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Ihren Ursprung hat die bürgerliche Frauenbewegung in der französischen Revolution im Zuge derer die Forderung nach Gleichheit und Freiheit für alle gestellt wurde und das Menschenrecht als gottgegebenes Naturrecht proklamiert wurde. Mit der Ausbreitung des aufklärerischen Geists über Europa wurden die Forderungen nach politischer Freiheit innerhalb der bürgerlichen Revolutionsbewegungen von 1848 laut und daraus entstand auch die bürgerliche Frauenbewegung. Die Geburtsstunde der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland wurde mit der Gründung des ersten Frauenbildungsvereins in Leipzig 1865 unter der Leitung von Louise Otto-Peters eingeläutet. Louise Otto-Peters war eine herausragende Vorkämpferin für die rechtliche und soziale Gleichberechtigung der Frau und man begegnet ihr oft in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Die Tätigkeit dieses Vereins belief sich hauptsächlich auf Bildungsvorträge in unterschiedlichen Disziplinen und Abendunterhaltungen ausschließlich von Frauen für Frauen. In Österreich war der Ursprung der bürgerlichen Frauenbewegung die Gründung des Wiener Frauenerwerbsvereins 1866, dessen Zweck es war Berufsbildung und erweiterte Erwerbsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen. 1902 wurden dann von Marianne Hainisch 13 bürgerliche Frauenvereine zum Bund österreichischer Frauenvereine zusammengefasst, der sich zwei Jahre später dem Internationalen Frauenbund anschloss.

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Louise Otto-Peters (1819-1895)
Relativ unerheblich an welchem Ort, die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegungen waren meist kaum konkret. Eine der wichtigsten Forderungen damals für die Frauen wurde von der bürgerlichen Frauenbewegung zumindest im deutschsprachigen Raum nicht angetastet und zwar die dringliche Forderung nach dem allgemeinen Frauenwahlrecht, trotz der Berufung auf die Idee der politischen Freiheit der 1848er Revolutionen. Rosa Luxemburg erklärt in ihrer Schrift über Frauenwahlrecht und Klassenkampf im Gegensatz dazu: „Das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht der Frauen würde – dank dem weiblichen Proletariat – den proletarischen Klassenkampf ungeheuer vorwärtstreiben und verschärfen. Deshalb verabscheut und fürchtet die bürgerliche Gesellschaft das Frauenwahlrecht, und deshalb wollen und werden wir es erringen.1

Das Beste, was die bürgerliche Frauenbewegung an Vorarbeit für die proletarische Frauenbewegung geleistet hat, ist die Betonung der Bedeutung, die der Berufsarbeit für die Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne zukommt.2 (Clara Zetkin)
Eine selten klare Forderung der bürgerlichen Frauenbewegung war die Forderung nach dem Recht auf Arbeit. Für die bürgerlichen Frauen war die Arbeit eine „Ehre“ und eine „Pflicht“ zu deren Ausübung sie das Recht haben. Hier wird bereits ein grundlegender Unterschied zu den Prioritäten der proletarischen Frauen sichtbar. Für sie war die Arbeit kein Recht sondern eine grausame Zwang und die Eindämmung der Geißel der Ausbeutung bzw. der Schutz vor ihr war für die Arbeiterinnen damals von Relevanz und nicht der Kampf um das Recht darauf. Die bürgerlichen Frauen hatten eine sehr verklärte, idyllische Vorstellung von der Fabrikarbeit. Es kam sogar vor, dass sog. „Lehrfräulein“, das waren bürgerliche Frauen, die unbezahlt in die Fabriken kamen um Arbeiterin zu spielen, den echten Arbeiterinnen Konkurrenz machten. Ganz konnten sie aber dennoch nicht die Augen vorm Elend der Proletarierinnen verschließen und nannten sie in all ihren Publikationen mitleidsvoll „die armen Schwestern“.3
[file-ebooks#46]Wie bereits erwähnt waren die ersten Einrichtungen der bürgerlichen Frauenbewegung strikt geschlechtergetrennt, also kein Zugang für Männer. Parallel mit der Forderung nach sozialer Gleichstellung beider Geschlechter vollführten sie eine rigorose Trennung von Männern und Frauen. Damit konnte die heuchlerische Schicklichkeit und Sittlichkeit des Bürgertums trotz aufkeimender Veränderungen der Geschlechterverhältnisse im oberflächlichen Rahmen gewahrt werden. Louise Otto-Peters schreibt 1866 in ihrer Broschüre: „das Recht der Frauen auf Erwerb“: “Schneidern und Frisieren für Damen ist nun vollends ein Gewerbe, das sich nicht für Männer ziemt, schon aus Schicklichkeitsgründen.“ Und: “Mögen doch die Männer, die Männerkörper studieren, aber die Frauen überlasse man den Frauen.4 Dass proletarische Mädchen zur selben Zeit in den Dampfschleifereien Solingens entkleidet arbeiten mussten(man kann sich vorstellen, was das in der damaligen Zeit für Auswirkungen hatte), weil an Sicherheitsvorkehrungen bei den Maschinen eingespart wurde, hatte die bürgerlichen Frauen nicht zu Entsetzensschreien über Schicklichkeit und Sittlichkeit veranlasst.5

