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BERLIN/KABUL (01.09.2008) - Unmittelbar vor dem heutigen Antikriegstag hat die Deutsche Post eine PR-Kampagne f√ľr die Bundeswehr angek√ľndigt. 8.000 gro√üformatige Post-Plakate, die ab diesem Monat bundesweit geklebt werden, werben mit dem Abbild eines uniformierten Afghanistan-K√§mpfers des deutschen Expeditionskorps. Die Plakat-Kampagne soll "den Soldatenberuf in der Gesellschaft pr√§sent machen", hei√üt es bei der Deutschen Post. Das Unternehmen unterh√§lt einen "Konzernrepr√§sentanten Military Affairs Bundeswehr/NATO". An der Erstellung der Plakate war ein "Informationsfeldwebel" beteiligt. Die deutschen Streitkr√§fte besch√§ftigen ein wachsendes Spezialistenheer f√ľr Psychologische Kriegsf√ľhrung, die in Berlin als "Kommunikation und Information" firmiert. Die Deutsche Post, die sich der deutschen Armee als PR-Partner zur Verf√ľgung stellt, profitiert in zunehmendem Ma√üe von den Gewalteins√§tzen der Bundeswehr im Ausland. Allein der Umfang der Feldpost n√§hert sich dem Postaufkommen einer Gro√üstadt. Hinzu kommen umfangreiche Auftr√§ge in der Milit√§rlogistik, die der weltweit f√ľhrende Logistikkonzern akquirieren will. Die neue PR-Kampagne der Post - ein Beispiel f√ľr die milit√§rische Durchdringung bisher ziviler Gesellschaftsbereiche - startet zu einem Zeitpunkt, da die Bundeswehr √ľber Nachwuchsmangel klagt und die T√∂tung afghanischer Zivilisten durch deutsche Soldaten die Barbarisierung des Afghanistan-Einsatzes verdeutlicht.

Akzeptanz verbessern

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Postkasten in neuen Gewändern?
Das erste der 8.000 Post-Plakate, die in post√ľblichem Layout gestaltet und mit dem offiziellen Logo des Konzerns versehen sind ("Deutsche Post - Die Post f√ľr Deutschland"), ist in der vergangenen Woche dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, √ľbergeben worden. Die Post wolle mit der PR-Aktion die "Akzeptanz der Bundeswehr in der √Ėffentlichkeit" verbessern, verlautet das Verteidigungsministerium. "Das ist eine gute Initiative", lobt General Schneiderhan. F√ľr das Plakat hat ein Hauptfeldwebel ein Portraitfoto zur Verf√ľgung gestellt. Der Mann, der zeitweise am Hindukusch im Einsatz war, arbeitet als Informationsfeldwebel im Presse- und Informationszentrum der Streitkr√§ftebasis in Bonn und wirkt dort an der PR-T√§tigkeit der Truppe mit. Udo Eschenbach, "Konzernrepr√§sentant Military Affairs Bundeswehr/NATO" der Deutschen Post (ebenfalls Bonn), in dessen Verantwortungsbereich die Werbema√ünahme f√§llt, sagt √ľber das Plakat: "Es soll den Soldatenberuf in der Gesellschaft pr√§sent machen."1

Reservisten

Eschenbach verk√∂rpert die zunehmende Durchdringung ehemals ziviler Gesellschaftsbereiche, wie sie in der aktuellen PR-Aktion deutlich wird, in persona. Der Oberst der Reserve, der seit 1981 bei der Bundespost, sp√§ter im Bundespostministerium und dann bei der Deutschen Post AG gearbeitet hat, ist der Armee √ľber 30 Jahre lang in Wehr√ľbungen verbunden geblieben. Als Pr√§sidiumsmitglied f√ľr den "Bereich Wirtschaft" wirkt er f√ľr die Deutsche Gesellschaft f√ľr Wehrtechnik e.V., eine Bundeswehr-Kontaktstelle zur Industrie. Sein zivil-milit√§rischer Lebenslauf √§hnelt der Karriere anderer Bundeswehr-Reservisten, die ihre Position in der Wirtschaft nutzen, um die Interessen der Truppe zu vertreten. Klaus-Peter M√ľller etwa, ehemals Chef des Vorstandes, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank sowie Reserveoffizier, bem√ľht sich seit Jahren um einen Ausbau der Beziehungen zwischen Armee und Unternehmen. Im Juni verabschiedeten auf seine Initiative √ľber 100 Konferenzteilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Milit√§r einen "Celler Appell"; darin sprachen sie sich f√ľr "eine Vertiefung des Dialogs zwischen Bundeswehr und Gesellschaft" sowie f√ľr "eine Initiative zur F√∂rderung der Reservisten in Industrie und Wirtschaft" aus (german-foreign-policy.com berichtete2).

Munitionstransporte

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Die Bundeswehr lockt die deutschen Unternehmen nicht nur mit allgemeinen Hinweisen auf den Nutzen ihrer weltweiten Eins√§tze ("Sicherung des freien Zugangs zu Rohstoffen in aller Welt"3), sondern auch mit der Aussicht auf unmittelbaren Gewinn. Dabei geht es um die Privatisierung bedeutender Teile des Bundeswehr-Betriebs. Die Deutsche Post etwa hat schon 2002 einen Rahmenvertrag mit der Truppe geschlossen, dem zufolge sie national und international den Versand von eiligen Dokumenten und leichtem Material √ľbernimmt. Dies betrifft milit√§rische Ausr√ľstungsgegenst√§nde, Sanit√§tsmaterial und Verbrauchsg√ľter, die ein Gewicht von weniger als 50 Kilogramm haben.4 In der kommenden Woche endet die Bewerbungsfrist f√ľr den mit Abstand gr√∂√üten Logistikauftrag der Bundeswehr - f√ľr "Lagerung und Bewirtschaftung von Material der Bundeswehr (ohne Sanit√§tsmaterial, ohne Munition und ohne Betriebsstoffe)" und f√ľr "Transportleistungen f√ľr Material, Sanit√§tsmaterial, Munition, Betriebsstoffe und begleitendes Personal". Dabei geht es insbesondere auch um Munitionstransport sowohl innerhalb Deutschlands als auch in die Man√∂ver- und Kriegsgebiete in aller Welt.5 Experten rechnen mit einem Milliardenvolumen und schreiben der Deutschen Post gute Chancen bei der Akquise zu. Schlie√ülich ist die Firma schon jetzt in erheblichem Ma√üe f√ľr die Bundeswehr aktiv.

