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I.a) Einführung

Die Wissenschaft der politischen Ökonomie analysiert die jeweiligen Produktions- und Austauschweisen verschiedener menschlicher Gesellschaftssysteme.

Die Menschen haben verschiedenste Bedürfnisse, die sie befriedigen müssen, um fortzubestehen. Einige davon sind Grundbedürfnisse, wie z.B. das Bedürfnis nach Nahrung. Andere wiederum entstehen erst aus der sozialen und kulturellen Entwicklung der Menschen, wie z.B. das Bedürfnis nach Bildung. Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse nutzt der Mensch seine Umwelt; er eignet sich die Natur an und formt diese um. Die Tätigkeit, die bewusst eingesetzt wird, um etwas zu schaffen, das ein Bedürfnis befriedigt, ist Arbeit; das Ergebnis der Arbeit ein Produkt.

Der einzelne Mensch kann allerdings nicht nur für sich selbst arbeiten und längerfristig davon leben. Allein zur Reproduktion braucht er mindestens einen weiteren Menschen anderen Geschlechts. Darüber hinaus ist seine Arbeit in einem gesellschaftlichen Zusammenhang wesentlich produktiver, weil es ihm ermöglicht, sich zu spezialisieren und von anderen zu lernen. Die Menschen arbeiten also in kleineren oder größeren Gruppen, und diese Gruppen bilden Gesellschaftssysteme.

Ein gesellschaftliches System ist größtenteils bestimmt durch die Produktivkräfte, die seine Basis bilden; also durch die Werkzeuge, Hilfsmittel und Maschinen, die zur Verfügung stehen, aber auch durch die Arbeitsfähigkeit der Menschen dieser Gesellschaft. Je nach Stand hauptsächlich der Produktivkräfte, aber auch anderer, konkreter Bedingungen (wie Rohstoffvorkommen, Klima, etc.), bilden sich spezifische, charakteristische Organisationsverhältnisse der gesellschaftlichen Arbeit heraus, die Produktionsverhältnisse. Auf der materiellen Basis einer Gesellschaft - den Produktivkräften, die in einem Produktionsverhältnis organisiert sind - erhebt sich ein Überbau, der die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen zueinander vermittelt: Kunst, Kultur, Recht, Religion, Politik, Wissenschaft u.v.m. sind allesamt Teile eines solchen Überbaus und abhängig von der jeweiligen ökonomischen Basis, auf die sie wiederum zurückwirken. Durch diese Wechselwirkung ergeben sich viele ökonomische und soziale Gegensätze, teils temporär und vergänglich, teils systemimmanent und antagonistisch, die die Gesellschaft selbst in verschiedene, konkurrierende Schichten oder Klassen spalten. Die Produktivkräfte werden in dieser Dynamik stets fortentwickelt und treiben ihrerseits die Widersprüche auf die Spitze, bis die ganze bisherige Produktionsweise durch eine neue, dem Stand der Produktivkräfte angemessenere ersetzt wird - oft zum Nachteil der jeweils herrschenden Klasse, doch vorteilhaft für die Gesellschaft insgesamt.

Der einzelne Mensch muss koordiniert mit den anderen arbeiten, damit die Gesellschaft funktionieren kann. Nur als solches gesellschaftliches Wesen kann er überleben und sich weiterentwickeln; und nur mit solchen gesellschaftlichen Menschen kann die Gesellschaft leben und sich weiterentwickeln. Dem vorherrschenden Produktionsverhältnis muss sich der Einzelne unterordnen; er tritt dadurch in gesellschaftliche Beziehungen mit seinen Mitmenschen, die durch seine und ihre ökonomischen Beziehungen bestimmt werden. Die Bedürfnisse einer Gesellschaft müssen durch Arbeitsprodukte befriedigt werden, die Produkte müssen dazu verteilt werden. Die angemessene Koordination dieser beiden Tätigkeiten, das Wirtschaften, ergibt sich aus dem jeweiligen Stand der ökonomischen Wissenschaft (der natürlich wieder bedingt ist durch das Niveau der Produktivkräfte: die alten Römer konnten keine Mehrwertsteuer erfinden, und der moderne kapitalistische Staat wird die zyklischen Krisen nicht überwinden).