1869 gründete Louise Otto-Peters den ersten deutschen Arbeiterinnenverein in Berlin. Anstoß dafür dürfte das gerade erst öffentlich enthüllte Elend der Berliner Konfektionsarbeiterinnen gewesen sein. Der Verein bestand bis 1871 ohne Nennenswertes für die Arbeiterinnen erreicht zu haben, geschweige denn sie in irgendeiner Weise organisiert zu haben. Wie bei der proletarischen Frauenbewegung bereits sichtbar wurde, konnten Proletarierinnen nur auf gewerkschaftlichem Wege und als Teil der Arbeiterklasse erfolgreich organisiert werden. Das bestimmt aufrichtige Mitleid mit den Arbeiterinnen paarte sich nicht mit einer Ursachenerkenntnis über ihr Leid und war somit fruchtlos. Jedoch wurde selbst für die eigenen unzureichenden Forderungen nie wirklich konsequent gekämpft. Die Not der bürgerlichen Frauen war im Gegensatz zu den lohnabhängigen Frauen zu gering für einen konsequenten Kampf. Die bürgerlichen Forderungen lockerten nur etwas den Boden auf dem die proletarische Frauenbewegung dann erfolgreich säte. Die bürgerliche Frauenbewegung erhebt bis heute die grundsätzliche Forderung voller rechtlicher und sozialer Gleichberechtigung und behauptet diese Forderung sei für alle Frauen dieser Welt gleich bedeutsam. Damit negiert sie völlig den Klassengegensatz und entbehrt jeden wissenschaftlichen Anspruch. Denn Fakt ist, dass ihre Klassenzugehörigkeit letztendlich ausschlaggebend ist für die Lage der Frau. Auch wenn die Zugehörigkeit zur ausbeutenden Klasse nicht vor geschlechtsspezifischer Unterdrückung und Sexismus schützt, aber die Belastung der bürgerlichen Frau ist einfacher Natur, die der Proletarischen doppelter und die der Proletarischen, die Teil einer zusätzlich unterdrückten Minderheit ist, dreifacher. Die bürgerlichen Frauen propagierten und propagieren heute noch Geschlechterkampf anstatt richtigerweise den frauenbefreienden Klassenkampf. Sie glauben die Einigkeit der Frauen, egal welcher Klassenzugehörigkeit, führt zum Ziel. Ihre Agitation führt aber weg vom Ziel hin zu einer geschlechtsbedingten Spaltung der Arbeiterklasse. Diese beschränkte Sichtweise zur Frauenbefreiung bezeichnet Clara Zetkin als ihr internationales Merkmal.

Die damaligen Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung waren:
  • Gleiches Recht auf Eheschließung
  • und –scheidung
  • Gleiches Verfügungsrecht über die Kinder
  • Einheitliche Sexualmoral
  • Freies Verfügungsrecht der Frau über ihr Vermögen
  • Freiheit der Berufsbildung und –tätigkeit
  • Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
  • Recht auf Abtreibung/Fristenlösung


