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Bankenkrise = Vertrauenskrise?

Eigentlich müsste eine Bank niemals Bankrott gehen. Zum einen könnten die anderen Banken einer „kranken Schwester” aus der Patsche helfen, zum anderen könnten die Zentralbank und schließlich internationale Einrichtungen jederzeit für Zahlungsausfälle einspringen. Denn Geld und erst recht Kredit ist machbar – so jedenfalls scheint es auf den ersten Blick. Die Frage muss daher andersherum gestellt werden. Von wem und warum wurde die Danatbank am 11. Juli 1931 hängen gelassen?

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Der deutsche Außenminister Curtius (2.v.r.) und der österreichische Außenminister Schober (2.v.l.) im März 1931: Mit der Zollunion will der deutsche Imperialismus wieder auf eigene Rechnung gegen Frankreich Politik machen.
Im Oktober 1929 hatten die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft sich zur DeDi-Bank zusammengeschlossen. Das neue Institut war damit fast dreimal so groß als die in der Rangfolge nächste deutsche Großbank, die Dresdner Bank. Würden die Quoten der mit der Deutschen Bank vereinigten Banken ... auf die DeDi-Bank übertragen, dann hätte diese bei allen wichtigen deutschen Industriemonopolen den überwiegenden Anteil im jeweiligen Bankenkonsortium gehabt. Die Vertreter der Danat- und der Dresdner Bank vertraten in den folgenden langwierigen Verhandlungen den Standpunkt, dass die DeDi-Bank die Quoten der fusionierten Institute nicht beanspruchen könnte.1 Die Verschärfung der Wirtschaftskrise brachte jedoch zunächst die Dresdner Bank in Schwierigkeiten. Sie war auf Hilfe der DeDi-Bank angewiesen und kapitulierte deshalb im Mai 1930 in der Quotenfrage vor der DeDi-Bank. Die Danatbank kapitulierte im Juli 1930.
,Unter höfl. Bezugnahme auf die gestrigen Verhandlungen mit Ihren sehr geehrten Herren Dr. Solmssen und Dr. Kessler bestätigen wir Ihnen hiermit, dass wir dafür eintreten und uns dafür einsetzen werden, dass mit Rücksicht auf den größeren Geschäftsumfang Ihres Instituts in der Quotenfrage eine vernünftige Regelung erfolgt.‘
Das war die Kapitulationsurkunde der Dresdner Bank. Aus der ersten Runde des Machtkampfes der vereinigten Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft mit ihren Gegnern von der Gruppe Dresdner und Danatbank war die DeDi-Bank erfolgreich hervorgegangen. Sie gab sich aber damit nicht zufrieden. Das Finanzkapital will nicht nur Macht und immer größere Macht, sondern Allmacht; es strebt nicht nur nach Teilsiegen, sondern nach dem totalen Sieg.
2 Ein Jahr später – die Wirtschaftskrise hatte sich dramatisch verschärft – brach die Österreichische Kreditanstalt, die größte Bank Österreichs, zusammen.

Eine der Ursachen für diesen Zusammenbruch lag darin, dass die französischen Gläubiger der Bank ihre kurzfristigen Kredite kündigten und zurückzogen, nachdem am 21. März 1931 die österreichische und die deutsche Regierung die Öffentlichkeit mit der Mitteilung überrascht hatten, sie seien sich über die Bildung einer deutsch-österreichischen Zollunion einig geworden. Trotz aller Dementis und Beschwichtigungsversuche ließ sich nicht verheimlichen, dass die Zollunion als der erste Schritt auf dem Wege zum ,Anschluss’ gedacht war. Gustav Stolper sprach in seiner Zeitschrift ,Der deutsche Volkswirt‘ offen aus, es handele sich bei der Zollunion‚ um die Aufrollung des herrschenden europäischen Systems von der wirtschaftlichen Seite her.‘3