I.b) Teilung der Arbeit

Die Grundlage allen Wirtschaftens ist die Teilung der Arbeit.

So, wie die Menschen unterschiedlich sind, in Geschlecht, Alter, Geschick, Kraft, Schnelligkeit etc., so sind auch verschiedene Arbeiten unterschiedlich. Schnell findet sich, dass bestimmte Menschen zu bestimmten Tätigkeiten besser geeignet sind als andere. Zum Beispiel kann ein kräftiger Mann in der menschlichen Frühgeschichte besser jagen als ein anderer, geschickter Mann, der wiederum die Nahrung besser zubereiten kann. Wenn sich diese Personen nun auf ihre Fähigkeiten spezialisieren, werden sie sie mit der Zeit noch besser ausbilden und eben noch effizienter ausführen können - Übung macht den Meister. Der Vorteil dieses Vorgehens ist Zeitersparnis.

Stellen wir uns zwei Urmenschen vor, die von ihrem Stamm zur Nahrungssuche geschickt wurden. Einer von ihnen ist flink, groß und kräftig, der andere geschickt, schlank und ausdauernd. Zuerst gehen beide in unterschiedlichen Gebieten jagen. Der kräftige Mann bringt am Tag 5 Rehe zur Strecke, der andere nur eins. Am nächsten Tag gehen sie Früchte sammeln. Der geschickte Mann kann gut klettern und erntet 200 Äpfel, der andere fällt oft vom Baum und bekommt vielleicht 30. Schließlich teilen sie sich die Arbeit auf und bringen täglich 5 Rehe und 200 Äpfel. Mit der Zeit bekommen unsere beiden Männer mehr Übung in ihrem Gebiet, sodass sie zur Nahrungsbeschaffung nicht mehr den ganzen Tag arbeiten müssen.

In der Zeit, die sie einsparen, können sie sich entspannen, oder sie arbeiten weiter und schaffen kleine Reserven für unsichere Zeiten oder für das Wachstum ihrer Gemeinschaft. Nach und nach werden so aus den spezifischen Tätigkeiten einiger Leute, die sie aufgrund ihrer Begabungen ausführen, durch Gewöhnung Berufe. Die Berufe, und damit die dahintersteckenden Menschen, werden charakterisiert durch ihr spezifisches Produkt und durch das jeweilige Werkzeug, das sie benutzen.

Die Produktionsmittel, also Werkzeuge und Hilfsmittel, werden mit steigender Arbeitsteilung zunehmend wichtiger für die Arbeit. Schnell wird das Werkzeug vom bloßen Arbeitszubehör zu ihrer Voraussetzung. Gewissermaßen gehört auch das Wissen und die Erfahrung über einen Produktionsprozess zu den Werkzeugen; es wird über Generationen aufbewahrt, weitergegeben und stets durch die ständige praktische Erfahrung erweitert. Da aufgrund höherer Effizienz durch Spezialisierung zunehmend weniger Menschen bestimmte Tätigkeiten ausüben, tragen diese immer höhere Verantwortung. Sie beginnen ihre Hilfsmittel und Werkzeuge zu pflegen, zu reparieren und weiterzuentwickeln. Mit der Weiterentwicklung der Produktionsmittel vergrößert sich schließlich auch die Menge der Konsumtionsmittel. Die Menschen fangen an Möglichkeiten zu erfinden, um kleine Vorräte zu lagern und Techniken zu entwickeln, um Beute frischzuhalten.

Mit zunehmender Erfahrung in der Teilung der Arbeit wachsen auch die menschlichen Gruppen an. Der Zuwachs an Menschen wiederum stellt die Kollektive vor neue Herausforderungen, die ihrerseits die Produktivkräfte fordern. Der geschichtliche Fortschritt ist das Werk der kollektiven Menschen; und je größer diese Kollektive werden, desto rasanter entwickeln sie sich weiter.

