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Von secarts


IV. fragwürdige Freunde:
der Dalai Lama, Heinrich Harrer und Bruno Beger


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Bruno Beger und der 14. Dalai Lama
Zurück zu Lhamo Dhondrub, mittlerweile 14. Dalai Lama: auch wenn dem damals drei Jahre alten Knaben nicht das Vergnügen beschert war, die Tibet-Expeditierenden der SS leibhaftig im eigenen Lande kennenzulernen, machte er doch später die Bekanntschaft mit dem Schädelvermesser Bruno Beger, unterdessen nach einem Prozess 1970 als „Mitwisser“ an dem 86-fachen Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen verurteilt: Beger, Verfasser einer der unzähligen Dalai-Lama-Hagiographien, „Meine Begegnungen mit dem Ozean der Weisheit“, traf mehrfach, unter anderem mit gemeinsam mit Heinrich Harrer, einem weiteren Spezl der Nazi-Tibet-Connection, mit dem Dalai Lama zusammen.1

Wohl keiner dürfte einen solchen prägenden Einfluß zumindest auf die westliche Tibet-Wahrnehmung ausgeübt haben wie jener Heinrich Harrer: der Grazer Extrembergsteiger, bereits seit 1933 (also noch in der Illegalität!) SA-Mitglied im (damals unabhängigen!) Österreich und später nach der Annexion Österreichs auch im „schwarzen Korps“ SS und in der NSdAP (seit 1938), geriet im Jahre 1939 gemeinsam mit seinem Bergsteigerkollegen Peter Aufschnaiter in britische Kriegsgefangenschaft, nachdem sie bei dem Versuch, den Nanga Parbat zu besteigen, in Indien vom Beginn des Zweiten Weltkrieges überrascht wurden. Der damalige Mitgefangene Fritz Kolb, überzeugter Antifaschist und im Lager in ständiger Todesangst vor den dort offen gewalttätig auftretenden Nazis unter den Häftlingen, schilderte Harrer später als einen der gefährlichsten Obernazis im Lager: gegenüber seiner Tochter berichtete er, Harrer hätte sich mehrfach mit der Teilnahme an der Brandstiftung, die während der sog. „Reichspogromnacht“ gegen die Grazer Synagoge verübt wurde, gebrüstet.2

Harrer hielt es nicht lange im Kriegsgefangenenlager in Indien. Gemeinsam mit Aufschnaiter brachen die geübten Alpinisten (Harrer gehörte zu den Erstbezwingern der Eiger Nordwand) aus dem Camp aus und flüchteten über den Himalaya, nach Tibet. Ihr Ziel war, so Harrer in seiner Autobiographie „Sieben Jahre in Tibet“3, die japanische Front in China. Von den verbündeten Japanern erhofften sie sich die Ermöglichung einer raschen Heimreise nach Deutschland; in Europa tobte der Zweite Weltkrieg, und so weit ab vom Geschehen in Indien festzusitzen entsprach weder Wunsch noch Weltbild der jungen Männer. Tibet war dabei nur als Durchgangsstation ihrer Reise geplant; der Buchtitel verrät jedoch bereits, das aus der Fraternisierung mit den in China kämpfenden japanischen Faschisten nicht wurde: Harrer sollte den gesamten zweiten Weltkrieg und die ersten Nachkriegsjahre auf dem Hochplateau verbringen.

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Hitler und Harrer (2. v. links)
Nach einer beschwerlichen und gefahrvollen Reise über die bis zu 6000 Meter hohen Gebirgspässe, mehrfache Schummeleien mit Grenzpapieren und Bestechung von Zollbeamten schaffte Harrer es gemeinsam mit Aufschnaiter bis nach Lhasa – sie waren dort zwar weder die ersten noch die einzigen Ausländer, doch war die Fremdenkolonie der Stadt überschaubar: ein englischer Diplomat residierte dort.