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Die bis dahin noch nie erreichte Tiefe der Wirtschaftskrise mit dem in die Abermillionen wachsenden Heer von Erwerbslosen, mit dem wachsenden Hunger bei massenhafter Vernichtung von Lebensmitteln verschärfte die Auseinandersetzung der imperialistischen Mächte um Absatzmärkte und Einflusssphären und erhöhte den Drang zur Neuaufteilung der Welt unter die Monopole und Großmächte. Das Kräfteverhältnis zwischen den Imperialisten war im 1. Weltkrieg ausgefochten worden und in den Verträgen von Versailles (sowie St. Germain, Sèvres und Neuilly) festgeschrieben worden. Die USA waren die einzige Macht, die aus dem 1. Weltkrieg als Netto-Gläubiger hervorging. Frankreich und England waren an die USA verschuldet und der überwiegende Anteil der von Deutschland zu bezahlenden Kriegsentschädigungen (Reparationen) floss damit indirekt wieder in die USA.

Das musste auch der Chefvolkswirtschaftler des Internationalen Währungsfonds, Michael Mussa, erfahren. Auf die Bemerkung, er glaube nicht, dass die Bedingungen für eine Rückkehr zum Isolationismus gegeben seien, warf der Fed-Chef ein, dass in den Vereinigten Staaten die Anstrengungen, den freien Handel auszuweiten, zu einem ‚bemerkenswerten Stillstand‘ gekommen seien. Und in einem historischen Rückblick erinnerte er die Konferenz daran, dass auch im Jahre 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, von der Unvermeidlichkeit der Globalisierung die Rede gewesen sei, und niemand habe die geringste Vorstellung gehabt, was kommen würde.”

Soweit der für eventuelle Neigungen zum Marxismus eher unverdächtige Alan Greenspan, Präsident der US-Zentralbank (Federal Reserve Board) lt. Neue Zürcher Zeitung vom 29.8.2000.
Frankreich, das am meisten unter dem deutschen Einfall gelitten und am meisten von einem Wiedererstarken des deutschen Imperialismus zu fürchten hatte, war vor allem an der Aufrechterhaltung der Nachkriegsordnung von Versailles interessiert. Die USA und England hatten Deutschland meist gegen Frankreich unterstützt (etwa gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets und bei der Neuregelung der deutschen Reparationszahlungen im sog. Dawes-Plan 1923/24). Die USA wiederum erkämpften sich ihren Aufstieg zur Weltmacht gegen England und Frankreich, als den damals größten Kolonialmächten. Im Kampf gegen die Sowjetunion waren ebenfalls die Widersprüche und nicht die Einheit zwischen den Imperialisten das Bestimmende. Hier ging es darum, wer die Führung in der Intervention (und damit den Anspruch auf den größten Teil der Beute) übernehmen sollte. Ein labiles Gleichgewicht dieser Gegensätze war im sog. Young-Plan als Kompromiss im Mai 1930 hergestellt worden. In dieser Abmachung waren dem deutschen Finanzkapital (keineswegs den deutschen Werktätigen) einige Erleichterungen zu Lasten vor allem Frankreichs verschafft worden. Mit Unterstützung des US-Imperialismus wurde dem deutschen Imperialismus mehr Bewegungsfreiheit verschafft. Was bezeichnenderweise den deutschen Ultrarechten und Faschisten (DNVP und Nazis) Anlass für eine zügellose chauvinistische Hetze gab mit dem Ziel der völligen Beseitigung des Versailler Vertrags, der Wiederherstellung der vollen Souveränität Deutschlands und damit der vollen Akzeptanz für die neuerliche chauvinistische, reaktionäre und imperialistische Politik des deutschen Finanzkapitals. In dieses – sehr grob skizzierte – Geflecht der imperialistischen Widersprüche4 platzte die Ankündigung einer Zollunion des Deutschen Reichs mit Österreich. Gegen eine eindeutige Bestimmung des Versailler Vertrags startete der deutsche Imperialismus nun einen offenen und einseitigen Angriff, der wiederum zu Lasten des französischen Imperialismus gegangen wäre.

