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Von Stephan

Es gibt sie immer wieder, die LottomillionĂ€re, die nach ihrem ĂŒberraschendem Gewinn einige Jahre im Rausch leben, um danach alles verloren zu haben, auch das, was man vorher noch sein Eigen nannte.
1993 gelang dem Dortmunder Fußballklub Borussia ein solcher Coup: Im Europapokal waren alle anderen deutschen Mannschaften schon frĂŒh ausgeschieden, so dass alle Fernsehgelder auf den Ruhrpottklub hineinprasselten. Dieser hatte sich bislang kaum mit Ruhm bekleckert, man gewann Ende der 60er als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal, hatte aber auch mit einem 0:12 die höchste Niederlage in der Bundesliga geschafft und somit einen der wenigen Negativrekorde erreicht, der nicht von Tasmania Berlin gehalten wird.

Jetzt wurde alles besser: Unter Trainer Hitzfeld wurden unzufriedene deutsche Starkicker aus Italien zurĂŒckgeholt, einige sympathische Stars aus dem benachbarten Ausland und einige EigengewĂ€chse bildeten eine gelungene Mischung, die zweimal Deutscher Meister wurde und sogar die Championsligue, der Europapokal, gewann.
Dann egann der Rausch: Das Stadion, stets ausverkauft, wurde erweitert, die alten Stars und der alte Trainer waren nicht mehr gut genug, man verkaufte billig, kaufte teuer und baute das Stadion aus. Man blieb zunĂ€chst ein Spitzenklub, geriet aber ĂŒberraschend in arge Abstiegsnöte und konnte sich erst am letzten Spieltag der Saison unter dem Trainerduo Udo Lattek und Matthias Sammer retten. Aus dem Schock der Beinahezweitklassigkeit heraus handelte man: Erneut wurde das Stadion auf RekordgrĂ¶ĂŸe ausgebaut, es wurde so gigantisch, dass der Rasen, ein zum Fußballspiel normalerweise notwendiges Utensil, im Schatten der SĂŒdtribĂŒne fast kein Licht mehr bekam und verkĂŒmmerte, folglich fĂŒr teuer Geld regelmĂ€ĂŸig erneuert wurde, um dann sofort wieder einzugehen.

Apropos Geld: Man hatte mehr als Genug, man schwamm im Geld, warf es hoch und ließ es auf die Glatze prasseln. Ein Imperium war entstanden, eine eigene Sportartikelfirma (goool), Hotels, Internetfirmen,... . Und Spieler wurden gekauft. Nach einer entscheidenden RegelĂ€nderung der Transferbestimmungen, die der (mittlerweile verarmte) hollĂ€ndische Fußballprofi Bosman vor dem EuropĂ€ischen Gerichtshof durchgesetzt hatte, waren Spieler nach Vertragsabschluß plötzlich ablösefrei, konnten also frei zu dem Verein wechseln, der das höchste Gehalt bot.

Und das war die Borussia: Man warb um internationale Stars, vorzugsweise aus Brasilien, man holte hoffnungsvolle deutsche Kicker und zahlte, zahlte, zahlte. Man gab gigantische Ablösesummen, um Stars aus VertrĂ€gen hinauszukaufen, die dann ebenfalls der Firmenpolitik gemĂ€ĂŸ mit Geld ĂŒberhĂ€uft wurde. Geld war immer noch genug da, durch einen Börsengang hatte man sich weitere Millionen geholt, die darauf juckten, ausgegeben zu werden. 2001 gewann man die Deutsche Meisterschaft, eine Widerlegung der alten Fußballregel, wonach Geld keine Tore schießt.

Doch dann schoss auf einmal das Geld keine Tore mehr: Eine Verletzungsserie setzte einige der hochbezahlten Brasilianer matt, der schlechte Rasen, vermuteten einige. Im Europapokal, in dem die Preisgelder massivst fließen, konnte der höchstbezahlte Kicker den Ball nicht halten, der Gegner setzte den Konter zum Ausgleich um, Borussia war draußen. Im letzten Spiel der Meisterschaft hĂ€tte man gegen den Absteiger aus Cottbus nur gewinnen mĂŒssen, man spielte unentschieden und verpasste die Qualifikation gegen BrĂŒgge, erneut in den lukrativsten aller Spotwettbewerbe einzuziehen.

Kein Problem, bis dann das kleine MĂ€dchen die Kleiderfrage stellte: Der börsennotierte Klub war ja verpflichtet, Bilanzen bekannt zu geben: Das Muster war immer gleich: Schulden wurden in der Presse genannt, vom Klub dementiert, vom Klub dann eingerĂ€umt, aber bagatellisiert, dann eingerĂ€umt und zugegeben, und dann waren da schon die nĂ€chsten Horrorzahlen. Eine detaillierte AufzĂ€hlung aller allmĂ€hlich ans Licht kommenden Ungereimtheiten und MissstĂ€nde wĂŒrde (zu Recht) unter das BetĂ€ubungsmittelgesetz fallen, die derzeitige Lage sei kurz geschildert: Das Aktienkapital ist zu 80% aufgebraucht, das Stadion - lĂ€ngst verkauft, man hofft, dass der Eigner die 3 Millionen Monatsmiete nicht einfordert – soll irgendwie zurĂŒckgekauft werden, nur wovon, die beiden HauptaktionĂ€re sind ein zwielichtiger WertpapierhĂ€ndler und ein tĂŒrkischer Waffenschieber, einige Spieler sind weit unter Marktwert abgegeben, die Schulden sind neunstellig. Der Name Borussia ist an den Gerlingkonzern verpfĂ€ndet, gool machte dann doch nicht die erhofften Gewinne. Nur die Tatsache, dass die Borussia ein WM-Stadion bespielt und eine gewisse Tradition hat, lassen vereinzelte Hoffnungen zu, dass der Klub nicht achtkantig aus der Bundesliga herausfliegt.

So hat Borussia einen weiteren Negativrekord: Etwa das Hundertfache an Schulden angehĂ€uft zu haben, wegen der der FC St. Pauli derzeit um seine Lizenz bangt – ein Rekordloch. Zur Deckung der restlichen Saisonausgaben ist mehr Geld notwendig, als der benachbarte Verein aus Bochum in einer Saison ausgibt. Das Stichwort Wettbewerbsverzerrung bekommt eine ganz andere Dimension.


 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Freitag, 04.03.2005 - 01:53

...dazu kann ich nur sagen: siehe hier.
Das ist jetzt meine Standardantwort in solchen Fragen! smiley