zur KI-Förderung heraus. Den Fehlbetrag hätten die drei mit KI befassten Ministerien, diejenigen für Wissenschaft, für Wirtschaft und für Arbeit, per Umschichtung aufzubringen, heißt es demnach in Berlin – und zu allem Überfluss seien die 50 Millionen Euro, die dieses Jahr zur Verfügung gestellt würden, sowie die 450 Millionen Euro für die Folgejahre noch immer gesperrt. Alles stagniere. Olaf Groth, KI-Experte und Professor an der Hult International Business School, gab sich entsetzt: Berlin sei wohl dabei, einen »Jahrhundertfehler« zu begehen, warnte er, »der die Zukunft des Landes gefährdet und Deutschland gänzlich von anderen Nationen abhängig machen wird«.

Vor gerade einmal vier Monaten hatte die Bundesregierung ihre neue KI-Strategie publiziert, wie üblich begleitet von auftrumpfenden Phrasen. »Bei der KI-Forschung« sei Deutschland »international schon jetzt in der Spitzengruppe vertreten«, behauptete die Regierung. Nun muss man die »Spitzengruppe« schon ziemlich weit fassen, wenn die Äußerung zutreffen soll (vgl. Text unten). Unbeirrt kündigte das Bundespresseamt an, die Bundesrepublik solle jetzt auch »zu einem führenden Standort für die Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien« werden. Berlin werde daher nicht nur »die Forschung stärken«, sondern auch »den Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft beschleunigen«, »die Verfügbareit von Fachkräften und Expertinnen und Experten erhöhen« sowie vor allem »die europäische und internationale Zusammenarbeit zu KI-Themen ausbauen«. Es fehlten, so mochte der Laie denken, nur noch Taten zu den hehren Worten.

Experten gaben sich freilich schon bei einem Blick auf die KI-Strategie der Bundesregierung skeptisch. Was die Regierung ausweislich ihres Strategiepapiers darunter verstehe, seien »Konzepte, die zum Teil schon vor 30 Jahren als veraltet galten«, urteilte kürzlich illusionslos der KI-Forscher Florian Gallwitz von der Technischen Hochschule Nürnberg. Bedeutende Themen wie das »Deep Learning«, das heute einen zentralen Stellenwert einnehme, kämen in der offiziellen Berliner KI-Strategie überhaupt nicht vor. Offensichtlich habe die Regierung sich von Personen beraten lassen, die sich »seit 30 Jahren mit den gleichen Konzepten« befassten, »die noch nie funktioniert haben« und wohl »auch in den nächsten 50 Jahren nicht funktionieren werden«. »Wenn das der Kenntnisstand der Bundesregierung ist«, ließ Gallwitz sich zitieren, »haben wir wirklich ein Problem«.

Auch in der deutschen Wirtschaft lässt der Stand der Dinge in Sachen KI aus der Perspektive von Spezialisten zu wünschen übrig. So zeigt eine aktuelle Untersuchung der Beratungsfirma Deloitte, dass deutsche Unternehmen zwar bei robotergesteuerter Prozessautomatisierung in der Produktion im internationalen Vergleich durchaus vorne liegen. Allgemein aber müsse man konstatieren, dass lediglich 26 Prozent aller deutschen Unternehmen eine umfassende und detaillierte KI-Firmenstrategie realisiert hätten – deutlich weniger als die Konkurrenz in sechs anderen Industriestaaten von China über Großbritannien bis zu den USA, in denen durchschnittlich 35 Prozent aller Unternehmen über eine solche Strategie verfügten. Auch sei in Rechnung zu stellen, dass 62 Prozent aller Befragten einen teilweise dramatischen Mangel an KI-Kompetenzen beklagten: In Deutschland fehlten eindeutig Spezialisten. Gelinge es nicht, KI-Experten aus dem Ausland anzuwerben oder schnellstens eigenständig auszubilden, dann sehe die Zukunft düster aus.

