EN
       
 
0
unofficial world wide web vanguard
posts in a different language!no entries for your choosen language (english) found. Please select a different system language to show this thread!
NEUES THEMA24.12.2016, 08:00 Uhr
Nutzer / in
GFP
GFP
• Aleppo, Mossul und die Hegemonie BERLIN/DAMASKUS/BAGDAD - Angesichts eines möglichen massiven Einflussverlusts der westlichen MĂ€chte im Nahen Osten verschĂ€rfen deutsche Außenpolitiker ihre Sanktionsdrohungen gegen Moskau. Mit wirtschaftlichen Strafmaßnahmen mĂŒssten angebliche oder tatsĂ€chliche Kriegsverbrechen russischer MilitĂ€rs in Ost-Aleppo geahndet werden, fordert der Vorsitzende des AuswĂ€rtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU). Harte Kritik an der auch in Deutschland tobenden Propagandakampagne zu der brutal gefĂŒhrten Schlacht um Ost-Aleppo ĂŒbt der renommierte britische Nahostkorrespondent Robert Fisk. Fisk konstatiert, es sei bemerkenswert, dass die Milizen in Ost-Aleppo als "Rebellen" bezeichnet wĂŒrden; da unter ihnen eine der stĂ€rksten ein Al Qaida-Ableger sei, werde damit immerhin die Organisation aufgewertet und in Schutz genommen, die fĂŒr die AnschlĂ€ge vom 11. September Verantwortung trage. Davon abgesehen werden die zahlreichen zivilen Todesopfer westlicher Luftangriffe im Krieg gegen den IS beschwiegen; eine bekannte US-NGO beziffert sie auf bislang mehr als 2.000. Die berĂŒchtigten doppelten Standards der westlichen Propaganda begleiten vergebliche BemĂŒhungen europĂ€ischer MĂ€chte und der USA, russische Einflussgewinne in Nah- und Mittelost zu verhindern.

Nur Zuschauer

Der Vorsitzende des AuswĂ€rtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Norbert Röttgen, fordert erneut eine VerschĂ€rfung der Sanktionen gegen Russland und will sie zudem auf Syrien und Iran ausweiten. Zum Anlass nimmt der CDU-Politiker die KriegfĂŒhrung in Ost-Aleppo. Dort hĂ€tten zahllose Zivilisten den Tod gefunden, erklĂ€rt er; russische, syrische und iranische Soldaten und Milizen hĂ€tten sich dabei schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht. "Aleppo" sei "ein Schandmal ... des Westens, weil wir zugeschaut haben", lĂ€sst Röttgen sich zitieren und rĂ€umt ein, dass die MĂ€chte Europas und die Vereinigten Staaten, die seit ĂŒber zwei Jahrzehnten in Nah- und Mittelost den Ton angaben, nicht in der Lage waren, die von ihnen abgelehnte RĂŒckeroberung Aleppos durch die von Russland unterstĂŒtzten syrischen Regierungstruppen zu verhindern: Es sei nicht einmal gelungen, das Geschehen "mit wirtschaftlichen Konsequenzen zu ahnden".1

"Eine der grĂ¶ĂŸten Gefahren"

Röttgen warnt zudem, der transatlantische Einflussverlust könne sich noch deutlich ausweiten. "Eine der gefĂ€hrlichsten Entwicklungen" sei "ein russisch-tĂŒrkisches Arrangement in Syrien", wird der Bundestags-Außenpolitiker zitiert: Mit einer möglichen Einigung Ankaras und Moskaus ĂŒber das kĂŒnftige Vorgehen in Nah- und Mittelost drohe "ein weiteres diplomatisches Desaster fĂŒr den Westen".2 Eine solche Einigung ist in der Tat nicht mehr auszuschließen. In den vergangenen Monaten haben sich Ankara und Moskau nach heftigen Auseinandersetzungen Ende 2015 wieder stark aneinander angenĂ€hert; fĂŒr den heutigen Dienstag sind GesprĂ€che der Außenminister Russlands, der TĂŒrkei und Irans in Moskau geplant, um Absprachen ĂŒber den Syrien-Konflikt anzubahnen. Bislang konnte der Westen sich stets darauf verlassen, dass Ankara alles daran setzte, die Regierung Assad zu stĂŒrzen; Moskau sucht nun nach einem Abgleich. Aus Sicht auch Berlins wiegt schwer, dass weder die USA noch ein europĂ€ischer Staat an den Moskauer GesprĂ€chen beteiligt sind; fĂŒr die westlichen MĂ€chte, die es seit ĂŒber zwei Jahrzehnten gewohnt sind, die Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten zu dominieren, ist dies ein schwerer Schlag. Selbst der gestrige Mord an dem Botschafter Moskaus in Ankara, Andrej Karlow, der fĂŒr die russisch-tĂŒrkischen AnnĂ€herungsversuche in Sachen Syrien zustĂ€ndig war, scheint die fĂŒr heute geplanten GesprĂ€che nicht zu verhindern. Der Mörder, Berichten zufolge ein Islamist, eventuell ein Jihadist, hatte nach der Tat gerufen: "Vergesst nicht Aleppo".3

