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NEUES THEMA15.04.2024, 16:13 Uhr
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• Archäologie: 5 Pionierinnen des 19./20. Jahrhunderts! Anläßlich einer Wanderausstellung “Ein gut Theil Eigenheit” – Lebenswege früher Archäologinnen", die in Hannover, Marburg u. Brandenburg/Havel gezeigt wurde bzw. wird, erschien am 18. Dez. 2023 auf NATIONAL GEOGRAPHIC ein Artikel von Heidrun Patzak, der die wohl bekanntesten Archäologinnen des 19. und 20. Jahrhunderts vorstelllt, sehr unterschiedliche Personen mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen u. Forschungsgebieten.
Spannend!

Deutschlands 5 bedeutendste Archäologinnen des 19. und 20. Jahrhunderts

Sie waren echte Pionierinnen, haben sogar ganz neue Forschungsgebiete erschlossen – und doch sind die Namen von Deutschlands bedeutendsten Archäologinnen beinahe unbekannt. Ein Forschungsprojekt will dies ändern.


Margarete Bieber war die erste Abiturientin Preußens, Sibylle Mertens-Schaaffhausen das erste weibliche Mitglied in einer historischen Gesellschaft und Johanna Mestorf die erste Frau, die den Titel „Professor“ trug. Sie alle waren Frauen, die die Archäologie im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten – trotzdem haben die meisten von uns ihre Namen noch nie gehört.

Das Projekt AktArcha hat sich diesen unsichtbaren Forscherinnen verschrieben – mit einem klaren Ziel: Sie sichtbar zu machen. „Wir erforschen Biografien archäologisch arbeitender Frauen und ihre Beiträge zur Fachentwicklung vom 19. bis ins 21. Jahrhundert“, erklärt Projektmitarbeiterin PD Dr. Doris Gutsmiedl-Schümann vom Historischen Institut der Universität der Bundeswehr München. Die Lebensläufe der Frauen sollen der breiten Öffentlichkeit nähergebracht werden und sie zu Identifikationsfiguren für junge Studierende und Wissenschaftler*innen machen – nicht ohne Grund. Denn die Biografien der Frauen haben etwas gemeinsam: Mut, Durchhaltevermögen und den unbedingten Willen, sich in der Wissenschaft zu etablieren. Das sind fünf der bedeutendsten Archäologinnen Deutschlands.

Die Meisterin des Networking: Sibylle Mertens-Schaaffhausen

* 29. Januar 1797 in Köln; † 22. Oktober 1857 in Rom

Der Lebenslauf von Sibylle Mertens-Schaaffhausen liest sich zunächst wie der Standardlebenslauf begüterter Frauen zur damaligen Zeit: Ausbildung in Sprachen und Musik, mit 19 Jahren folgt die Heirat mit einem deutlich älteren, reichen Mann, der die Interessen seiner Ehefrau für Wissenschaft und Kunst nicht unterstützen möchte. Die Lösung: Man ging sich eben aus dem Weg. Dennoch gilt die Mutter von sechs Kindern als die erste Archäologin Deutschlands und war bereits zu Lebzeiten international renommiert und für ihr Fachwissen geschätzt. Wie sie das geschafft hat? Sie bildete sich kurzerhand selbst aus. „Als Erwachsene begann sie außerdem zu sammeln, insbesondere antike Münzen und Gemmen, und an diesen Funden systematische Studien durchzuführen, für die sie eine umfangreiche Bibliothek aufbaute“, erzählt Dr. Gutsmiedl-Schümann.

Die Frage, ob Sibylle Mertens-Schaaffhausen als Sammlerin überhaupt zu den Archäologinnen gezählt werden kann, bejaht Dr. Gutsmiedl-Schümann nachdrücklich. Bei der Archäologie gehe es schließlich nicht nur um Feldforschung, Expeditionen und Ausgrabungen: „Archäologie bedeutet auch, dass Funde dokumentiert und restauriert werden, sie müssen gesammelt, katalogisiert und verglichen werden“. Genau das machte Sibylle Mertens-Schaaffhausen. Sie widmete ihrer großen Leidenschaft, der Altertumswissenschaft, sogar ein ganzes Stockwerk ihrer Villa in Bonn. Bedeutende Professoren, Altertumsforscher und Künstler gingen bei ihr ein und aus, ihr Netzwerk an intellektuellen Größen reichte von Italien bis nach Großbritannien. „In ihren Briefen können wir ihren Austausch und ihre Diskussionen auf Augenhöhe mitverfolgen“, weiß Dr. Gutsmiedl-Schümann. Als erste Frau nahm sie ab den 1840er Jahren an den Sitzungen des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom teil, hielt dort 1849 sogar selbst einen Vortrag und veröffentlichte mehrere Artikel zu archäologischen Funden.