Nun gegen die Darstellungen auseinander: Heinrich Harrer selbst schildert in seinem Buch, wie er bis zum Hauslehrer des jungen 14. Dalai Lama aufstieg: er will ihn in Englisch, Geographie und Naturwissenschaften sowie anderen Fächern unterrichtet haben; besondere Freude hätte dem unterdessen 15-jährigen Jungen das Betrachten militärischer Bildbände über den Zweiten Weltkrieg bereitet. Obendrein sei er, Harrer, es gewesen, der die vom verstorbenen 13. Dalai Lama hinterlassenen Fimprojektoren zum Laufen gebracht hat und so dem jungen Herrscher ein eigenes Kino einrichtete – der Dalai Lama hätte unwirsch bis beleidigt reagiert, wenn der deutsche Hauslehrer zu spät zum üblichen Termin eingetroffen sei; so wichtig seien ihm die Zusammenkünfte mit dem Ausländer gewesen. Von „Kundün“, dem „Ozean der Weisheit“, war Harrer laut eigener Aussage übrigens sehr angetan: „Seine Haut war viel heller als die es Durchschnitsstibeters und noch um einige Schattierungen lichter als die der Lhasa-Aristokratie. [Wir erinnern uns an das „arische“ Aussehen des Adels, das Rassenexperte Beger bereits Jahre vorher festgestellt hatte! Anm. von mir] Seine sprechenden, kaum geschlitzten Augen zogen mich gleich in ihren Bann; sie sprühten vor Leben und hatten nichts von dem lauernden Blick vieler Mongolen“.4
Der Dalai Lama selbst erwähnt den Namen Heinrich Harrer in seinem ersten, 1962 erschienenen Buch „mein Leben und mein Volk – die Tragödie Tibets“, allerdings mit keiner einzigen Silbe, obwohl er durchaus über die in Lhasa anwesenden Ausländer zu berichten weiß, die laut Harrers Selbstauskunft nicht einmal annähernd an die eigene Rolle am Herrscherhof herankamen.

Heinrich Harrer verlässt Tibet 1950 und kehrt 1952 nach Österreich zurück. Die Nazis sind unterdessen verschwunden. Heinrich Harrer sattelt um, und vermarktet seitdem seine Tibet-Erfahrungen, und dies äußerst gewinnbringend: sein Buch „Sieben Jahre in Tibet“ wird schnell zum Bestseller; bis heute führt es die Rankings der Reise- und Abenteuerliteratur in Deutschland unangefochten an. Jüngst wurde der Stoff verfilmt, mit Brad Pitt in der Hauptrolle: Harrer ließ es sich nicht nehmen, noch als Hochbetagter den Schauspieler persönlich zu instruieren.

Auch die Wertschätzung, die Heinrich Harrer durch den Dalai Lama später erfahren sollte, ändert sich auf einmal: die Wichtigkeit des umtriebigen Österreichers für das eigene Marketing erkennend, rückt sich der Dalai Lama ab jetzt regelmäßig mit Harrer ins rechte Medienlicht. Der Österreicher wird der beste „Verkäufer“ in Sachen „free Tibet“. Auf einmal erinnert sich der Dalai Lama daran zurück, dass er und Harrer seit der ersten Zusammenkunft (auf einer Massenprozession, die keinerlei Möglichkeit des direkten Kontakts bot, bei der Harrer aber bereits nach eigener Aussage „Blickkontakt“ mit dem jugendlichen Dalai Lama aufgenommen haben will!) schon „sehr gute Freunde“ gewesen seien.5 Auch in späteren Jahren treffen die beiden oft zusammen, und was für einen Mann der Dalai Lama als Chefpropagandisten an der Hand hat, ist ihm vollauf bewußt. In einem Interview 1997, mit den damals im Zuge der geplanten Verfilmung von „Sieben Jahre in Tibet“ bekannt gewordenen Naziverstrickungen Harrers konfrontiert, offenbart der „Ozean der Weisheit“ sein Geschichtsverständnis:
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dicke Kumpels: der 14. Dalai Lama und Heinrich Harrer
Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war – und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkrieges weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für die Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, dass die Deutschengegen Ende der vierziger Jahre von den Aliierten genug bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, man sollte sie in Ruhe lassen und ihnen helfen.6

Der Bergsteigerkollege Reinhold Messner, ebenfalls bekannt vor allem durch seine Literatur, hat Harrer ebenfalls kennengelernt. Er schreibt im selben Jahr, 1997: „Immer wieder kam von Heinrich Harrer die Kritik, wir Jungen könnten nicht mehr Seilschaften fürs Leben bilden, uns fehlten Intensität, Treue und Ausdauer. Er hält immer noch für richtig, was die Nazis gepredigt haben.7

Die zweite Welle der Tibetbegeisterung im Westen wurde maßgeblich von Harrer und seinen Publikationen initial gezündet: auf einmal rückte das ferne Märchenland wieder ins öffentliche Bewußtsein; diesmal jedoch weniger als geheimnisvolles, abgeschlossenes Reich, sondern vielmehr als Exempel für die grausame Unterdrückungspolitik der Kommunisten. Denn die chinesischen Kommunisten waren der Grund, warum Heinrich Harrer Tibet 1950 überstürzt verlassen musste und sein Freund und Schüler, der Dalai Lama, ihm einige Jahre später folgte.