Wir sehen also, dass die Basis für eine Vertrauenskrise keiner psychologischer Kopfstände bedurfte, wie sie von den Bürgerlichen immer als Ursache für den Krach beschworen werden, sondern ganz handfeste ökonomische, soziale und machtpolitische Ursachen hatte, – insofern natürlich die ganz normale Psychopathie des Imperialismus.
Die historisch-konkrete Konstellation ist so natürlich nicht wiederholbar – auch wenn sich erschreckende Ähnlichkeiten immer wieder auftun. Die Wirtschaftskrise selbst zerreißt den Schleier, der den Imperialismus, der das Finanzkapital als monolithische Einheit erscheinen lässt; sie legt dem Blick den Kampf bis aufs Messer frei, der zwischen den Monopolen innerhalb eines imperialistischen Landes, zwischen den Monopolen verschiedener imperialistischer Länder, zwischen den Monopolen um den Einfluss auf den „eigenen” Staat5 (und auf den Staat fremder Länder), zwischen den imperialistischen Staaten stattfindet. Die Einheit ihrer Widersprüche, ihre Bündnisse, ihre Zusammenschlüsse, stellen sich im Nachhinein als zeitweilige Gaunerkompromisse dar. Ein ganz anderes Problem dabei ist, ob und wie eine solche Entwicklung von den Zeitgenossen, von den handelnden Klassen und ihren Repräsentanten wahrgenommen wird und wie es gelingt, die Manöver sichtbar zu machen, mit denen große Massen von Menschen gegen ihre eigenen Interessen auf die Seite der Herrschenden gezogen werden. Wer nahm denn die „Wiedervereinigung” wahr als Beginn der territorialen Neuaufteilung der Welt unter die Imperialisten, als Warnzeichen für drohende Kriegsgefahr?

Vom Krisenpotential zur Krise

Umso bemerkenswerter wie der Zeitgenosse Varga damals den verwirrenden Tatsachen Kontur verleiht. Zunächst werden von ihm die verschiedenen diplomatischen Bemühungen zwischen England und Amerika dargestellt, die den Brandherd der Kreditkrise in Deutschland und Österreich eindämmen sollen. Mittelsmann ist vor allen Dingen Mellon, damals der fünftreichste Mann der Vereinigten Staaten auf Grund des Eigentums am Aluminiumtrust. Das Interesse Amerikas ergibt sich unmittelbar aus den sechs bis zehn Milliarden Mark amerikanischen Kapitals, das in Deutschland angelegt war. Ergebnis der Bemühungen ist das sog. Hoover-Moratorium, also der Aufschub für die deutschen Reparationszahlungen. Der Hoover-Vorschlag, am 20. Juni 1931 verkündet, wurde überall mit Begeisterung aufgenommen und die Börsen in der ganzen Welt einschließlich jener in Paris reagierten mit einer starken Hausse. Frankreich reagierte mit diplomatischer Sabotage. Es schien für das Prestige Frankreichs als Weltmacht eine Zumutung, sich eine, ohne sein Wissen getroffene Vereinbarung einfach diktieren zu lassen. Außerdem erlegte der Hoover-Vorschlag Frankreich die größten materiellen Opfer auf, weil die Differenz zwischen Deutschlands Reparationszahlung und der von den Vereinigten Staaten empfangenen interalliierten Zahlungen (wegen der Kriegskredite, die von den USA im 1. Weltkrieg an Frankreich und England gegeben waren) vor allem Frankreich zugute kommt. Die Verhandlungen über den Hoover-Plan dauerten volle 17 Tage.