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NEUER BEITRAG15.04.2024, 16:16 Uhr
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Alleine unter Hunderten von Männern: Johanna Mestorf

* 15. April 1828 in Bramstedt/Holstein; † 20. Juli 1909 in Kiel

Die Liste ihrer Titel ist beeindruckend: Sie war die erste Frau Preußens, die Museumsdirektorin wurde und die den Titel „Professor“ plus eine Ehrendoktorwürde der Uni Kiel erhielt. Umso unvorstellbarer ist es, dass Johanna Mestorf nie für ein Hochschulstudium zugelassen wurde und sich ihr gesamtes Wissen autodidaktisch angeeignet hat. „Sie begann ihre archäologische Arbeit mit Übersetzungen von Werken skandinavischer Archäologen ins Deutsche und bekam so auch einen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung“, berichtet Gutsmiedl-Schümann. Unermüdlich arbeitete Mestorf an ihrer Karriere: Sie hospitierte bei Altertümersammlungen und inventarisierte prähistorische Funde. Als Kopie wird ihr Inventar übrigens noch heute im Archäologischen Museum in Hamburg genutzt. Zudem korrespondierte sie mit Gelehrten und nahm an internationalen Kongressen teil. Häufig war sie dabei die einzige Frau unter Hunderten von Männern.

1873 dann der Durchbruch: Sie erhielt eine Anstellung als Kuratorin am Museum vaterländischer Alterthümer in Kiel, wo sie die Sammlungen und Ausstellungen wissenschaftlich betreute. 1891 wurde sie zur Direktorin des Museums berufen. Das Besondere daran: Sie war nach Amalie Buchheim die zweite Frau Deutschlands, die eine bezahlte Stelle an einem Museum bekommen hat. Über die Jahre wurde Mestorf eine international renommierte und angesehene Forscherin. Ihr Geheimnis? „Sie hat immer dazugelernt und war offen für neue Ansätze“, meint Dr. Gutsmiedl-Schümann.

Mestorf prägte wissenschaftliche Begriffe wie „Einzelgrabkultur“ und sorgte dafür, dass die historischen Verteidigungsanlagen des Danewerks archäologisch untersucht und so für die Nachwelt erhalten blieben. Auch den Begriff „Moorleiche“ haben wir Johanna Mestorf zu verdanken. „Sie hat 1871 erstmals einen Katalog von damals bekannten Moorleichen zusammengestellt, und damit die Möglichkeit geschaffen, diese Befunde miteinander zu vergleichen und fundstellenübergreifend auszuwerten“, fasst Dr. Gutsmiedl-Schümann zusammen. In neunzehn internationalen wissenschaftlichen Gesellschaften war sie korrespondierendes Mitglied, erhielt als erste Frau in Preußen 1899 eine Honorarprofessur und 1909 die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel. Heute vergibt eben jene Universität sogar einen nach ihr benannten Preis: Den mit 3000 € dotierten Johanna-Mestorf-Preis.


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„Ihre Anwesenheit war besonders schauerlich“: Margarete Bieber

* 1879 in Schönau, Westpreußen (heute Przechowo, Polen), † 1978 in New Canaan, Connecticut, USA

Margarete Biebers Kampf um Bildung begann bereits als Kind: Sie musste ihre Eltern überreden, auf ein Privatgymnasium gehen zu dürfen – wo sie im Jahr 1901 als erste Frau Westpreußens ihr Abitur ablegte. Als Gasthörerin studierte sie in Berlin und Bonn (regulär studieren durften Frauen damals nicht) und machte dort bei dem Archäologen Georg Loeschcke ihren Studienabschluss. Als erste Archäologin erhielt sie ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts nach Athen und Rom – und bekam dort jede Menge Gegenwind. So schrieb der Archäologe Erich Pernice über sie: „Besonders schauerlich war die Anwesenheit von Frl. Bieber“.

Der Erste Weltkrieg zwang sie zu einer Rückkehr nach Deutschland, wo sie in Berlin am Lehrstuhl ihres Doktorvaters als Aushilfe einsprang und ab 1915 sogar die Vertretung für die Professur übernahm. Loeschkes Nachfolger Ferdinand Noack hielt nicht viel von Frauen an seinem Lehrstuhl und verbot Bieber bei Amtsantritt, weiter zu unterrichten. Ihre Studenten baten Bieber daraufhin um private Kurse.

Doch Bieber ließ sich nicht aufhalten: „Als erste Frau in Deutschland habilitierte sie ab 1919 in der Archäologie, leitete ab 1928 das Gießener Institut für Altertumswissenschaften, und wurde aufgrund ihres Wissens 1931 zur außerordentlichen Professorin berufen“, zählt Dr. Gutsmiedl-Schümann die Meilensteine in Margarete Biebers Karriere auf.

Die Nationalsozialisten beendeten Biebers Karriere jedoch umgehend. Nicht nur war sie eine Frau. Nach den Rassegesetzen der Nazis galt sie als Jüdin und wurde 1933 entlassen. Sie siedelte zuerst nach Großbritannien und anschließend in die USA über, wo sie bis 1948 an der Columbia University lehrte. Sie arbeitete auch nach ihrer Pensionierung als erste weibliche Gastprofessorin an der Princeton University. Prof. Dr. Biebers wissenschaftliche Karriere endete nie – selbst mit 98 Jahren erhielt sie noch ein Forschungsstipendium.