Bezeichnenderweise wurden diese Forderungen erstmals in der Sowjetunion voll umgesetzt obwohl sie schon lange bevor der Sozialismus in die Weltgeschichte trat gestellt wurden. In den kapitalistischen Ländern wurden zwar viele dieser Forderungen weitaus später erkämpft aber die Forderung gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist nach wie unerfüllt und aufrecht. Ansonsten belaufen sich die gegenwärtigen Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung auf Themen, die die Befreiung der lohnabhängigen Frauen nicht mal ankratzen wie zum Beispiel geschlechtsneutrale Sprache, Quotenregelungen und Gender Mainstreaming. Der Kampf ums Bewusstsein ist natürlich auch aus kommunistischer Sicht richtig aber zum passenden Zeitpunkt und in einer vernünftigen Form. Die bürgerliche Herangehensweise lenkt von ökonomischen Tatsachen wie zum Beispiel dem gravierenden Lohngefälle oder der weiblichen Altersarmut ab und lässt völlig außer Acht, was die Mehrheit der Frauen heute wirklich braucht um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, und das ist bestimmt kein Binnen-I. Bürgerliche Forderungen, die sinnvoll sind, deren Erfüllung objektiv die Situation der Arbeiterinnen verbessert, müssen natürlich auch von kommunistischer Seite unterstützt, forciert und höher geschraubt werden. Einerseits natürlich um die soziale Lage möglichst zu verbessern und andererseits um der bürgerlichen Gesellschaft immer wieder die Grenzen des Kapitalismus aufzuzeigen, der nur oberflächliche beschönigende, aber keine grundsätzlichen Veränderungen zulässt. Gerade die Forderungen der frühen bürgerlichen Frauenbewegung waren ja auch für die lohnabhängiger Frauen von immenser Wichtigkeit und sind es noch. Aber was die Erfüllung angeht darf man sich keine Illusionen machen denn wie Zetkin schon richtig erkannte: „Die Erfolge der bürgerlichen Frauenbewegung kommen in der Hauptsache überwiegend den ökonomisch freien Frauen der besitzenden, herrschenden und ausbeutenden Klasse zugute.6 (Clara Zetkin)

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Die Begründerin des liberalen Feminismus: Betty Friedan (1921-2006)
Die bürgerliche Frauenbewegung lehnt den Kampf Klasse gegen Klasse nicht grundlos ab, sondern zieht den Erhalt des bürgerlichen Bodens, der Grundlage ihres unproduktiven, wohlhabenden Daseins, selbstverständlich einer Befreiung all ihrer Geschlechtsgenossinnen vor. „Die Frauen der besitzenden Klassen werden stets fanatische Verteidigerinnen der Ausbeutung und Knechtung des arbeitenden Volkes bleiben, von der sie aus zweiter Hand die Mittel für ihr gesellschaftlich unnützes Dasein empfangen.7 (Rosa Luxemburg)
Seit dem Vormarsch des russischen Proletariats im Roten Oktober 1917 war das übergeordnete Hauptziel der Bourgeoisie mit all ihren Teilen der Schutz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Die bürgerliche Frauenbewegung wurde damit vom naiven Kind der Kapitalherrschaft zum heimtückischen Instrument das eine konterrevolutionäre Gefahr darstellte. „Die gegenrevolutionäre Macht der organisierten Frauenrechtlerei beruht nicht auf der Sammlung von Bourgeoisdamen, sondern auf dem täuschenden, lähmenden Einfluss auf große werktätige Frauenmassen, deren Wollen und Handeln auf den Kampf von Geschlecht zu Geschlecht für die Reform der bürgerlichen Ordnung konzentriert wird, anstatt auf den Kampf von Klasse zu Klasse für die Revolution. Die bürgerliche Frauenbewegung erniedrigt diese Massen zu Kräften der Gegenrevolution.8 (Clara Zetkin)

Liberaler und radikaler Feminismus
Die bürgerliche Frauenbewegung nennt sich inzwischen Feminismus und ist heute sehr facettenreich. Vor allem ausgehend von USA der 60er Jahre haben sich verschiedene Strömungen bis heute etabliert. Am weitesten verbreitet sind aber der liberal-reformistische Feminismus, auch gemäßigter Feminismus genannt und der radikale Feminismus.

