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KABUL/BERLIN/WASHINGTON (23.07.2009) - Ernste Schwierigkeiten f├╝r die westlichen Besatzungstruppen am Hindukusch begleiten die j├╝ngste Afghanistan-Offensive der Bundeswehr. W├Ąhrend die deutschen Soldaten ihre ersten Panzer-Angriffe nach dem Zweiten Weltkrieg f├╝hren, vermeldet Washington R├╝ckschl├Ąge in einer wichtigen Modellregion. Demnach destabilisieren Aufst├Ąndische den Distrikt Jalrez, der als Testfall f├╝r die neue US-Besatzungspraxis gilt. Wie der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten erkl├Ąrt, bleibe dem Westen in Afghanistan h├Âchstens noch ein Jahr Zeit f├╝r "erkennbare Fortschritte"; die US-Truppen und die Bev├Âlkerung seien "m├╝de". Berlin setzt auf Sieg, debattiert ├╝ber die Entsendung zus├Ątzlicher Truppen und plant den Bau eines entlegenen Flughafens bis Ende 2010 - angeblich zu zivilen Zwecken. Tats├Ąchlich dienen mehr als 80 Prozent aller Fl├╝ge in Afghanistan milit├Ąrischen Aufgaben. In der afghanischen Bev├Âlkerung nimmt der Widerstand gegen die westlichen Streitkr├Ąfte nun auch au├čerhalb des islamistischen Spektrums zu. Die Frauenrechtsorganisation RAWA fordert dazu auf, sich gegen die Besatzer zu erheben.

Brutalisierung

Die j├╝ngsten Kampfhandlungen der deutschen Truppen markieren einen erneuten historischen Einschnitt: Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben deutsche Soldaten M├Ârser und Sch├╝tzenpanzer gegen feindliche Kr├Ąfte eingesetzt. In Afghanistan weitet die Bundeswehr systematisch ihren Handlungsspielraum aus; inzwischen fordern Milit├Ąrs nicht nur die Entsendung weiterer Soldaten1, sondern bringen auch einen Einsatz deutscher Kampfflugzeuge ins Gespr├Ąch. Die deutschen Truppen m├╝ssten zuk├╝nftig eigene "Luftunterst├╝tzung" gegen Aufst├Ąndische anfordern k├Ânnen, hei├čt es. Die Folgen der Brutalisierung zeigt der Tod eines unbewaffneten afghanischen Jugendlichen am vergangenen Wochenende; er wurde von deutschen Soldaten erschossen. Schon jetzt ist der Juli der verlustreichste Monat f├╝r die westlichen Besatzer, die in den vergangenen Tagen auch mehrere Hubschrauber und Kampfflugzeuge eingeb├╝├čt haben. Dabei er├Âffnen die Aufst├Ąndischen immer wieder neue Fronten abseits des Gebiets im S├╝den des Landes, das der Westen mit der aktuellen Offensive unter Kontrolle zu bekommen sucht.

Modelldistrikt

Selbst die Modellregionen der neuen US-Besatzungsstrategie sind nicht l├Ąnger sicher. Dies zeigt sich im Distrikt Jalrez rund 50 Kilometer westlich der afghanischen Hauptstadt, dem ersten Gebiet des Landes, in dem Washington die neue Besatzungsstrategie anwandte. Bis Jahresbeginn hatten Aufst├Ąndische den Distrikt kontrolliert. Im Februar marschierten US-Truppen in gro├čer Anzahl ein, ohne auf nennenswerten Widerstand zu sto├čen - die Aufst├Ąndischen zogen sich unverz├╝glich zur├╝ck. Anschlie├čend unterst├╝tzten die US-Truppen den Aufbau einheimischer Milizen, um diese gegen die Aufst├Ąndischen in Stellung zu bringen. Die Methode ist heftig umstritten; Kritiker monieren, Washington r├╝ste hier zuk├╝nftige Warlords auf. Zudem weigerten sich manche D├Ârfer von Anfang an, mit den Vereinigten Staaten zu kooperieren - "ein Schlag f├╝r die Pl├Ąne der Amerikaner", urteilte die US-Presse bereits Ende Mai.2 Einen weiteren Schlag vermeldete die Presse Mitte Juli: Aufst├Ąndische ermordeten den mit dem Westen kooperierenden Polizeichef des Modelldistrikts Jalrez sowie drei seiner Polizisten. Die neue Besatzungsstrategie drohe zu scheitern, hei├čt es in den USA.3