V. 1950: die Befreiung Tibets

Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong vom Tor des himmlischen Friedens die Volksrepublik China aus; mit den Worten „das chinesische Volk ist nun aufgestanden“ endeten dreißig Jahre Bürgerkrieg. Die Invasion der japanischen Faschisten konnte erfolgreich zurückgeschlagen werden, 4 Jahre später wurden auch die Lakaien der Guomindang vertrieben: China war, nach 100 Jahren Unterdrückung und Bekriegung, endlich frei von ausländischen Mächten. Die geschlagenenen Guomindang zogen sich nach Taiwan zurück; und neben der Insel Taiwan war Tibet das einzige Gebiet, dass 1949 noch nicht befreit und in die Nation eingegliedert war. Die Befreiung dieser beiden Provinzen stand fest auf der Agenda; dass das Ziel im Falle Taiwans bis heute nicht erreicht wurde, hängt mit dem Korea-Krieg zusammen. Tibet jedoch konnte 1950 durch einen nahezu unblutigen Einmarsch der Volksbefreiungsarmee zurückerobert werden; lediglich in der damaligen Provinz Quamdo kam es zu Gefechten, die allerdings rasch endeten und zur Absetzung des probritischen tibetischen Regenten Dhagza führten. Statt seiner wurde der 16-jährige Dalai Lama, wiewohl inthronisiert, so doch bis dahin noch nicht an den Regierungsgeschäften beteiligt, vorzeitig eingesetzt. Der Fall Quamdos versetzte die Theokratenclique in Lhasa in Furcht: überstürzt und mit ihrem immensen Goldschatz im Gepäck verließen die Anführer der herrschenden Feudalklasse die Hauptstadt und setzten sich vorrübergehend an die Grenze ab.

Die chinesischen Truppen stießen auf tiefstes Mittelalter: 95 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten; regelmäßige Kindesentführungen frischten den Bedarf an Möchen auf. Der breiten Bevölkerung waren nahezu alle Segnungen der Moderne unbekannt; angefangen von völlig fehlender westlicher Medizin, die eigentlich harmlose Krankheiten zur tödlichen Bedrohung machten, bis hin zu unerträglichen hygienischen Zuständen glich Tibet einem Reich, das irgendwo im grauer Vorzeit stehen geblieben war. Um dies zu belegen, braucht man nicht auf chinesische Quellen zurückzugreifen - die wenigen westlichen Reisenden, die in den vor der Befreiung 1950 liegenden hundert Jahren nach Tibet gelangten, zeichnen ein in der Regel vernichtendes Bild – von christlichen Missionaren, Forschungsreisenden und britischen Offizieren, bis hin zu den eigentlich höchst begeisterten deutschen Nazis wird das Leben der einfachen Bevölkerung im alten Tibet als das pure Grauen gezeichnet: unerträgliche soziale Verhältnisse, diktatorisch regierende Kriegermönche, die Menschen niederdrückende Leibeigenschafts- und Ablaßgabenregelungen, feudale Familien- und Machtstrukturen, krasse Frauenunterdrückung und ein an Grausamkeit kaum zu überbietendes Strafrecht, das für allerkleinste Vergehen drakonische Strafen vorsah: „Zu den bis weit in das 20. Jahrhundert hinein üblichen Strafmaßnahmen zählten öffentliche Auspeitschung, das Abschneiden von Gliedmaßen, Herausreissen von Zungen, Ausstechen von Augen, das Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe und dergleichen. [...] Wie Dokumente der amerikanischen Illustrierten „Life“ belegen, fanden noch bis zum Einmarsch der Chinesen körperliche Verstümmelungen statt: einer Gruppe an Gefangenen sollten öffentlich Nasen und Ohren abgeschnitten werden; auf den Protest der amerikanischen Journalisten hin wurde die Strafe in je 250 Peitschenhiebe umgewandelt.8