Der liberale Feminismus wurde von Betty Friedan ins Leben gerufen und durch die „National Organisation of Women“ (NOW) repräsentiert. Er basiert auf den Forderungen nach sozial-ökonomischer und juristischen Reformen und einer konsequenten Ideologie der Gleichheit und Veränderung der Familienrollenstrukturen. Natürlich alles innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung. Vertreterinnen dieses Flügels sprechen sich stark für die Erwerbstätigkeit der Frau aus und zwar in einem gesellschaftlichen Rahmen, der die Verbindung dieser mit der Mutterrolle ermöglicht und diese Verbindung dann eine Bereicherung für Gesellschaft und Familie darstellt. Die NOW in den USA hatte vor allem die Bedürfnisse der weißen Frauen der Mittelklasse im Auge. Die Betonung lag auf der Gleichberechtigung und der persönlichen Erfüllung des weiblichen zentralamerikanischen Wohlstands. Im Mittelpunkt stand die „gefangene Hausfrau“ des Bürgertums, die Probleme der Arbeiterinnen und der schwarzen Frauen wurden weitgehend ignoriert.
Der radikale Flügel des Feminismus sieht die Ursache der Frauenunterdrückung in den „biologischen Klassen“, wie die beiden Geschlechter in dieser Strömung bezeichnet werden. Er ist aus der studentischen Protestbewegung in den USA hervorgegangen. Die radikalen Feministinnen sind der Ansicht, dass sie die marxistische Klassentheorie in diesem Punkt erweitert haben, in dem sie diese auch auf die biologische Teilung der Geschlechter ausgedehnt haben. In deren Manifest heißt es: „Die Männerherrschaft ist die älteste und ursprünglichste Form der Herrschaft. Die anderen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung (Kapitalismus, Rassismus usw.) ergeben sich aus ihr. Alle Männer unterdrücken die Frauen, während nur ein kleiner Teil der Männer über den übrigen Teil der männlichen Bevölkerung dominiert. Alle Machtstrukturen im Verlauf der menschlichen Geschichte beruhten auf der Männerherrschaft und waren auf die Männer orientiert.9 Dieser unwissenschaftliche Fanatismus zieht die Frauenbewegung in ihrer Gesamtheit ins Lächerliche und verleitet leider dazu den gemäßigten bürgerlichen Feminismus in einem beinah akzeptablen Licht zu sehen. Die radikalen Feministinnen sehen als einzige Möglichkeit zur endgültigen Frauenbefreiung die Aufhebung des biologischen Geschlechtsunterschiedes und proklamieren einen künftigen menschlichen Fortbestand ausschließlich durch künstliche Befruchtung, was also einen heterosexuellen Geschlechtsverkehr absolut ausschließt. Wobei nicht klar hervorgeht, ob es in deren Utopie überhaupt Männer geben soll.

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Verlängerter Arm der männlichen Kapitalherrschaft: Männerfeindin und Feminismussprachrohr im deutschsprachigen Raum Alice Schwarzer
Auch der Vegetarismus und Veganismus ist in dieser Bewegung weit verbreitet. Die „sexuelle Revolution“, die sich von den USA ausgehend auch über Europa verbreitete, ist zu einem Großteil auf den Radikalfeminismus zurückzuführen. Um die puritanische, scheinheilige Sexualmoral der Bourgeoisie, die geschlechtsspezifisch ungleich wertet, auszumerzen gibt es objektiv zwei Wege. Entweder die Anstrebung und Entwicklung einer neuen Moral, einer qualitativ neuen Einstellung zu Sexualität und Familie, gleichermaßen geltend für beide Geschlechter wie es Marxisten versuchen oder eine Relativierung der alten Moral, in dem man versucht, das sexuelle weibliche Verhalten dem Männlichen anzupassen bzw. es noch zu übertreffen. Die radikalen Feministinnen wählten natürlich den letzteren Weg und die 68er Bewegung verbreitete ein massiv konsumtives Sexualverhalten in fast allen kapitalistischen Ländern als scheinbares Gegenpol zur nach wie vor bestehenden bürgerlichen Scheinmoral. Olga Woronina, sowjetische Philosophin, beschreibt das Phänomen in ihren Ausführungen über den Feminismus in den USA wie folgt: „Der Sex, der früher als einer der Parameter für die Freiheit der Persönlichkeit in der Gesellschaft galt, ist zum Selbstzweck, zum Hauptsymbol einer vulgär oder anarchistisch-egoistisch verstandenen Freiheit geworden. Mehr noch, „frei“ von Moralnormen, von allen, auch von vernünftigen Beschränkungen, dient der Sex häufig als eine Art Narkotikum, als Mittel zum – wenn auch illusionären – Schutz vor den realen Schwierigkeiten und Problemen. … Der Sex für solche „Narkotiker“ ist keine Sphäre der Freiheit mehr, sondern eine Sphäre des Zwangs.10