Die "Rebellen" vom 11. September

Moskaus Machtzuwachs in Nah- und Mittelost, der mit dem Eingreifen der russischen StreitkrĂ€fte in den Syrienkrieg am 30. September 2015 begann und sich nun mit dem brutal erkĂ€mpften Sieg ĂŒber die von Jihadisten dominierten AufstĂ€ndischen in Aleppo fortsetzt, ist ursĂ€chlich fĂŒr die erbittert gefĂŒhrte Propagandakampagne zur Schlacht um Ost-Aleppo in den letzten Wochen und Monaten gewesen. Die beharrliche Positionierung des Westens auf Seiten der syrischen AufstĂ€ndischen hat zuletzt etwa der britische Nahostkorrespondent Robert Fisk scharf kritisiert. Fisk, ein exzellenter Kenner der Region, hat vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass die gemeinhin als "Rebellen" bezeichneten MilizionĂ€re in Aleppo zum guten Teil aus Jihadisten bestehen, darunter KĂ€mpfer des Al Qaida-Ablegers Jabhat Fatah al Sham: Es sei bemerkenswert, schrieb er, dass die Organisation, die die AnschlĂ€ge von 11. September 2001 zu verantworten habe, in Ost-Aleppo fĂŒr ihren Kampf gegen die syrische Armee gelobt und politisch unterstĂŒtzt werde.4 Fisk wies zudem darauf hin, dass die MilizionĂ€re in Ost-Aleppo ihrerseits schwere Verbrechen begangen hĂ€tten; so hĂ€tten sie Angehörige einer aus der umkĂ€mpften Stadt geflĂŒchteten Familie umgebracht, und das sei kein Einzelfall.5 TatsĂ€chlich hat die UNO unlĂ€ngst berichtet, dass AufstĂ€ndische nicht nur Zivilisten, die fliehen wollten, beschossen hĂ€tten; auch hĂ€tten der Al Qaida-Ableger Fatah al Sham und eine weitere Miliz eine unbekannte Zahl an Zivilisten verschleppt und ermordet, weil sie die MilizionĂ€re gebeten hatten, die KĂ€mpfe nicht von ihren Wohngebieten aus zu fĂŒhren.6 Fisk rechnet mit weiteren Erkenntnissen ĂŒber die tatsĂ€chlichen Ereignisse in Ost-Aleppo in den kommenden Wochen.

Zivile Todesopfer

Nicht nur die Positionierung auf Seiten der aufstĂ€ndischen Milizen, auch die lautstarke Anklage angeblicher oder tatsĂ€chlicher russischer Kriegsverbrechen wird von Fisk moniert. Fisk erinnert an den Überfall auf den Irak und die Folgen ("vielleicht eine halbe Million Tote"7) sowie an Verschleppung und Folter von VerdĂ€chtigen durch die CIA und befreundete Dienste, die Folterverhöre zuweilen in syrischen GefĂ€ngnissen durchfĂŒhren ließen (german-foreign-policy.com berichtete8); die Verbrechen blieben gĂ€nzlich ungesĂŒhnt. Hinzu kommt, dass die US-gefĂŒhrte Kriegskoalition gegen den IS ebenfalls zahlreiche Todesopfer unter Zivilisten zu verantworten hat. Offiziell rĂ€umt die Koalition, deren LuftschlĂ€ge von der Bundeswehr mit AufklĂ€rungsflĂŒgen vorbereitet werden, 173 zivile Todesopfer seit Beginn der Angriffe am 22. September 2014 ein. UnabhĂ€ngige Organisationen kommen auf höhere Zahlen. So geht die bekannte US-NGO Airwars von bislang mindestens 2.013 bei westlichen Luftangriffen getöteten Zivilisten aus. Im Oktober kamen demnach mutmaßlich zwischen 122 und 148 Zivilisten bei Attacken vor allem auf Mossul und Raqqa ums Leben, im November zwischen 142 und 186 Zivilisten. Allein fĂŒr den 7. und 8. Dezember verzeichnet Airwars vermutlich 98 zivile Todesopfer westlicher Luftangriffe bei Mossul und 60 bis 100 zivile Todesopfer, darunter 21 Kinder, in der irakischen Provinz Anbar.9

[dossierartikel]
Vertreibung, Folter, Mord

Hinzu kommen zahlreiche weitere Verbrechen, die oft von den irakischen Bodentruppen der Anti-IS-Koalition begangen werden. Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International, denen keinerlei antiwestliche Ressentiments nachgesagt werden können, sprechen eine deutliche Sprache. Demnach setzen kurdische Peschmerga, die von der Bundeswehr trainiert und aufgerĂŒstet werden, ihre "ethnischen SĂ€uberungen" in Kirkuk und Umgebung fort (german-foreign-policy.com berichtete10). Irakische Milizen foltern und ermorden MĂ€nner und mĂ€nnliche Jugendliche in Orten, die der Herrschaft des IS entrissen werden konnten11. In der Schlacht um Mossul fĂŒhrt die US-gefĂŒhrte Kriegskoalition gegen den IS auch Luftangriffe auf KrankenhĂ€user durch. So ist ein Bombardement eines Krankenhauses am 18. Oktober dokumentiert12. In Mossul selbst hat inzwischen der HĂ€userkampf begonnen, der wohl zahllose weitere Ziviltote fordern wird, zumal der IS - ganz wie der Al Qaida-Ableger Fatah al Sham in Ost-Aleppo - Zivilisten mit aller Gewalt an der Flucht zu hindern sucht.

