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Von secarts

Hallo Joschka!

Oder darf ich "Martin Josef" sagen? Spitznamen-Verbrüderungsszenen liegen mir nicht sonderlich, insbesondere nicht mit dir. Wir haben ja schließlich nicht zusammen die Schweine gehütet.
Da sitze ich nun heute also so rum und denke mir: Schreibste deinem Bundesminister des Äußersten doch mal einen kleinen Brief. Briefe verbinden, heißt es ja. Und heute wird sowieso viel zu wenig geschrieben. Warum schreibe ich gerade dir, magst du denken. Zu Recht! Es gibt sympatischere Menschen und auch Wichtigere als dich. Dennoch: Ich habe da so Gründe.

Weißt du, Martin Josef, insgeheim bin ich ja ein Fan von dir. Nicht, weil du durchs Marathonlaufen mal 40 Kilo abgespeckt und durch die vielen festlichen Empfänge und Buffets wieder 50 Kilo zugelegt hast; diese Probleme habe ich nicht. Nein, es ist dein Lebensentwurf, den man als dauerexistenzbedrohter angehender Akademiker einfach lieben muss. Du hast nix gelernt, nicht mal einen vernünftigen Schulabschluss gemacht, geschweige denn studiert. Auf dem freien Arbeitsmarkt ein "Versager", ohne Perspektive, schwer vermittelbar. Doch der Gang in die große Politik und die freundliche Übernahme des hessischen Grünen-Landesverbandes war die große Rettung: Auf einmal saß der alte Frankfurter Sponti in einer Regierungskoalition, und wie weggeblaßen schienen alle finanziellen und beruflichen Sorgen um die Zukunft des mißratenen Sohnes, ob derer sich Mutter Fischer so manche Nacht schweißgebadet im Laken gewälzt haben muss.
Nach nur knapp 14monatiger Amtszeit als hessischer Umweltminister hast du im Frühjahr 1987 gleich erstmal eine Abfindung in Höhe von »ungefähr« (FAZ) 130000 Mark eingestrichen. Die hast du behalten als »Überbrückung«, wegen »persönlich-materieller Unwägbarkeit«. Diese Unwägbarkeit bestand in der Tat; denn trotz deines verlorenen Ministerpostens wurdest du gleich Fraktionsvorsitzender im Wiesbadener Landtag und konntest doppelte Diäten einstreichen. Man weiß es ja, aus der Bild-"Zeitung" und von den Bekannten: Viel Geld verleitet dazu, auch viel auszugeben. Sicher ist also sicher; das Überbrückungsgeld könnte ja mal irgendwann nützlich sein. Auch als Bundestagsabgeordneter hast du deine Schäfchen im Trockenen gehalten: Im letzten grünen Rechenschaftsbericht von 1998 tauchst du nicht als Spender auf. Das besagt, dass deine Diäten-Abführung an die Parteikasse unterhalb der gesetzlich relevanten Schwelle von 20000 DM lag. Als Fraktionsvorsitzender allerdings bezogst du schon vor dem Regierungswechsel ein Jahressalär in Höhe von 232740 Mark, natürlich exklusive aller weiteren Spesen und Vergünstigungen. Deine Spendenunlust hast du mit den finanziellen Verpflichtungen aus zweiter Ehe begründet; manch ein gebeutelter Vielfachgeschiedener wird's dir nachsehen, wenn er nicht gerade unter Hartz IV ächzt. Geben ist also nicht so dein Ding, nehmen aber schon mehr: Du hast "den persönlichen Betrag, den die Mandatsträger an die Bundespartei abführen müssen, durch die Vermittlung von Spenden [reduziert]. Anders ausgedrückt: Dank spendierfreudiger Unternehmer hat Fischer privat mehr Geld zur Verfügung", so die FAZ (8. 1. 2000). In ganz anderen Worten: Je besser sich Martin Josef mit dem Großkapital stellt, umso mehr bleibt im Säckel. "Dank Fischers Kontakten zu Vertretern der Wirtschaft kam eine für Grünen-Verhältnisse außerordentlich hohe Summe zustande", nämlich "rund 103000 Mark", weiß wiederum die FAZ über das grüne Notopfer zu berichten. Martin Josef, ist das etwa die Kriegsdividende?

Doch du verstehst dich auch darauf, alte Kumpels nicht hängen zu lassen. Denn alleine wärst du niemals da angekommen, wo du bist, das weißt du natürlich. "Die Mitglieder seiner früheren Putztruppe waren die ersten, wie Christian Schmidt recherchiert hat. Nachdem Fischer 1985 hessischer Umweltminister geworden war, bekam Cohn-Bendits Hauspostille Pflasterstrand mehrere Jahre lang zinsfreie Kredite aus dem Landeshaushalt, das »Tigerpalast«-Projekt der Kleinkünstler Matthias Beltz und Johnny Klinke wurde mit 700000 DM gefördert. Fischer-Spezi Ralf Scheffler erhielt lukrative Schanklizenzen in Frankfurter Spitzenlagen, um die sich mancher Konkurrent jahrelang vergeblich bemüht hatte, eine »staatlich erteilte Lottokonzession«, wie Spötter meinen.[...] Georg Dick, Fischers Mann fürs Grobe, wurde zunächst Vize-Regierungssprecher der Börner-Regierung und später von seinem Paten via »Sprungbeförderung« von einer B-3 auf eine B-6 Stelle angehoben – Monatsgehalt 12000 Mark. Nach dem Regierungswechsel im Oktober 1998 wurde er bei Fischer Ministerialdirektor »mit dem Gehalt eines Drei-Sterne-Generals – so etwas dürfte es in der Schaltzentrale der deutschen Außenpolitik noch nicht gegeben haben«, schrieb die Frankfurter Rundschau. Auch Fischers langjähriger Mitarbeiter Achim Schmillen und der frühere KBW-Chef Joscha Schmierer fanden einen Job im Außenamt – der erste verfaßt Expertisen über die deutsche Interessen in Mittelasien, der zweite über die EU-Politik." (Jürgen Elsässer, Junge Welt vom 12.10.04)
Ein Glück, wenn man Freunde hat. Egal, was man früher mal verbockt hat - staatstragende Haltung kann erlernt werden.

