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Von secarts

Der Unterschied zwischen offener und verdeckter Dominanz lĂ€sst sich ganz gut am "Eurovision Song Contest" erkennen. Verdeckte Dominanz wĂ€re, allen teilnehmenden Nationen formal die gleichen Stimmen zu lassen - und eher hinter den Kulissen mittels GeldsĂ€ckel die FĂ€den zu ziehen. Offene Dominanz ist das, was getan wird: die "grĂ¶ĂŸten Geldgeber" unter den TeilnahmelĂ€ndern bekommen die sogenannte Qualifikationsrunde geschenkt und dĂŒrfen gleich, unbeachtet aller musikalischer QualitĂ€ten der auftretenden Sternchen und RetortenmĂ€use, in die Finalrunden einziehen.

Zum "Eurovision Song Contest" soll auch die EU werden. Verdeckte Dominanz war das, was bisher lief. Ein Land wie Deutschland trotz beinahe regelmĂ€ĂŸiger VerstĂ¶ĂŸe gegen alle möglichen StabilitĂ€tsnormen nicht mit Strafen zu belegen oder, wenigstens, formal abzumahnen. Offene Dominanz soll nun, unter deutscher EU-RatsprĂ€sidentschaft, mit dem deutschen StimmĂŒbergewicht im EU-Ministerrat durchgesetzt werden. Das neue deutsche Modell wĂŒrde das deutsche Stimmgewicht nach den AbstimmungsmodalitĂ€ten des EU-Verfassungsentwurfs um 116 Prozent gegenĂŒber dem polnischen erhöhen.

Die Aufregung ĂŒber die neuesten Frechheiten der polnischen Eliten - allen voran Premier Kaczynski und PrĂ€sident Kaczynski - will sich gar nicht recht legen. Sie hatten bekanntlich gewagt, den Vormarsch der Deutschen zu mehr als ökonomischer Dominanz in Europa zu kritisieren und dem nun, unter deutscher EU-RatsprĂ€sidentschaft, auch offiziell eingelĂ€uteten Umbau einen zaghaften Gegenentwurf vorzulegen. Dieser, versehen mit dem Namen "Quadratwurzelmodell", hĂ€tte den Vorsprung des deutschen Stimmgewichts gegenĂŒber dem Polnischen auf "nur" 47 Prozent gedrĂŒckt. Das wĂ€re zwar immer noch eindeutig, ließ aber die neugewonnene Arroganz des "europĂ€ischen Herzens" Deutschland strĂ€flich vernachlĂ€ssigt - also auf, zu einer neuen Runde Kaczynski-Bashing. Das muss hier nicht mehr aufgezĂ€hlt werden; funktioniert doch die deutsche Medienlandschaft in solchen Fragen "sehr diszipliniert", wie der verantwortliche UnterhĂ€ndler der polnischen Regierung fĂŒr den Verfassungsvertrag Marek Cichocki bemerkte.1

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© by wprost Großbildansicht 1279_b.jpg (6.9 KB)
die "Stiefmutter Europas"
Die GebrĂŒder Kaczynski zu Irren, gefĂ€hrlichen Demagogen oder Nationalisten abzustempeln hat hierzulande schon eine gewisse Tradition. Die polnischen Antworten darauf werden dann mit einem Kaleidoskop aus gespielter Empörung, SelbstgefĂ€lligkeit oder nationalistischen Parolen ĂŒber die "undankbaren"(!) Polen2 erwidert. Auch diesmal ließ es sich zum Beispiel das polnische Magazin "Wprost", bekannt fĂŒr seine treffenden Titelmontagen, nicht nehmen, das Geschehen mit einem Bild zu illustrieren: eine barbusige Merkel, die "Stiefmutter Europs", sĂ€ugt die (nach "Wprost"-Meinung in ihrem Kampf gegen die Unterjochung Polens zu laschen) Kaczynski-BrĂŒder. Das ist mal wieder eine ausgesprochene Frechheit, das kann nicht durchgehen. Der "Spiegel", Deutschlands "Bild" fĂŒr BILDungsbĂŒrger, kontert stellvetretend fĂŒr alle anderen Medien, die Regierung und die deutsche Wirtschaft: "Jetzt hat es Kanzlerin Angela Merkel erwischt: 'Stiefmutter Europas' steht ĂŒber der Fotomontage [...] Nach Kooperation klingt das, was er und die anderen Autoren schreiben, nicht gerade."3 "Was mĂŒssen wir uns von diesen Polen eigentlich noch alles gefallen lassen? Seit Jahrzehnten gibt es in Europa niemanden, der mehr fĂŒr Polen getan hat als ausgerechnet wir Deutsche!"4 Zu diesem mehr als makabren Text - vor immerhin 6 Jahrzehnten hatten die Deutschen schließlich nicht Besseres zu tun als Millionen Polen zu ermorden - ließ sich die BILD-"Zeitung" hinreißen. Und "die Polen sollten aufhören, sich mit Geschmacklosigkeiten zu ĂŒberbieten", so CSU-Mann Eduard Lintner zu "Bild". "Irgendwann schlĂ€gt das auf die Stimmung in Deutschland durch, die momentan noch sehr hilfsbereit ist." Was wird wohl passieren, wenn "das" - gemeint ist natĂŒrlich das polnische Unwohlsein gegenĂŒber dem immer offenkundigeren Großmachtgehabe Deutschlands - auf die "Stimmung in Deutschland durchschlĂ€gt"? Ab 5 Uhr 45 wird wieder "zurĂŒckgeschossen"?!5