Der uns schon begegnete SS-Reisende Schäfer, der nun sicherlich nicht im Ruche steht, dem alten Tibet zu wenig Begeisterung entgegen gebracht zu haben, schildert die südtibetische Siedlung Phari: „Es ist eine Siedlung, deren Fundamente, einem riesigen Misthaufen vergleichbar, aus Kot bestehen und trotz der Winterkälte geradezu unbeschreibliche Gerüche verbreiten. Die Ausdünstungen sind so pestilenzartig, dass man auf den Straßen dauernd ausspucken oder sich das Taschentuch vor die Nase halten muss, um nicht Gefahr zu laufen, in Ohnmacht zu fallen. [...] Seit Generationen werfen die Bewohner von Phari ihren Abfall auf die Straßen. Und sie benutzen diesen Unrathaufen auch weiterhin. Ungestört sieht man Männer, Frauen und Kinder überall ihre Notdurft verrichten. So haben sich die Gassen und Wege zwischen den Häusern immer mehr erhoben. Die Unbeschreiblichkeiten sind teilweise so hoch aufgetürmt, dass sie die Dächer erreicht haben und man daher eigentlich über den eigentlichen Portalen dahinwandelt. [...] So erstickte Phari förmlich im eigenen Auswurf, und nur die die Härte des Klimas scheint seine Bewohner notdürftig gegen Pocken, Pest und Cholera zu schützen. [...] Mitten durch die Ortschaft fließt in traurigen Windungen nur ein abscheuliches Rinnsal, dessen stickiges und verschlammtes, von Kadaverüberresten und Yakdung durchsetztes Wasser mit bräunlich-kotigem Eise bedeckt ist. Trotz allem stellt die aus dem Nichts entstandene Umschlags- und Karawanensiedlung mit ihren schreienden Bettlern und betenden Lamas eine Art Zoll- und Börsenmetropole dar.9

Im krassen Gegensatz zur unbeschreiblichen Armut der einfachen Bevölkerung lebt die prassende Elite des Landes, der buddhistische Klerus und die Aristokratie aus Lhasa. Im „Potala“, dem damaligen Sitz des Dalai Lama, wurde ein ungeheurer Goldschatz, über Jahrhunderte der Bevölkerung abgetrotzt, verwahrt; der Palast selbst und viele Klöster starren vor Goldornamenten und Goldstatuen. Die regelmäßige Eintreibung der drückenden Steuerlasten, von denen das Leben am Hofe des „Gottkönigs“ bestritten wurde, stellte in rigides System von Mönchsbeamtenschaften sicher: „Tibet war überzogen von einem engmaschigen Netz an Klöstern und monastischen Zwingburgen, von denen aus das Land und die Menschen beherrscht und gnadenlos ausgebeutet wurden. Gesetzgebung, Gerichtsbarkeit, Polizei und Militär lagen ebenso in den Händen von Mönchsbeamten wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Grundbesitz sowie jedwede sonstige Verwaltung. [...] Die überwiegende Mehrzahl der Menschen des alten Tibet lebte unter indiskutablen Bedingungen,, ihre Behausungen und ihre Ernährung war katastrophal, Bildung oder Gesundheitsversorgung existierten nicht.10

Welch ein Kontrast nun das alte Tibet, das durch den Dalai Lama, seine Unterstützergemeinde und interessierte Medien verbreitet wird! In einer (vom Dalai Lama autorisierten) Biographie seiner selbst heißt es: „Die Einwohner von Lhasa, ob arm oder reich, sind alle sehr friedlich. Am Abend geht man auf dem Barkor [ein Pilgerpfad] spazieren, viele singen dabei oder spielen ein Instrument. Selbst die Bettler brauchen ihrem Gewerbe nur morgens ein paar Stunden nachzugehen, um sich ihr tägliches Brot zu beschaffen. Am Abend sind alle selig betrunken. Die Leute von Lhasa sind ungezwungen, zufrieden und glücklich. Die ortsüblichen Nahrungsmittel sind sehr nahrhaft. Niemand muss sich allzu sehr ins Zeug legen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Dasein ergibt sich wie von selbst, und alles läuft wunderbar.11. Auch der Dalai Lama selbst hat nur blumigste Erinnerungen an sein verflossenes Märchenland – und dies ist umso erstaunlicher, da man davon ausgehen kann, dass der „Gottkönig“ selbst kaum etwas vom Leben des einfachen Volkes mitbekam. In ein strenges, traditionelles und auch durch ihn nicht zu durchbrechendes Ritual eingesponnen, das Kontakte zum einfachen Volk auf Prozessionen und Fürbittegebete einschränkte, dürfte er seit seiner „Entdeckung“ als „Wiedergeburt“ im Alter von 4 Jahren wenig bis nichts vom alltäglichen Gang der Dinge außerhalb seiner Paläste mitbekommen haben. Dennoch weiß er zu berichten: „Vor dem Einmarsch der Chinesen wurden in Tibet das ganze Jahr hindurch viele traditionelle Feste gefeiert. [...] Die Bevölkerung verbrachte diese Feste, indem sie aß, trank, sang, tanzte, Spiele spielte und zwischendurch betete. [...] Was für eine glückliche Zeit das war! [...] Wir waren schlicht und ergreifend glücklich.12