Woronina erkennt hier sehr gut eines der fundamentalen Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft und zwar die Entfremdung des Menschen vom Menschen. Die typische Idealisierung der Quantität in kapitalistischen Gesellschaften kommerzialisiert auch den Bereich der Sexualität und macht ihn zu einer industriellen Ware.11 Die beiden angeführten Strömungen der modernen bürgerlichen Frauenbewegung haben sich Bereiche insofern aufgeteilt, dass die gemäßigte Ausrichtung sich auf die Rolle der Frau in Arbeit, Gesellschaft und Familie konzentriert und die radikale Strömung vorwiegend den Kampf gegen Männer und die Sexualfrage behandelt. Beide sind inzwischen in diesem oder jenem Maße in fast allen kapitalistischen Industrieländern vertreten.
Die wohl bekannteste Vertreterin des heutigen bürgerlichen Feminismus im deutschsprachigen Raum, Alice Schwarzer, beweist unverhüllt, dass diese Bewegung ein verlängerter Arm der Kapitalherrschaft ist. Mit Zitaten wie „der Islamismus ist der Faschismus des 21. Jhd.12 oder indem sie vor „falscher Fremdenliebe13 warnt stärkt sie, noch dazu im Namen der Frauenrechte, die sozialen Demagogien der – ironischerweise männlichen – herrschenden Klassen.

Weiblicher Faschismus und faschistische Frauenbilder
Clara Zetkin definiert faschistische Frauenorganisationen als „klassischen Ausdruck des gegenrevolutionären Wesens der bürgerlichen Frauenbewegung".14 Also ist auch hier ist die faschistische Ausprägung die am stärksten zugespitzte und menschenverachtendste Facette der bürgerlichen Moral. Spätere Forschungen bestätigen Zetkins Annahme, dass die faschistischen Geschlechterrollenbilder ihre Wurzeln in den Ansichten der bürgerlichen Frauenbewegung haben. Hat doch das Dritte Reich erstmals die beiden Ideale einer Hausfrau und Mutter und eines aktiv politischen Teils der Gesellschaft vereint, wie es schon vor seinem Entstehen15 und sogar danach (vgl. Betty Friedan) von bürgerlichen Frauen gefordert wurde. Das Frauenbild im Hitlerfaschismus, wie auch heute noch in den rechtsextremen und faschistischen Organisationen und Parteien, ist hauptsächlich das, einer Gebärmaschine. Die Vergabe des Mutterkreuzes als Verdienst für den großen Beitrag am Erhalt der „arischen Rasse“ und die Idealisierung der deutschen Frau als Mutter und Ehefrau sind weitgehend bekannt. Sexualität und Rassismus gehen klarerweise Hand in Hand, denn rassistische Politik ist immer mit einem besonderen Interesse der Steuerung der Fortpflanzung verbunden. Demzufolge lässt sich das Dritte Reich als ein gewaltiges Unterfangen zur Steuerung der Fortpflanzung beschreiben: Es unterband (durch Sterilisation, Abtreibung und Mord) die Reproduktion jener, die es als „unerwünscht“ klassifizierte, und förderte oder erzwang (durch Einschränkungen bei Verhütung und Abtreibung, durch finanzielle Anreize und propagandistische Lockungen) die Fortpflanzung jener, die es als „gesunde heterosexuelle Arier“ pries“.16