Berlin und das Leid

"Das, was dort an unvorstellbarem Leid stattfindet, da gibt es kein Gutes", hat Norbert Röttgen, Vorsitzender im AuswĂ€rtigen Ausschuss des Bundestages, vor wenigen Tagen erklĂ€rt: "Und auch einer, der selber Unrecht tut, Gewalt anwendet, von mir aus sogar ein Terrorist ist, dem widerfĂ€hrt kein Recht, wenn so viel wahllose Gewalt und Bombardement stattfindet. Und die RealitĂ€t ist ja, dass ganz unterschiedliche Menschen dort sind. ... Es sind ... auch Kinder dort. Es sind Zivilisten dort, denen man nicht erlaubt, ... zu fliehen"13. Röttgen meinte damit allerdings nicht den vom Westen angeleiteten Krieg gegen den IS in Mossul, sondern den Krieg, den syrische, russische sowie iranische Einheiten gegen Al Qaida und Ahrar al Sham14. in Aleppo fĂŒhren. WĂ€hrend er harte Sanktionen gegen Moskau fordert, spart der Berliner Politiker die westlichen Operationen gegen den IS von jeder Kritik aus: Es geht eben nicht um die Vermeidung von Leid, sondern schlicht um die Rettung der westlichen Hegemonie.


Anmerkungen:
1 Ruf nach Sanktionen gegen Mullahs, Putin und Assad. Link ...jetzt anmelden! 19.12.2016.
2 Evakuierung von Ost-Aleppo wieder aufgenommen. Link ...jetzt anmelden! 18.12.2016.
3 Russland spricht nach Attentat auf Botschafter von "Terror". Link ...jetzt anmelden! 19.12.2016.
4 Robert Fisk: It was bizarre to watch Samantha Power at the UN conveniently forget to mention all the massacres done in America's name. Link ...jetzt anmelden! 15.12.2016.
5 Robert Fisk: There is more than one truth to tell in the heartbreaking story of Aleppo. Link ...jetzt anmelden! 13.12.2016.
6 Briefing notes: Syria. Link ...jetzt anmelden! 09.12.2016.
7 Robert Fisk: It was bizarre to watch Samantha Power at the UN conveniently forget to mention all the massacres done in America's name. Link ...jetzt anmelden! 15.12.2016.
8 S. dazu Oktober 2001 Link ...jetzt anmelden!' target='blank und Deutsch-syrischer Herbst Link ...jetzt anmelden!' target='blank.
9 International airstrikes and civilian casualty claims in Iraq and Syria: November 2016. airwars.org 19.12.2016. Military reports - December 2016. airwars.org.
10 S. dazu Im Windschatten des Krieges Link ...jetzt anmelden!' target='blank.
11 Iraq: Tribal militia tortured detainees in revenge attacks during Mosul offensive. Link ...jetzt anmelden! 02.11.2016. Investigate reports Iraqi forces tortured and killed villagers near Mosul in 'cold blood'. Link ...jetzt anmelden! 10.11.2016. Iraq: Executions by Government-Backed Militia. Link ...jetzt anmelden! 18.12.2016.
12 Iraq: Airstrike Hits Clinic, 8 Civilians Died. Link ...jetzt anmelden! 29.11.2016.
13 "Die TĂŒrkei sollte entscheiden". Link ...jetzt anmelden! 13.12.2016.
14 Ahrar al Sham ist von der deutschen Justiz explizit als terroristische Organisation eingestuft worden. S. dazu Steinmeier und das Oberlandesgericht Link ...jetzt anmelden!' target='blank und TerrorunterstĂŒtzer Link ...jetzt anmelden!' target='blank.



#aleppo #irak #mossul #russland #syrien
PNG-Datei • Bild öffnen ...ohne Wasserzeichen: anmelden! aleppo.png
• es gibt 3 Verknüpfungen mit diesem Thema in den www.secarts.org-Foren
GFP
Wie man Jihadisten fördert
BERLIN/ANKARA/DAMASKUS - Unter Nutzung deutscher "Leopard"-Panzer und begleitet von erklĂ€rten "Sympathien" der Bundesregierung setzt Deutschlands NATO-VerbĂŒndeter TĂŒrkei seinen Krieg auf syrischem Territorium for...more GFP 30.08.2016
GFP
Wirtschaft und Bevölkerung fĂŒr Aussöhnung
BERLIN/MOSKAU (03.05.2016) - Deutsche Wirtschaftskreise und Vorfeldorganisationen der Berliner Außenpolitik dringen auf eine Aufhebung der Russland-Sanktionen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen sprĂ€chen sich daf...more GFP 05.05.2016