Jegliche Kritik am „alten Tibet“ wird von den exiltibetischen Gruppen und ihren westlichen Proliferanten als „chinesische Propaganda“ weggewischt. Der Autor Colin Goldner, selbst scharfer Kritiker der chinesischen „Militärdiktatur“, die angeblich in Tibet heute herrschen würde, kommt zu dem Fazit: „Für die große Masse der Bevölkerung war das „alte Tibet“ tatsächlich die „Hölle auf Erden“, von der in der chinesischen Propaganda immer die Rede ist, und aus der das tibetische Volk zu befreien als Legitimation und revolutionäre Verpflichtung angesehen wurde für den Einmarsch 1950.13
Die exiltibetische Gemeinde [also die sog. „Exilregierung“ des Dalai Lama in Indien, Anm. von mir] hat sich bis heute gegen jede kritische Beleuchtung der Geschichte des „alten Tibet“ mit aggressiver Vehemenz verwahrt.14

VI. 1959: Aufstand und Flucht aus Tibet

Der Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee beendete das Mittelalter in Tibet. Auch wenn in der extrem rückständigen Region, nicht zuletzt durch das unwegsame und lange schwer bis gar nicht erreichbare Terrain, nur langsam Fortschritte zu erwarten waren, endete zumindest die absolute, auf religiösen Fanatismus und oftmals nackte Gewalt gestützte Herrschaft der Mönchstheokratie über die Masse des unaufgeklärten, in Armut und Dummheit gehaltenen Volkes. So setzte auch keineswegs eine große Fluchtbewegung ein, als die chinesische Armee eintraf – selbst der Dalai Lama, mit seinen Ministern und Obermönchen vor der Volksbefreiungsarmee zunächst an die Grenze geflohen, kehrte nach Lhasa zurück und hielt es noch ganze neun lange Jahre recht gut mit den neuen Herrschern aus; er wurde gar als Vizepräsident in den Nationalen Volkskongress (das chinesische Parlament) gewählt und dinierte mit Mao Zedong. Die chinesische Zentralregierung schlug einen pragmatischen Kurs ein, um die absolut rückständigen Verhältnisse der Provinz, deren Lebensbedingungen natürlich auch in den Köpfen der Menschen ihr Echo hinterließen, zu berücksichtigen und vorsichtig und behutsam an die Entwicklung zu gehen: nach der militärischen Einnahme wurde 1951 ein Papier aufgesetzt, dass unter anderem von den Repräsentanten des Dalai Lama unterschrieben wurde – "unter Zwang" natürlich, wie er heute sagt: dennoch kam es einige Monate zur Bestätigung des sogenannten „17-Punkte-Abkommens“ durch die ferne Provinzhauptstadt Lhasa. Der Inhalt des „17-Punkte-Abkommens“ lässt sich am ehesten mit der heutigen chinesischen „ein Land – zwei Systeme“-Politik, die gegenüber Hongkong und Macao eingeschlagen wurde, vergleichen: die chinesische Zentralregierung gestattete einem Gremium, dem der Dalai Lama vorstand und das verschiedene religiöse Würdenträger beinhaltete, weitestgehende Autonomität, insbesondere in Fragen Freiheit der Religionsausübung und innerprovinzielle Verwaltung. Lediglich das drakonische Strafrecht und die Reste der Leibeigenschaft wurden abgeschafft, selbst der Grundbesitz des Adels und des Klerus blieb jedoch unangetastet. Die Volksrepublik übernahm nicht die tibetische Polizei, sondern nur de militärische Präsenz an den Grenzen zu Indien und den weiteren Anreinerstaaten.