Varga fährt fort: „Die lange Dauer der Verhandlungen nahm dem Hoover-Vorschlag seinen ‚psychologischen Effekt‘. Frankreich setzte seinen finanziellen Feldzug gegen Deutschland fort. Nach einer Pause von ein bis zwei Tagen setzte der Goldabfluss aus der Reichsbank wieder mit verstärkter Kraft ein. Die in immer breiteren Kreisen durchsickernde Nachricht von den Schwierigkeiten der Danatbank trug das ihrige dazu bei. Als die Verhandlungen über den Hoover-Plan endlich zum Abschluss gelangten, war es bereits klar, dass seine Durchführung allein – trotz des inzwischen von der BIZ und der amerikanischen, britischen und französischen Notenbank gewährten 100 Millionen Dollar Kredits – die Lage Deutschlands nicht mehr retten kann.
Am 7. Juli kam die französisch-amerikanische Vereinbarung zu Stande. Am 9. Juli fuhr Luther, der Präsident der Reichsbank, nach London, um auf Grundlage der kollektiven Haftung von den tausend größten deutschen Unternehmen einen Kredit von 500 Millionen Mark zu suchen! Während seiner Reise erfolgte der Krach des Nordwolle-Konzerns (ein Riesenunternehmen mit 27.000 Arbeitern und einem Viertel aller Wollspindeln Deutschlands – Corell), mit einem Passivum von 240 Millionen Mark, woran englische Banken stark beteiligt waren. Luther musste in London abgewiesen werden. Die Lage des Londoner Kapitalmarktes hatte sich in der Zwischenzeit bedeutend verschlechtert, da Frankreich seinen finanziellen Feldzug in Form von Zurückziehung der kurzfristigen Gelder auch gegen London ins Werk setzte. Luther fuhr nach Paris. Er erhielt die Antwort ‚politische Garantien‘. Diese zu geben hatte er keine Vollmacht. Er fuhr nach Basel: Er erhielt die Antwort: ,politische Garantien‘.
Auf den Misserfolg Luthers erfolgte der Bankrott der Danatbank, die Schließung aller Banken vom 12. bis 20. Juli, Suspendierung der Abgaben von Valuten durch die Reichsbank, Erhöhung des Bankzinsfußes auf zehn Prozent, für Warenlombarde auf 15 Prozent, Zahlungsunfähigkeit der Kommunen, massenhafte Entlassung von Arbeitern, fast völliges Lahmlegen der Einfuhr usw. ... Das ‚rettende Wunder‘ der Reparationsstundung ist nunmehr völlig ungenügend geworden. Um die Kreditkrise ohne eine neue Inflation zu überwinden, braucht Deutschland nunmehr einen Auslandskredit von mindestens 2 Milliarden Mark.
” ... „Was sind nun diese berüchtigten ,politischen Garantien‘, die von der französischen Presse Tag für Tag gefordert werden als Vorbedingung einer Beteiligung Frankreichs an einer Hilfsaktion?

Sie wurden offiziell bisher nicht mitgeteilt, gehen aber aus der französischen Presse klar hervor:
  • Verzicht auf die Zollunion mit Österreich

  • Verzicht auf spezielle Handelsabkommen mit den Balkanstaaten

  • Einstellung des weiteren Baus von Panzerkreuzern

  • Anerkennung der gegenwärtigen Ostgrenze („Ostlocarno“)

  • Kontrolle über die deutschen Staatsfinanzen

  • Keine staatlichen Kreditgarantien für die Lieferungen an die Sowjetunion.

Der Sinn der Forderungen Frankreichs, die unter dem Schlagwort ,politische Garantien‘ zusammengefasst werden, ist: Eine radikale Unterbindung aller Bestrebungen des deutschen Finanzkapitals, eine aktive imperialistische Außenpolitik zu betreiben, den Widerspruch zwischen dem höchstentwickelten monopolistischen Kapitalismus im Inland und dem Mangel an monopolistisch gesicherten Absatzgebieten irgendwie zu überwinden. ...
Der französische Standpunkt: Politische Garantien als Vorbedingung der Teilnahme Frankreichs an der Gewährung eines großen Auslandskredits an Deutschland.
Der britisch-amerikanische Standpunkt: Gewährung einer Anleihe an Deutschland unter Bedingungen, die die Erhaltung des kapitalistischen Systems in Deutschland im Allgemeinen und der Brüning-Regierung im Besonderen ermöglicht.