Extrem m├╝de

Dabei gelten die politischen Spielr├Ąume in Washington mittlerweile als eng. "Die Truppen sind m├╝de, und das amerikanische Volk ist extrem m├╝de", erkl├Ąrt US-Verteidigungsminister Robert Gates.4 Nach beinahe acht Jahren Krieg m├╝sse man "im n├Ąchsten Fr├╝hling oder fr├╝hen Sommer Fortschritte" erzielt haben, um ein weiteres Schwinden der Zustimmung zum Afghanistan-Krieg in den Vereinigten Staaten zu verhindern. Zwar sei der Westen nicht in der Lage, den Krieg innerhalb eines Jahres f├╝r sich zu entscheiden. Wenn er aber "Fortschritte vorweisen" k├Ânne und auch "keine erheblichen Todesopfer zu verzeichnen habe", "dann k├Ânnen wir mehr Zeit auf der Uhr in Washington gewinnen".

Infrastruktur

Angesichts dessen intensiviert Berlin seine Anstrengungen. J├╝ngstes Ergebnis ist der Beschluss, in der s├╝dafghanischen Provinz Uruzgan einen Flughafen auszubauen. Uruzgan gilt als ├Ąu├čerst traditionelle und zudem recht unzug├Ąngliche, also schwer kontrollierbare Provinz. Die deutsche "Entwicklungs"-Organisation GTZ hat inzwischen begonnen, Uruzgan von der Provinzhauptstadt aus mit einer Stra├če zu erschlie├čen - und so die westliche Kontrolle zu intensivieren. Zudem wird die GTZ nun den Flughafen der Provinzhauptstadt ausbauen, um die Zug├Ąnglichkeit der Region zu steigern - angeblich zu zivilen Zwecken. Erst k├╝rzlich hat die Bundesregierung allerdings mitgeteilt, dass den rund 55.000 zivilen Flugbewegungen in Afghanistan im Jahr 2008 laut ISAF-Statistiken etwa 315.000 milit├Ąrische Flugbewegungen gegen├╝berstehen. 85 Prozent der Fl├╝ge in Afghanistan dienen damit unmittelbar den westlichen Truppen zur Stabilisierung ihrer Besatzung. Der neue Flughafen in Uruzgan soll schon bald voll betriebsf├Ąhig sein - sp├Ątestens Ende 2010.5

Gegen die Besatzer

W├Ąhrend der Westen seine Offensive gegen die Aufst├Ąndischen verst├Ąrkt, nimmt der Widerstand gegen die Besatzer auch au├čerhalb des islamistischen Spektrums deutlich zu. Die "sogenannte 'neue' Strategie der Obama-Administration" und die Aufstockung der westlichen Truppen in Afghanistan erwiesen sich als noch "viel kriegstreiberischer als Bush", urteilt die afghanische Frauenrechtsorganisation RAWA.6 "Der einzige Weg, wie unsere Bev├Âlkerung den Besatzungskr├Ąften und ihren gehorsamen Dienern entkommen kann, ist, sich gegen sie zu erheben", schreibt RAWA in einem Aufruf und nennt als Ziel: "Weder die Besatzer noch die bestialischen Taliban und die kriminelle Nordallianz; lang lebe ein freies und demokratisches Afghanistan!" Wie ein "freies und demokratisches Afghanistan" erk├Ąmpft werden soll, l├Ąsst RAWA offen. Dass es mit den westlichen Besatzern zu erreichen sei, schlie├čt die Organisation jedoch nach all ihren bisherigen Erfahrungen aus.


Anmerkungen:
1 Harald Kujat: Die Bundeswehr muss in Afghanistan in die Offensive gehen; S├Ąchsische Zeitung 06.07.2009
2 Afghan Valley Offers Test for Obama Strategy; The New York Times 31.05.2009
3 Explosion Kills Afghan Police Chief and 3 Officers; The New York Times 13.07.2009
4 Gates: "Das amerikanische Volk ist extrem m├╝de"; Welt Online 22.07.2009
5 Gemeinsame Projekte im S├╝den Afghanistans; www.auswaertiges-amt.de 22.07.2009
6 Let's rise against the war crimes of US and its fundamentalist lackeys!; www.rawa.org 07.05.2009


 
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