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Mao Zedong und der 14. Dalai Lama
Ein Kapitel, an das der Dalai Lama heute nur noch ungern erinnert wird: die damalige Zusammenarbeit zwischen der Provinzregierung der neuen „Autonomen Region Tibet“ und der Zentralregierung gestaltete sich gewinnbringend, für beide Seiten. Der Dalai Lama nahm an einer großen Rundreise durch die Volksrepublik teil, begeisterte sich – laut eigener Aussage – nicht nur für die ungeheuren technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, sondern selbst für den atheistischen Marxismus: „Je mehr ich mich mit dem Marxismus beschäftigte, desto besser gefiel er mir. [...] Der einzige theoretische Nachteil des Marxismus war, soweit ich das beurteilen konnte, daß er auf einer rein materialistischen Sichtweise der menschlichen Existenz beharrte. Damit konnte ich nicht einverstanden sein. [...] Trotzdem äußerte ich den Wunsch, Parteimitglied zu werden.15 Auch der Vorsitzende Mao Zedong übte keinen schlechten Eindruck auf den jungen Dalai Lama aus: „Ich saß neben ihm und spürte, welche Macht seine Persönlichkeit ausstrahlte. [...] Schon ehe ich China verließ, war ich tief beeindruckt von Mao Tse-tungs außergewöhnlicher Persönlichkeit. Ich hatte ihn, abgesehen von unseren privaten Zusammenkünften [10 an der Zahl, Anm. von mir], bei vielen gesellschaftlichen Anlässen getroffen. Seine Erscheinung verriet nichts von seiner geistigen Macht. [...] Er war langsam in seinen Bewegungen und noch langsamer im Sprechen. Geradezu wortkarg, redete er nur in kurzen Sätzen, jeder aber voller Bedeutung und fast immer klar und präzise; beim Sprechen rauchte er unaufhörlich. Dennoch fesselte seine Art zu reden ganz sicher Verstand und Phantasie seiner Zuhörer und erwechte den Eindruck von Wohlwollen und Offenheit. Ich war überzeugt, dass er selbst glaubte, was er sagte, und das er voller Zuversicht war, alles erreichen zu können, was er beabsichtigte; ich war auch sicher, dass er selbst niemals Gewalt anwenden würde, um Tibet in einen kommunistischen Staat zu verwandeln. Gewiß – die Verfolgungspolitik der chinesischen Funktionäre in Tibet hat mir später meine Illusionen genommen. Aber es fällt mir noch immer schwer zu glauben, dass diese Unterdrückungsmaßnahmen die Billigung und die Unterstützung eines Mao Tse-tung fanden.16

Wann immer die anfängliche Begeisterung des Dalai Lama gegenüber der Volksrepublik und ihrer Repräsentanten, die er heute zu relativieren oder wegzureden sucht, in unversöhnliche Feindschaft umschlug: die – moralisch begründete – Zuversicht des jungen Mannes, der sich anfänglich von der Aufbaustimmung in der VR China mitreißen ließ, stieß irgendwann an ihre Grenzen – der Dalai Lama schildert selbst im obigen Zitat, wie ihn die „rein materialistische“ Grundlage des marxistischen Denkens störte. Für einen seit dem 4. Lebensjahr von selbstherrlichen Mönchen in strenger Klausur erzogenen Menschen, der vom Alltagsleben nichts und vom Rest der Welt höchstens durch den Mund eines SA- und SS-Mannes erfahren konnte, musste es ganz sicher äußerst schwer sein, die so von klein auf antrainierten Denk- und Verhaltensmuster abzulegen. Dem Dalai Lama war es unmöglich.
So mag die persönliche Komponente aussehen, die zum Bruch mit China und ins Exil nach Indien führte. Die tatsächlichen gesellschaftlichen Ursachen waren freilich andere, auch wenn dem Dalai Lama dies – vielleicht bis heute – nicht klar ist.

