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Anfang April legte die gesamte Belegschaft bei Karmann-Osnabrück drei Schichten lang die Arbeit nieder. Sie setzte dem Versuch der Geschäftsführung, in einer schwierigen betrieblichen Situation ERA (das neue Entgeltrahmenabkommen zwischen Metallkapital und IG Metall) als „Billigmacher“ zu nutzen, ersten Widerstand entgegen. In der UZ Nr. 16 (20. April 2007) berichtete ich darüber, hier will ich einige Aspekte etwas genauer beleuchten.

Das „historisch-moralische Element“...

Strittig ist im Konflikt um ERA bei Karmann - wie in der gesamten Automobilindustrie - u. a. die Bewertung der Fahrzeugbau-Tätigkeiten: handelt es sich dabei um „Facharbeit“, oder lassen sich diese Tätigkeiten nach „kurzer Unterweisung“ ausführen? Dies ist nicht nur eine fachliche Frage - es geht um den Wert der Ware Arbeitskraft in einer bestimmten Branche. Laut Marx wird dieser „aus zwei Elementen gebildet - einem rein physischen
und einem historischen oder gesellschaftlichen.“ Als „historisch-moralisches Element“ bezeichnet er „einen traditionellen Lebensstandard (...),die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, entspringend aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die die Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen.“ Die Frage der faktischen Festsetzung des Wertes der Arbeitskraft „löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden.“ (Lohn, Preis und Profit, Kapitel 14.) Die heutige Lohn- und Gehaltsstruktur bei Karmann stammt in den Grundzügen aus den frühen siebziger Jahren, ist also geprägt von einem anderen Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit als heute:

  • In der BRD wirkten noch die Ausläufer der langen Nachkriegskonjunktur - erst in der Krise 1974/75 überstieg die Zahl der Arbeitslosen eine Million.

  • Im weltweiten Klassenkampf erlitt der Imperialismus empfindliche Niederlagen wie den Sieg der Revolution in Vietnam/Indochina oder den Sturz des Faschismus in Portugal und die Befreiung seiner afrikanischen Kolonien.

  • In den entwickelten kapitalistischen Staaten politisierte die „68er-Bewegung“ nicht nur Studenten und Oberschüler, sondern auch Lehrlinge und junge Arbeiter.

  • Dem Mai 68 in Frankreich und dem „heißen Herbst“ 69 in Italien folgten auch in Westdeutschland viele spontane, selbständige, nicht von den Gewerkschaftsführungen ausgelöste Streiks - von September 69 bis zum Sommer 73.


...im Wert der Ware Arbeitskraft

Auch die Karmann-Kollegen streikten für höhere Löhne - am 28.8.70 im Werkzeugbau, am 7.9.70 im Karosserierohbau - und erreichten Zugeständnisse der Geschäftsführung. Nach einem Streik der spanischen und portugiesischen Kollegen vom 4. bis 8. Mai 73 für eine ihren besonderen Bedingungen entsprechende Urlaubsregelung kam es am 7. Juni 73 zu einem weiteren Streik im Werkzeugbau um höheren Lohn. Unter diesem Druck der Belegschaft konnte der Betriebsrat relativ erfolgreich über die „Analytische Arbeitsplatzbewertung“ aller Arbeitsplätze verhandeln. Das Ergebnis ist die Grundstruktur der heutigen Bewertung und Bezahlung. Wenn der ERA-Spezialist des Unternehmerverbandes Südwestmetall, Gryglewski, in der betrieblichen Eingruppierungspraxis der Vergangenheit „zahlreiche Fehlentwicklungen“ beklagt, vor allem über Jahrzehnte gewachsene „Fehleingruppierungen“ von „nicht selten 15% der betrieblichen Entgeltsumme“,1 dann artikuliert er die Sicht der Kapitalisten auf diesen gemäß dem „Kräfteverhältnis der Kämpfenden“ in den siebziger Jahren fixierten Wert der Ware Arbeitskraft – und ihren Wunsch, ihn abzusenken.