Dadurch, dass verschiedene Leute verschiedene Tätigkeiten ausüben und somit verschiedene Produkte schaffen, allerdings alle mehr oder weniger ähnliche Bedürfnisse und somit gleichmäßigen Bedarf an Produkten haben, ergibt sich die Notwendigkeit der Verteilung ihrer Produkte. Sie stehen sich innerhalb der Gesellschaft plötzlich als ökonomisch unterschiedliche Produzenten, aber ökonomisch gleiche Konsumenten gegenüber. Ein erster Gegensatz tut sich hier auf. In den frühesten Zeiten menschlicher Geschichte wurden die Produkte der Gesellschaft noch gleichmäßig unter die einzelnen Gesellschaftsmitglieder verteilt, es herrschte das Gemeineigentum. Doch irgendwann begannen bestimmte Berufsgruppen aufgrund ihrer besonderen Tätigkeit gewisse Vorrechte herauszubilden, die gleichmäßige Verteilungsweise geriet mit der Zeit ins Wanken. Es bildeten sich privilegierte Gruppen oder Einzelpersonen, die einen größeren oder besseren Teil des bisher gemeinsamen Produkts beanspruchten und es der restlichen Gemeinschaft vorenthielten. Meist begann diese Entwicklung bei den Werkzeugen, denn diese konnten durch die Spezialisierung schon bald nur noch von erfahrenen Personen effizient benutzt werden. Später dehnte sich mit dem gewohnheitsmäßigen Anspruch auf das eigene Werkzeug auch der Anspruch auf das eigene Produkt aus. So entstand das Privateigentum.

I.c) Gebrauchswert

In dem Moment, wo Menschen beginnen, ihren Besitz als Privateigentum zu betrachten, beginnt auch die Notwendigkeit des Austauschs, mit anderen Privateigentümern zu handeln.

Hier ergibt sich aber gleich ein Problem: Woher weiß der eine, dass ihn der andere nicht prellt? Dass man beim Tauschgeschäft auch mindestens soviel erhält, wie man gibt?

Tatsächlich stellt sich hier zum ersten Mal die konkrete Frage nach dem Wert eines Tauschobjekts. Was ist ein Ding wert? Was gibt ihm Wert?

Die naheliegendste Antwort scheint sich auf die Brauchbarkeit einer Sache zu beziehen, auf ihren Gebrauchswert. Der Gebrauchswert ist qualitativ und quantitativ bestimmt durch die materielle Form eines Dings, bspw. ist ein essbarer Gebrauchswert materiell ein Brot (qualitativ), und zwar ein Laib Brot (quantitativ). Was man mit einem Ding machen kann, wofür man es gebrauchen kann, hängt davon ab, was für ein Ding es eigentlich ist - sonnenklar. Doch können Dinge nicht in unterschiedlichen Zeiten, oder in unterschiedlichen Händen unterschiedlich brauchbar sein? Ein Brot z.B. während einer Hungersnot ist „mehr wert“ als in Zeiten des Überflusses. Das Brot im überfüllten Keller des Reichen ist für diesen weniger brauchbar als für einen Bettler. Auch spielen persönliche Vorlieben bei vielen Dingen eine Rolle. Dem einen mag die neuste CD irgendeines berliner Gangsta-Rappers „viel Wert“ sein, den meisten ist sie eher eine Plage. Nicht zuletzt ist der Gebrauchswert einer Sache oft nicht schon beim Kauf zu erkennen. Wer z.B. einen Hammer kauft, mag dafür einen konkreten, aktuellen Verwendungszweck haben. Nach der Anwendung wird er den Hammer aber nicht sofort wegwerfen, da er sicher für irgendwas, irgendwann noch einmal nützlich sein könnte.

[Produkte] in bestimmten Mengen werden einander gleichgesetzt, folglich haben sie eine gemeinsame Grundlage. Diese Grundlage kann nicht eine körperliche Eigenschaft der Waren wie Gewicht, Umfang, Form usw. sein. Die körperlichen Eigenschaften der Waren bestimmen deren Nützlichkeit, deren Gebrauchswert; der Gebrauchswert der [Produkte] aber ist nicht vergleichbar und quantitativ nicht messbar.1