Was Varga damals noch nicht wissen konnte: Am 2. Juli war Wassermann, Direktor der DeDi-Bank, beim Reichsbankpräsidenten Luther für die Liquidierung der Danatbank eingetreten. Am 6. Juli hatte die gleiche Deutsche Bank in Basel, also am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), in der dortigen „Nationalzeitung” einen Artikel lanciert, in dem von den Schwierigkeiten einer deutschen Großbank geschrieben wird, unter namentlicher Nennung der Danatbank.6
Während Frankreich die Lage in Deutschland nutzten wollte, um den deutschen Imperialismus niederzuhalten; während die USA und England versuchten, die deutsche Krise zu nutzen, um Frankreich zu schwächen, gedachte die Deutsche Bank damit einen ihrer aggressivsten Konkurrenten auszuschalten. Das ist die Antwort auf die oben gestellte Frage: Von wem und warum wurde die Danatbank am 11. Juli 1931 hängen gelassen?

Börsencrash und Staatsverschuldung

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1932 gab es in Deutschland über 6 Millionen Erwerbslose, 1945 über 6 Millionen Tote.
Die Überproduktionskrise, die im Sommer 1929 begonnen hatte, bildete den realen Hintergrund für den Börsenzusammenbruch im Oktober 1929. Der Börsenkrach hatte jedoch keine lösende Funktion, sondern verschärfte seinerseits die Überproduktionskrise (Verminderung der Konsumtionskraft, Verschärfung der Disproportionen). Die Wirtschaftskrise erschwert wegen des stockenden Absatzes zunehmend die Verwandlung der produzierten Waren in Geld. Sie erhöht damit den Bedarf an Krediten, wenn der Produktionsprozess weiter fortgesetzt werden soll. Sie erhöht aber auch gleichzeitig das Risiko für den Kreditgeber, für Banken, Staat, sonstige in- und ausländische Kreditgeber, dass die Kredite „festfrieren”, faul werden, nicht mehr zurückgezahlt werden können. Damit entwickeln sich die Voraussetzungen, dass die Kreditkrise in eine Bankenkrise übergehen kann. Die Bankkrise bedarf zu ihrer auch nur kurzfristigen Überwindung des Eingreifens des Staates eben wieder mit Kredit, diesmal aus dem Staatshaushalt über Staatsverschuldung, also mit Hilfe fiktiven Kapitals in Form von Anleihen, Ausgabe von Schuldscheinen etc. Fiktives Kapital, denn damit wird ja wiederum kein Gramm verschwendet für die Ausdehnung der Produktion, sondern ausschließlich zur Sanierung der Bankiers. Mit der anwachsenden Staatsverschuldung wächst einerseits der Druck auf die Währung in Richtung Abwertung, andererseits sinkt die Kreditwürdigkeit außerhalb der Grenzen des eigenen Hoheitsgebietes. So wächst der Druck auf die Werktätigen im Innern, die mit weniger staatlichen Sozialleistungen (bei durch die Krise erhöhtem Bedarf) und höheren Steuern (bei durch die Krise gesunkener Steuerkraft) zur Bedienung der Staatsschuld ausgepresst werden, und es wächst der Drang nach außen, um die Kreditwürdigkeit zu erzwingen, z.B. durch die Fähigkeit Krieg führen und damit das eigene Hoheitsgebiet auszudehnen zu können. Der Krieg vollstreckt dann, was durch Monopolisierung, Kredit, staatliches Eingreifen hinausgezögert wurde: die Vernichtung von Produktivkräften, womit auf grauenvoll-kapitalistische Weise ein zeitweiliges Gleichgewicht zwischen Angebot und zahlungsfähiger Nachfrage wiederherstellt wird.

Millionen Arbeitslose – Millionen Tote!