Das Kalkül der Geschäftsführung

[file-periodicals#26]„Wir setzen doch nur einen Tarifvertrag um, und den hat Eure IG Metall so gewollt“ - mit dieser Losung wollte das Karmann-Kapital nicht nur Löhne und Gehälter senken, sondern dazu noch IG Metall und Betriebsrat schwächen. Tatsächlich konnte man anfangs in der Belegschaft hören: „Wenn ERA so kommt, wie wir befürchten, dann könnt ihr vom Betriebsrat hier Paketweise Austritte aus der IG Metall einsammeln“, oder: „Ihr glaubt doch nicht, dass hier nach so einer Lohnsenkung durch ERA noch einer für Lohnprozente auf die Straße geht...“ Das ist eine Quittung dafür, dass ERA nicht im Kampf durchgesetzt wurde. „Kostenneutralität“ fürs Kapital und Neubewertung aller Arbeitsplätze durch die Unternehmer mit der Möglichkeit, die „Überschreiterzulage“ in kommenden Tarifrunden „abzuschmelzen“ – geradezu eine Einladung zum „Missbrauch“ fürs Kapital! Selbstkritisch muss ich feststellen, diese Aspekte von ERA auch nicht rechtzeitig erkannt zu haben. Darin spiegelt sich aber auch das Verhältnis vieler KollegInnen zur IG Metall. Sie kritisieren „die Gewerkschaft“ bzw. die Führung – aber nicht als Mitglieder einer Kampforganisation, die von ihrer Führung konsequentes Auftreten einfordern, sondern als Konsumenten einer „Versicherung“, die für ihren Beitrag nicht die erwartete Leistung bekommen. So erscheint ihnen nicht das aktive Eintreten in den Gewerkschaften für eine konsequente, kämpferische Politik oder der selbständige Kampf gegen das Kapital als angemessene Konsequenz, sondern die „Bestrafung“ der Führung durch Verweigerung ihres (aktiven oder finanziellen) Beitrages, also Streikbruch oder Austritt. Diese Haltung hat die Gewerkschaftsführung der IGM mit zu verantworten, wenn sie in ihrer Werbung die KollegInnen als „Kunden“ und die Gewerkschaft als „Dienstleister“ bezeichnet. Schuld daran trägt auch die traditionelle „Stellvertreterpolitik“ von Betriebsräten und Gewerkschaftsführungen.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille: In Nachkriegskonjunktur und Systemkonkurrenz sind der westdeutschen Arbeiterklasse auch ohne harte Kämpfe so manche Brosamen vom Tische unserer Herren zugefallen. Große Teile unserer Klasse haben nicht die Kampferfahrungen gemacht, welche zumindest ein „nur-gewerkschaftliches“ Bewusstsein über ihren Interessengegensatz zum Kapital und die Notwendigkeit solidarischer Organisierung bilden könnten. Auch eine konfliktorientierte Gewerkschaftspolitik, die auf die Mobilisierung der Mitglieder setzt, stößt auf dieses „Versichertenbewußtsein“ – KommunistInnen und Linke in Gewerkschaften und Betriebsräten müssen das immer wieder erfahren. Die Kollegen müssen aber zum Kampf erzogen werden, sonst hat der Betriebsrat, die Gewerkschaft ihre Aufgabe nicht erfüllt. Das kann über betriebliche Konflikte passieren, die es auch früher zuhauf gab, wie auch über Warnstreiks in den Tarifrunden, die immer notwendig waren, um Forderungen durchzusetzen. Dagegen haben manche Betriebsräte und Gewerkschaftsführer immer wieder bewusst „ihre“ Teile der Klasse aus dem Kampf herausgehalten und viele Auseinandersetzungen gedämpft. Die Aktion bei Karmann zeigt, was möglich ist, wenn die Kollegen einbezogen werden - die bundesweiten Streiks gegen die Rente mit 67 ebenso.

„Gegen ERA“ oder „für korrekte Umsetzung“?

Vor diesem Hintergrund wäre ein prinzipieller Kampf gegen ERA dem perfiden Kalkül der Geschäftsführung auf den Leim gegangen. Zudem reichten die Meinungen im aktiven Kern der Betriebsräte und Vertrauensleute von großer Skepsis gegenüber ERA bis zu überzeugtem Glauben an diese „Jahrhundertreform“. Mit der Stoßrichtung gegen den „Missbrauch“ von ERA durch Karmann konnten VKL und Betriebsrat dem antigewerkschaftlichen Kalkül der Geschäftsführung entgegenwirken und die Einheit im Kampf herstellen. Ausdruck davon war unser Button – ein Ergebnis langer Diskussionen in der VKL. Als ursprüngliche Vorschläge standen sich gegenüber „BERAUBT“ oder „ERA korrekt umsetzen!“ – das Ergebnis ist eine Art Synthese beider
Vorschläge. Dieses Zusammenwirken von Belegschaft, Vertrauensleuten, Betriebsrat und IG Metall-Verwaltungsstelle war ein entscheidender Faktor für unseren Erfolg. Der Preis dafür war allerdings auch der Verzicht auf Kritik an der Politik der IGMFührung zu ERA, um diese einheitliche Mobilisierung gegen die Karmann-Geschäftsführung nicht zu belasten. Diese Kritik und grundlegende Diskussion zu ERA muss nun nachgeholt werden in Gesprächen mit den fortschrittlichsten Kollegen und im Vertrauensleutekörper.

„Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle...“

...diese Losung der US-amerikanischen Arbeiterbewegung ist nicht gerade Allgemeingut in der westdeutschen Arbeiterklasse. Viele KollegInnen guckten zunächst nur auf den „eigenen“ Arbeitsplatz, die „eigene“ Bewertung. Die Geschäftsführung aber wollte alle Beschäftigten – vom Bandarbeiter bis zum Ingenieur – abqualifizieren, abwerten und abgruppieren. Damit erteilte sie vielen eine wertvolle Lektion. nSo hatte sich das Kapital selbst seine „Offiziere und Unteroffiziere“, zumindest einen Moment lang, zum Gegner gemacht: Viele Vorgesetzte beteiligten sich solidarisch an der kollektiven Information beim Betriebsrat, statt - vor allem am zweiten Tag - die Drohungen der Geschäftsführung gegenüber ihren Untergebenen zu vertreten. Diese Geschlossenheit aller Belegschaftsteile und ihre Entschlossenheit gegen die Geschäftsführung waren entscheidend für den Erfolg – und eine neue Erfahrung: So hatten die KollegInnen ihre eigene Kraft nie vorher gespürt. Am Morgen nach ihrer
Aktion gingen sie aufrechter als sonst durch die Werkstore. Noch ist nichts endgültig entschieden. Für die volle Durchsetzung ihrer Forderungen - keine Schlechterstellung durch ERA - bei den jetzt laufenden Verhandlungen um die Entgeltstruktur werden die KollegInnen dieses Bewusstsein ihrer eigenen Kraft noch brauchen.


Anmerkungen:

1 Arbeitspapier von Reinhard Bahnmüller und Werner Schmidt für die Hans-Böckler-Stiftung, siehe:
www.labournet.de/diskussion/gewerkschaften/tarifpolitik/bahnmueller.html.



 
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