Als Menschen, die in einem bestimmten Produktionsverhältnis stecken, sind wir daran gewöhnt, den Gebrauchswert nicht rein zu sehen. Unser Begriff des „Werts“ einer Sache ist oft unbewusst, verschwommen und schwankend. Häufig kann man bei kleinen Kindern beobachten, dass - mangels entsprechender, langfristiger Beeinflussung durch die Produktionsverhältnisse - diese untereinander Dinge tauschen, deren Wertverhältnis uns Erwachsenen oft mehr als fragwürdig erscheint. Wenn ein Kind z.B. sein Lego-Raumschiff für 90€ gegen einen Schweinsteiger-Sammelaufkleber (<<1€) eintauscht und damit zufrieden ist, so sind seine Eltern doch oft genug anderer Meinung, ob der Tausch sich gelohnt hat oder nicht.

I.d) Tauschwert

Bei den vielen verschiedenen Möglichkeiten, den Gebrauchswert eines Dings zu bestimmen, wird deutlich, wie schwierig und verworren es sein muss, mehrere Gebrauchswerte beim Austausch vergleichbar zu machen. Wieviel Brot ist ein Hammer wert? Trotzdem wissen wir aus alltäglicher Erfahrung, dass verschiedene Dinge sehr wohl sehr genau in quantitativen Verhältnissen stehen und darin mess- und vergleichbar sind; sprich, sie haben Preise. Also müssen sie irgendeine gemeinsame „Wertsubstanz“ besitzen, und die Menge dieser Wertsubstanz bestimmt, wieviel ein Produkt gegenüber einem anderen kostet.

Gehen wir zurück zu unserem Beispiel aus der Urgesellschaft und stellen uns Jäger und Sammler als Privateigentümer vor. Warum geht der Sammler nicht einfach jagen, wenn er Appetit auf Wild bekommt? Weil er sich auf das Sammeln spezialisiert hat, weil er als Jäger nicht geschickt ist und ihm wahrscheinlich auch die Ausrüstung dazu fehlt. Außerdem herrscht Arbeitsteilung in seiner Gemeinschaft, und es gibt bereits einen Jäger. Er kann aber zu dem Jäger gehen und ihm ein paar Früchte für das Wild anbieten, auf die der Jäger Appetit haben könnte. So kommt es zwischen beiden zum Austausch. Aber in welchen Mengen tauschen sie aus? Anfangs tauschen sie das, was sie rein zufällig über den Eigenbedarf übrig haben. Nur bei regelmäßigem Tausch wird bald auffallen, dass diese Mengen oft stark schwanken. Mal bekommt der Jäger 50 Äpfel für sein Reh, mal nur 10. Sieht er den Sammler das nächste Mal mit nur ein paar Äpfeln zu ihm kommen, geht er vielleicht selbst Äpfel sammeln und behält das Reh. Aber wo ist für ihn die Grenze? Der Jäger denkt sich: „Ich fange täglich durchschnittlich 5 Rehe, der Sammler durchschnittlich 200 Äpfel. In der Zeit, die ich brauche, um ein Reh zu fangen, lassen sich also auch 40 Äpfel sammeln. Dann werde ich mindestens so viele Äpfel für mein Reh verlangen, sonst kann ich selber sammeln gehen.“

Hier haben wir den Kern der Wertsubstanz: die aufgewandte Arbeit, gemessen in Zeit. Das Reh zu fangen benötigt 40-mal soviel Zeit, wie einen Apfel zu pflücken. Also ist das Reh 40-mal mehr wert. Der Tauschwert, also jener Wert, der uns in der Ökonomie interessiert, ist bestimmt durch die in der Produktion der Sache nötige Arbeit.

Es zeigen sich nun zwei völlig verschiedene Seiten derselben Arbeit. Einerseits ist sie zweckgerichtet, um einen bestimmten Gebrauchswert zu schaffen, also konkrete Arbeit. Verschiedene konkrete Arbeiten können nicht quantitativ miteinander verglichen werden, da sie sich in ganz unterschiedlichen Produkten darstellen. Andererseits ist die Arbeit ganz allgemein Verausgabung von Arbeitskraft, abstrakte Arbeit, unabhängig vom Zweck der Tätigkeit und einzig mess- und vergleichbar als Verausgabung von Arbeitszeit. Die Grundlage der abstrakten Arbeit ist eine bestimmte Verausgabung einfacher, unqualifizierter Arbeit. Für komplexere Tätigkeiten werden allerdings qualifizierte Fachkräfte benötigt. Deren Arbeit entspricht gewissermaßen „verdichteter“ einfacher Arbeit und kann als Vielfaches einfacher Arbeit aufgefasst werden.