Also, um das mal zu rekapitulieren: Du kommst von ganz unten. Dem Ort, den jeder Akademiker fürchtet - Taxifahren und Bibliotheken bestehlen. Und du hast es mit ein paar guten Kumpels nach ganz Oben geschafft. An die Schaltstellen der neuerstarkten Großmacht in Europa, als ultimativer Außenminister. Nötig dafür waren: Selbstvertrauen, Aggressivität, Verleugnen einer evtl. mal gehabten eigenen Meinung, die Fähigkeit zu hemmungsloser Anbiederung (oder Prostitution, wie es "im Millieu" heißt) und Seilschaften tief in bildungsbürgerliche und wirtschaftliche Kreise. Eine typische Kapitalismus-Gutenachtgeschichte: Vom Straßenrowdy zum Außenminister. Respekt.
Je mehr ich über dich und dein Leben nun aber so nachdenke: Es gefällt mir doch nicht so gut. Nicht, dass ich vor lauter Altruismus den heldenhaften Hungertod anvisiere; es ist mir durchaus bewußt, dass man sich im Kapitalismus möglicherweise auch weit unter "Marktwert" oder mit Gewissensverdrehungen verkaufen muss. Aber dann gleich Außenminister? Ist nicht Politiklehrer schon schlimm genug?

So long, Martin Josef. Wenn ich mal Kinder habe und die mich fragen, was sie später mal werden wollen... Ich weiß, was ich ihnen sagen werde: Gören, macht, was ihr wollt. Aber werdet nicht wie Martin Josef Fischer.

In diesem Sinne,


herzlichst, dein secarts

 
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  Kommentar zum Artikel von secarts:
Freitag, 15.10.2004 - 18:34

Es sind nur 79 999 999 Deutsche, die ihn mögen. Oder noch ein paar weniger smiley

Und sicherlich steigt Fischers Popularität proportional zur "Anbiederung" seiner Person und seiner Partei an die Machtverhältnisse, das ist klar. Dennoch: Andere mussten nicht einmal den Prozeß dieser Anbiederung durchmachen, sondern kamen schon beinahe angebiedert auf die Welt - die ganzen ehemaligen Schüler-Unions-Vorsitzenden, dann Junge-Unions-Vorsitzenden und später Ministerpräsidenten z.B... Und die sind dennoch nicht mit Fischers Popularität zu vergleichen.
Das Phänomen scheint also etwas tiefer zu sitzen. Ohne seine "Turnschuh-Phase" wäre Fischer höchstwahrscheinlich heute überhaupt nicht so beliebt - er verkörpert, wie übrigens fast alle Grünen, die Schizophrenie einer kleinbürgerlichen Schicht: Gegen Castor protestieren und gleichzeit die Abschaffung der Atomkraft vertagen; Friedensmärsche mitmachen und im Kosovo Krieg führen; für eine gerechtere Welt antreten und sich hemmungslos bereichern. Und viele scheinen sich auf paradoxe Art in Fischers Karriere irgendwie wiederzuerkennen, all die in Amt und Würden angelangten Alt-68er und früheren Revoluzzer in Ministerialbeamtenetagen...


  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Freitag, 15.10.2004 - 17:00

Ein sehr schönes Zitat wird von Harry Rowohlt überliefert, der, als man ihm begeistert von einer mehrstündigen frei gehaltenen (!!!) Rede F.s erzählte, kommentierte: "Kein Wunder, der ist Taxifahrer!".

Aber, daß Freunde ihresgleichen nach oben mitziehen, findet man eigentlich recht häufig in dieser Gesellschaft - bis hin in die Abgründe der Corporierten. Die neue Qualität beim Fischer ist hier, daß seine Partei (Gründnis 90) irgendwann ja angetreten ist, eben solche Strukturen nicht zu dulden. Das Paradoxon des heiligen Franz! Dessen Armutsgelübte, von den Franziskanern nachgeahmt, war so populär (angesichts der verfressenen Dominicaner), daß der Orden nur kurze Zeit später in Geld schwamm. Die Lösung war wie beim Fischer: Vergelts Gott sagen und für sich aufbrauchen.

Ansonsten kritisierst Du hier den populärsten Politiker seiner Zeit, Kandidat für den Weltaußenminister (mit noch festzulegendem Aufgabenfeld) und erfolgreichem Brigitte-Diät-Absolvent. Daß er den Großteil seiner Beliebtheit nicht seiner Arbeit, von der naturgemäß viel verborgen bleibt, verdankt ist klar - 80 Millionen Deutsche verehren ihn offenbar nur, weil er nicht mehr mit Turnschuhen zu den Staatsempfängen geht - er ist "angekommen".