[file-periodicals#49]Wir wissen, wie die Geschichte weiter ging. Wie im Sommer 1932 die Krise ihren Tiefpunkt überschritt und eine langsame wirtschaftliche Erholung begann. Wie die Nazis in den Novemberwahlen 1932 zum ersten Mal bei den Reichstagswahlen massive Stimmeneinbußen hatten und wie sich dann die Vertreter der Deutschen Bank zusammen mit Vertretern der übrigen aggressiven Teile des deutschen Finanzkapitals per Brief und Unterschrift an den Reichspräsidenten Hindenburg wandten, damit er den „Führer der größten nationalen Gruppe” zum Reichskanzler ernennen möge7; wie durch diese finanzielle und politische Unterstützung der Machtantritt des Faschismus in Deutschland und seine Konsolidierung erst möglich wurde. Sie brauchten die Nazis zum Krieg, weil eine andere Möglichkeit zum Überleben, zum Wachsen, zum Herrschen in ihren erbärmlichen Bilanzen nicht zu lesen war.

Und so wenig sich Geschichte platt wiederholt, so wenig sich die Formen gleichen mögen, die Geschichte der Großen Krise selbst offenbart die kriminelle Energie die hinter den rein ökonomischen, diplomatischen, politischen, scheinbar doch zivilen Operationen steckt. Eine kriminelle Energie, die fest an die Existenz von realem Privateigentum und fiktivem Kapital gebunden ist und so lange sie existieren unsere Zukunft bedroht - sicher und gar nicht beruhigend in neuen, „modernen” Formen.
Wie wird man einmal unter diesem Gesichtspunkt die Zerschlagung von Mannesmann, die „Rettung” des Holzmann-Konzerns, den gescheiterten Zusammenschluss von Deutscher und Dresdner Bank und die Spendenaffäre der CDU im Jahr 2000 interpretieren?

Arbeitsgruppe Fiktives Kapital / Corell


Anmerkungen:
1 vgl. K. Gossweiler, a.a.O., S.357ff.
2 K. Gossweiler, a.a.O., S.365
3 K. Gossweiler, a.a.O., S.368
4 Neben dem europäischen Schauplatz spitzen sich die Widersprüche zwischen den imperialistischen Ländern auch in Asien zu. Im September 1931 überfällt Japan China, trennt die Mandschurei ab und schafft dort einen Marionettenstaat namens Mandschukuo. Von hier aus nimmt die territoriale Neuaufteilung der Welt unter die Imperialisten ihren Ausgang. Manche Historiker setzen das Jahr 1931 mit dem Beginn des 2. Weltkriegs gleich. Der Überfall Japans auf China ist vor allem eine Provokation des US-Imperialismus. Dass es nicht zum bewaffneten Konflikt mit den USA kommt wird mit der Japan zugedachten Rolle beim Überfall auf die Sowjetunion gesehen. Japan wird offen unterstützt durch Frankreich und zurückhaltend von England. Vgl. hierzu Varga/InPreKorr, 1.Vj.1932, S.1185ff.
5 Gossweiler zitiert aus einem Artikel von G. Reimann in ,Die Kommunistische Internationale‘ (1932): „,Je enger die Verflechtung zwischen Banken und Staat wird, um so heftiger kämpfen die industriellen Monopole und finanzkapitalistischen Gruppen um den Einfluss auf den Staat. ... ‘” Reimann kam zu dem Ergebnis, „die gesteigerte Verflechtung zwischen Staat und Wirtschaft führe zu einer ,immer offener und blutiger werdenden Gewaltanwendung durch den Staat und alle seine Hilfsorganisationen‘ gegen die breitesten Massen. Gleichzeitig kündige sich‚ ,in dem unmittelbaren Eingreifen in die Wirtschaft auch der kommende Krieg an.‘” (K. Gossweiler, a.a.O., S.392)
6 vgl. K. Gossweiler, a.a.O., S.374 und 377
7 Im Wortlaut: „Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.” (R. Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, S.162)



 
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