Denn die Fäden hinter den Kulissen zogen oftmals ganz andere Leute, die den "Ozean der Weisheit" sicher ebenso sehr manipulierten und nutzten, wie er selbst seine Umgebung zu gebrauchen verstand. Die Familie des Dalai Lama, insbesondere seine Mutter, die als Gebärerin des „Gottkönigs“ eine ganz eigene Verehrung im „alten Tibet“ genoß, aber auch die Brüder, die ebenfalls in der religiösen und staatlichen Hirarchie aufgestiegen waren, stellte einen eigenen Machtfaktor in der Provinz dar, auch nach 1950. Thupten Jigme Norbu und Gyalo Thöndrup, die beiden älteren Brüder des Dalai Lama, nahmen bereits im Jahr 1956 mit der amerikanischen CIA Kontakt auf. Ab 1958 wurde eine durch die CIA in den USA trainierte und bewaffnete Truppe von 400 Guerillakämpfern, die später – was nie geschah – um 3.500 weitere Kämpfer aufgerüstet werden sollte, stationierte sich im nepalesischen Berggebiet, das überwiegend von Tibetern besiedelt ist. Dort wurden weitere ethnische Tibeter rekrutiert, von der CIA gedrillt und bewaffnet.17 18 Sie konnten „den Chinesen mehrere Male erheblichen Schaden zufügen“, wie der friedensliebende Dalai Lama nicht ohne Genugtuung feststellt19

Vor dieser schon an militärische Auseinandersetzungen grenzenden Rebellentätigkeit, die durch die zur parasitären Oberschicht gehörenden Angehörigen der Dalai-Lama-Familie inszeniert wurden, war es wiederholt zu Spannungen zwischen dem kleinen, an Leibeigenschaft und absoluter Herrschaft festhaltenden Teil der tibetischen Oberschicht und der bäuerlichen Bevölkerung, die – ermutigt durch die Soldaten der Volksbefreiungsarmee – soziale Reformen anstrebte, gekommen. Auch wenn das 17-Punkte-Abkommen die innenpolitische Souveränität der Provinzialregierung festlegte, war doch die durch die Befreiung und Abschaffung der Leibeigenschaft entstandene Dynamik in der tibetischen Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten: die Moderne hatte Einzug gehalten, und immer mehr Menschen wollten an ihren Errungenschaften teilhaben. Die Beseitigung der letzten feudalen Relikte war dafür die Grundvorraussetzung. Die reaktionären Klassen wehrten sich dagegen, und die Unterstützung durch imperialistische Mächte, insbesondere die USA, kam ihnen dabei natürlich gelegen. Mit ihrer Rebellenarmee, die unter dem Namen „Religionsschutzarmee“ auf Menschenfang ging, erfasste die Rebellion schließlich 1959 weitere Gebiete des Landes, insbesondere auch Lhasa. Der bis dahin zögerliche und zaudernde Dalai Lama konnte nun schlußendlich mit dem verbreiteten Gerücht, die Chinesen wollten ihn kidnappen, zur Beteiligung überredet werden. Doch es half alles nichts: die Rebellion wurde niedergeschlagen, die Rebellenarmee entwaffnet, wenn sie nicht ins sichere Ausland entkam. Mit ihnen, den geschlagenen alten Kräften Tibets, floh der Dalai Lama. Er hat seitdem China und die Region Tibet nie wieder betreten.



Anmerkungen:
1 vergl. Lehner, Gerald: zwischen Hitler und Himalaya, Wien, 2007, S. 182
2 vergl. ebenda, S. 65
3 Harrer, Heinrich: Sieben Jahre in Tibet, Berlin 2006
4 zitiert nach: ebenda, S. 368
5 Goldner,Colin : Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 83
6 zitiert nach: ebenda, S. 83
7 Messner, Reinhold: Zeitschrift „Alpin“ München, 10.1997
8 zitiert nach: Goldner,Colin : Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 24
9 Ernst Schäfer, zitiert nach: ebenda, S. 27f.
10 zitiert nach: ebenda, S. 22f.
11 zitiert nach: ebenda, S. 15
12 Dalai Lama, zitiert nach: ebenda, S. 15f.
13 zitiert nach: ebenda, S. 22
14 zitiert nach: ebenda, S. 32
15 Dalai Lama, Buch der Freiheit, S. 132
16 Dalai Lama, Mein Leben und mein Volk - die Tragödie Tibets, München, 1962, S. 154f.
17 vergl. Goldner,Colin : Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 133
18 vergl. Historische Koordinaten Chinas-Tibets, China Intercontinental Press, 1997, S. 290
19 Dalai Lama, Buch der Freiheit, S. 281



 
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