Nachdem den Polen im Allgemeinen und ihren Premiers und PrĂ€sidenten im Besonderen neben verschiedenen nationalen Psychosen in letzter Zeit von den deutschen Spaßmachern vor allem Humorlosigkeit attestiert wurde, zeigen nun die "Wprost"-Macher ihr GespĂŒr fĂŒr eben solchen, nachdem die Bundesrepublik ob ihrer aufgehĂŒbschten Kanzlerin zur beleidigten Leberwurst wurde: "Wir dachten, das ist ein kleiner Spaß. Die Stiefmutter ist hĂ€ufig attraktiver und freundlicher als die richtige Mutter", so der Hhefredakteur von "Wprost", Stanislaw Janecki, zu "Spiegel Online". Der Körper in der Photomontage sei - natĂŒrlich - nicht der Merkels; dafĂŒr stand ein 21-jĂ€hriges Modell vor der Kamera: "Wir suchten jemanden, der nicht so dĂŒnn ist aber einen schönen Körper hat."6

Wollen oder können diese Polen in ihrem Undank nicht einsehen, was Deutschland in den letzten Jahrhunderten fĂŒr sie tat? Wieso nur hĂ€ngt diesem gelĂ€uterten Lande die Ungnade vergangener Zeiten nur so zĂ€he an? Doch, natĂŒrlich, gibt es auch andere Stimmen, versöhnlichere Töne, einsichtigere Meinungen: "Die meisten anderen Zeitungen gehen mit der deutschen RatsprĂ€sidentin weniger hart ins Gericht", so wiederum der "Spiegel"7. Die - schweigende und nicht gerade als PrĂ€sident oder Premier tĂ€tige - Mehrheit der Polen, so suggerieren die deutschen Medien, weiss sehr wohl um die aufopferungsvolle, selbstlose Hingabe, mit der sich Deutschland dem östlichen Nachbarn seit eh und je nĂ€herte: so kann auch der "Spiegel" neben den notorischen Hetzern von "Wprost" noch 4 weitere Zeitungen des polnischen Marktes ablichten, die das ehrliche BemĂŒhen, die Polen - zu ihrem eigenen Vorteile! - unter die weisere deutsche Mehrheitsmeinung zu stellen, mal aus polnischem Blickwinkel wĂŒrdigen. Die Zeitung "Dziennik" zum Beispiel, die ein "versöhnliches" Interview mit Jaroslaw Kaczynski brachte. Oder die Boulevardzeitung "Fakt", die den Polen eine regere LendentĂ€tigkeit vorschlĂ€gt, um die UnproportionalitĂ€t der Bevölkerungen auszugleichen. Und die polnische "Newsweek", die es tiefenpsychologisch angeht: "Unser Minderwertigkeitskomplex Ă€ußert sich dadurch, dass man Überheblichkeit und Empfindlichkeit in Situationen zeigt, die eigentlich gar keine Gefahr darstellen."

Die notorisch deutschhassende, hetzerische Zeitung "Wprost" ist ĂŒbrigens in polnischem Besitz. Die "versöhnlichen" BlĂ€tter "Dziennik"8, "Fakt"9 und "Newsweek" Polen10 gehören... zum deutschen Springer-Verlag.


Anmerkungen:

1 vergl. hierzu German Foreign Policy: "Deutsches Europa" (auf www.secarts.org lesen)
2, 4 "Sind diese Polen grĂ¶ĂŸenwahnsinnig?", BILD-Online vom 23.06.2007 - hierzu gibt es eine schöne Antwort auf BILDBlog.
3, 7 "Gipfel-Nachwehen - Polnisches Magazin verhöhnt Merkel und Kaczynskis", SPIEGEL Online vom 25.06.2007
5, 6 SPIEGEL Online, 26.06.2007: "Deutsche Politiker empört ĂŒber polnisches Merkel-Titelbild"
8 DZIENNIK: Axel Springer startet am 18. April neue Tageszeitung in Polen. Pressemitteilung des Springer-Verlages.
9 FAKT erreicht zwei Millionen Leser. Pressemitteilung des Springer-Verlages.
10 Axel Springer Verlag bringt NEWSWEEK in Polen heraus. Pressemitteilung des Springer-Verlages.



 
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