“Seien Sie, liebe Frau Professor, überzeugt, daß wir allezeit mit Freude und Stolz uns Ihre Schüler nennen werden.”
Offener Brief von 49 Studierenden bei ihrer Entlassung 1933


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Die weibliche Version von Indiana Jones: Maria Reiche

* 15. Mai 1903 in Dresden; † 8. Juni 1998 in Lima, Peru

„Vielleicht werde ich eine berühmte Forschungsreisende“, schrieb Maria Reiche in einem Schulaufsatz 1915 – und kam damit der Wahrheit näher, als die junge Maria es vielleicht hätte erahnen können. Als ausgebildete Lehrerin verließ sie Deutschland bei Machtübernahme der Nationalsozialisten und übernahm die Anstellung einer Hauslehrerin für die Kinder eines deutschen Konsuls in Cuzco, Peru. Mit Begeisterung besuchte sie die Ruinen der untergegangenen Kulturen und nahm eigene Messungen vor.

Schließlich machte sie die Bekanntschaft des US-amerikanischen Professors Paul Kosok – eine Begegnung, die ihr Leben verändern sollte. Zum ersten Mal hörte sie auf einem seiner Vorträge von auffälligen Bodenzeichnungen, den Nazca-Linien (sie waren erst in den 1920er Jahren wiederentdeckt worden). 1941 begann Reiches eigentliche Arbeit als Forscherin: Für Paul Kosok reiste sie in die Pampa, um in Nazca weitere Linien zu vermessen – und entdeckte dabei neue.

Die nächsten 40 Jahre lang sollte Reiche die Geoglyphen von Nazca erforschen. Sie vermaß mehr als 1000 Linien und über 500 Figuren. „Ihr Studium der Mathematik und der Physik und die damit verbundenen Kenntnisse in Astronomie ermöglichten es ihr, Geoglyphen von Nasca in einem weiteren Kontext zu sehen“, so Gutsmiedl-Schümann.

Für sie glich die Pampa einem gigantischen Geschichtsbuch. Reiche schreckte vor nichts zurück. Um gute Luftaufnahmen zu machen, ließ sie sich sogar an die Kufen eines Helikopters binden, damit sie die Riesenbilder besser aus der Luft fotografieren konnte. Erst durch Reiches zahlreiche Publikationen und Vorträge wurden die Linien und Bodenzeichnungen von Nazca und Pampa de Jumana als schützenswert anerkannt – heute sind sie ein UNESCO Welterbe.


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15.04.2024, 16:42 Uhr
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Direktorin und Trümmerfrau: Gertrud Dorka

* 1893 in Orlau (heute Orlowo in Polen), † 1976 in Berlin

Gertrud Dorka war zunächst Lehrerin und kam nach dem Ersten Weltkrieg über Fortbildungsangebote für Lehrkräfte zur Archäologie. Sie studierte ab 1930, teilweise berufsbegleitend, prähistorische Archäologie, Anthropologie und historische Geografie. Nach ihrer Promotion 1936 bekam sie eine Stelle am Museum in Kiel angeboten – die sie jedoch verweigerte, da sie dafür in die NSDAP hätte eintreten müssen.

Da sie politisch unbelastet war, wurde sie 1947 in Berlin als Referentin für den Wiederaufbau des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte eingestellt. „Noch im gleichen Jahr übernahm sie als Direktorin die Leitung des Museums. Zu ihren ersten Aufgaben gehörte es, die Kriegsschäden zu beseitigen, und Teile des Museums im wahrsten Sinne des Wortes auszugraben.“ 600 bis 800 Kisten archäologisches Material holten Dr. Gertrud Dorka und ihre Mitarbeiter*innen aus dem völlig zerstörten Martin-Gropius-Bau heraus. Dorkas unermüdlichem Engagement ist es zu verdanken, dass das Museum für Vor- und Frühgeschichte nach dem Krieg wieder aufgebaut werden konnte.

Besonders interessiert war Dr. Dorka an einer fachübergreifenden Zusammenarbeit. „Sie sorgte dafür, dass Funde auch naturwissenschaftlich untersucht werden“, erklärt Dr. Gutsmiedl-Schümann. So auch bei einem Sensationsfund in Berlin-Britz aus den frühen 1950er Jahren, bei dem sie Ausgrabungsleiterin war. Gertrud Dorka stellte die Weichen für die archäologische Denkmalpflege im Nachkriegsberlin und spielte eine führende Rolle in der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie. Zu Ehren von Gertrud Dorka gibt es in Berlin Neukölln heute den „Gertrud-Dorka-Weg“.

Noch bis Mitte Januar 2024 ist die Wanderausstellung “Ein gut Theil Eigenheit” – Lebenswege früher Archäologinnen im Museum August Kestner in Hannover zu sehen und zieht dann weiter nach Marburg und Brandenburg an der Havel. Außerdem gibt es die Ausstellung virtuell unter archaeologinnen-lebenswege.de/small>


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