Was tun? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ende vergangener Woche angekündigt, beim EU-Gipfel in dieser Woche auf eine intensivere KI-Kooperation dringen zu wollen: »Wir brauchen eine europäische Strategie.« Nun weiß man: Die EU kann sehr gut Pläne produzieren; mit deren Verwirklichung sieht es allerdings schon anders aus – und vor allem: Sie braucht gewöhnlich viel Zeit, die die Wirtschaft in der globalen Konkurrenz nicht hat. Kein Wunder also, dass führende deutsche Konzerne, während Berlin und Brüssel hehre europäische Gesänge anstimmen, die Abstimmung mit den Füßen gestartet haben und zentrale Zukunftsfelder in enger Kooperation mit US-amerikanischen und vor allem chinesischen Konzernen bearbeiten. Volkswagen etwa wird sich bei seinen Clouddiensten vor allem mit Microsoft verbünden und in Sachen autonomes Fahren sehr eng mit Apollo kooperieren, einem Hightech-Unternehmen, das der chinesische Internetkonzern Baidu gegründet hat. Audi wiederum entwickelt die für autonomes Fahren nötigen Technologien gemeinsam mit Huawei. Die Entscheidung der Bundesregierung, zwar den Militärhaushalt jedes Jahr um Milliardensummen zu steigern, aber bei KI lieber zu sparen, zeigt: Die Großkonzerne hatten mit ihrer Einschätzung recht.


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19.03.2019, 11:29 Uhr
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sowie:

Bestenfalls Mittelmaß: Deutsche KI-Forschung im internationalen Vergleich

Von Jörg Kronauer

Den Stand der Forschung in Sachen Künstliche Intelligenz (KI) auf internationaler Ebene zu messsen und zu vergleichen ist nicht einfach. Einen Anhaltspunkt kann die Zahl der Veröffentlichungen zu dem Thema liefern, die unterschiedliche Länder hervorgebracht haben. Die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat sich die Mühe gemacht, die Publikationen zu dem heute vielleicht zentralen KI-Bereich, zur neuronalen KI, in unterschiedlichen Staaten zu zählen. Für Deutschland kommt sie für den Zeitraum von 1988 bis 2018 auf immerhin 5.906 einschlägige Veröffentlichungen. Darf man stolz darauf sein? Nun, das ist eine Frage der Perspektive. Die Bundesrepublik liegt damit vor Italien, Südkorea, der Türkei und Taiwan, aber hinter Iran (6.579 Publikationen), Japan, Großbritannien und Indien (11.617) sowie uneinholbar hinter den USA (27.255). Die 20 KI-stärksten EU-Staaten kommen zusammengenommen auf 32.028 Publikationen zur neuronalen KI. Ganz vorne liegt China (38.042).

Zu dem Ergebnis, dass Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen KI allenfalls im Mittelfeld liegt, kommt auch eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nicht nur China und die Vereinigten Staaten, sondern auch Länder wie Kanada und Israel hätten sich mit gezielter KI-Förderung längst einen Vorsprung erarbeiten können, heißt es in der Untersuchung. Schon die Voraussetzungen seien in der Bundesrepublik nicht optimal. So befänden sich dort nur 21 der 500 kommerziell verfügbaren Supercomputer weltweit; das reiche nur für Platz fünf hinter China, den USA, Japan und Großbritannien; für ein Feld wie KI, auf dem schiere Rechenleistung große Bedeutung habe, sei das ein Nachteil. Auch fehlten riesige Datenpools, über die vor allem China und die USA verfügten. Nicht zuletzt mangele es an der für echte Erfolge erforderlichen gesellschaftlichen Dynamik: Gelinge es, einen »gesellschaftlichen Funken« zu entfachen, wie ihn etwa das Apollo-Programm in den 1960er und 1970er Jahren in den USA zugunsten der Raumfahrt gezündet habe, dann könnten genügend Menschen zur Erforschung und Anwendung von KI motiviert werden. In den USA und in China ist das gelungen, in Deutschland bisher nicht.

Das liegt nicht nur, aber auch am Geld. China, das in den nächsten Jahren zur KI-Weltmacht aufsteigen will, hat 2017 eine KI-Strategie verabschiedet, die vorsieht, die KI-Industrie selbst bis 2030 auf einen Wert von 130 Milliarden Euro sowie eng mit KI verbundene Branchen auf einen Wert von 1,2 Billionen Euro zu steigern. Dazu werden gewaltige Summen eingesetzt. Der Onlinehändler Alibaba etwa will für die Forschung und Anwendung von KI, wie die Adenauer-Stiftung schreibt, 16 Milliarden Euro aufwenden. Allein die Stadt Tianjin, die an ihrer Universität eine School of Artificial Intelligence unterhält – in China kann man bereits mehr als 70 AI-Studiengänge absolvieren –, hat angekündigt, 100 Milliarden Yuan (12,8 Milliarden Euro) für KI zur Verfügung zu stellen. Die 500 Millionen Euro, die Berlin sich für KI abgerungen hat, entsprechen dem deutschen KI-Zustand: Sie sind höchstens Mittelmaß.


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