Feldpost

Wie eng die Post mit der Bundeswehr verzahnt ist, zeigt auch die Feldpost, die 1982 eingerichtet wurde - im Vorgriff auf zuk√ľnftige bundesdeutsche Auslandseins√§tze. Nach bescheidenen Anf√§ngen im Rahmen der ersten Bundeswehrintervention in Kambodscha (1992) erreicht das Feldpost-Gesch√§ft inzwischen erheblichen Umfang. Hie√ü es schon 2005, das Volumen der Feldpost habe das Postaufkommen einer Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern erreicht, so entsprechen die Werte des vergangenen Jahres einer 70.000-Einwohner-Stadt - bei steigender Tendenz. 2007 wurden 130.000 Briefe sowie 70.000 P√§ckchen im Monat bef√∂rdert. Dabei arbeiten Armee und Deutsche Post AG eng zusammen. Die Post nimmt die Sendungen entgegen und transportiert sie zu den Feldpostdienststellen im Einsatzland. Daneben stellt sie Personal und postspezifisches Material zur Verf√ľgung. Die rund 500 Konzernmitarbeiter, die als "Postsoldaten" von der Feldpostleitzentrale in Darmstadt gesteuert werden, sind s√§mtlich aktive Bundeswehr-Reservisten.6

Nicht zu empfehlen

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Die aktuelle Plakat-Kampagne der Post startet zu einem Zeitpunkt, da die Bundeswehr √ľber Nachwuchsmangel klagt. Laut Presseberichten sind die monatlichen freiwilligen Meldungen zum Wehrdienst gegen√ľber dem Vorjahr deutlich zur√ľckgegangen - um bis zu 62 Prozent.7 Auch der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Ulrich Kirsch, spricht von einem deutlichen Schwund bei Bewerbern und Anw√§rtern, um √ľber 50 Prozent bei Unteroffizieren und Mannschaften.8 "Bezahlung ist eben nicht alles", sagte Kirsch mit Blick auf den Bundeswehr-Soldaten, der in der vergangenen Woche in Afghanistan umgekommen war - der 28. seit Beginn des Einsatzes 2001. Bei einer Umfrage in der Armee hatten im letzten Jahr fast drei Viertel der befragten Milit√§rs geantwortet, sie w√ľrden ihren Beruf niemandem weiterempfehlen.

Barbarisierung

Zeitgleich mit dem Beginn der Post-Kampagne werden in Deutschland vermehrte Zweifel am Afghanistan-Einsatz laut. Hintergrund ist die T√∂tung dreier Zivilisten durch Bundeswehr-Soldaten. Eine Frau und zwei Kinder waren an einem deutschen Checkpoint nahe Kunduz in einem Auto erschossen worden. Nur wenige Tage zuvor hatte sich Berlin gegen den Vorwurf verteidigen m√ľssen, deutsche Milit√§rs h√§tten einen unbewaffneten Sch√§fer umgebracht. Der Vorfall ist bis heute durch unabh√§ngige Stellen nicht aufgekl√§rt.9 Ebenso unklar ist immer noch, ob Zieldaten deutscher Tornados zu dem westlichen Massaker der vorletzten Woche beitrugen; bei dieser Bombardierung kamen 90 Zivilisten ums Leben, darunter nach j√ľngsten Angaben rund 60 Kinder. Mit den offenkundigen Kriegsverbrechen erreicht die Barbarisierung der K√§mpfe am Hindukusch eine neue Qualit√§t; ihrer Verschleierung dienen PR-Kampagnen wie die in wenigen Tagen beginnende Plakatoffensive des Kriegslogistikers Deutsche Post.


Anmerkungen:
1 Präsenz in der Gesellschaft zeigen; www.bmvg.de 25.08.2008. Auf der Website des Bundesverteidigungsministeriums kann auch das Plakat eingesehen werden.
2 Zweiter "Celler Trialog" zwischen Wirtschaft, Politik und Bundeswehr Klaus-Peter M√ľller fordert mehr ideelle und materielle Unterst√ľtzung f√ľr die Bundeswehr; Pressemitteilung der Commerzbank 06.06.2008. S. dazu Schulterschluss
3 s. dazu Seekrieger (I) und Piratenjagd
4 s. dazu Deutsche Post: Milit√§rausr√ľstung in alle Welt
5 Ausschreibung Logistik: Bundeswehr hat Teilnahmewettbewerb gestartet; www.gebb.de 30.07.2008. S. auch Geschäfte auf Gegenseitigkeit
6 Udo Eschenbach: Neue Herausforderungen an logistische Systeme; Griephan Global Security 1/2007
7 Aderlass bei Bundeswehr; n-tv.de 28.08.2008
8 Afghanistan-Einsatz schreckt Bundeswehr-Bewerber ab; S√ľddeutsche Zeitung 28.08.2008
9 s. dazu Zu schlicht



 
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