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Clara Zetkin (1857-1933)
Die Rolle der Frau im Naziregime wird also überwiegend einerseits als die passive „Trägerin der Art“, die den Fortbestand sichert, und andererseits als Opfer, das unter dem grausamen Patriarchat der Nazis leidet, dargestellt. Weiters gibt es natürlich zahlreiche Überlieferungen über Hitlers Frauen oder die Frauen anderer führender Naziköpfe, wobei den Frauen wiederum eine passive hintergründige oder maximal dekorative Rolle zugeschrieben wird. Andere Fakten werden meist verschwiegen. Dabei hatten die Frauen im Nazifaschismus noch eine ganz andere essentielle Rolle. Sie waren nicht nur „Trägerinnen der Art“ sondern vor allem auch Trägerinnen der Ideologie und dienten zur Legitimierung dieser. Die Frau wurde öffentlich thematisiert, die Ideologie des Faschismus gab ihr eine besondere Aufmerksamkeit und sprach ihr eine wichtige Aufgabe zu. Das war strategisch notwendig um eine Massenbewegung zu erreichen. Ohne die Frauen und der Stärkung ihres Selbstbewusstseins hätte der Apparat der Nazis nicht funktionieren können. Sechs Millionen deutsche Frauen, d.h. jede fünfte Frau über 18 Jahre, gehörten bis 1941 den beiden größten Frauenorganisationen der Nazis, der NS-Frauenschaft und dem deutschen Frauenwerk an. Millionen Frauen waren nicht bloß Mütter oder Instrumente männlicher Wünsche, sondern traten erstmals in so großer Zahl als selbstbewusste, politische Akteurinnen auf. Im Jahr 1933 rief Lydia Gottschewski im „Frauenordensblatt“ zum Boykott jüdischer Geschäfte auf: „Jetzt werdet Ihr als Aufklärungstruppe eingesetzt. Ihr habt dafür zu sorgen, dass keine deutsche Frau beim Juden kauft. Nicht allein für den Augenblick, sondern für immer muss der Jude aus Volk und Staat ausgeschaltet werden.17 Die vielen Frauenmassenorganisationen, angefangen beim Bund Deutscher Mädel (BDM) integrierten die Frauen in die Gesellschaft, gaben ihnen das Gefühl Teil von etwas Großem zu sein und eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sei es mit dem Gebären von Kindern oder mit dem aktiven politischen Wirken in der Tötungsmaschinerie. Die Frauenmassenorganisationen haben selbstverständlich die Eingliederung der Frauen in das NS-Regime stark beschleunigt und auch heute gelingt es nationalistischen Kräften noch, wenn auch in weitaus geringerem Ausmaß, die Frauen mit ins Boot zu holen. Die NPD beispielsweise hat einen erschreckend hohen Zulauf an Frauen. Nach eigenen Angaben der Partei auf ihrer Homepage sind unter den Neuzugängen etwa 50 Prozent Frauen, hauptsächlich junge Mütter. Der bundesweite Mitgliederanteil an Frauen in der NPD liegt bei 15 Prozent.18 In Deutschland gibt es einige nationalistische Frauenorganisationen zum Beispiel der „Ring deutscher Frauen“ eine Unterorganisation der NPD. Viele rechtsextreme Frauen propagieren einen sog. „nationalen Feminismus“ der bei Wittrock auch als „oppositioneller Faschismus“ bezeichnet wird, weil der dem ursprünglichen mütterpreisenden Frauenbild des Faschismus nicht mehr entspricht.19 Die weibliche Beteiligung am Faschismus erklärt sich daraus, dass die soziale Demagogie selbstverständlich fruchtet, vor allem wenn sich die Probleme der Frauen im Kapitalismus weiter zuspitzen. Den Frauen, die mit den Faschisten marschieren, muss hingegen klargemacht werden, dass sie für ihre eigene teilweise Wieder-Entrechtung marschieren.
Der Beitrag unserer Rechtsaußen-Partei in Österreich zu einem konservativen Frauenbild will hier auch nicht unerwähnt bleiben. In ihrem Parteiprogramm lt. Parteitag 2005 wird verkündet: „Die Familie, geprägt durch die gegenseitige Verantwortung der Generationen und der Partner zueinander, ist wichtigste soziale Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaft. Durch das Kind wird eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau zur Familie. Die Wesensfunktionen der Familie bestehen in der Erziehung ihrer Kinder und der generationenübergreifenden Fürsorge.20 In hübsch idyllisch geschmückten Worten wird die Rolle der Frau in der Kinderfürsorge und Altenpflege manifestiert. Alles was die Frau leisten soll wird mit Familie umschrieben. „Die wichtigste soziale Grundlage der Gesellschaft“ liegt auf ihren Schultern. Gekrönt wird das zementierte, reaktionäre Rollenbild noch mit einer Forderung nach einer Mütterpension im nächsten Artikel.21 Damit ja kein Weg mehr um die weibliche Pflicht der unentlohnten, gesellschaftlichen Arbeit, also der Haussklaverei herumführt, wenn man im Alter dafür entschädigt wird. Dass das Modell der Gebärmaschine auch nicht aufgegeben wurde, beweist die abstruse Forderung von 100-prozentigem Kostenersatz bei künstlicher Befruchtung im Nationalratswahlprogramm der freiheitlichen Partei.22 Das viel häufiger notwendige Recht auf Abtreibung findet natürlich keinen Platz. Die geforderte Mütterpension gemessen an der Kinderzahl23 erinnert vom Prinzip her doch etwas an die Prämie des Mutterkreuzes als der Faschismus noch über das Schicksal der österreichischen Frau entschied. Jörg Haider bringt es jedoch wie immer auf den Punkt in dem er dazu aufruft, „die Frauen zu ermutigen, das zu tun, was ihr ureigenstes Anliegen ist, nämlich ihr Kind groß und tüchtig werden zu sehen und sich ihm zu widmen.“24