Der Sammler weiß nun, dass die verausgabte Arbeitszeit den Tauschwert seiner Äpfel bestimmt, und hat plötzlich eine tolle Idee: „Wenn das Reh nur deshalb 40 Äpfel kostet, weil ich täglich so viele Äpfel pflücke, dann wird es billiger, sobald ich weniger Äpfel pflücke.“ Prompt beschließt er, täglich nur noch 10 Äpfel zu pflücken, damit er für 2 davon ein Reh bekommt. Aber so einfach funktioniert die Welt nicht! Der Jäger merkt natürlich bald, was los ist, und beginnt für sich selbst Äpfel zu sammeln. Er setzt sich in Konkurrenz zu dem Sammler, und jener bleibt nun auf seinen überteuerten Äpfeln sitzen.

England zur Zeit des Handwebers:

durchschnittl. Zeit je Meter Stoff:
2 Stunden

Tagesprodukt des Handwebers:
5 Meter Stoff = 2 Shilling (zum Leben gerade ausreichend)


England zur Zeit des Dampfwebstuhls:

durchschnittl. Zeit je Meter Stoff:
1 Stunde

Tagesprodukt des Handwebers:
5 Meter Stoff = 1 Shilling (zum Leben nicht mehr ausreichend)
Dieses Beispiel verallgemeinernd kann man sagen, dass der Wert eines Produkts bestimmt wird durch die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Verausgabung von Arbeitszeit. Voraussetzung dafür, dass dieser Wert sich geltend machen kann, ist natürlich ein Gebrauchswert, allerdings hat dieser in keinster Weise Anteil an der Wertgröße des Produkts. Oder in Marx' Worten:

Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen „wertbildenden Substanz“, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst misst sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.

Es könnte scheinen, dass, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft besitzt und als solche gesellschaftliche Durchschnitts-Arbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen. Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z.B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines früheren Werts.

Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt.
2

I.e) Mehrprodukt und Ware

Was passiert eigentlich, wenn die einzelnen Produzenten einer Gesellschaft immer effizienter arbeiten? In der Summe können sie natürlich immer besser leben; es wird mehr produziert, also kann man auch mehr verbrauchen. Die Gesellschaft wächst und bringt natürlich neue Arbeitskräfte hervor, die wiederum mehr Produkte schaffen. Aber irgendwann produziert man zuviel für den direkten Bedarf, man schafft über das notwendige Produkt hinaus ein Mehrprodukt.

Die Existenz eines solchen Mehrprodukts bedeutet, dass nicht mehr jeder in der Gesellschaft den ganzen Tag zur Befriedigung der Grundbedürfnisse arbeiten muss. Es entsteht die Möglichkeit, in der Freizeit „unproduktive“ Tätigkeiten zu betreiben. Es ergibt sich sogar die Möglichkeit, manche Leute komplett aus der produktiven Tätigkeit der Gesellschaft herauszuhalten, da man sie ja vom Mehrprodukt ernähren kann. Diese Leute können durch Forschung und Entwicklung die Gesellschaft kulturell voranbringen, schaffen damit aber auch neuen Bedarf nach neuen Produkten.

Historisch betrachtet ist das regelmäßige Mehrprodukt die Grundlage aller Klassengesellschaften. Erst mit seiner Existenz wird es einer privilegierten Klasse überhaupt möglich, dem Rest der Gesellschaft durch Ausbeutung das Mehrprodukt abzutrotzen und davon zu leben, ohne selbst einen Handschlag in der Produktion tätigen zu müssen. Sobald aber diese Möglichkeit erstmal historisch gegeben ist, wird sie von den herrschenden Klassen auch intensiv genutzt. Ab diesem Punkt ist die Menschheitsgeschichte hauptsächlich nur noch ein Wettstreit der verschiedenen herrschenden Schichten und Klassen (hauptsächlich Sklavenhalter, Feudalherren und schließlich Kapitalisten) um das Mehrprodukt der Land- und Stadtarbeiter.

