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NEUES THEMA08.08.2023, 21:04 Uhr
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arktika

• Belgien: Franchisemodelle zum Lohndrücken Die Niederlande machen es bereits vor - zufällig (?!) mit einem Partnerkonzern (Albert Heijn), der über seine "Mutter"gesellschaft mit seinem belgischen Gegenstück verbandelt ist): Über ein Franchisemodell sollen in der Supermarktkette Delhaize die Löhne gedrückt werden, nach dem auch anderswo beliebten Vorgehen (nicht nur) im Handel, eine kleine Stammbelegschaft zu halten und ansonsten die ArbeiterInnen durch Aushilfen zu ersetzen. Wird ja auch gern als Arbeitsplatzschaffung verkauft, da sich die Zahl der "Beschäftigten" ja in der Tat deutlich vergrößert. Wobei die Bezeichnung "Beschäftige" dabei wirklich zutreffend ist, denn mehr als eine kleine Beschäftigung (es soll ja niemand unter Langeweile leiden, wie generös!) sind diese Jobs dann nicht mehr. Jedenfalls nichts, wovon man leben kann.
Aber in Belgien regt sich Widerstand, nicht nur beim Personal. Auch viele KundInnen solidarisieren sich! Obwohl schon viele Franchiseverträge im Vorfeld der Verkündung unterzeichnet worden sind, stehen die Chancen also vielleicht gar nicht so schlecht ...

Dazu ein Text in der jW vom 9. August von Gerrit Hoekman:

Billiglöhne durch Franchisemodell
Belgien: Supermarktkette will neues Vertriebssystem für Filialen. Gewerkschaften schlagen Alarm


Die belgische Supermarktkette Delhaize will alle ihre 128 Filialen an selbständige »Franchiser« übergeben. Die ersten 15 Verträge seien unter Dach und Fach, teilte das Unternehmen am Montag auf seiner Homepage mit. Die Gewerkschaften reagierten auf die Nachricht umgehend mit Streiks in zwei Läden. Die Verkaufsstellen blieben den Tag über geschlossen. Am Hauptquartier von Delhaize in Zellik bei Brüssel sollen zwei Gewerkschafter vor Wut die Tür eingetreten haben.

Die Gewerkschaften lehnen das Franchiseprojekt ab. Sie befürchten negative Folgen für die Löhne und Arbeitsbedingungen. »Wir stehen vor vollendeten Tatsachen, die Verträge sind unterzeichnet«, sagte ­Katrien Degryse von der sozialistischen flämischen Gewerkschaft BBTK laut dem öffentlich-rechtlichen flämischen Sender VRT Nieuws. »Wir werden uns heute Abend mit den Gewerkschaftsvertretern zusammensetzen, um zu hören, welche Signale aus den Läden kommen.« Falls die ­Signale der Belegschaft auf Streik stehen, werde man über weitere Aktionen entscheiden.

In der Brüsseler Gemeinde Elsene eröffnete Delhaize 1957 den ersten Supermarkt mit Selbstbedienung. Jetzt gehört er zu den 15 Filialen, die ab Oktober oder November – so genau weiß man das noch nicht – als erste einen neuen Besitzer bekommen. In der Onlineausgabe des Brüsseler Lokalsenders Bruzz gab sich die Belegschaft in Elsene am Montag weiterhin kampfbereit. Seit ­Delhaize im März bekanntgab, dass alle seine Supermärkte zu Franchiseläden werden, sind die Beschäftigten im Aufruhr. Streikposten zogen damals vor den Geschäften auf. Delhaize erwirkte bei Gericht aber ein Verbot.

Die Gewerkschaften änderten daraufhin ihre Taktik. »Jeden Tag unterbrechen die meisten Mitarbeiter für zwei bis drei Stunden ihre Arbeit«, berichtet bei Bruzz ein junger Gewerkschafter der flämischen christlichen ACV namens Andy. »Die Absicht ist, die Arbeitsorganisation durcheinanderzubringen.« Die Belegschaft bitte die Kundinnen und Kunden, ihre Einkäufe bis auf weiteres woanders zu erledigen. Das zeige offenbar Wirkung. Auf der Liste der umsatzstärksten Filialen, die Delhaize intern führt, sei Elsene im Juli von Platz 40 auf 80 gesackt. »Die Kunden unterstützen uns weiterhin«, freut sich Andy. Die Franchisenehmer sollten sich keine Illusionen machen: Auch wenn sie das Ruder im Herbst übernehmen, werde der Protest weitergehen. »Sie sollten es sich zweimal überlegen«, warnte der ACV-Mann. »Wir werden den Übergang vermiesen.«

Die wallonische christliche Gewerkschaft CNE rief schon am Freitag zum Boykott aller Delhaize-Filialen auf, um sie »unverkaufbar« zu machen. »Den wirtschaftlichen Interessen von Delhaize und seinen Aktionären so viel Schaden wie möglich zufügen«, nennt die CNE das Ziel der Aktion. Auf der Internetseite boycottdelhaize.be hatten sich am Dienstag schon knapp 1.900 Kundinnen und Kunden eingetragen, die laut eigenen Angaben bei Delhaize für einen Umsatzverlust von rund 2,36 Millionen Euro sorgen werden. »Wenn es Delhaize gelingt, unsere Läden zu verkaufen, werden wir sie schließen, sobald sie übernommen werden. Der Kampf geht weiter!« drohte der Generalsekretär der CNE, Felipe Van Keirsbilck, gegenüber der Nachrichtenagentur Belga am Montag.

»Delhaize will 9.000 feste Jobs gegen einen kleinen Kern von Festangestellten eintauschen, ergänzt durch prekäre, billige Werkstudenten«, stellte der Vorsitzende der marxistischen PTB/PVDA und Abgeordnete im belgischen Parlament, Raoul Hedebouw, bereits im Mai auf der Internetseite der Partei fest. »Franchiseläden erleichtern ihnen den Umstieg auf ein solches Billiglohnmodell.« Die Supermarktkette Albert Heijn mache das in den Niederlanden bereits vor. Albert Heijn gehört zur niederländischen Muttergesellschaft Ahold, die seit der Fusion mit Delhaize im Juni 2016 die Mehrheit am gemeinsamen Konzern Ahold Delhaize hält.

Alle 900 Beschäftigten in den 15 Filialen würden übernommen und ihre aktuellen Lohn- und Arbeitsbedingungen behalten, verspricht Delhaize. Außerdem sollen sie eine Prämie von 1.500 Euro erhalten, die sich um 100 Euro für jedes Jahr der bisherigen Beschäftigung erhöht. Die Filialen, die noch keinen Franchisenehmer gefunden haben, werden von Delhaize weitergeführt – zumindest bis Ende 2028. Die sozialistische Gewerkschaft BBTK erwartet, dass die Versprechen nur von geringer Haltbarkeit sein werden, wenn die Franchisenehmer erst am Ruder sind. »Mit der Zeit wird Personal verschwinden müssen, das Modell eines Selbständigen ist ein ganz anderes als das einer Kette wie Delhaize«, befürchtete Degryse am Montag beim Sender VRT Nieuws.


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