weiter zu Teil IV



Anmerkungen:
1 Rosa Luxemburg (1912): Frauenwahlrecht und Klassenkampf. Aus: Frauenwahlrecht, Propagandaschrift zum II. sozialdemokratischen Frauentag. Stuttgart.
2 Clara Zetkin (1928/1958): zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands. Dietz Verlag Berlin. S.57
3 Ebenda.
4 Ebenda. S.51
5 Ebenda. S.52
6 Ebenda. S.205
7 Rosa Luxemburg (1912): Frauenwahlrecht und Klassenkampf. Aus: Frauenwahlrecht, Propagandaschrift zum II. sozialdemokratischen Frauentag. Stuttgart.
8 Clara Zetkin (1928/1958): zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands. Dietz Verlag Berlin. S.210
9 O. A. Woronina (1980): der Feminismus in den USA. Moskau. S.432. Aus: USA- Ökonomie, Politik, Ideologie. Heft 9
10 Ebenda. S.435
11 Der Leipziger Soziologe Kurt Starke brachte 1980 eine Studie heraus, in der das Sexualverhalten von Westdeutschen und DDR Bürgern miteinander verglichen wurde. Das Ergebnis zeigte klar, dass die Menschen im Sozialismus ein weitaus mehr erfülltes und befriedigtes Sexualleben hatten als die Westdeutschen. Ebenso waren die Aufgeschlossenheit und die Aufklärung der Jugend im Osten fortgeschrittener während im Westen stattdessen Sexindustrie und Pornographie boomten. Der krasse Gegensatz ist in der amüsanten Dokumentarverfilmung der Studie „Liebte der Osten anders? Sex im geteilten Deutschland“ von André Meier gelungenerweise veranschaulicht.
12 http://diestandard.at/?url=/?id=3052254%26sap=2%26_seite=0 (4.2.2009)
13 Ebenda. (4.2.2009)
14 Clara Zetkin (1928/1958): zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands. Dietz Verlag Berlin. S.211
15 Christine Wittrock (1982): Das Frauenbild in faschistischen Texten und seine Vorläufer in der bürgerlichen Frauenbewegung der zwanziger Jahre. Sendler. Frankfurt am Main.
16 Dagmar Herzog (2005): die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jhd. Siedler. München. S. 15
17 Claudia Koonz (1991): Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich. Rowohlt. Freiburg. S. 228
18 http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/cms/detail.php/lbm1.c.368724.de (29.1.2009)
19 Christine Wittrock (1982): Das Frauenbild in faschistischen Texten und seine Vorläufer in der bürgerlichen Frauenbewegung der zwanziger Jahre. Sendler. Frankfurt am Main.
20 http://www.fpoe-parlamentsklub.at/fileadmin/Contentpool/Parlament/PDF/FP_Parteiprogramm_Neu.pdf (29.1.2009)
21 Ebenda. (29.1.2009)
22 http://www.fpoe-parlamentsklub.at/fileadmin/Contentpool/Parlament/PDF/Wahlprogramm_FP__2006.pdf (29.1.2009)
23 Ebenda. (29.1.2009)
24 Jörg Haider (1993): Die Freiheit, die ich meine. Ullstein Verlag GmbH. Frankfurt am Main. S.212