Das Mehrprodukt kann weiterhin verwendet werden, um damit Handel zu treiben, also Dinge dagegen einzutauschen, die ansonsten nicht oder nur mühsam herzustellen wären. Mit dieser Möglichkeit entwickelt sich auch der Charakter der Produktion weiter. Man produziert nicht mehr nur, um sich selbst oder seine Gemeinde zu versorgen, sondern versorgt darüber hinaus noch Fremde, die wiederum ihre Überschüsse gegen die eigenen eintauschen. Es wird nicht mehr zum direkten Konsum gearbeitet, sondern bereits auch zum Austausch. Das Produkt der Arbeit wird zur Ware; zu einem Produkt, das nicht mehr die Produzenten selbst verzehren. Der Warenaustausch wird mehr und mehr zu einem wichtigen gesellschaftlichen Vorgang und entwickelt sich Hand in Hand mit dem Privateigentum.3

I.f) Zusammenfassung

  • Die gesellschaftliche Stellung der Menschen zueinander wird von den ökonomischen Umständen bestimmt. Ein jeder von ihnen nimmt als Arbeitskraft an der gesellschaftlichen Produktion - der materiellen Existenzgrundlage der Menschen - teil. Je nach Stand der Produktivkräfte gehen sie - teils bewusst, aber häufiger unbewusst - bestimmte Produktionsverhältnisse ein.
  • Die gesamte anfallende Arbeit gliedert sich in verschiedene konkrete Arten von Arbeit, die Basis der jeweiligen Berufsgruppen werden. Durch die ständige Weiterentwicklung ihrer Werkzeuge und die Spezialisierung auf bestimmte Tätigkeiten werden die Menschen produktiver. Je tiefer die gesellschaftliche Gliederung der Arbeit, desto fortgeschrittener die Teilung der Arbeit und desto produktiver die Gesellschaft als Ganzes.
  • Die konkrete Arbeit, die in einem Produkt steckt, bildet mit den physikalischen Eigenschaften den Gebrauchswert des Produkts.
  • Die abstrakte Arbeit, die bloße Verausgabung gleichartiger menschlicher Arbeitskraft, bildet den Tauschwert des Produkts und macht verschiedene Produkte miteinander vergleichbar und vor allem austauschbar.
  • Durch die Teilung der Arbeit gelingt es den Menschen, mehr zu produzieren, als sie direkt benötigen. Es entsteht ein Mehrprodukt.
  • Mit steigendem gesellschaftlichen Reichtum treten die ersten ökonomischen Ungleichheiten auf. Hersteller bestimmter Produkte machen aus gewohnheitlichem Besitz spezifischer Produktionsmittel und Produkte rechtmäßiges Eigentum. Es setzt sich historisch das Privateigentum gegenüber dem Gemeineigentum durch. Dadurch wird es zunehmend notwendig, die Produkte untereinander auszutauschen.
  • Die Warenproduktion entwickelt sich ständig weiter und setzt sich schließlich im Kapitalismus als vorherrschende Form der Produktion durch. Die zum Zweck des Austauschs statt für den Eigenbedarf geschaffenen Produkte werden zur Ware.



weiter zu 2. Kapitel - Warenaustausch


Anmerkungen:
1 „Politische Ökonomie - Lehrbuch“, Berlin 1955, Kapitel IV, S. 82.
2 K. Marx, „Das Kapital“, Bd. 1, in MEW, Bd. 23, S. 53f.
3 Allerdings dauert es noch sehr lange, bis der Austausch der Produkte in der Gesellschaft als Warenaustausch universal vorherrschend wird. Lange Zeit - teilweise selbst in Mitteleuropa bis ins 20. Jahrhundert hinein - wurde gerade auf dem Land noch der Großteil des Tagesprodukts für die eigene Familie hergestellt und von dieser verzehrt. Was an Mehrprodukt anfiel, wurde von den herrschenden Klassen schlicht geraubt.